9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2014 - Geschichte

Es ist wie so oft: Angebliche Traditionen sind Folklorismus - also Konstruktionen der Moderne. Alexander Menden geht in der SZ der Geschichte des Schottenrocks nach und erlebt einige Überraschungen. Der klassische Kilt wurde erst im 18. Jahrhundert von einem Engländer erfunden und im 19. Jahrhundert von Sir Walter Scott, Mitbegründer der Celtic Society of Edinburgh und Zeremonienmeister beim Besuch George IV. 1822 in Edinburgh zum Nationalsymbol stilisiert. Mit weitreichenden Folgen: "Walter Scotts Vision treue, kämpferische, heimatliebende "Scottishness" wurde bald Gemeingut. Ihr volkstümlicher Glamour war so verführerisch, dass viele Schotten sie nach und nach übernahmen. Und das nicht nur, weil sie dem Tourismus förderlich war, sondern weil sie ihnen eine Identität verlieh, mit der sie sich deutlich vom übermächtigen Nachbarn England abgrenzen konnten."

In der Welt schreibt Dankwart Guratzsch über eine Ausstellung im Mannheimer Reiß-Engelhorn-Museum zur Geschichte der Naturkatastrophen: "Schon das Plakat mit dem Feuer speienden Vesuv, von dem Lavaströme ins Tal schießen und ganze Landstriche überschwemmen, löst furchterregende Assoziationen aus." (Bild: Pierre-Jacques Volaire, Vesuvausbruch © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2014 - Geschichte

Georg Renöckl besucht für die NZZ eine Sonderausstellung des Wiener Bezirksmuseums Alsergrund zum Leben des Friedensaktivisten Alfred H. Fried, der 1911 mit dem Nobelpreis geehrt worden war. Shirin Sojitrawalla bespricht für die taz die Frankfurter Ausstellung "Gefangene Bilder" über Kolonialsoldaten. Und Felix Müller war für die Welt in der großen Wikinger-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Andreas Kilb für die FAZ. (Bild: Rekonstruktion der Roskilde 6 aus dem Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen,ca. 1025 n. Chr. in der Ausstellung "Die Wikinger", Berlin © Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker)

Weiteres: In der Leitkolumen des FAZ-Feuilletons wundert sich Lorenz Jäger doch sehr, wie eine Gschichte der arabischen Welt bei Fischer mit dem Stichwort "Sklaven" umgeht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2014 - Geschichte

Der deutsche Historiker Arndt Weinrich und sein französischer Kollege Benjamin Gilles unterhalten sich in Slate.fr über die Rolle der Medien der beiden Länder im Ersten Weltkrieg. Zur Dämpfung des Furors haben sie nicht beigetragen - eher zur Verbreitung falscher Bilder, sagt Gilles: "Der patriotische Elan ist zu Beginn sehr stark. Alle Text- und Bildproduzenten betrachten sich als Kriegsteilnehmer in vollem Umfang. Dadurch tendiert der Krieg immer mehr zu einem Kulturkrieg. Die illustrierten Journale spielen zu Beginn der Feindseligkeiten ebenfalls eine entscheidende Rolle. Da sie keine Bilder haben, greifen sie auf Gravuren zurück, um kollektive Fantasien zu bedienen und der Erwartung der öffentlichen Meinung zu entsprechen. Sie verbreiten eine Bilderwelt, die an die visuelle Kultur des 19. Jahrhunderts anknüpft. Der Heroismus der Soldaten, der schöne Tod, der Angriff mit Bajonetten, die Eroberung der feindlichen Flaggen, all diese Bilder kommen sowohl in französischen als auch in deutschen Publikationen immer wieder."
Stichwörter: Erster Weltkrieg

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2014 - Geschichte

In seiner Kolumne für die Berliner Zeitung erinnert Götz Aly an den französischen Historiker Elie Halévy und seine Reflexionen über den Ersten Weltkrieg. "Die sozialistischen Parteien der 1920/30er-Jahre prägte nach Halévy "nicht so sehr die marxistische Doktrin", sondern der Volkskollektivismus des Krieges. Die neuartigen Sozialisten predigten ihren Anhängern Programme, "mit denen das Kriegsregime im Frieden fortgesetzt werden sollte" - beispielsweise die Bolschewisten: "Infolge des anarchischen Zusammenbruchs des (russischen) Staats konnte sich eine bewaffnete, von einem gemeinsamen Glauben durchdrungene Gruppe des Staats bemächtigen. So betrachtet kann der Bolschewismus als eine Form des "Faschismus" angesehen werden."" (Bild: Wikipedia)

Außerdem: Der Historiker Hagen Schulze ist tot. Florian Stark schreibt den Nachruf für die Welt. Roman Bucheli besucht für die NZZ die Ausstellung "Krieg! Juden zwischen den Fronten 1914-1918" im Jüdischen Museum in München.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2014 - Geschichte

Ronald D. Gerste berichtet in der NZZ von einem Besuch einer Ausstellung in der National Portrait Gallery in Washington, die die Generäle Robert E. Lee und Ulysses S. Grant als Pioniere des modernen Kriegs zeigt. (Bild: Lee Surrendering to Grant at Appomattox / Alonzo Chappel, c. 1870)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2014 - Geschichte



Das Fotoarchiv Roman Vishniacs, der das jüdische Leben in Osteuropa dokumentiert hat, wird komplett online gestellt, meldet Claire Levenson in Slate.fr. Das Holocaust-Museum in Washington und internatioanle Zentrum für Fotografie haben zusammengearbeitet, um den Schatz von 9.000 Fotos zu heben: "Die große Mehrzahl der Bilder ist ohne Legende. Durch die Veröffentlichzung hoffen die Archivare, dass es dem Publikum gelingt, manchen Gesichtern Namen zu geben." Man kann die Datenband nach Schlüsselwörtern und Regionen durchsuchen. (Foto: Roman Vishniac/International Center of Photography, ICP)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2014 - Geschichte

Der Historiker Friedrich Kießling greift in der SZ in die Kriegsschulddebatte ein und positioniert sich vorsichtig gegen Heinrich August Winkler: "Sehen wir das Kaiserreich vor allem als militaristischen Obrigkeitsstaat, erklärt sich der Krieg gewissermaßen von selbst. Der Kriegsentschluss hat dann mit uns praktisch nichts mehr zu tun - er war das Werk einer anderen Welt. Begreifen wir aber, dass es sich um eine in vielen Bereichen moderne, uns sehr viel vertrautere Gesellschaft handelte, rückt 1914 der Gegenwart deutlich näher. Dass in einer solchen Welt ein solcher Krieg gemacht werden konnte, kann und sollte auch heute noch beunruhigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2014 - Geschichte

Die britische Historikerin Cathrine Merridale erklärt im Interview mit dem Tagesspiegel, warum der Kreml - über den sie gerade ein Buch verfasst hat - immer auch die Veränderungen des russischen Staates verkörpert. Das gilt auch für das Russland unter Putin, der seine ganz eigenen Machttechniken hat: "Gewiss kann man sehen, dass er keine scheue und bescheidene Persönlichkeit ist. Die Art, wie er vom Kreml Besitz ergriffen hat, ist sehr staatsmännisch. Er hat einen ausgeprägten Sinn für die Theatralik des Ortes, das Blattgold, die großen Säle. Auch besitzt er einen tiefen Sinn für die Geschichte und ließ eine Menge historischer Statuen und Porträts aufstellen, um die Figuren hervorzuheben, mit denen er identifiziert werden möchte. Aber er ist ein gewandter Politiker. Was immer er tut, geschieht aus unmittelbaren Motiven und nicht, weil die Geschichte ihm dies sagt."

In seiner fünften Kolumne zum Ersten Weltkrieg erzählt Götz Aly in der Berliner Zeitung, wie sich der Antisemitismus unter den Soldaten breitmachte. Dies hatte zur Folge, dass die Oberste Heeresleitung am 1. November 1916 eine statistische Erhebung veranlasste, die sogenannte Judenzählung in der Armee: "Den Hintergrund bildete der Antisemitismus in der Truppe. Der Soldat Jakob Wassermann empfand das boshafte, zugleich verdruckste Auftreten der einfachen Soldaten "auffallender und weitaus quälender" als den unverblümten Antisemitismus der Offiziere. Leo Löwenthal, später als Soziologe berühmt, berichtete vom Eisenbahn-Regiment in Hanau: "Da habe ich den dumpfen, antiintellektuellen Antisemitismus der Arbeiter- und Bauernsöhne am eigenen Leib erfahren.""

Außerdem: die taz bringt einen Vorabdruck aus Uwe Radas neuer Kulturgeschichte der Adria.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2014 - Geschichte


Der polnische Historiker Wlodzimierz Borodziej erklärt im Interview mit der taz, wie der Hitler-Stalin-Pakt, mit dem sich Russen und Deutsche über den Überfall auf Polen einigten, heute interpretiert wird. So hatte Wladimir Putin 2009 den Pakt zwar verurteilt, dann aber erklärt, Stalin habe nach dem Münchner Abkommen 1938 zu Recht befürchtet, dass der Westen bei einem Krieg der Deutschen gegen die Sowjetunion keinen Finger rühren würde. Borodziej findet diese Erklärung immer noch bemerkenswert: "Weil Putin der machtpolitischen Logik folgte: Weil der Westen Hitler in der Tschechoslowakei-Frage nachgab, durfte Stalin mit Hitler paktieren. Rein machiavellistisch gesehen, ist das konsequent. In München 1938 wurde Stalin aus Europa herausgedrängt, mit dem Zusatzprotokoll und der Besetzung Ostpolens kehrte er nach Europa zurück. Das erinnert an Putins Rede vom 18. März 2014 über die Krim. Dort findet sich genau die gleichen Logik." (David Lows berühmte Karikatur entnehmen wir der Wikipedia.)

Im Tagesspiegel erinnert sich Egon Bahr im Interview an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren: "Ich fand ihn großartig. Denn nach zehn Tagen war Polen besiegt, dann wurden Norwegen und Dänemark blitzartig besetzt und 1940 war die Wehrmacht in der Lage, innerhalb von sechs Wochen Frankreich zu schlagen. Was das Kaiserreich nie geschafft hatte. Das empfand ich als imposant."

Für die Welt liest Hannes Stein das Buch "This Nonviolent Stuff"ll Get You Killed" (Dieser Gewaltlosigkeitsquatsch wird dich noch mal das Leben kosten) des Veteranen Charles E. Cobb Jr, der die Rolle von Waffen in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung schildert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2014 - Geschichte

In der SZ erklärt Heinrich August Winkler, warum er an seiner Meinung über die "neuere revisionistische Literatur über 1914", die die deutsche Kriegsschuld an WK I kleinrede, festhält: "An das Wirken der radikalen und meist auch antisemitischen wilhelminischen Rechten vor und nach 1914 knüpften nach der Niederlage Deutschlands Hitlers Nationalsozialisten an. Deren Erfolg rückt ohne diese Vorgeschichte in den Bereich des Unerklärbaren. Zu dieser Verrätselung und Verinselung des Nationalsozialismus und damit zur Wiederbelebung der Legende vom "Betriebsunfall" Hitler trägt bei, wer meint, die Kriegspartei des kaiserlichen Deutschland mit dem Alldeutschen Verband und den konservativen Parteien an der Spitze ignorieren zu können."

Außerdem: In der NZZ bewundert Roman Bucheli die historischen Augsburger Wasserkanäle, die ins Weltkulturerbe aufgenommen werden sollen.