9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2014 - Geschichte

Susanne Schattenberg erinnert in der NZZ daran, wie Leonid Breschnew vor fünfzig Jahren Nikita Chruschtschow zum Rücktritt zwang: "Chruschtschew wurden eine Datscha, ein Auto, eine Rente sowie andere Sozialleistungen zugewiesen. Man bat ihn, sich nicht mehr in Moskau blicken zu lassen." Grund war dabei weniger die blamable Kubakrise als die Furcht des ZK um die eigene Macht. "Chruschtschow hatte am Vorabend seiner Ferien erklärt, nach seiner Rückkehr werde er, so wie er bereits viele politische Institutionen zerschlagen hatte, auch das Parteipräsidium auseinanderjagen, das er für einen "Haufen alter Männer" hielt."

Außerdem: In der Welt begibt sich Matthias Heine auf die Spur des Begriffs "Unrechtsstaat", der seiner Auskunft nach vor über 160 Jahren vom katholischen Politiker Peter Reichensperger geprägt wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2014 - Geschichte


Kranke Sträflinge, aufgenommen von A. W. Schtscherbak im Lazarett von Sachalin.

Hannelore Schlaffer
berichtet in der NZZ von einer Ausstellung zu Tschechows Bericht über das Straflager Sachalin in Marbach. Gezeigt werden Fotos, die Tschechow von Fotografen anfertigen ließ, die er aber nicht veröffentlichte. "Dem vom grellen Licht der neuen Medien geblendeten Auge des heutigen Betrachters mag die Patina, der Braunton der alten Fotos eher wohltun als es erschrecken. Eine Dramatik, wie sie der überreizte moderne Betrachter erwartet, war denn auch die Absicht der Bilder nie gewesen. Sie hatten der Bestätigung der Wahrheit dessen dienen sollen, worauf Tschechow aufmerksam machen wollte. Die Bilder haben dieselbe Funktion wie die Statistik, zu der er seine Zuflucht nahm: Sie sollten das Leid möglichst objektiv und glaubhaft darstellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2014 - Geschichte

Nicht Elend und Verzweiflung, sondern Langeweile und Ärger über die Lügen und Bevormundung waren die Stimmungen, die das Leben in der DDR prägten, erinnert sich der frühere Bürgerrechtler Jens Reich in der Welt. Weil die Welt nach Westen abgeriegelt war, wandte er sich notgedrungen nach Osten, in die Sowjetunion, die Tschechoslowakei, nach Polen und Ungarn: "Die Familie durfte auch mitfahren, und so tauchten wir in die fremde Welt ein, erlernten Sprache und Kultur, die Kinder gingen in die russische Schule, wir schlossen zum Teil bis heute dauernde intensive Freundschaften. Wir gehören zu der Minderheit von Deutschen in unserer Generation, die sehr stark osteuropäisch geprägt ist. Immer wieder wird mir das heute bewusst, wenn neue Freunde und Bekannte von ihrer Zeit zum Beispiel in Berkeley oder Pune erzählen, während wir von Wologda oder Novorossijsk berichten können."

Auch in den Niederlanden wurde der Fall der Mauer gefeiert, erzählt der Historiker Jacco Pekelder in der taz. Nur über die Rolle Deutschlands war man besorgt: "Die Niederlande sind traditionellerweise ein antikommunistisches Land. Wir sind halt eine alte Handelsnation und können mit einem System wenig anfangen, das nicht auf freiem Handel basiert, sondern auf Vorschriften, Vorausberechnungen und Plänen. Für solche Vorgaben sind wir zu pragmatisch und zu freiheitsliebend. Aber wir waren auch verunsichert... Nun aber war die Zukunft der Nato unklar, und es war auch unklar, ob es dem wiedervereinigten Deutschland gelingen würde, sich in Europa zu integrieren."

Wolfgang Rindfleisch hat eine Dokumentation über Sascha Anderson gedreht, dessen IM-Tätigkeit nach dem Mauerfall für solche Debatten sorgte. Im Gespräch mit Matthias Dell im Freitag sagt er: "Das klärt nichts mehr. Die ganze Staatssicherheitsgeschichte hätte man nur unter den Verhältnissen der DDR klären können, die Bevölkerung hätte das noch tun müssen. Jetzt wird das nur noch benutzt. Insofern zeigt der Film einen Kampf gegen Windmühlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2014 - Geschichte

Im Aufmacher des SZ-Feuilletons widmet sich Joachim Käppner der nationalsozialistischen Vergangenheit ehemaliger SZ-Redakteure, die von neuen Forschungen belegt wird, etwa jene des früheren Innenpolitik-Chefs der SZ, Hans Schuster: "Im Gewand einer seriös tuenden Studie erklärt er die Juden zu einer Rasse, mit der es keinen Ausgleich geben könne. Assimilieren sie sich, wie in Westeuropa, hat "das Weltjudentum" sein Ziel erreicht, diese Länder zu "durchsetzen". Bleiben sie als Minderheit für sich, bedeutet ihre Anwesenheit eine Gefahr, ja eine "Lebensfrage" für die jeweilige Nation. Schuster rügt sogar den in Rumänien virulenten Antisemitismus - weil er nicht scharf genug sei und in den Juden bloß eine nationale oder religiöse Minderheit sehe".

Weiteres: In der NZZ beschreibt Marc Zitzmann das Große Gedenken an den "Großen Krieg" in Frankreich. Ebenfalls für die NZZ liest Judith Leister Holm Sundhaussens Biografie Sarajewos, die unter anderem ein nicht ganz so idyllisches Bild des "multikulturellen" Sarajewo zeichnet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2014 - Geschichte

Berichte zum vom 50. Deutschen Historikertag heute in der FAZ von Jürgen Kaube und in der SZ von Johan Schloemann. Für die taz berichtet Jan Feddersen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2014 - Geschichte



Am 16. Oktober beginnt im British Museum in London die große Schau "Germany: Memories of a Nation". Museumsdirektor Neil MacGregor führt vorab im BBC Radio 4 sechs Wochen lang, immer von montags bis freitags um 9.45 Uhr, in sechshundert Jahre deutsche Geschichte ein - wie eben nur er das kann: Anhand einzelner Objekte und Kunstwerke. Für den Guardian hat er jetzt zehn Objekte ausgesucht, die für ihn das moderne Deutschland auszeichnen. Eins davon ist ein Porzellannashorn aus dem 17. Jahrhundert: "Die Chinesen benutzten Porzellan nur sehr eingeschränkt, in Form von Gefäßen und Geschirr. Dresden machte prächtige Skulpturen, vor allem Tiere, und zeigte dabei eine unglaubliche Meisterschaft im Umgang mit dem sehr schwierigen Material. In der gefeierten Porzellanmenagerie im Königspalast sind die Figuren, wie Huhn, Fuchs oder Pfau, realen Tieren nachmodelliert. Aber für das Nashorn hielten sich die Handwerker an Dürer, der niemals ein Rhinozeros gesehen, aber dennoch einen Druck hergestellt hatte, der auf Berichten aus Lissabon basierten. Im frühen 17. Jahrhundert hatte man schon echte Nashörner gesehen, aber, wie so viele Deutsche davor und danach, bevorzugten sie die Welt durch die Augen von Dürer gesehen. Das Dresdner Porzellannashorn mit seinem kämpferischen Charme und seinen anatomischen Eigenarten ist vollkommen unvergesslich."

Mit Misstrauen beäugt Micha Brumlik in der taz die seit dem Mauerfall wieder aufgetauten nationalen Leidenschaften, die im Kalten Krieg zum Komfort des Westens so angenehm tiefgefroren waren: "Vor diesem Hintergrund erscheint der Krieg in der Ukraine nicht nur als Ausdruck eines der letzten (ethnischen) Nationenbildungsprozesse in Europa, sondern auch als Menetekel künftiger Krisen."

Weiteres: In der Welt berichten Sven Felix Kellerhoff und Berthold Seewald vom 50. Deutschen Historikertag in Göttingen, der nicht unwesentlich von Christopher Clarks "Die Schlafwandler" geprägt war. Thomas Kielinger begräbt mit Deborah Mitford die letzte der berühmten Mitford-Schwestern.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2014 - Geschichte

Im Interview mit Michael Hesse (FR) spricht die Osteuropahistorikerin Marci Shore über den Zusammenbruch des Kommunismus und die - auch hinsichtlich der Arabellion und der Ukraine - verbreitete Vorstellung, mit dem Sturz eines Regimes und dem Abhalten von Wahlen werde alles besser: "Als das Sowjetsystem kollabierte, war eben nicht mit einem Schlag alles vorbei. Die Menschen in den Ländern waren nicht auf einmal von allen Lasten ihres früheren Lebens entbunden und nun ausgestattet mit all dem, was man für den Wettbewerb in einer Marktgesellschaft, in einer neuen Welt benötigt - die Gesellschaft prosperierte nicht über Nacht. Viele Menschen dachten, der Eintritt in die Europäische Union sei eine Art Versicherungspolice für ein besseres Leben. Heute wissen wir, dass die EU sehr begrenzte Fähigkeiten hierbei besitzt. Sie konnte nicht einmal den Aufstieg von Jobbik in Ungarn verhindern."

Es gibt "auf diesem Feld noch reichlich Forschung zu betreiben und Erkenntnis zu gewinnen", stellt Jan Feddersen (taz) beim Deutschen Historikertag in Göttingen fest, wo unter dem Motto "Sieger und Verlierer" auch über die Geschichte des Homosexuellen gesprochen wurde: "Die Kategorie des Sexuellen spielt in der Fragematrix - sei es zur europäischen Geschichte, im aktuellen Konflikt um Russland oder eben zur NS- und frühen Bundesrepublik- und DDR-Geschichte - überhaupt keine Rolle. Sie ist wohl immer noch allzu schmutzig, allein schon wegen der Quellen, die zu bergen wären. Andererseits: Spielt das Sexuelle nicht in allen Kontexten wenigstens subtil eine stiftende oder giftende, jedenfalls tragende Rolle?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2014 - Geschichte

Die FAZ druckt die Rede von Bundespräsident Gauck zur Eröffnung des Historikertags, in der sich die Frage findet, "ob die Geschichte nicht dabei ist, über die Gegenwart und die Zukunft zu siegen... Hat man noch vor nicht allzu langer Zeit anklagend von der "Geschichtslosigkeit" oder "Geschichtsvergessenheit" der Gegenwart gesprochen, so scheint mir heute geradezu das Gegenteil zuzutreffen."

Beim Historikertag wird erstmals auch die Geschichte des Pop abgehandelt. Die Welt bringt aus dem Anlass einen Vortrag Bodo Mrozeks über die frühe Elvis-Presley-Fankultur.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2014 - Geschichte

Es gibt kein Dorf in Frankreich ohne Denkmal für seine Gefallenen des Ersten Weltkriegs (meist wurde später eine kleinere Plakette für die Toten des Zweiten Weltkriegs zugefügt). Quentin Jagorel beschreibt in Le Monde, was diese Denkmale leisten: "Zum ersten Mal "benennt" man die Opfer. Man gibt ihnen eine Identität als Soldat und Mensch, man betont das Persönliche jedes Opfers und die Solidarität mit den Bürgern, die sich als Soldaten opferten. Die langen Listen mit den in Stein gemeißelten Namen haben eine doppelte Funktion fürs Gedenken: die penible Identifikation jedes einzelnen Gefallenen, und, parallell, ein kollektives Gedenken, durch das Symbol der Liste und der Aufzählung." (Beatriz Sirvents Foto des Monument aux morts von Fouesnant ist unter CC-Lizenz bei Flickr veröffentlicht.)

Stichwörter: Erster Weltkrieg, Frankreich

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2014 - Geschichte

Der Guardian berichtet begeistert über die Ausstellung "Black Chronicles II" in London, die die ersten bekannten Fotos schwarzer Briten aus dem 19. Jahrhundert zeigt. Das abgebildete Foto zeigt die Sängerin Eleanor Xiniwe aus einem südafrikanischen Chor, der in den 1890er Jahren in London gastierte.

Eine düstere Geschichte erzählt Carsten Germis im politischen Teil der FAZ über Japan. Japans Ministerpräsident Shinzo Abe will Japan von dem Vorwurf reinwaschen, das Land habe im Krieg Koreanerinnen als Sexsklavinnen missbraucht. Anlass gibt ihm das Bekenntnis der liberalen Zeitung Asahi Shimbun in der Aufarbeitung dieser Ereignisse auch eine falsche Zeugenaussage benutzt zu haben. Anlass für Abe, nicht nur "einen wirksamen Schlag gegen ein liberales Oppositionsblatt zu führen -, sondern auch um den Missbrauch der jungen Frauen in den mit Wissen des Staates aufgebauten Frontbordellen im Zweiten Weltkrieg komplett zu leugnen. Man stelle sich vor, deutsche Minister würden wegen einer als Lüge bekanntgewordenen Zeugenaussage leugnen, dass es den Holocaust gegeben habe."

Ebenfalls in der FAZ erzählt die Archäologin Lisa Yehuda, was es heißt, unter den Bedingungen des Nahostkonflikts als Archäologin zu arbeiten.
Stichwörter: Japan, Nahostkonflikt, Abe, Shinzo