9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1637 Presseschau-Absätze - Seite 156 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2014 - Geschichte


(Bild: Pferdetramway Schottenring-Dornbach,1868, Aquarell, © Wien Museum)

Georg Renöckl erinnert in der NZZ an die Wiener Weltausstellung 1873, der das Wien Museum gerade die Ausstellung "Experiment Metropole" widmet: "Für das damalige Wien war die Weltausstellung schlicht das richtige Projekt zur richtigen Zeit: Die Stadt wurde vom Gründerfieber gebeutelt, sie erlebte einen Um- und Aufbruch, wie er umfassender nicht hätte sein können. Mit der Ringstraße verpasste sie sich endlich den großen, eleganten Boulevard, wie ihn auch andere europäische Hauptstädte hatten. Das zu Geld gekommene Bürgertum kämpfte um mehr Macht, Migrantenströme aus den Kronländern veränderten die demografische Zusammensetzung Wiens nachhaltig."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ erklärt Aldo Keel kurz, wer dieser isländische Vulkan ist, der plötzlich bebt, und von welcher Sagenfigur er seinen Namen hat: Bardarbunga. In der Welt fragt Berthold Seewald, wer in einem gerade entdeckten, 2400 Jahre alten griechischen Grab nahe Amphipolis liegt: Admiral Nearchos oder gar Alexander der Große?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2014 - Geschichte

In diesem Sommer feierte die Deutsch-Armenische Gesellschaft zusammen mit dem Lepsius Haus ihr hundertjähriges Bestehen - ein guter Anlass, meint Jürgen Gottschlich in der taz, sich mit der Rolle Deutschlands als engster Bündnispartner der Türkei während des Völkermords an den Armeniern auseinanderzusetzen: " Viele Armenier ärgern sich, dass die Bundesregierung nach wie vor den Terminus "Völkermord" vermeidet, zuletzt immer mit dem Hinweis darauf, das würde die in der Türkei seit einigen Jahren ebenfalls begonnene Debatte nur unnötig belasten. Das Argument ist nicht ganz falsch, viele Armenier haben aber nicht zu Unrecht das Gefühl, dass das offizielle Deutschland sich auch hinter dieser Position bequem verschanzt."

Götz Aly setzt in der Berliner Zeitung (in der FR ist seine Kolumne ja entsorgt worden) seine Serie zum Ersten Weltkrieg fort. In Teil 4 schildert er das Versagen des sozialistischen Internationalismus. Stattdessen legte man sich nationale Ideologien zurecht: "Der seit 1914 von der SPD verfochtene nationale Sozialismus liest sich so: "Der Staat hat einen Sozialisierungsprozess und die Sozialdemokratie einen Nationalisierungsprozess durchgemacht." Aus dieser Doppelbewegung hin zum Kollektivismus folgte Deutschlands "geschichtliche Sendung". So entstand unter sozialdemokratischer Miturheberschaft in der belagerten Festung Deutschland die Vorform des totalen Staates, anstelle des Proletariats wurde das Volk zum "historischen Subjekt" revolutionären Willens." Hier die Links zu Teil 1, Teil 2, Teil 3 der Serie. (Foto: Auch Sozialdemokrat Karl Liebknecht stimmte für die Kriegskredite, das Foto entnehmen wir der Wikipedia.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2014 - Geschichte

In der FAZ wehrt sich der Historiker Heinrich August Winkler gegen alle Versuche, die Hauptschuld der Deutschen am Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Frage zu stellen, wie es Christopher Clark, Herfried Münkler in ihren Büchern und zuletzt Jens Jessen in der Zeit taten. Man weiß schließlich, wo das am Ende hinführt, wirft er Jessen vor: Zu einer Relativierung der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg! "Der "Epochenbruch von 1933" erscheint bei Jessen als ein Ereignis ohne deutsche Vorgeschichte, als eine Art politischer Urknall. So verrätselt und verinselt er die Zeit des Nationalsozialismus und nähert sich schließlich jener apologetischen Position, der der Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Röpke in seinem 1945 erschienenen, noch im Schweizer Exil geschriebenen Buch "Die deutsche Frage" klassischen Ausdruck verliehen hat: "Heute sollte sich jeder klar darüber sein, dass die Deutschen die ersten Opfer der Barbareninvasion gewesen sind, die sich von unten herauf über sie ergoss ...""

In der SZ ist der Historiker Dominik Geppert überrascht von der "Giftigkeit, mit der die uralte Frage der Schuld am Ersten Weltkrieg wieder aufgekocht wird". Er fragt die Clark-Kritiker Winkler, Röhl und Wehler, warum Deutschland immer isoliert betrachtet werden muss. Die Vorgeschichten der anderen am Krieg beteiligten Staaten "in das Gesamtbild einzubeziehen, ist nicht "nationalapologetisch", wie mir und anderen vorgeworfen wird, sondern wissenschaftliche Redlichkeit. Wer hingegen fordert, der Fokus auf das Deutsche Reich müsse aus Gründen politischer Zweckmäßigkeit aufrecht erhalten bleiben, betreibt Geschichtsschreibung in volkspädagogischer Absicht. Wenn in dieser Debatte der Vorwurf nationaler Verengung angebracht ist, dann für den methodischen Nationalismus, der einer solchen Betrachtungsweise zugrunde liegt und die Perspektiven anderer Nationen vernachlässigt."

Weitere Artikel: In der NZZ schreibt Marc Tribelhorn über die Ausstellung "14/18 - Die Schweiz und der Große Krieg" im Historischen Museum Basel. Und Stefan Stirnemann berichtet von einem nationalsozialistischen Plagiat: Die 1944 erschienene, noch heute lieferbare "Stilkunst" des NSDAP-Mitglieds Ludwig Reiners beruht im wesentlichen auf der 1911 erschienenen "Deutsche Stilkunst" des jüdischen Autors Eduard Engel. In der FAZ erinnert Regina Mönch an das 1987 in der DDR erschienene, jetzt wiederaufgelegte Kinderbuch "Markus und der Golem" über die Deportation jüdischer Kinder durch die Nazis.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2014 - Geschichte



In diesen Tagen gedenkt Frankreich der Befreiung seiner Hauptstadt vor siebzig Jahren. Die Fotoserie des Blogs golem13 zeigt (ohne das zu reflektieren), wie intakt Paris, verglichen etwa zu Warschau, dabei geblieben ist. Auch die frankofranzösische Lesart dieser Tage bleibt intakt. Der Regisseur Jonathan Hayoun schreibt bei huffpo.fr: "Wir müssen das Erbe der Widerstandakte weitertragen. Im August 44 hat sich die Pariser Bevölkerung erhoben, wie groß auch immer ihre Zahl oder ihr Einfluss auf die Befreiung war. Pariser haben ihr Leben riskiert und geopfert. Sie haben vielleicht nicht den Kriegesausgang, aber das Schicksal Frankreichs verändert."
Stichwörter: Frankreich, Paris

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2014 - Geschichte

Während in Warschau der Aufstand niedergeschlagen wurde, wurde Frankreich befreit: Zur Zeit gedenkt man der Landung in der Provence und der Rolle der Armée d"Afrique bei der Befreiung de Landes, informiert Wolf Lepenies in der Welt. In der NZZ erinnert Joachim Güntner an den Warschauer Aufstand 1944. In der SZ erinnert Gustav Seibt an den Wiener Kongress vor 200 Jahren, der noch zu einem akzeptablen Freidensschluss fähig gewesen sei - und damit die Friedensschlüsse in den nachfolgenden Kriegen überstrahle. Joseph Hanimann besucht eine "bahnbrechende" Ausstellung über die Rolle der Architektur im Zweiten Weltkrieg in der Cité de l"Architecture et du Patrimoine in Paris.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2014 - Geschichte

Es gibt sehr wohl eine freiheitliche Traditionslinie in der russischen Geschichte, auch wenn sie verschüttet ist, meint der in Deutschland lehrende Historiker Leonid Luks in der Welt, sie manifestierte sich nach der Februarrevolution 1917: "Auf den Trümmern der 1917 gestürzten Monarchie wurde die "erste" russische Demokratie errichtet, die im Wesentlichen das Werk der revolutionären Intelligenzija darstellte. Dass dieses wohl freiheitlichste System der russischen Geschichte acht Monate später zerstört werden sollte, hatte weniger mit dem russischen Nationalcharakter, vielmehr mit der Skrupellosigkeit seiner totalitären Feinde zu tun, die alle Freiheiten, welche die Demokratie gewährt, dazu benutzten, um diese zu vernichten."

Ebenfalls in der Welt unterhält sich Igal Avidan mit dem britischen Journalisten Thomas Harding, der ein Buch über seinen Großonkel geschrieben hat, der ein Nazijäger war. Sicherheitshalber stellt Michael Brenner, Professur für jüdische Geschichte, in der NZZ noch einmal klar, dass es einen Unterschied zwischen Israelis und Israeliten gibt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2014 - Geschichte

Der überwachte Mensch ist für die Geschichtswissenschaft eine vertraute Figur, sagt der Historiker Frank Bösch im taz-Interview, sie stellt ihn aber auch vor enorme Schwierigkeiten: "Einerseits gibt es zu viele Daten - und das ist eine Entwicklung, die sich seit dem Aufkommen des Kopierers abzeichnet. Die Dokumentenflut nimmt wahnsinnig zu, weil alles Mögliche und auch sehr viel Unwichtiges vervielfältigt wird. Ein Selbstdarstellungsdrang, der immens viel Gedrucktes produziert. In welcher Form das alles bewahrt werden soll, ist noch offen und wird in den Archiven auch verhandelt. Für Historiker heißt das methodisch, dass sie sich, wie die Geheimdienste auch, im Umgang mit Big Data schulen müssen. Das erfordert andere Fragestellungen, nicht mehr alles Überlieferte zu lesen, Arbeiten mit Stichworten und digitalen Suchstrategien, um Begriffe und Themen rauszusieben."

In der FR würdigt Wilhelm von Sternburg den Schriftsteller und Zeitzeugen Wolfgang Leonhard als integren Sozialisten: "Er nahm rechtzeitig die "Scherben von den Augen" (Manés Sperber), als er die Wirklichkeit des stalinistischen Terrors nicht mehr verdrängen konnte und wollte." In der taz schreibt Klaus Hillenbrand.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2014 - Geschichte

Vor zweitausend Jahren starb der erste römische Kaiser Augustus und wurde prompt, wie Stefan Rebenich in der NZZ schreibt, zur universellen Projektionsfigur: "Für die christlichen Theologen des Mittelalters war er Teil des göttlichen Heilsplans, da unter seiner Herrschaft Christus geboren worden war. Französische Aufklärer verurteilten Augustus als Despoten, deutsche Historisten rekonstruierten eine Monokratie in republikanischer Verkleidung, und italienische Faschisten rechtfertigten mit seiner Hilfe ihre imperialen Gelüste."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2014 - Geschichte

Jens Jessen hat in der Zeit eine Ahnung, warum so viele deutsche Historiker Christopher Clark dafür kritisieren, dass er den Deutschen nicht mehr die Alleinschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusprechen will. Jessen sieht hier auf deutscher Seite ein unausgesprochenes Eigeninteresse walten: "Es ist gewiss kein Zufall, dass manche Verfech­ter einer deutschen Hauptschuld am Ersten Welt­krieg eine eigene Nazi-Nähe zu überwinden hat­ten - zuvörderst Fritz Fischer selbst, der Begründer der These. Denn den höchsten Entlastungsnutzen versprach natürlich die Rückwärtsverteilung der Schuld auf die alten Eliten unmittelbar vor Hitlers Revolution - zumal es diese Eliten nicht mehr gab, sie daher auch nicht mehr niedergerungen werden mussten (im Gegensatz zu den Nazis, die in der Bundesrepublik noch in Amt und Würden waren). Die Rückdatierung auf die Vormoderne hatte fer­ner den Vorzug, dass man so etwas wie eine gute, eigentliche Moderne freischneiden konnte - als seien nicht auch die Nazis auf ihre entsetzliche Weise modern gewesen sein."


9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2014 - Geschichte


Gilmar Mattos" Bild vom Ypern-Memorial ist unter CC-Lizenz bei Flickr veröffentlicht.

Die Autorin Alena Wagnerová ist zu den Kriegsfeldern Flanderns gereist, nach Ypern, wo eine der gewaltigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs geschlagen wurde: "Winston Churchill, der damalige englische Kriegsminister, wollte Ypern als Denkmal des größten Blutvergießens in der Geschichte des Commonwealth im Zustand der Zerstörung belassen. Seine Bewohner haben aber anders entschieden: Ohne jemanden zu fragen, kehrten sie in die Ruinen zurück und begannen den Ort mit der Unterstützung des Architekten Jukes Coomans in seiner alten Form wiederaufzubauen. Innerhalb von zehn Jahren gelang ihnen das Kunststück. Es war ihre Antwort auf die Vernichtung ihrer Heimat."