9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2014 - Geschichte

Die Pianistin Alice Herz-Sommer ist im Alter von 110 Jahren gestorben. Sie war die älteste bekannte Holocaust-Überlebende. Hier ein zehminütiger Ausschnitt aus Nick Reedents für den Oscar nomierten Dokumentarfilm "The Lady in Number 6: Music Saved My Life" Dokumentarfilm über sie. Mehr auf Nick Reedents Website. In FAZ.Net, gibt's einen Nachruf.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2014 - Geschichte

Der Gräzist Silvio Bär berichtet in der NZZ begeistert von der Entdeckung zweier Gedichtfragmente, die mit großer Wahrscheinlichkeit Sappho zugeschrieben werden können: "Die Ästhetik nicht nur des ephemeren (und gleichzeitig doch seltsam resistenten) Trägermediums Papyrus, sondern auch des durch Zufall Fragmentarisierten entfaltet eine eigentümliche Aura des Bittersüßen: Die Freude über das Neuentdeckte wird mit einer Mischung aus Wehmut (angesichts des Fehlenden) und Berauschung (an der Möglichkeit eigenen Weiterspinnens) zugleich getrübt und gesteigert." Im Literary Supplement der Times schildert der Oxforder Papyrologe Dirk Obbink den Fund ausführlich und gibt die Gedichte im altgriechischen Original und in englischer Übersetzung wider.
Stichwörter: Bär, Silvio, Sappho, Wehmut, Papyrus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2014 - Geschichte

Adam Krzeminski greift in die Welt-Debatte um den Ersten Weltkrieg ein und antwortet auf den Artikel von vier Intellektuellen, die angesichts der relativierten deutschen Kriegsschuld die ganze EU einkassieren wollten: "Nun muss die Durchlöcherung der deutschen Alleinschuld 1914 ja nicht zwangsläufig der EU eine moralische Rechtfertigung entziehen, wie die vier Autoren des Welt-Manifestes andeuten. Im Gegenteil: Die Verteilung der Schuldfrage für den Ersten Weltkrieg auf mehrere Akteure verschärft nur die europäische Verantwortung für das europäische Krisenmanagement heute."

Der Autor György Dalos erklärt in der NZZ die heikle Vergabe von Straßennamen in Ungarn, wo die nationalkonservative Regierung zwar die kommunistischen Altlasten loswerden möchte, aber kaum auf eigene historisch unbedenkliche Vorbilder zurückgreifen kann: "Obwohl in den westlichen Medien in diesem Kontext der Name Horthy am häufigsten erwähnt wird, besitzt der Reichsverweser nur insgesamt vier Statuen. Der eigentliche Gewinner der Eroberung des symbolischen Raums ist der rechtslastige, in Rumänien als Kriegsverbrecher verurteilte, 1995 verstorbene Exilautor Albert Wass von Czege, dem seine Fans bis Ende 2012 34 Denkmäler erbauen liessen - manche davon auf dem nach ihm benannten Platz vor dem Kulturhaus, das seinen Namen trägt. Der andere Meistbegünstigte war der militant antisemitische Bischof der Zwischenkriegszeit, Ottokár Prohászka, an den allein in Székesfehérvár neun Straßen bzw. Denkmäler erinnern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2014 - Geschichte

Anlässlich der Winterspiele in Sotschi erinnert sich der russische Schriftsteller Oleg Jurjew in einem schönen Essay in der NZZ an die Olympischen Spiele 1980 in Moskau, die vom Boykott mehrerer Länder wegen des Einmarschs der Sowjetunion in Afghanistan überschattet wurden. Eindrücklicher als der Sport oder die Politik war für die Sowjetbürer jedoch ohnehin das Drumherum, berichtet Jurjew: "Den vielleicht größten Eindruck auf die Sowjetbürger (zumindest in den Großstädten) machte nicht der sportliche Wettbewerb, sondern Pepsi-Cola, das plötzlich in sämtlichen Lebensmittelläden und auch in Cafés und Imbissen auftauchte: Zu den Olympischen Spielen hatte die Sowjetregierung eine Pepsi-Cola-Lizenz erworben, wahrscheinlich um die ausländischen Sporttouristen nicht verdursten zu lassen. Für uns war das damals aufregend: ein flüssiges Stück anderen Lebens in einer so ungewöhnlichen Flasche, dass man sie sogar als Leergut nicht annahm! Man kritisierte nur, dass es nicht Coca-Cola, sondern Pepsi war - 'die da oben' hatten wieder einmal an uns gespart."

In der taz informiert Georg Etscheit über die Debatte um den bisherigen Sitz des BND in Pullach. Die Kommunalpolitik um den CSU-Bürgermeister Jürgen Westenthanner wünscht einen lukrativen Verkauf des siebzig Hektar großen Grundstücks an einen Investor, doch Historiker haben den Ort wegen seiner zentralen Rolle im Dritten Reich unter Denkmalschutz stellen lassen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.01.2014 - Geschichte

Der Guardian zitiert aus einemm (leider nicht online stehenden) Gespräch, dass das BBC History Magazine mit Niall Ferguson geführt hat, der findet, dass sich "Britannien aus dem Ersten Weltkrieg hätte heraushalten und Deutschland den Sieg überlassen sollen". Und weiter sagt Ferguson laut einem Resümee bei der BBC: "Ich verspüre Trauer darüber, dass zehn Millionen Menschen (und mehr nach manchen Schätzungen) vorzeitig und gewaltsam sterben mussten, weil die europäischen Staatsmänner für ziemlich geringe Einsätze Krieg spielten." Auch die FAZ berichtet heute.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2014 - Geschichte

In der SZ unterstützt Jens Bisky eine Initiative des deutsch-französischen Historikers Etienne François, der zu einem gemeinsamen, europäischen Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs aufruft (mehr hier). So heißt es dort: "Menschlichkeit ist unausrottbar, Menschlichkeit braucht Unterstützung. Sie hat nicht die Macht des Stärkeren, aber sie steigt aus den Gräben, aus den Lagern, aus unseren eigenen Abgründen, und zeigt den Weg zum Frieden. Sie hat das Europa, das wir heute kennen, aufgebaut. Und so könnten die 'Infanteristen des Lebens', nähme man sie ernst, manchen Konflikt in der Welt verhindern. Versöhnung könnte sich vor und nicht erst nach den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Katastrophen Wege bahnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2014 - Geschichte

Heute vor 1200 Jahren starb Karl der Große. Alfred Grosser erinnert in der Welt daran, dass die Sachsen vom heutigen Frankreich aus zu Christen gemacht wurden. Karl war dabei nicht zimperlich: "Nach einer Niederlage wurden über viertausend die Taufe ablehnende Männer geköpft und Frauen und Kinder vertrieben. Wegen der an den germanischen Sachsen ausgeübten Grausamkeit ist zur Zeit des Naziregimes der Ruhm Karls des Großen gar nicht so groß geschrieben worden." Auch durch diesen Akt, so Grosser, wurde Karl zum Gründervater: "Durch Massenmord bekehren: Karl stand da nicht allein, sondern in der Tradition der katholischen Kirche."

In der FAZ werden heute zwei Bücher zu Karl dem Großen rezensiert: Horst Bredekamps Studie "Der schwimmende Souverän - Karl der Große und die Bildpolitik des Körpers" und natürlich Johannes Frieds große Karl-Biografie (die neulich schon von Bredekamp besprochen worden war). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2014 - Geschichte

Entschieden wendet sich Richard Herzinger gegen einen Text Dominik Gepperts, Sönke Neitzels, Cora Stephans und Thomas Webers, der aus der Relativierung der These von der deutschen Kriegsschuld im Ersten Weltkrieg ein Argument gegen die Europäische Union macht, die ihrer Meinung nach nun auf falschen Prämissen ruhe: "Auch und gerade wenn für den Ausbruch des ersten großen Kriegs das blinde Machtstreben verschiedener Akteure verantwortlich ist, unterstreicht dies doch umso mehr, welche Errungenschaft die heutigen, die nationalen Interessen ausgleichenden und koordinierenden supranationalen europäischen Institutionen darstellen."

In einem Artikel zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz macht Henryk Broder eine Aporie im Denken gerade der bemühten Vergangenheitsbewältiger aus: "Auschwitz steht auch für ein Missverständnis da, mit dem sich die 'Aufklärer' in eine argumentative Sackgasse manövriert haben. Wenn der Mord an den Juden ein 'singuläres Verbrechen' war, dann muss man sich um eine mögliche Wiederholung keine Sorgen machen."

Die Welt ist außerdem sehr aufgeregt über Heinrich Himmlers Privatkorrespondenz, die im größten Onlinedossier aller Zeiten präsentiert wird. Willi Winkler mokiert sich darüber in der SZ. Na, Hauptsache, die Briefe sind echt!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2014 - Geschichte

Die NZZ hat ihre Beilage Literatur und Kunst heute ganz dem Ersten Weltkrieg gewidmet. War 1914 (oder doch eher 1917) wirklich eine "weltgeschichtlich Zäsur", fragt der Historiker Herfried Münkler, der im Aufmacher die konkurrierenden Selbstdeutungen der europäischen Intellektuellen bei Kriegsausbruch untersucht: "1914 und die ihm folgenden vier Kriegsjahre wurden zur politischen Tragödie des europäischen Bürgertums, das den Krieg als Chance zur Erlangung politischer Hegemonie gesehen und sich bei dem Versuch, diese Chance wahrzunehmen, wirtschaftlich ruiniert hat. Vor allem aber hat dieses Bürgertum seinen politischen Kompass verloren, und statt die gesellschaftliche und politische Mitte zu besetzen, hat es sich politisch nach rechts bewegt. Damit hat es eine Polarisierung in Gang gesetzt, der in vielen europäischen Ländern während der 1920er und 1930er Jahre nicht nur die Demokratie, sondern auch der Rechtsstaat zum Opfer gefallen ist. Aber diese Zäsur war reversibel, insofern es den Europäern nach etlichen Jahrzehnten gelungen ist, die politischen Optionen wieder zu eröffnen, die 1914 verschlossen oder verschüttet worden waren."

Außerdem: Anton Holzer befürchtet, dass die insbesondere die Bilderinnerung an die Kriegsjahre "wenig wirklich Neues bringen wird", weil sie "längst in den sorgsam verschlossenen Vitrinen der Geschichte abgelegt" sind. Jörg Becker schreibt über den Ersten Weltkrieg als erster "Medienkrieg". Christoph Jahr schildert die enttäuschende Behandlung deutscher Juden in der Armee. Und Manfred Koch beschreibt die Ernüchterung der Kriegspoeten.

In der FR erklären die ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Antje Vollmer und der Publizist Hauke Ritz die Geopolitik des Westens nach dem Ende des Kalten Krieges für gescheitert. "Der Nahe Osten, wo einmal alle Konflikte begannen und alle Großmacht-Interessen aufeinanderprallten, ist nicht befriedet, sondern in hohem Maße destabilisiert. Das Gleiche gilt für den kaukasischen Raum, das 'Herzland' des eurasischen Megakontinents. Die Schlüsselkriege, die in beiden Regionen revolutionäre Umbrüche erzeugen sollten, sind genau so gescheitert wie der Vietnam-Krieg aus jener Zeit, als der Kalte Krieg anderswo auch heiß war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2014 - Geschichte

Die Deutschen waren nicht allein schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, aber sie hatten doch einen großen Anteil an dieser Schuld, meint Herfried Münkler, dessen Buch "Der Große Krieg - Die Welt 1914 bis 1918" vor kurzem erschienen ist, in einem zweiseitigen Interview mit der FAZ: "Das Problem ist, dass diese Leute alle nicht politisch zu denken gelernt haben - genau das, worüber sich Max Weber tagtäglich aufregt."

Nicht um die Frage der Schuld, sondern um die Nachwirkungen des Krieges geht es in einem Essay des Bochumer Historikers Lucian Hölscher in der SZ: "Bei den Siegermächten gab es über alles Leid hinweg im Sieg der Idee der liberalen Demokratien eine letzte Antwort auf die Frage, wofür die Opfer gut gewesen waren... In Deutschland dagegen versuchen wir vergeblich, über den Geschichtsbruch des Ersten Weltkriegs hinweg die Grundlagen des Fühlens und Denkens der Zeitgenossen, ihre Erfahrungen und Wertungen in uns wieder zu beleben."

Über ein Problem mit der Geschichte in der chinesischen Stadt Harbin berichtet Hoo Nam Seelmann in der NZZ. Es geht um ein neues kleines Museum, dass dem Andenken an den Koreaner Ahn Jung Gun gewidmet ist, der nahe dem Ort, wo das Museum steht, 1909 aus Protest gegen die Besatzung Koreas den japanischen Premier Ito erschossen hatte: "Nun kritisiert Japan die Eröffnung des Museums als einen Affront, und der Regierungssprecher bezeichnet Ahn als einen 'Terroristen', der zu Recht zum Tode verurteilt worden sei. Die koreanische Regierung ihrerseits kontert, indem sie Ito den 'Anführer einer brutalen Bande' nennt. Ein Tyrann sei ermordet worden, der nur Elend über Korea und Asien gebracht habe. Ohne eine gemeinsame differenzierende Sicht auf die Geschichte kann die Dichotomie 'Held oder Terrorist' niemals aufgelöst werden."