Die
NZZ hat ihre Beilage
Literatur und Kunst heute ganz dem
Ersten Weltkrieg gewidmet. War 1914 (oder doch eher 1917) wirklich eine "weltgeschichtlich
Zäsur",
fragt der Historiker
Herfried Münkler, der im Aufmacher die konkurrierenden Selbstdeutungen der europäischen Intellektuellen bei Kriegsausbruch untersucht: "1914 und die ihm folgenden vier Kriegsjahre wurden zur politischen Tragödie des
europäischen Bürgertums, das den Krieg als Chance zur Erlangung politischer Hegemonie gesehen und sich bei dem Versuch, diese Chance wahrzunehmen, wirtschaftlich ruiniert hat. Vor allem aber hat dieses Bürgertum seinen
politischen Kompass verloren, und statt die gesellschaftliche und politische Mitte zu besetzen, hat es sich politisch nach rechts bewegt. Damit hat es eine Polarisierung in Gang gesetzt, der in vielen europäischen Ländern während der 1920er und 1930er Jahre nicht nur die Demokratie, sondern auch der Rechtsstaat zum Opfer gefallen ist. Aber diese Zäsur war
reversibel, insofern es den Europäern nach etlichen Jahrzehnten gelungen ist, die politischen Optionen wieder zu eröffnen, die 1914 verschlossen oder verschüttet worden waren."
Außerdem: Anton Holzer
befürchtet, dass die insbesondere die
Bilderinnerung an die Kriegsjahre "wenig wirklich Neues bringen wird", weil sie "längst in den sorgsam verschlossenen Vitrinen der Geschichte abgelegt" sind. Jörg Becker
schreibt über den Ersten Weltkrieg als erster "
Medienkrieg". Christoph Jahr
schildert die enttäuschende Behandlung
deutscher Juden in der Armee. Und Manfred Koch
beschreibt die Ernüchterung der
Kriegspoeten.
In der
FR erklären die ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete
Antje Vollmer und der Publizist
Hauke Ritz die Geopolitik des Westens nach dem
Ende des Kalten Krieges für gescheitert. "Der Nahe Osten, wo einmal alle Konflikte begannen und alle Großmacht-Interessen aufeinanderprallten, ist nicht befriedet, sondern
in hohem Maße destabilisiert. Das Gleiche gilt für den kaukasischen Raum, das 'Herzland' des eurasischen Megakontinents. Die Schlüsselkriege, die in beiden Regionen revolutionäre Umbrüche erzeugen sollten, sind genau so gescheitert wie der Vietnam-Krieg aus jener Zeit, als der Kalte Krieg anderswo auch heiß war."