9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2014 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren putschten in Brasilien die Militärs gegen die linke Regierung von Präsident João Goulart und lösten damit eine Blüte der Protestkultur aus, wie Kersten Knipp in der NZZ erzählt: "Die Menschen verschwanden in den Gefängnissen. Doch die Ideen blieben weiter präsent. Um auch sie zu besiegen, setzten die Militärs auf Zensur im großen Stil. Zeitungsredaktionen mussten ihre Texte vorab prüfen lassen. Durch kam nur, was genehm war - oder so subtil formuliert, dass es übersehen wurde. Das Jornal do Brasil etwa kleidet seine Kritik im Dezember 1968 in die Form einer Wettervorhersage: 'Tempo negro', stand da zu lesen, 'schwarzes Wetter' (oder auch: 'schwarze Zeit'). 'Die Luft lässt sich kaum atmen.'"

Andreas Behn beschreibt in der taz den politischen Unwillen zur Aufarbeitung des Putsches: "Ein Amnestiegesetz von 1979, also noch aus der Zeit während der Diktatur, schützt die damaligen Täter in Uniform, aber auch die Guerilleros im Widerstand vor Strafverfolgung. Nach einer Entscheidung des Obersten Gerichts bleibt es unantastbar, obwohl internationale Instanzen wie der Interamerikanische Gerichtshof fordern, es zu annullieren. 'Noch bis vor Kurzem wurde der Jahrestag in den Kasernen als glorreiche Revolution gefeiert', klagt Ana Bursztyn Miranda. Die ehemalige Widerstandskämpferin sieht die Aufarbeitung der Diktatur noch ganz am Anfang. Nachbarländer wie Argentinien oder Chile seien viel weiter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2014 - Geschichte

Seltsamerweise spielt der Erste Weltkrieg in keiner Öffentlichkeit eine größere Rolle als in Großbritannien - aus Frankreich oder Deutschland hört man jedenfalls nichts über so ein umfangreiches Gedenkprogramm wie es Gina Thomas aus London bechreibt. Höhepunkt wird eine Kerzenmahnwache sein, während der eine Stunde lang alle Lichter im Köngreich gelöscht werden sollen "gemäß Außenminister Edward Grey, der am Vorabend des Kriegsausbruches aus dem Fenster seines Amtszimmers sah, wie die Gaslaternen angezündet wurden und bemerkte, dass nun die Lichter in ganz Europa ausgehen würden." Und die Kulturministerin ergriff "eindeutig Partei für jene, die den Krieg durch das Prisma des Kampfes gegen das Hitler-Deutschland als 'gerechten Krieg' deuten". Hier die offizielle Regierungwebsite des "First World War Centenary".
Stichwörter: Erster Weltkrieg

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2014 - Geschichte

Die taz bringt ein zwölfseitiges Dossier zum Ersten Weltkrieg: Der Historiker Gerd Krumeich erhebt massive Einwände gegen Christopher Clarks Buch über den Ersten Weltkrieg "Die Schlafwandler". Seinen Erfolg erklärt sich Krumeich mit der Sehnsucht nach einer heileren Geschichte ("Es ist ja auch auf Dauer nicht aushaltbar, dass immer nur wir eine schreckliche, zerstörerische Vergangenheit gehabt haben sollen.") Aber die hsitorische Entlastung gilt nicht: "Nein, Deutschland will nicht unbedingt Krieg führen, um Weltmacht zu werden, wie Fritz Fischer behauptete. Aber es will im Juli 1914 testen, ob Russland tatsächlich bereit ist, für Serbien Krieg zu führen. Und wenn es das tut, dann gilt für die Deutschen: Lieber jetzt den Krieg mit Russland, als später. Ab 1916, so glaubt man, wird Russland militärisch nicht mehr zu schlagen sein."

Außerdem geht es unter anderem um die Frage der Emanzipation, die britische Erinnerungspolitik und den Völkernmord an den Armeniern. Im Interview mit Stefan Reinecke erklärt der Kulturwissenschaftler Peter Berz, dass das 08/15, die Chiffre für Massenware, das erste einheitliche Maschinengewehr im Deutschen Reich war.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2014 - Geschichte

Im Tagesspiegel bittet Peter Raue in Sachen Raubkunst zu differenzieren: Dass Raubkunst restitutiert werden muss (und wird!) - daran lässt er keinen Zweifel. Doch die Frage, ob es sich im konkreten Fall - die Sammlung Gurlitt - wirklich um Raubkunst handelt, muss erlaubt sein, meint er und nennt als Beispiel den Streit um den Welfenschatz, den einst fünf jüdische Kunsthändler in Amerika erworben hatten, um ihn weiterzuverkaufen. Doch scheiterten sie an der Weltwirtschaftskrise 1929: "Goebbels interessiert sich für den Schatz, will ihn für 'sein Reich' erwerben und einigt sich in zähen Verhandlungen auf einen Kaufpreis, der 10 Prozent unter der Summe liegt, die die Kunsthändler ursprünglich haben wollten. Heute verlangen Erben der Kunsthändler unter Berufung auf die Washingtoner Erklärung aus dem Jahre 1998 die Herausgabe des Welfenschatzes. Mit ihrem geradezu obszönen, ernsthafte Restitutionsverlangen beschädigenden Begehren sind die Antragsteller jetzt an der Limbach-Kommission gescheitert, die die Rückgabe des Schatzes nicht empfiehlt. Kann man bei Fällen wie dem Welfenschatz noch von Raubkunst reden?"

Die von den Erben beauftragten Anwälte und Provenienzforscher sehen das ganz anders, berichtet Sven Felix Kellerhoff in der Welt.

Weiteres: In der NZZ erinnert Paul Widmer an den Wiener Kongress vor 200 Jahren. Im Tagesspiegel berichtet Paul Kreiner über den trostlosen Verfall von Italiens Kunstschätzen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2014 - Geschichte

Der österreichisch-ungarische Publizist Paul Lendvai erinnert in der FAZ an die Besetzung Ungarns durch die Nazis vor genau siebzig Jahren: "Die Besetzung Ungarns, dieses treuen Verbündeten, dessen Truppen willfährig fast bis zuletzt an der Seite Hitler-Deutschlands kämpften, öffnete den Weg zu einem bis heute umstrittenen, tragischen und in mancher Hinsicht einzigartigen Kapitel des Holocaust: der Auslöschung von zwei Dritteln des ungarischen Judentums. Nie zuvor waren so viele Menschen (auch Tausende getaufte Juden und 'Mischlinge ersten Grades') in so kurzer Zeit mit aktiver Mithilfe jenes Staates, dessen Geschichte und Kultur sie zutiefst mitgeprägt hatten, ermordet worden." Lendvai selbst verlor 29 Verwandte.

Der Weg zum Holocaust war beim Einmarsch der Wehrmacht bereits gebahnt, insbesondere vom ungarischen Reichsverweser Miklós Horthy, schreibt hingegen der ungarische Schriftsteller György Dalos in der NZZ: "Zuerst wurde 1920 die Aufnahme der jüdischen (und auch der deutschen Minderheit angehörenden) Studenten an den Hochschulen durch einen Numerus clausus rigoros begrenzt. Später schränkten die Rassengesetze der dreißiger und frühen vierziger Jahre die Möglichkeiten der jüdischen Bürger ein, als Unternehmer, Ärzte, Rechtsanwälte tätig zu werden, so dass ihnen bald nur das nackte Leben übrig blieb. Hinter diesen Maßnahmen gab es keinerlei deutschen Druck."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2014 - Geschichte

Jürg Altwegg liest für die FAZ den Essay "Le mal napoléonien" des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten Lionel Jospin, der mit dem Bonapartismus abrechnet, dem am gründlichsten verdrängten Zug der französischen Mentalität: "Die Ideen und Ideale der Revolution wurden von Napoleon nicht in die Welt hinausgetragen, sondern pervertiert. Ihre glühenden Anhänger - Jospin zitiert Beethoven und Fichte - wurden zu Gegnern." Auch den in Frankreich grassierenden Linkspopulismus (von Le Pen ganz zu schweigen) stellt Jospin in die bonapartistische Tradition. Hier die Kritik des Figaro zu Jospins Buch, und hier Alain Duhamel in Libération.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2014 - Geschichte

Pankaj Mishra erhält morgen in Leipzig für sein Buch "Aus den Ruinen des Empires - Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens" den Preis für Europäische Verständigung, weil es einen Blick von außen auf Europa wirft. Allerdings ist dieser Blick zutiefst antieuropäisch und verharmlost den Islamismus, meint Necla Kelek in einer Polemik zu diesem Preis. Sie hätte eine bessere Kandidatin für den Preis grewusst: "Die tunesische Soziologin Fatima Mernissi, die sich auch mit den Auswirkungen des Kolonialismus auf den Orient beschäftigt, zieht eine andere Bilanz als Mishra. Für sie gibt es bis heute keine Einsicht der arabischen Völker, dass Sklaverei ein Unrecht ist und dass erst die französischen Kolonialherren in den dreißiger Jahren in Marokko die Sklaverei abgeschafft hätten. Die doppelte Schmach, von den Besatzern befreit zu werden, quälte sie am meisten. Mishra sind solche Selbstzweifel fremd."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2014 - Geschichte

Die SZ bringt eine riesige Breitseite des Kaiser-Biografen John C. G. Röhl gegen seinen Kollegen Christopher Clark, der den deutschen Anteil an der Schuld am Ersten Weltkrieg in den "Schlafwandlern" in einen internationalen Kontext stellt. Röhl findet, dass die deutsche Kriegsschuld eindeutig feststehe - sagt zugleich aber, dass sich dies nur durch intensives Studium der Akten herausfinden lasse. Clarks monumentaler Studie, wirft er indirekt vor, dieses Studium der Akten nicht intensiv genug betrieben zu haben: "Die These von der "Unschuld" der Reichsregierung an der Auslösung des Weltkrieges im Juli 1914 kann nur vertreten werden, wenn man die Ergebnisse der peniblen Archivforschung der letzten fünfzig Jahre bagatellisiert oder ganz außer Acht lässt. Bei allen Unterschieden in der Gewichtung war die Forschung übereinstimmend zu der Meinung gelangt, dass die längerfristigen Ursachen der beiden Weltkriege im erstaunlichen Erfolg des von Bismarck geeinten Deutschen Reiches zu sehen seien." Der Text ist im Print eine Seite lang - scheint aber nur eine Kürzung des eigentlich online präsentierten Textes zu sein. Hier das ganze Online-Dossier zum Ersten Weltkrieg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2014 - Geschichte

Stichwörter: Französische Revolution

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2014 - Geschichte

Die Pianistin Alice Herz-Sommer ist im Alter von 110 Jahren gestorben. Sie war die älteste bekannte Holocaust-Überlebende. Hier ein zehminütiger Ausschnitt aus Nick Reedents für den Oscar nomierten Dokumentarfilm "The Lady in Number 6: Music Saved My Life" Dokumentarfilm über sie. Mehr auf Nick Reedents Website. In FAZ.Net, gibt's einen Nachruf.