9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2020 - Geschichte

Das Bezirksamt Berlin-Tiergarten fordert den Abbau des Denkmals. Foto: Korea Verband, mehr hier.

In Berlin-Moabit wurde vom Künstlerpaar Kim Seo-Kyung und Kim Eun-Sung eine Skulptur aufgestellt, die an die koreanischen "Trostfrauen" erinnert, also an die Zwangsprostitution im Zweiten Weltkrieg. Die Statue protestiert auch gegen ein halbherziges Abkommen zwischen Tokio und Seoul, mit dem diese Geschichte unter den Teppich gekehrt werden soll - Aktivisten lösen damit in allen Ländern und jetzt auch in Berlin (wo das Bezirksamt die Statue verboten hat) Ärger aus. Regina Mühlhäuser und Insa Eschebach beleuchten bei geschichtedergegenwart.ch den Hintergrund: "Tatsächlich behandelt Japan das Thema als bilaterales Problem mit Südkorea, dabei kommen die Opfer aus allen japanisch besetzten Ländern. Und genau das ist auch die Stärke der Bronzefigur: Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die historische Kontinuität sexueller Gewalt gegen Frauen in bewaffneten Konflikten. Sie erhebt Einspruch gegen Vergewaltigung und sexuelle Versklavung immer und überall - nicht aggressiv, nicht mit erhobener Faust oder einer Fahne, einer Flamme oder einer Waffe in der Hand. Sie erhebt Einspruch durch Präsenz und Beharrlichkeit - und eben darin liegt ihre Kraft."

Sylvie Kerviel erzählt in Le Monde, wie in Nantes das kulturelle Highlight des Jahres, eine große Ausstellung über Dschingis Khan abgesagt wurde. Die Chinesen, mit denen das Musée d'histoire de Nantes zusammenarbeitete - auch wegen der Leihgaben - stellten am Ende derart zensorische Forderungen, dass es nicht mehr ging. Dabei waren die Ausstellungsmacher schon bereit, den Namen Dschingis Khan auf dem Ausstellungsplakat nur in die Unterzeile zu nehmen. "Woraufhin China sein Veto einlegt, bevor es eine Prüfung aller Dokumente - Karten, Texte, Katalog - verlangte. Das Büro für nationales Erbe in Peking verfasste daraufhin eine neue Synopse, 'die Elemente einer tendenziösen Neufassung enthält und darauf abzielt, die mongolische Geschichte und Kultur zugunsten einer neuen nationalen Erzählung vollständig zu eliminieren', erklärt  Bertrand Guillet, der Direktor des Museums. Die Mongolei wird 'zur Steppe Nordchinas'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert Markus Schär an den Versuch der New York Times vor gut einem Jahr, die Geschichte der USA umzuschreiben: Statt mit der Unabhängigkeit 1775 habe sie 1619 begonnen, als ein Schiff die ersten afrikanischen Sklaven nach Amerika brachte, schrieb damals die Journalistin Nikole Hannah-Jones. Nur die Sklaverei habe Amerika den Aufstieg zu einer wirtschaftlich so potenten Nation ermöglicht. Schär zeichnet die heftige Debatte nach, die daraufhin ausbrach und schließlich in sich zusammenfiel: "Nach dem Einspruch von republikanischen Spitzenpolitikern mischte sich im September auch Präsident Donald Trump in die Debatte ein: Mit einem Tweet drohte er Kalifornien, Bundesmittel zurückzuhalten, wenn der Staat das Project 1619 in die Lehrpläne aufnehme. Und die geballte Kritik, ob von Experten oder Ignoranten, zeigte Wirkung: In einem Interview mit CNN bestritt Nikole Hannah-Jones, dass sie 1619 als das wahre Gründungsjahr der USA bezeichnet habe. Das ließ sich allein mit ihrem Twitter-Feed leicht widerlegen; deshalb löschte ihn die Journalistin gleich ganz. Und schließlich fanden Kritiker, dass die New York Times die umstrittene These in der Online-Version entfernt hatte, entgegen den guten Sitten ohne irgendeine Anmerkung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2020 - Geschichte

In der NZZ erklärt die Historikerin Hedwig Richter, die gerade ein Buch zur Geschichte der deutschen Demokratie veröffentlicht hat, weshalb Demokratien immer auch auf Eliten angewiesen sind: "Die reichen Ressourcen des Kapitalismus ermöglichten überhaupt erst eine Vielzahl an partizipativen Praktiken. Eisenbahnen, Straßen und die wachsende Presselandschaft schufen einen politischen Kommunikationsraum; in den Schulen lernten alle lesen und schreiben. Der Staat beschränkte die Arbeitszeiten. Arbeiter hatten nun Zeit und Geld, sich Zeitungen zu kaufen und zu lesen, um abends in die Kneipe zu gehen und über die neuesten Parlamentsdebatten zu diskutieren."

Wer kann schon sagen, weshalb ausgerechnet der 3. Oktober zum Tag der Deutschen Einheit ausgerufen wurde, fragt der Schriftsteller Norbert Frei in der SZ: "Die Frage führt zurück in die frühen Morgenstunden des 23. August 1990, als die fünf Monate zuvor erstmals frei gewählte Volkskammer der DDR den Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes gemäß Artikel 23 zum 3. Oktober beschloss; das Datum fand dann Eingang in den acht Tage später unterzeichneten Einigungsvertrag, dem die beiden deutschen Parlamente am 20. September zustimmten - wiederum acht Tage nach Unterzeichnung des Zwei-plus-vier-Vertrages in Moskau. Der allerdings trat erst ein halbes Jahr später in Kraft, nach Hinterlegung der letzten Ratifizierungsurkunde durch die Sowjetunion, weshalb es am 1. Oktober 1990 noch einer Erklärung der Außenminister der Vier Mächte bedurfte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2020 - Geschichte

In der NZZ erinnert Alexandra Gittermann an eine frühe Luftbrücke: Im von der preußischen Armee eingekesselten Paris stiegen 1870 Heißluftballons auf, um die Blockade zu durchbrechen: Einer der größten Ballonenthusiasten war "Gaspard-Félix Tournachon, besser bekannt als Nadar, der eher als Fotograf in die Geschichtsbücher eingegangen ist denn als Ballonfahrer, obwohl er einige Jahre zuvor mit seinem Riesenballon 'Géant' eine aufsehenerregende Bruchlandung bei Hannover hingelegt hatte. Als die Belagerung begann, holten er und einige andere alle verfügbaren Luftgefährte aus ihren Lagern - und brachten es auf ganze sieben, die sich außerdem zum größten Teil in beklagenswertem Zustand befanden. Nicht umsonst taufte man eines von ihnen 'das Sieb'. Trotz dieser nicht gerade vielversprechenden Ausgangssituation betraute die Regierung Nadar, Eugène Godard sowie Gaspard-Félix Tournachon, allesamt erfahrene Piloten, mit der Aufgabe, den Ballonverkehr aus der Stadt zu organisieren. Nach den ersten geglückten Probestarts richtete man bereits Ende September eine erstaunlich regelmäßige Ballonpost ein..." (Man sieht doch gleich einen Film mit der Besetzung von "Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris" vor sich.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2020 - Geschichte

Sinn der Forderungen der Hohenzollern gegen den Staat ist - neben dem Wunsch, weiterhin ohne Arbeit komfortabel existieren zu können -, über Leihgaben in Ausstellungen Einfluss zu nehmen auf das Bild, das man in der Geschichte so abgegeben hat. Andreas Kilb weist diese Forderungen in der FAZ scharf zurück und verweist auf die Ausstellung "De keizer en het Derde Rijk" im niederländischen Haus Doorn, wo der Kaiser seine Exiljahre zubrachte: "Sie zeigt anhand von Objekten und Fotos, wie Wilhelms Familie den Untergang der Weimarer Republik betrieb: der Ex-Kronprinz durch seine Wahlempfehlung für Hitler und den Auftritt beim 'Tag von Potsdam'; seine Frau Cecilie durch ihre Netzwerke in rechten und demokratiefeindlichen Milieus; sein jüngerer Bruder durch eine Karriere bei der SA und Wahlkampfreden für die Nazipartei und der vertriebene Kaiser selbst durch Hasstiraden gegen Juden und Bolschewisten." Das Haus gehört heute selbstredend dem Staat Niederlande.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2020 - Geschichte



In Hamburg, im Museum der Arbeit, gibt es zur Zeit auch die Ausstellung "Grenzenlos - Kolonialismus, Industrie und Widerstand". Sie beleuchtet "die Wertschöpfung mit Kolonialgütern vom Herkunftsort bis zum Bestimmungsland" und blickt dabei in vier Hamburger Fabriken, erzählt in der Welt Stefan Grund. "Erklärtes Ziel der Kuratoren Sandra Schürmann und Christopher Nixon: 'Wir wollen die menschenverachtenden Verhältnisse zeigen, die hinter der romantisierenden Bezeichnung 'Hamburger Kaufmannsindustrie' stecken.' ... Wie das Elfenbein wurden pflanzliche Rohstoffe mit hohem Arbeitseinsatz der indigenen Bevölkerung, die zum Teil versklavt, zum Teil schlecht bezahlt wurde, nach der Ernte zur Verschiffung vorbereitet und transportiert. Karawanen für Elefanten-Stoßzähne umfassten zum Beispiel bis zu 2.000 afrikanische Träger. Die Arbeitsbedingungen auf den Kakao-Plantagen waren wie jene bei der Kautschukernte unmenschlich. Die Arbeiter hatten eine Sechstagewoche mit täglich 18 Arbeitsstunden. Auf den Pflanzungen des Hamburger Unternehmers Adolph Woermann wurden widerständige Arbeiter in einen Hungerturm gesperrt. Allein im Jahr 1913 starben auf einer seiner Plantagen 65 von 213 Arbeitern. Die Prügelstrafe war allgegenwärtig, in der deutschen 'Vorzeigekolonie' Togo stand auf kleinste Vergehen die Strafe von 50 Peitschenhieben, die häufig zum Tode führte."

Die Ukraine hat die Schirmherrschaft für eine deutsch-ukrainische Historikerkommission niedergelegt, berichtet Reinhard Veser in der FAZ. Anlass war ein bitterer Streit über die Frage, ob der "Holodomor", der millionenfache Hungermord an zumeist ukrainischen Bauern, als Genozid anzuerkennen sei. Die selbst in dieser Fragen streitenden Historiker wollten eine entsprechende Petition an den Bundestag nicht unterzeichnen, so Veser: "Der Dissens besteht nicht über das Ausmaß des Verbrechens und die direkte Verantwortung Stalins dafür, sondern darüber ob es dessen Ziel war, die Ukrainer als ethnische Gruppe 'als solche' zu vernichten, wie es in der UN-Konvention gegen Völkermord heißt. Es sprechen starke Argumente für diese These, doch es gibt auch gewichtige Gegenargumente. Denn die Hungersnot 1932/33 traf nicht nur Ukrainer, sondern Kasachen und Bauern in einigen Teilen Russlands. Allen Opfergruppen war gemeinsam, dass Stalin sie als antisowjetische Elemente betrachtete."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2020 - Geschichte

Der Althistoriker Roland Steinacher bespricht in der taz die Ausstellung "Germanen - Eine archäologische Bestandsaufnahme" des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte. Sehr instruktiv findet er sie. Allerdings hätte er gewollt, dass der Begriff der Germanen selbst, der seit 18. Jahrhundert zur nationalen Mythenbildung diente, problematisiert wird: "Rechts des Rheins bis zur Weichsel und nördlich der Donau bis zur Schwarzmeerküste lebte zwischen dem 1. und dem 4. Jahrhundert nach Christus eine Vielzahl von Gemeinschaften, für die erst Cäsar die Sammelbezeichnung 'Germanen' einführte. Diese Wilden waren - so die literarischen Bilder - todesverachtend, tapfer und ein bisschen dumm. Ein Bewusstsein gesamtgermanischer Identität hat es jedoch nie gegeben, daran änderte auch die beinahe verzweifelte Suche deutschtümelnder Wissenschaftler und Scharlatane nichts - bis heute."

Erhard Grundl, kulturpolitischer Sprecher  der Grünen, erklärt in der FAZ, was die "Unwürdigkeitsklausel" im Ausgleichsleistungsgesetz von 1994 ist. Sie regelt Entschädigungsansprüche bei sowjetischen Enteignungen in der späteren DDR zwischen 1945 und 49. Die Unwürdigkeitsklausel wird gelten, wenn festgestellt wird, dass die Hohenzollern den Nazis "erheblichen Vorschub" geleistet haben, so Grundl. Und hierüber bestehe sehr wohl ein Konsens unter den Historikern: "Wilhelm von Preußen warf sein gesamtes symbolisches Kapital in die Waagschale, um die Nationalsozialisten in konservativen Kreisen salonfähig zu machen und ihnen den Weg zur Macht zu ebnen. Er tat dies mit einer gewissen Stetigkeit und im Bewusstsein, dass seine Unterstützung für Hitler Erfolg haben könnte. Im Hugenberg-Urteil von 2005 sind das die Kriterien für eine erhebliche Vorschubleistung, weshalb der Ausgleichsanspruch der Antragsteller abgelehnt wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2020 - Geschichte

Wenn Deutschland schon über die Forderungen der Hohenzollern, in ihre alte Schlösser und Herrlichkeiten wieder einzuziehen (unsere Resümees), nicht lauthals lacht, kann es wenigstens recherchieren, meint Heribert Prantl in der SZ und bedankt sich bei der Historikern Stefanie Middendorf: Sie konnte einen Brief präsentieren konnte, der die Unwürdigkeit der Rückgabeforderung untermauert: "Alsbald nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und der Vereidigung des Hitler-Kabinetts am 30. Januar 1933 - es war dies die Geburtsstunde der NS-Diktatur - schrieb Kronprinz Wilhelm junior an Generalmajor von Bredow: 'Jetzt heißt es, die Geschlossenheit dieser Regierung in jeder Beziehung zu unterstützen und Jedem in die Fresse zu hauen, der versucht, in diese Geschlossenheit Unruhe und Misstrauen hineinzutragen. Dieses 'in die Fresse hauen' habe ich bereits verschiedentlich mit der notwendigen Rücksichtslosigkeit in den letzten Tagen besorgt.' Der Brief datiert vom 6. März 1933. Es gibt viele weitere Briefe dieser Art."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2020 - Geschichte

Eva Schlotheuber, Vorsitzende des Deutschen Historikerverbandes, forderte die Hohenzollern auf, ihre "aggressiven Angriffe" auf Historiker, Journalisten und Blogger zu beenden, meldet der Tagesspiegel (Unsere Resümees): "In der FAZ und im rbb-Inforadio erklärte Schlotheuber, dass der Anwalt der Hohenzollern, Markus Hennig, mit Hilfe von Falschaussage-Vorwürfen ein 'Klima der Angst' unter Historikerinnen und Historikern zu schaffen versuche. Da die Wissenschaftsfreiheit geschützt sei, versuche Hennig über den juristischen Wahrheitsbegriff kritische Stimmen zu diskreditieren. Er stoße sich dabei häufig an Formulierungsdetails: Bereits der Begriff 'Ausstellungsstücke' für die in staatlichen Museen gezeigten 'Leihgaben' der Hohenzollern führte etwa zum Vorwurf der Falschaussage. Es müsse möglich sein, konträre Meinungen zu verhandeln, wenn es um die Rolle von Kronprinz Wilhelm und seiner Familie vor 1933 gehe, sagte die Professorin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2020 - Geschichte

Angriffslustig bleibt die Historikerin Eva Schlotheuber im Gespräch mit Anne Haeming vom Spiegel (der das Gespräch leider nicht online freistellt). Die Vorsitzende des Historikerverbands, die sich in der FAZ zusammen mit Eckart Conze gegen die juristische Politik der Hohenzollern wandte (Historiker, aber auch Medien wie der Perlentaucher werden mit teuren Unterlassungsaufforderungen beharkt) kritisiert die Antwort einiger Historiker, die ihre Äußerungen als Dekrete einer Verbandschefin attackierten (unser Resümee) als politisch motiviert. Die Hohenzollern bekommen nur dann weitere Entschädigungen, wenn geklärt ist, dass sie den Nazis nicht "erheblichen Vorschub" geleistet haben. Zu den juristischen Attacken der Hohenzollern sagt Schlotheuber: "Bei mir wurde unter anderem die Aussage inkriminiert: 'Das Aushandeln der Bewertung der Vergangenheit muss ein Dialog auf der Basis von Argumenten und begründeten Einschätzungen sein.' Sie wurde angegriffen, soweit dabei der Eindruck entstehe, 'Georg Friedrich von Preußen wende sich gegen eine Bewertung der Vergangenheit auf der Basis von Argumenten'. Ich habe die Unterlassungserklärung nicht unterzeichnet und mir anwaltliche Hilfe geholt, um das zurückzuweisen."