9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2020 - Geschichte

Die Debatte um die "Trostfrauen" zerreißt nach wie vor die Beziehungen zwischen Korea und Japan. Hoo Nam Seelmann stellt in der NZZ einen Dokuemtarfilm Miki Dezakis zum Thema vor: "Der zweistündige Film 'Shusenjo' besteht hauptsächlich aus Interviews und einigen historischen Aufnahmen, er bleibt bis zuletzt spannend. Es werden keine Greueltaten gezeigt, dafür sieht man, wie um Geschichte gestritten wird und wer wo nach Verbündeten sucht. Dreißig Personen erzählen ihre Version der Wahrheit über 'comfort women'. Bald treten zwei Lager deutlich hervor: hier die Unterstützer der Frauen und dort die Leugner ihrer Geschichte. Zu den Ersteren zählen nicht nur Koreaner, sondern auch Japaner und Amerikaner, zumeist Historiker, Juristen und Politiker, die auf Forschungen verweisen und differenziert argumentieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2020 - Geschichte

Im letzten Jahr sind einige Bücher zu den bislang eher stiefmütterlich behandelten deutschen Revolutionen von 1919 erschienen. Till Schmidt unterhält sich in der Jungle World mit dem Historiker Michael Brenner, der sich in seiner Studie "Der lange Schatten der Revolution - Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918 bis 1923" mit der Tatsache auseinandersetzt, dass die meisten prominenten Revolutionäre in München Juden waren. Allerdings wurden sie dafür auch gerade von Juden scharf kritisiert: "Ich würde sogar sagen, dass außer den Antisemiten wohl niemand die Revolution, vor allem aber die beiden Räterepubliken, so sehr ablehnte und fürchtete wie die Münchner Juden. Aus Moskau kannte man das Wort: 'Die Trotzkis machen die Revolution und die Bronsteins (Trotzkis Geburtsname, Anm. d. Red.) zahlen den Preis.' In München machten die Eisners und Tollers die Revolution, und die alteingesessenen jüdischen Familien Münchens wie die Fraenkels und Feuchtwangers fürchteten, bei einem Scheitern der Revolution würden sie den Preis zahlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2019 - Geschichte

Die Debatte um die Hohenzollern und ihren für die Nazis so segensreichen Beitrag zur deutschen Geschichte war ja ursprünglich eine juristische, weil von der Antwort der Entschädigungsanspruch der Familie abhängt. Aber darüber geht die Kontroverse inzwischen weit hinaus, meint der Historiker Jörn Leonhard in der FAZ: "Schon jetzt führt die Geschichte vor Gericht zu aporetischen Konstellationen: So als könnte man eindeutige rechtliche Kategorien entwickeln und anwenden, um einen an Komplexität kaum zu überbietenden Zusammenhang wie die Zerstörung der Weimarer Republik auf eine Person zuzuspitzen. So suggestiv das anmutet, weil es die Komplexität der Vergangenheit auf die vermeintlich objektivierbaren Kategorien von 'schuldig' und 'unschuldig' reduziert, führt es doch vor allem zu grotesken Verzerrungen und Verrenkungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2019 - Geschichte

Im Tagesspiegel stellt Leander F. Badura zwei Bücher vor, die den Mythos widerlegen, in früheren Zeiten hätten Muslime, Christen und Juden in der arabischen Welt friedlich zusammengelebt: Georges Bensoussans "Die Juden der arabischen Welt" und Nathan Weinstocks "Der zerrissene Faden. Wie die arabische Welt ihre Juden verlor. 1947-1967" erzählen, mit welcher Gewalt Juden in der arabischen Welt Mitte des 20. Jahrhunderts in den Exodus getrieben wurden. "Das Gründungsjahr Israels - 1948 - war der Beginn eines Exodus', in dem etwa 900.000 Juden ihre Heimat zurückließen, von denen zwei Drittel in Israel Schutz suchten, die übrigen 300.000 in anderen Teilen der Welt. Sie flohen vor Diskriminierungen und zunehmend offener Gewalt. Wer Hab und Gut hatte, wurde zumeist enteignet. Die Zahl übertrifft die der arabischen Flüchtlinge infolge des ersten Krieges der Araber gegen Israel. Während das Schicksal dieser Menschen jedoch weithin bekannt ist und zudem in der internationalen Politik als Hebel gegen Israel genutzt wird, ist von dem der Juden in der arabischen Diaspora selten zu hören. Das mag daran liegen, dass Israel sie integrierte (bisweilen mehr schlecht als recht, aber das ist eine andere Geschichte), während die später Palästinenser genannten Araber in ihren Aufnahmeländern bis heute in Flüchtlingslagern leben müssen. Doch es liegt auch am Desinteresse der Öffentlichkeit, nicht zuletzt in europäischen Gesellschaften."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2019 - Geschichte

Der Streit um die Hohenzollern wird zu einem veritablen neuen Historikerstreit. Vorgestern hat sich Richard Evans gegen das von den Hohenzollern in Auftrag gegebene Gutachten Richard Clarks gewandt (unser Resümee). Im Zeit-Interview mit Christian Staas sieht es Heinrich August Winkler heute ähnlich wie Evans. Clark fertigt er mit einer Nebenbemerkung ab. Auch das späte bekannt gewordene Gutachten von Wolfram Pyta und Rainer Orth, ebenfalls pro Hohenzollern, findet nicht seine Zustimmung. Der Kronprinz von Preußen hat für ihn deutlich Hitler zugearbeitet: "Nach dem 30. Januar 1933 erwies er dem neuen Regime umgehend seine Reverenz; besonders deutlich am sogenannten Tag von Potsdam am 21. März 1933." Der Einwand dass der Prinz dabei im Sinne der Konservativen agieren wollte, die mit Hitler paktierten, sticht dabei für Winkler nicht: "Natürlich wollte der Kronprinz die deutschnationalen Verbündeten Hitlers unterstützen, aber genau das war ja ein Beitrag zur Stabilisierung der Regierung Hitler, die aus einer Koalition von Nationalsozialisten, Deutschnationalen und Stahlhelm bestand, der sogenannten Kampffront Schwarz-Weiß-Rot."

Es liegen inzwischen vier Gutachten zu dem Streit vor: jeweils von Stephan Malinowski und Peter Brandt für das Land Brandenburg, von Christopher Clark und von Wolfram Pyta/Rainer Orth pro Hohenzollern. Letzteres bezeichnet Winkler im Zeit-Gespräch als "Apologie pur". Er begrüßt ausdrücklich, dass die Guachten öffentlich seien. Bei Jan Böhmermanns Seite hohenzollern.lol kann man sie alle herunterladen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2019 - Geschichte

In der NZZ widerspricht der Würzburger Historiker Benjamin Hasselhorn den Behauptungen, Wilhelm II. sei Antisemit gewesen und die  Hohenzollern hätten dem nationalsozialistischen Regime erheblichen Vorschub geleistet, weshalb ihre Enteignung rechtens sei: "Im laufenden Rechtsstreit muss diese Frage eindeutig mit Ja oder Nein beantwortet werden. Dieser Umstand sowie die öffentlich vorherrschende Anti-Preußen-Stimmung machen Differenzierungen schwer. Das Schwarz-Weiß-Denken eines Historikers wie Wolfgang Wippermann, der erklärt hat, man könne nur entweder Demokrat oder Unterstützer der Nazis gewesen sein, scheint opportun. Wie wenig eine solche Sichtweise aber den komplizierten historischen Zusammenhängen gerecht wird, zeigt sich beispielsweise an der unterschiedlichen Bewertung des 'Tags von Potsdam'..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2019 - Geschichte

Anders als andere Historikerkollegen wie Christopher Clark, der im Hohenzollern-Streit ein Gutachten im Auftrag der Hohenzollern schrieb, erkennt Richard Evans in der FAZ sehr wohl ein Wirken der Hohenzollern pro Hitler, manifestiert vor allem im "Tag von Potsdam", dem Staatsakt in der Garnisonkirche, der am 21. März 1933 das Bündnis der alten Eliten mit den Nazis besiegelte: "Dass die Unterstützung der Nazis durch die Hohenzollern auf einer Illusion basierte, nämlich der Vorstellung, Hitler werde deren Restauration erleichtern, taugt nicht als Argument. Auch die bekannte Unbeliebtheit des Kronprinzen in der Öffentlichkeit ist in diesem Kontext nicht sonderlich bedeutsam. Was zählte, war die Symbolik des Tags von Potsdam und die Beteiligung mehrerer Mitglieder der Hohenzollern-Familie an dieser Feier."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2019 - Geschichte

Gregor Schneider filmt sich beim Essen im Geburtshaus von Joseph Goebbels, das der Künstler - wie Goebbels in Mönchengladbach geboren - samt Einrichtung gekauft hat. Essen, 2014, Filmstill. Courtesy the artist


Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, und der Kurator Nicolaus Schafhausen haben für die Ausstellung "Tell me about yesterday tomorrow" eingeladen, sich mit unserer Erinnerungskultur auseinanderzusetzen und dabei auch auf die Gegenwart zu blicken. Im Freitag ist Timo Feldhaus beeindruckt von dem Ergebnis: Die Ausstellung "wagt es, den Horizont der Dauerausstellung ständig zu überschreiten. In die Vor- und Nachgeschichte, an die Ränder. Im Keller des Gebäudes befindet sich nun neben Ausgaben von Büchern, die 1933 verbrannt wurden, auch eine Arbeit von Paula Markert über die Mordserie des NSU. Willem De Rooijs Arbeit 'Vorhaben zum Gedenken an 'Asoziale' und 'Berufsverbrecher'', 2019 bemüht sich darum, diese zwei "vergessenen" Opfergruppen zu repräsentieren. Viele Arbeiten handeln von heutigen Formen von Ausgrenzung, es geht um die Gastarbeiter-Generation der 1970er Jahre, die Stigmatisierung von Homosexuellen. Wenn neben den präzisen Informationstafeln zur Propaganda-Ausstellung Entartete Kunst jetzt ein echter, wunderschöner Emil Nolde hängt, der selbst Nazi war, aber dessen Kunst auch als entartet galt und von dem in diesem Jahr Angela Merkel zwei Gemälde aus ihrem Büro entfernen ließ, weil er eben selbst Nazi war, dann werden Widersprüchlichkeiten plötzlich wirklich greifbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2019 - Geschichte

Ganz Deutschland betrieb einst einen Bismarck-Kult. Über 700 Denkmäler stehen in der Gegend, manche von gigantischen Ausmaßen. Diesen Kult reklamiert nun die AfD für sich, bei Björn Höcke hängt sogar ein Bismarck-Bild in seinem Büro, schreibt Michael Kees in der taz: "Besonders in der Außenpolitik beruft sich die AfD immer wieder direkt und indirekt auf den Diplomaten Otto von Bismarck. So begründet die Partei zum Beispiel ihre Nähe zum Kreml gerne damit, dass Bismarck ebenfalls mit Russland zusammengearbeitet hatte. In bismarckscher Tradition fordert sie außerdem, die Zusammenarbeit mit anderen Staaten nicht mehr von gemeinsamen Werten, sondern von gemeinsamen Interessen abhängig zu machen."

Ulrich Lappenküper, der die Otto-von-Bismarck-Stiftung leitet, fordert im Gespräch mit Klees heute zwar ein differenziertes Bismarck-Bild ein, hält aber auch mit Blick auf die AfD fest: "Aus der Sicht eines Demokraten taugt er nicht als Vorbild, weil Bismarck mit Sicherheit kein Demokrat war. Leider hält sein Politikverständnis heute an vielen Stellen der Welt wieder Einzug. Bismarck sah die Politik als Kampf, in dem es galt, Freund und Feind zu unterscheiden und die Feinde zu bekämpfen, möglichst sogar zu vernichten - zumindest politisch."

In der FR erinnert Arno Widmann an eine frühe Emanzipierte: die Schriftstellerin Louise Aston (1814-71) "In Berlin pflegte Louise Aston Zigarren rauchend und in Männerkleidung - sie folgte damit ihrem Vorbild George Sand - begleitet von junghegelianischen Revoluzzern spazieren zu gehen. Immer unter den Blicken einer aufmerksamen Polizei. Sie hielt mit ihren Ansichten über die Ehe oder die organisierte Religion nicht hinter dem Berge. Die Behörden hatten sie im Verdacht, einen Klub emanzipierter Frauen gegründet zu haben. Das führte sehr schnell dazu, dass die preußische Polizei verfügte, sie habe 'Berlin binnen acht Tagen zu verlassen, weil ich Ideen geäußert, und ins Leben rufen wolle, welche für die bürgerliche Ruhe und Ordnung gefährlich seien'. Ihr kleines Buch war schon darum, weil sie diesen Vorgang öffentlich machte, eine weitere Provokation. Die Lektüre lohnt sich bis heute."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2019 - Geschichte

In der Debatte um die Hohenzollern (Unsere Resümees) kommt es überhaupt nicht auf die historischen Gutachten an, denn rechtlich ist die Frage, ob  Kronprinz Wilhelm den Nazsi erheblichen Vorschub leistete, längst geklärt, schreibt der Staatsrechtler Christoph Schönberger in der FAZ: "Es kommt für die Verwaltungsgerichte darauf an, ob mit einer gewissen Stetigkeit Handlungen vorgenommen wurden, die geeignet waren, die Bedingungen für die Errichtung und Entwicklung des NS-Systems zu verbessern, und dies auch zum Ergebnis hatten. Erforderlich ist also nicht eine historische Kausalität zwischen dem Handeln des Betreffenden und der Errichtung und Festigung der nationalsozialistischen Herrschaft, sondern lediglich eine Verbesserung der Bedingungen dafür. Ein erhebliches Vorschubleisten liegt dabei dann vor, wenn der Nutzen dieser Unterstützung für das Regime nicht nur ganz unbedeutend war."