9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2020 - Geschichte

Die deutsch-französische Autorin Géraldine Schwarz ermuntert in der Welt dazu, sich auch der eigenen Familiengeschichte zu stellen: "Die Verbrechen des Dritten Reichs haben in vielen deutschen Familien Spuren hinterlassen. Wie meine Großeltern waren die meisten keine Monster, aber durch ihr Mitläufertum haben sie das Dritte Reich in seinem unmenschlichen Unterfangen bestätigt. Ohne sie hätte es vielleicht Auschwitz nicht gegeben. Gerade daher ist das Familiengedächtnis als Ergänzung zur 'großen' Geschichte so wichtig, um die jungen Menschen dafür zu sensibilisieren, wie ein Mensch zum Täter oder Mitläufer werden kann. Die soziopsychologischen Mechanismen bleiben dieselben, die uns durch Apathie, Konformismus, Angst, Blindheit oder Opportunismus zu Komplizen von Verbrechen machen können."

Weiteres: Zum Holocaust-Gedenktag erinnert der DlfKultur mit einer langen Nacht an die Ermordung der europäischen Juden und spürt den Habseligkeiten der Ermodeten nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2020 - Geschichte

Der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz - gestern offiziell in Yad Vashem gefeiert, wo auch Frank-Walter Steinmeier redete - steht im Zeichen unguter geschichtspolitischer Debatten, konstatiert Klaus Hillenbrand in der taz, vor allem mit Blick auf Wladimir Putins Äußerungen zum Hitler-Stalin-Pakt und zum Zweiten Weltkrieg. "Wenn Wladimir Putin Polen unterstellt, unter ihnen hätten sich die schlimmsten Antisemiten befunden, dann geschieht dies, um die eigene historische Verantwortung zu leugnen. Wenn die polnische Regierung als Reaktion mit dem Hinweis auf die verheerenden Folgen des Hitler-Stalin-Pakts antwortet, hat sie recht. Aber sie minimiert auch die Bedeutung der sowjetischen Streitkräfte für die Befreiung Europas, wobei diese wiederum für viele Menschen den Beginn einer neuen Diktatur bedeutete."

Um die Gedenkveranstaltung in Yad Vashem hat es auch in Israel Debatten gegeben, berichtet Judith Poppe ebenfalls in der taz: "Organisator der Veranstaltung ist der russische Oligarch und Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, Moshe Kantor. Ihm wird nachgesagt, ein guter Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu sein. Auseinandersetzungen um die verschiedenen Narrative haben im Vorfeld des Holocaust Forum zu Zerwürfnissen geführt. Ha'aretz sprach gar davon, dass Israel 'Stalins Handschlag mit Hitler' reinwasche." Gabriele Lesser berichtet über den polnischen Boykott der Veranstaltung in Yad Vashem.

Im gestrigen Dlf-Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann warf auch der polnische Journalist Adam Krzeminski Wladimir Putin Einflussnahme auf den Holocaust-Gedenktag im Yad Vashem vor, äußerte Verständnis für Andrezj Dudas Entscheidung, nicht an der Konferenz teilzunehmen und erinnerte: "Es gab eine polnisch-russische Kommission der Historiker, die eindeutig diese Lügen von Putin widerlegt hatten, und das waren russische Historiker. Derselbe Putin, der heute das sagt, hat 2009 auf der Westerplatte in Danzig den Hitler-Stalin-Pakt als moralisch verwerflich abgelehnt."

Putin steht mit seinem "gefährlichen" Geschichtsrevisionismus nicht allein da, ergänzt Stefan Kornelius in der SZ: "Das Europäische Parlament hat mit einer unrühmliche Entschließung zum Geschichtsbewusstsein in Europa Anlass zur Kritik und Putin eine neue Vorlage im Streit um die Deutung des Hitler-Stalin-Pakts gegeben. Die polnische Regierung hat mit ihrem Holocaust-Gesetz die schmerzhafte Befassung mit der eigenen Vergangenheit unter Strafe gestellt. Von der Ukraine bis zum Balkan verhindern Nationalismus und billiger Patriotismus die Aufarbeitung der Vergangenheit und stiften damit neuen Unfrieden. In Deutschland sät die AfD mit dem 'Vogelschiss der Geschichte' bittere Zwietracht."

Viel Ärger hat außerdem auf Twitter ein "Tagesschau"-Kommentar der HR-Reporterin Sabine Müller zu der Gedenkveranstaltung ausgelöst. Da heißt es: "Der Gedenktag in Yad Vashem wurde von den egoistischen Auftritten Israels und Russlands überschattet. Eine vertane Chance im Kampf gegen Antisemitismus."

Besprochen wird die Ausstellung "Medicus. Die Macht des Wissens" im Historischen Museum der Pfalz in Speyer, die laut Rudolf Neumaier im Feuilleton-Aufmacher der SZ Medizingeschichte faszinierend erlebbar macht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2020 - Geschichte

Der Autor Frederick Forsyth erinnert im Guardian an ein fast vergessenes Desaster vor fünfzig Jahren, den Biafra-Krieg, in dem eine Million Kinder gestorben sein sollen. Forsyth geißelt die Rolle der BBC (deren Korrespondent er damals war), die die britische Außenpolitik einfach nachgebetet hätte, und die britischen Repräsentanten, die das nigerianische Regime bei seinen Verbrechen unterstützte: "Wirklich beschämend ist, dass dies nicht von Wilden getan wurde, sondern in jeder Phase von in Oxbridge ausgebildeten britischen Mandarinen unterstützt und gefördert wurde. Warum? Liebten sie das korrupte, diktatorisch geprägte Nigeria? Nein. Von Anfang bis Ende sollte damit vertuscht werden, dass die Einschätzung der nigerianischen Situation durch Großbritannien ein enormer Irrtum war. Und, schlimmer noch: Mit Neutralität und Diplomatie aus London hätte das alles vermieden werden können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2020 - Geschichte

In der SZ lobt Lothar Müller die neue Dauerausstellung im Berliner Haus der Wannsee-Konferenz, die nicht nur wissenschaftlich auf der Höhe sei, sondern sich auch Inklusion auf die Fahnen geschrieben habe: "Zu Recht wird dabei vorausgesetzt, dass nicht einen quellenkritischen Grundkurs gemacht haben muss, wer die schriftlichen Dokumente und Fotografien betrachtet. An einer der 'Partizipationsstationen' wird erläutert, welche Aufschlüsse Stempel, Absender, Adressat oder etwaige Kommentare auf dem Dienstweg ergeben. An Touchscreens lassen sich Akten aufblättern, an akustischen Stationen Stimmen von Opfern aufrufen, deren Briefe, Tagebücher oder Proteste Eva Mattes, Iris Berben, Hanns Zischler und Boris Aljinovic lesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2020 - Geschichte

Wichtiger als die Frage, ob die Hohenzollern den Nazis Vorschub leisteten, findet der Historiker Eckart Conze in der SZ ein neues geschichtspolitisches Klima, das er zu verspüren vermeint: "Christopher Clarks Buch 'Die Schlafwandler' wurde hierzulande auch deswegen so begierig aufgenommen, weil es den Beginn des Ersten Weltkriegs als Systemversagen deutete und damit nicht nur die preußisch-deutschen Eliten entlastete, sondern das Kaiserreich insgesamt. So rückt das ferne Reich dem deutschen Nationalstaat der Gegenwart wieder näher. Im Vorfeld des 150. Jahrestags der Reichsgründung im nächsten Jahr treten an die Stelle kritischer Distanz immer häufiger affirmative Bekenntnisse zur preußisch-deutschen Nationalgeschichte und zu einer nationalstaatlichen Kontinuität."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2020 - Geschichte

In der FR berichtet Ulrich Krökel, wie Putin versucht, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und vor allem des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 umzuschreiben: Dieser sei reine Selbstverteidigung gewesen, weil Polen schon 1934 einen Nichtangriffspakt mit dem Deutschen Reich abgeschlossen hatte: "Aus Putins Sicht ergibt sich daraus und aus der westlichen Beschwichtigungspolitik (Appeasement) gegenüber Hitler eine Rechtfertigung Stalins. Die Sowjetunion habe damals allein gestanden und keine andere Wahl gehabt, als den Ausgleich mit den Nazis zu suchen. Was Putin unterschlägt: Der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 enthielt in einem geheimen Zusatzprotokoll einen Kriegsplan, der auf Moskauer Initiative zurückging" und dann auch gleich ausgeführt wurde. "Dem Kremlchef spielt die Zuspitzung allerdings in die Karten", meint Krökel. "Denn für Putin gilt dasselbe wie für die polnische PiS: Er profitiert innenpolitisch von der Aufwallung nationalistischer Stimmungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2020 - Geschichte

Den Begriff der "Seidenstaße" kannte man im Mittelalter noch nicht, schreibt der Historiker Thomas Höllmann, Autor eines Buchs zum Thema, in einem FAZ-Essay: "Er wurde erst 1877 von dem deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen geprägt und in der Folgezeit zunächst ins Englische und dann ins Chinesische übersetzt. Zwar verbinden heute nicht wenige Menschen damit die Vorstellung von einer einbahnstraßenähnlichen Ost-West-Verbindung, doch trügt dieser Eindruck. Das von Ostasien bis nach Westeuropa und Nordafrika reichende, vielfach verzweigte und zeitweilig maritime Verbindungen einschließende Routengeflecht bildete einst das größte Verkehrsnetz der Erde, weshalb manche Autoren den Plural 'Seidenstraßen' bevorzugen." Mark Siemons erklärt in einem zweiten Artikel das neue chinesische Seidenstraßenprojekt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2020 - Geschichte

In der FR erinnert Arno Widmann an den blutigen 13. Januar 1920 in Berlin, an dem die radikale Linke zur Großdemonstration gegen das Betriebsrätegesetz aufrief. Da die Auseinandersetzung zwischen zwischen Sozialdemokraten und Sozialisten mittlerweile das Ausmaß eines Bürgerkriegs angenommen hatte, gab es auch an diesem Tag Tote und Verletzte: "Die Demonstration vor dem Reichstag stand unter dem Motto 'Heraus zum Kampf gegen das Betriebsrätegesetz, für das revolutionäre Rätesystem!' Zwar hatte sich der 'Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte' im Dezember 1918 mit 344 zu 98 Stimmen gegen eine Räterepublik und mit 400 zu 50 Delegierten für eine möglichst frühzeitige Wahl der Nationalversammlung ausgesprochen, aber das hinderte die radikale Linke nicht, an ihren Zielen festzuhalten. Sie forderte, den 'Ausbau der Betriebsräte zu selbstständigen revolutionären Organen neben den Gewerkschaften'. Sie wollte nicht 'mitwirken', sondern das 'volle Kontrollrecht über die Betriebsführung' haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2020 - Geschichte

Knapp eine Million deutsche Frauen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg von allierten Soldaten vergewaltigt, erinnert in der NZZ Yaël Debelle, die unter anderem mit der deutschen Historikerin Miriam Gebhard gesprochen hat: "'Die sexuelle Gewalt traf Frauen aller Schichten, junge Mädchen und alte Frauen - und auch Männer', sagt Gebhardt. 'Es geschah am helllichten Tag, nachts bei Hausdurchsuchungen, auf offenem Feld, in Kellern und Unterständen' - 'und in spontan eingerichteten Vergewaltigungsräumen'. Die Taten seien oft in der Gruppe verübt worden, die Soldaten hätten gegenseitig Schmiere gestanden. Rund 860 000 Frauen wurden vergewaltigt, so Gebhardts Hochrechnung. Die Historikerin hat die eidesstattlichen Erklärungen von vergewaltigten Frauen studiert, die abtreiben wollten."

Eher als geisteswissenschaftliche Mode tut Simon Strauß in der FAZ die These ab, dass das Römische Reich wegen eines Klimawandels untergegangen sei: "Als TED-Talk-erfahrene Vorzeigefigur dieser 'new environmental historians of Rome's fall' tritt insbesondere der einundvierzigjährige Kyle Harper hervor, der manchen schon als 'Edward Gibbon des 21. Jahrhunderts' gilt. Sein demnächst auch auf Deutsch erscheinendes Buch 'Fatum' führt die Überzeugung des Autors schon im Titel: dass das spätantike Rom durch eine fatale, also schicksalhaft unausweichliche Klimaveränderung zu Fall gebracht worden sei."

Weiteres: In der FR schreibt Arno Widmann über Hong Xiuquan, den Anführer des Taiping-Aufstandes, der zum Christentum konvertierte und Jesus für seinen älteren Bruder hielt. Besprochen wird die Kunstinstallation "Kriegskinder" im Museum Neukölln, in der Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs über ihre Erfahrungen sprechen (Berliner Zeitung).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2020 - Geschichte



In der Berliner Zeitung empfiehlt der Historiker Götz Aly wärmstens eine Ausstellung im Kulturhistorischen Museum Magdeburg über die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Stadtrecht. "Was ist an dieser Ausstellung so aufregend? Ganz einfach: Vom Magdeburger Domplatz aus öffnet sich der kulturhistorische Blick nach Osten. ... Anders als die heute verbreitete hoffärtige Einbildung, man könne Demokratie und Rechtsstaat einzelnen Staaten wie etwa Libyen notfalls mit Gewalt aufpfropfen, breitete sich das Magdeburger Stadtrecht per Osmose aus. Der Rechtskreis vergrößerte sich, weil die einzelnen Regelungen, die Schöffensprüche und die Öffentlichkeit der Verfahren funktionierten, das machte sie attraktiv: Zunächst übernahmen es Städte wie Berlin, Stettin, Danzig oder Breslau, schließlich folgten zum Beispiel Prag, Krakau, Lemberg, Wilna, Ofen (Budapest), Hermannstadt, Kiew, Minsk, Brjansk und Poltawa."

Außerdem: In der NZZ schreibt Regula Heusser-Markun über russische Kämpfer auf beiden Seiten des Spanischen Bürgerkriegs. Und die Historikerin Elisabeth Schraut erklärt, ebenfalls in der NZZ, was es mit dem "Türkenbecher" auf sich hat, der zur Zeit in der Ausstellung "Kaiser und Sultan. Nachbarn in Europas Mitte 1600-1700" im Badischen Landesmuseum Karlsruhe ausgestellt ist.