Der 75. Jahrestag der
Befreiung von Auschwitz - gestern offiziell in Yad Vashem gefeiert, wo auch Frank-Walter Steinmeier redete - steht im Zeichen unguter
geschichtspolitischer Debatten,
konstatiert Klaus Hillenbrand in der
taz, vor allem mit Blick auf
Wladimir Putins Äußerungen zum Hitler-Stalin-Pakt und zum Zweiten Weltkrieg. "Wenn Wladimir Putin Polen unterstellt, unter ihnen hätten sich die schlimmsten Antisemiten befunden, dann geschieht dies, um die
eigene historische Verantwortung zu leugnen. Wenn die polnische Regierung als Reaktion mit dem Hinweis auf die verheerenden Folgen des Hitler-Stalin-Pakts antwortet, hat sie recht. Aber sie minimiert auch die Bedeutung der sowjetischen Streitkräfte für die Befreiung Europas, wobei diese wiederum für viele Menschen den Beginn einer neuen Diktatur bedeutete."
Um die
Gedenkveranstaltung in Yad Vashem hat es auch in Israel Debatten gegeben,
berichtet Judith Poppe ebenfalls in der
taz: "Organisator der Veranstaltung ist der russische Oligarch und Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses,
Moshe Kantor. Ihm wird nachgesagt, ein guter Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu sein. Auseinandersetzungen um die verschiedenen Narrative haben im Vorfeld des Holocaust Forum zu Zerwürfnissen geführt.
Ha'aretz sprach gar davon, dass Israel 'Stalins Handschlag mit Hitler' reinwasche." Gabriele Lesser
berichtet über den polnischen Boykott der Veranstaltung in Yad Vashem.
Im gestrigen
Dlf-
Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann warf auch der polnische Journalist
Adam Krzeminski Wladimir Putin Einflussnahme auf den Holocaust-Gedenktag im Yad Vashem vor, äußerte Verständnis für
Andrezj Dudas Entscheidung, nicht an der Konferenz teilzunehmen und erinnerte: "Es gab eine polnisch-russische Kommission der Historiker, die eindeutig diese
Lügen von Putin widerlegt hatten, und das waren russische Historiker. Derselbe Putin, der heute das sagt, hat 2009 auf der Westerplatte in Danzig den
Hitler-
Stalin-
Pakt als moralisch verwerflich abgelehnt."
Putin steht mit seinem "gefährlichen"
Geschichtsrevisionismus nicht allein da, ergänzt Stefan Kornelius in der
SZ: "Das Europäische Parlament hat mit einer
unrühmliche Entschließung zum Geschichtsbewusstsein in Europa Anlass zur Kritik und Putin eine neue Vorlage im Streit um die Deutung des Hitler-Stalin-Pakts gegeben. Die polnische Regierung hat mit ihrem
Holocaust-
Gesetz die schmerzhafte Befassung mit der eigenen Vergangenheit unter Strafe gestellt. Von der Ukraine bis zum Balkan verhindern Nationalismus und
billiger Patriotismus die Aufarbeitung der Vergangenheit und stiften damit neuen Unfrieden. In Deutschland sät die AfD mit dem 'Vogelschiss der Geschichte' bittere Zwietracht."
Viel Ärger hat außerdem auf Twitter ein "Tagesschau"-
Kommentar der
HR-Reporterin Sabine Müller zu der Gedenkveranstaltung ausgelöst. Da heißt es: "Der Gedenktag in Yad Vashem wurde von den
egoistischen Auftritten Israels und Russlands überschattet. Eine vertane Chance im Kampf gegen Antisemitismus."
Besprochen wird die
Ausstellung "Medicus. Die Macht des Wissens" im Historischen Museum der Pfalz in Speyer, die laut Rudolf Neumaier im Feuilleton-Aufmacher der
SZ Medizingeschichte faszinierend erlebbar macht.