9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2018 - Geschichte

Vor achtzig Jahren fand die Konferenz von Evian statt, wo die Staaten über die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge verhandelten und sich entschlossen, schlechterdings niemanden aufzunehmen. Davon handelt eine Veranstaltung des Jüdischen Zukunftskongresses, der gerade in Berlin statt findet. Dinah Riese unterhält sich in der taz mit Marina Chernivsky vom Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland über das Thema: "Die Gleichgültigkeit und die Bürokratie haben damals verheerende Folgen gehabt. Später hat sich ein beispielloser Völkermord ereignet, im Herzen Europas, unter Beobachtung der Weltgemeinschaft. So etwas kann sich nur ereignen, wenn normative und moralische Grenzen sich schon davor verschoben haben: Dass man Jüdinnen und Juden verfolgen kann, diese Verschiebung war in der Gesellschaft schon verankert. Die Grenzen zwischen Gruppen werden hergestellt, sie entstehen nicht auf natürlichem Wege. Wenn sie erst einmal zementiert sind, ist die Gleichgültigkeit vorprogrammiert." Mehr zur Konferenz von Evian hier. Ebenfalls in der taz schreibt Klaus Hillenbrand über die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland vor achtzig Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2018 - Geschichte

Grünen-Chef Robert Habeck, der auch Autor des Theaterstücks "Neunzehnachtzehn" ist, versichert in der Welt, dass sich selbst die Admiralität in Kiel nicht mehr schwer damit tut, an die Novemberrevolution zu erinnern: "Und zur Uraufführung saßen lauter Offiziere in Uniform in der ersten Reihe und klatschten, als die Sozialistische Republik Schleswig-Holstein ausgerufen wurde. 2011 wurde der Bahnhofsvorplatz auf den Namen Platz der Matrosen getauft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2018 - Geschichte

Berlin ist erst nach 1945 gemordet worden, meint in der FAZ die Historikerin Stefan-Ludwig Hoffmann unter Bezug auf ein berühmtes Buch von Wolf-Jobst Siedler: "Die Großstadtfeindschaft überlebte die Ruinierung der Metropolen durch Nationalsozialismus und Weltkrieg. Mehr noch, in einer absurden Umkehrung wurde die Großstadt selbst für Krieg und Zerstörung verantwortlich gemacht. Das ungeordnete Chaos der Metropolen, die soziale Verelendung und Vermassung habe die Vernichtung herbeigeführt, deshalb wurde die Mietskasernenstadt durch die Nachkriegsmoderne ersetzt."
Stichwörter: Berlin, Nachkriegsmoderne, Siedler

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2018 - Geschichte

In der SZ zweifelt Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte an der Universität Hamburg, am Willen der Bundesregierung, sich mit dem kolonialen Erbe Deutschlands auseinanderzusetzen. Anlass dafür ist ein etwas ungeschicktes Interview, das der persönliche Afrikabeauftragte der Bundesregierung Günter Nooke kürzlich der BZ gab. "Auch das Humboldt Forum, in gefährliche Turbulenzen geraten durch seine Weigerung, sich der kolonialen Amnesie auch nur zu stellen, scheut die offene Debatte mit Kritikern im In- und Ausland. Man wählt lieber selbst aus, mit wem man diskutiert. Derweil hält der neue Intendant Hartmut Dorgerloh die Planung funktionierender Rolltreppen für wichtiger als inhaltliche Debatten über das (post-)koloniale Erbe. Verständlich, denn es braucht Manager, und er steht unter enormem Zeitdruck, dennoch: Zukunft geht anders."

Außerdem: Marion Hahnfeldt besucht für die Welt Kory Darnall in Iowa, der sich für die Erinnerung an die 200.000 deutschen Einwanderer einsetzt, die im amerikanischen Bürgerkrieg für die Abschaffung der Sklaverei kämpften.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.10.2018 - Geschichte

Im Interview mit der SZ erklärt der Historiker Jörn Leonhard die Entstehung der Nachkriegsordnung von 1918 bis 1923 - ein Thema, über das er auch ein Buch verfasst hat: "Der überforderte Frieden". Warum der letzte Satz darin lautet: "Wie es vielleicht gewesen ist: So müsste man beginnen." erklärt er so: "Ich habe dieses Buch auch geschrieben, um zu verstehen, wo die Wurzeln der aktuellen Multipolarität liegen, der Unübersichtlichkeit der Welt. Dafür ist 1918 - 23 ein echtes Scharnier. Vor allem wollte ich die Offenheit des historischen Moments verteidigen: dass man die Möglichkeit der vielen Entwicklungen ernst nehmen muss, die vergangenen Zukünfte. Wer allein von 1933 und 1939 her zurück auf 1918/19 sieht, verengt diese Offenheit zur Zwischenkriegszeit, verstellt den Blick auf die vielen nicht eingetretenen Wirklichkeiten. Sie gehören aber zum Möglichkeitshorizont der Zeitgenossen."

Außerdem: Rüdiger Soldt besucht für die FAZ die Ausstellung "Vertrauensfragen - Der Anfang der Demokratie im Südwesten 1918-1924" im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart. Und Frithjof Benjamin Schenk sucht, ebenfalls für die FAZ, im Solowezki-Kloster (mehr hier) am Weißen Meer, wo die Sowjets eines der ersten Arbeitslager errichteten, nach Spuren der Opfer, zu denen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten gehörten: "Der schlichte Granitfindling, dessen Aufschrift nicht zwischen der politischen Gesinnung, Nationalität oder Konfession der Opfer des SLON unterscheidet, hat in den vergangenen Jahren Gesellschaft bekommen. Seit 1999 wird der Gedenkort von einem großen, hölzernen Kreuz dominiert, welches das hier erlittene Leid in eine christliche Martyriumsgeschichte umdeutet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2018 - Geschichte

Sehr kenntnisreich führt der Germanist Helmuth Kiesel in der FAZ in die "Frontstellungen" der Weimarer Zeit ein - jene Epoche vor dem Internet, als man noch keine sozialen Medien brauchte, um sich zu hassen - und kommt am Ende zu den Parallelen: "Die meisten der scharfen Antagonismen der Weimarer Zeit sind, wie ihre Ursachen, geschichtlich erledigt und haben keine aktuellen Fortsetzungen oder Analogien. Für vier gilt dies aber nicht: für den Rassismus, das mögliche Zusammenwirken der Extreme, die Klassenkampfidee und die politisch-kulturelle Spaltung in Metropole und Provinz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2018 - Geschichte

In der NZZ gibt Ulrich M. Schmid einen interessanten kurzen Einblick in die jüngere georgische Geschichte, die vom Verhältnis Georgiens zu Russland geprägt ist. Wie kompliziert diese Geschichte ist, sieht man zum Beispiel an einem Denkmal in Tblissi für die "Teilnehmer einer friedlichen Demonstration, die vom sowjetischen Regime am 9. März 1956 blutig niedergeschlagen wurde". So ist es in den Stein graviert. Anlass für die Demo war damals Chruschtschows Kritik am Stalinkult, erzählt Schmid: "Junge Demonstranten zogen mit Stalin-Porträts durch das Stadtzentrum von Tbilissi und forderten die Unabhängigkeit Georgiens. Der Text auf der Erinnerungstafel erweckt den Eindruck, dass es bei der Demonstration von 1956 um demokratische Rechte und föderale Autonomie gegangen sei. Verschwiegen wird dabei, dass die Demonstration sich gegen die Entstalinisierung richtete und deshalb kaum als Musterbeispiel zivilgesellschaftlicher Selbstermächtigung gelten darf."
Stichwörter: Georgien, 1956

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2018 - Geschichte

Auch nach der von Stalin 1948 verordneten antisemitischen Hetze mussten Juden in der Sowjetunion lange Zeit ihre jüdische Identität verleugnen, erinnert sich die russische Schriftstellerin Sonja Margolina in der NZZ. Sie "durften aus dem Opferkollektiv nicht ausscheren", schreibt sie: "Nach dem Ende der antisemitischen Kampagne ging der Staatsantisemitismus in eine routinierte Diskriminierung über: von Studium- und Berufseinschränkungen bis zum immer wieder aufflammenden Kampf gegen Zionismus. Etliche Juden versuchten, dem Numerus clausus an den Hochschulen und der Diskriminierung bei der Vergabe von Arbeitsplätzen mit Veränderung ihrer Namen oder Nationalität zu entgehen. Oft hatte die jüdische Mimikry komische Nebenfolgen, wie bei einem Freund, der die Aufnahmeprüfungen an der Moskauer Universität als Ukrainer schaffte, aber die Gesichtszüge eines assyrischen Kriegers am Ninive-Tor nicht verbergen konnte und der aufgrund dieser augenscheinlichen Diskrepanz verspottet wurde. Naturgemäß bestätigte die als jüdische Schlagfertigkeit empfundene Verschleierung der Identität antisemitische Vorurteile."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2018 - Geschichte

In Münster war Historikertag.

Nicht einverstanden ist Patrick Bahners in der FAZ mit einer Resolution, die unter anderem mit Unterstützung von Andreas Wirsching, dem Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, formuliert wurde und die nach Bahners allzu eindeutig für Angela Merkels Position in der Flüchtlingspolitik Stellung bezieht: "Im Historikermilieu scheint die Hegemonie des sogenannten linksliberalen Common Sense ungebrochen. Warum begnügen sich die tonangebenden Leute im Fach nicht damit, die soziale Macht, die ein solcher Konsens bedeutet, in den Formen wissenschaftlicher Kommunikation auszuspielen, durch Tagungen, Bücher, Zeitungsartikel und vielleicht auch Unterschriftslisten? Warum muss ein Fachverband Parteitag spielen mit Kompromissformelsuche in der Flüchtlingspolitik?"

Im Tagesspiegel berichtete gestern bereits David Piorkowski, dass die Resolution vor allem auf Betreiben der Göttinger Zeitgeschichtlerin Petra Terhoeven und ihres ebenfalls in Göttingen lehrenden Kollegen Dirk Schumann zustandekam. Dass der Text der Resolution im Netz nirgends zu finden ist, spricht nicht für den Öffentlichkeitsbegriff der Historiker.

In der SZ kommentiert Johan Schloemann: "In Münster, wo sich über vier Tage Tausende Wissenschaftler trafen, war allerdings gelegentlich zu beobachten, dass in der überwiegend liberalen Akademikerblase manche 'nach Chemnitz' in den Redeformen und den Diskussionsformaten exakt diejenige hektische, aufgeregte Zuspitzung übernehmen, die sie den Rechtspopulisten empört attestieren." Hm, erinnert das nicht ein bisschen an die überwiegend liberale Journalistenblase?

Welche Lehren sind aus dem Münchner Abkommen zu ziehen, das vor achtzig Jahren Hitlers Einmarsch in das Sudentland besiegelte, fragt Arno Widmann in der FR: "Diktatoren hatten es leicht in den krisengeschüttelten Demokratien der Zwischenkriegsjahre und sie hatten es leicht in einer Welt, die darauf setzte, dass alles darauf ankäme, miteinander im Gespräch zu bleiben. Sie konnten das gut. Wer mit ihnen sprach, statt sich ihnen entgegenzustellen, der hatte - in ihren Augen - sich schon ergeben. Das war nicht falsch. Bis es dann doch falsch wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2018 - Geschichte

Markus Wehner erinnert in der FAZ an die Gründung der DKP vor fünfzig Jahren, die im Zeichen der Entspannungspolitik als Ersatz für die einst verbotene KPD zugelassen wurde. Sie kam zwar bei Bundestagswahlen nie auf mehr als 0,3 Prozent, war aber nicht ohne Einfluss: "In der Honecker-Ära erhielt die DKP rund 70 Millionen D-Mark im Jahr aus Ost-Berlin; Ende der achtziger Jahre unterhielt sie einen Apparat mit 500 hauptamtlichen Funktionären."