Schützenhilfe in einer ganz anderen Sache bekommt die
katholische Kirche indes von dem kanadischen Anthropologen
Joseph Henrich,
schreibt Markus Schär in der
NZZ. Henrich stellt die These auf, dass das katholische "
Ehe-
und Familienprogramm" seit der Spätantike dazubeitrug, dass sich die Menschen nicht weiter inzestuös in
Stämmen oder Clans mit ihren nächsten Verwandten organisierten, sondern durch das
Inzestverbot auf Individualität setzten und "vertrauensvoll mit Fremden" zusammenarbeiteten: "Nach der Trennung von der östlich orthodoxen packte die westlich katholische Kirche eine Obsession mit diesem Problem: Von den siebzehn Synoden zwischen 511 und 627 verschärften dreizehn die Heiratsregeln immer weiter; im Jahr 1003 verbat schließlich König Heinrich II. im Heiligen Römischen Reich die Ehe bis hin zu
Cousins sechsten Grades - also mit einem gemeinsamen Vorfahren unter ihren je 128 Urururururgroßeltern! 'Man durfte nicht mehr in der Familie, musste aber einen
anderen Christen heiraten', stellt Joseph Henrich fest. 'Darum gibt es in Westeuropa keine Stämme.'"
Der tschechische Staatspräsident
Milos Zeman möchte lieber nicht über den
Prager Frühling reden,
berichtet Frank Herold im
Tagesspiegel. Er wolle
Putin nicht verärgern, glauben seine Kritiker, so Herold weiter. Und auch "die tschechischen Schulen tun faktisch nichts, um den Prager Frühling in der Erinnerung zu halten. Erschreckend sind die Ergebnisse einer Umfrage, die die Organisation Post Bellum im Frühsommer unter 18- bis 65-Jährigen durchführte. Rund die
Hälfte der Befragten konnte mit dem Prager Frühling
nicht mehr viel anfangen. Ein Viertel konnte gar nicht mehr sagen, was vor der Invasion gewesen war."
Hannes Stein
empfiehlt bei den
Salonkolumnisten einen kleinen Band über
Heinrich Böll 1968 in Prag - aus Zufall war Böll in den entscheidenen Tagen in der CSSR. Die Ereignisse prägten ihn und ließen ihn für den Rest seines Lebens mit den Dissidenten solidarisch sein: "Ein paar Wochen vor Böll war beispielsweise der Westberliner Studentenführer
Rudi Dutschke nach Prag gereist, um seinen erstaunten tschechischen Kommilitonen in herrischer Diktion mitzuteilen, dass 'die repräsentative Demokratie
westlichen Musters keine Alternative zur Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei' sei. Eine Überheblichkeit, vor der Böll, der skrupulöse Beobachter, gefeit war. Mehr noch: Sofort macht er sich Gedanken, welche konkrete Hilfe er leisten könnte."
"
Big History" ist das neue große Ding in der
Geschichtsforschung,
schreibt Claudia Mäder in der
NZZ mit Blick auf Bücher von
Yuval Noah Harari,
Emmanuel Todd oder
David Christian, die bis ins All oder mindestens in die Steinzeit ausgreifen, um die Menschheit zu verorten. Abgesehen davon, dass Mäder den Studien wissenschaftlich wenig abgewinnen kann, versucht sie deren Erfolg zu erklären: "Mit der fortschreitenden
Globalisierung und der Abwendung vom
Nationalstaat rückten in den letzten Jahrzehnten zunächst transnational gefasste Welt-, Verflechtungs- und Transfergeschichten vor - immer mehr Geschichtsbücher untersuchten immer größere geografische Räume. Heute nun, da
künstliche Intelligenzen durch jede Diskussion geistern und Maschinen den Menschen zu entthronen drohen, sofern sich dieser zusammen mit seiner natürlichen Umwelt nicht vorher in den Abgrund reitet - in dieser allenthalben alarmistisch beschworenen Situation also dehnen findige Historiker nebst dem Raum auch die Zeit ihrer Untersuchungen aus."