9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2018 - Geschichte

Mit reichlich Spott belegt Marc Tribelhorn in der NZZ den Generalstreik, mit dem die Arbeiterbewegung vor hundert Jahren auch in der Schweiz die 48-Stunden-Woche, Altersvorsorge und Frauenstimmrecht forderten und der noch heute den Sozialdemokraten und Gewerkschafter am Herzen liegt: "Dabei eignet sich der landesweite Generalstreik vom November 1918 nur bedingt als Erfolgsstory, handelte es sich doch zunächst um die bitterste Niederlage in der Geschichte der schweizerischen Arbeiterschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2018 - Geschichte

Der Historiker Götz Aly wurde am Wochenende in München mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. In seiner Dankesrede, die die Süddeutsche heute druckt, erinnert Aly auch an die 3.000 StudentInnen, die in der Münchner Universität das Todesurteil gegen die Scholls beklatschten: "Insgesamt betrachtet, läuft unsere heutige Erinnerungspolitik darauf hinaus, sich mit den Opfern zu identifizieren. Parallel dazu werden die Täter zu schier außerirdischen Exekutoren stilisiert, und über die 3.000 Jubelstudentinnen und -studenten ist noch nie systematisch geforscht oder ausführlich berichtet worden. Diese Art des Erinnerns legt nahe zu vergessen, wie sehr die eigenen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern die Regierung Hitler lange aktiv unterstützt hatten, zu den mäßig überzeugten Mitläufern oder den zuverlässig passiven Stützen der Gewaltherrschaft gehört hatten. Näher als Christoph Propst, Sophie Scholl und Hans Scholl stehen auch uns Heutigen diejenigen, die am 22. Februar 1943 im Audimax der LMU den justizförmigen Mord an drei Kommilitonen zustimmend oder angepasst mittelstark beklatschten und betrampelten."

Dass die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit aber nicht abgeschlossen ist, sondern sowohl von Politikern wie Bürgervereinen tatkräftig gepflegt wird, lernte Aly auf seiner jüngsten Reise durch die Bundesrepublik, wo er zu einer ganzen Reihe von Veranstaltungen zum 9. November eingeladen worden war, erzählt er in der Berliner Zeitung: "In Bensheim sang man in aller Eintracht mit der sehr munteren Stadtverordnetenvorsteherin von der CDU das Moorsoldatenlied, weil es vor 30 Jahren von Linksbewegten so eingeführt worden ist. In Stralsund empfing mich der Verein 'Historische Warenhäuser Wertheim und Tietz', in Worms die 'Gesellschaft zur Förderung und Pflege der jüdischen Kultur', in Bamberg die 'Katholische Hochschulgemeinde'. Mich beeindrucken die Kraft, die Ernsthaftigkeit und das Engagement all dieser Initiativen und Vereine. Überall in Deutschland haben sie in den vergangenen 30 Jahren eine immer stärker gewordene, fundierte Gedenkkultur geschaffen - in vielfältiger Weise und mit parteiübergreifender bürgerlicher Selbstverständlichkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.11.2018 - Geschichte

Arno Widmann schreibt in der FR über den "Glücksfall der Revolution von 1918/1919". Die Novemberrevolution stehe im Kontext einer Republikanisierung vieler Länder nach dem Ersten Weltkrieg - die mit der Republikanisierung Chinas schon im Jahr 1911 angefangen habe, so Widmann, der sich in seinem Essay auf Robert Gerwarths vielgelobtes Buch "Die größte alle Revolutionen" (mehr in den Büchern der Saison) bezieht: "So gesehen ging es nicht um den Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus, wie viele Zeitgenossen und viele Historiker des 20. Jahrhunderts annahmen. Und die deutsche Revolution von 1918/1919 blieb, so betrachtet, nicht auf halbem Wege stehen. Die Sozialdemokratie unter Friedrich Ebert 'verriet' damals auch nicht die Arbeiterbewegung, sondern rettete sie. In einem Sowjetdeutschland hätte es keine freien Gewerkschaften mehr gegeben. Abgesehen davon, dass es ein Sowjetdeutschland niemals gegeben hätte, sondern nur einen Bürgerkrieg mehr im Nachkriegseuropa. Mit womöglich einem deutschen Mussolini als Sieger."

In der NZZ erinnert Roswitha Schieb daran, dass der Erste Weltkrieg für die Völker Osteuropas eine Befreiung war: "Es ist erstaunlich, wie durch und durch deutsch (oder österreichisch) die jungen Studenten im Jahr 2018 empfinden, wie sehr sie von ihrer nationalen Geschichtsdarstellung durchdrungen und geprägt sind, wie wenig sie es vermögen, über den eigenen Tellerrand auf die nächsten Nachbarstaaten zu schauen und einen Perspektivwechsel vorzunehmen - und das bei einem Thema, das von Europa handelt. Denn '1918' klingt in anderen Ländern nicht nur nach Soldatenfriedhöfen, nicht nach Niederlage, Demütigung, Zerbrechen von Grossreichen, Ende der Monarchie, allgemeinem Untergang und Anfang vom Ende, sondern nach Befreiung, Unabhängigkeit und triumphalem Neuanfang."

Es gibt immer mehr Gedenkorte für die Opfer des Stalinismus in Russland. Meist sind es Tafeln mit den Namen der Opfer - damit kehrt das Individuum mit seiner Lebensgeschichte zurück ins Zentrum der Erinnerungskultur, schreibt die Osteuropahistorikerin Ekaterina Makhotina in der NZZ. Gleichzeitig wächst aber auch die Zahl der Denkmäler und Gedenktafeln zu Ehren Stalins. Putin steht dazwischen, gedenkt der Opfer, ohne die Täter zu nennen: "Die Erinnerung an den Stalinismus braucht ein anderes Format", meint Makhotina, "über das Gedenken an die Opfer hinaus. Es braucht zuerst und vor allem ein Bewusstsein für den Funktionsmechanismus des Stalinismus als politisches und soziales System, das Wissen über den Terror und seine Mitträgerschaft und Mittäterschaft in der Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus ist mehr als eine eindeutige negative juristische Bewertung von Stalins Figur. Sie braucht die Bereitschaft, sich dem Unbehagen der Erinnerung zu stellen, einer schmerzhaften Erinnerung. Schmerzhaft nicht nur wegen des Mitgefühls für die Opfer, sondern auch wegen des Wissens um eine Gesellschaft, in der der eine von der Not des anderen profitierte und sozial aufstieg, in der nach 'nationalen Verrätern' oder der 'fünften Kolonne' gesucht - und denunziert - wurde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2018 - Geschichte

Die deutsche, muslimische, türkische und jüdische Geschichte sind viel verquickter, als die meisten es sich klar machen. Aber keiner der Redner zum 9. November hat die Muslime angesprochen, schreibt Michael Wolffsohn in der FAZ. Er erinnert sich an seine Kindheit in Tel Aviv, als die Palästinenser sich militant gegen die Einwanderung von Juden wehrten. Viele Schüssen gingen von der Tel Aviver Siedlung Sarona aus, "gegründet und bewohnt von deutschen Templern. Sarona ist heute ein Tourismus-Magnet, damals roch es dort nach Schießpulver; damals waren siebzehn Prozent der in Palästina lebenden deutschen Templer Mitglieder der NSDAP. Kaum dem NS-Reich entflohen, trafen deutsche Juden auf deutsche Nazis und deren arabisch-islamische Waffenbrüder im 'Gelobten Land'. Beide gelobten, auch Palästina 'judenrein' zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2018 - Geschichte

Welt-Autor Thomas Schmid lobt Frank Walter Steinmeiers Rede zum 9. November, in der er sich vor allem dem hundertsten Jahrestag der November-Revolution widmete: "Überraschend war, dass er nicht - wie es sonst üblich ist - den 9. November 1918 als Chiffre für eine gescheiterte Republik nahm. Er brach mit jener im Grunde bequemen Tradition linken Denkens, der zufolge 1933 eine direkte Konsequenz aus der deutschen Geschichte ist. Er sprach nicht vom Ende der Weimarer Republik her. Er sprach darüber, dass ihre Gründung allen Wirren zum Trotz ein deutsches Wunder darstellt!"

Sehr interessant erläutert der Historiker Alexander Gallus auf der Gegenwartsseite der FAZ, wie die Novemberrevolution von Anfang an ins Gezerre der Geschichtspolitik geriet, Hitler sprach von den "Novemberverbrechern" und legte seinen Putschversuch 1923 absichtlich auf den 9. November. Aber in der Rechten machte man sich die Idee der Revolution auch zueigen: "Eine Reihe von Vertretern des neuen nationalistischen Denkens wollte nicht länger die Monarchie restaurieren oder bloße Reaktion sein... Bald kam die Rede von der 'konservativen Revolution' auf, wünschte sich ein Oswald Spengler einen 'deutschen' oder 'preußischen Sozialismus'. Das verhängnisvolle Zusammendenken von 'Nationalismus' und 'Sozialismus' als Akt revolutionärer Erneuerung bei gleichzeitiger Zerstörung all dessen, was man der Novemberrevolution zuschrieb, kündigte sich lange an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2018 - Geschichte

In der Berliner Zeitung springt Arno Widmann für die Sozialdemokratie in die Bresche: Dass die Republik 1919 gegen alles, was links von ihr stand, vorging, war rabiat, aber vernünftig: "Friedrich Ebert und die von ihm geführte Sozialdemokratie haben nicht die Arbeiterbewegung verraten. Sie haben sie gerettet. Freie Gewerkschaften, freie politische Betätigung hätte es in einem rätesozialistischen Deutschland nicht gegeben. Das wussten die Zeitgenossen nur zu gut. Die Entwicklung in der Sowjetunion stand ihnen deutlich vor Augen. Zehntausende Flüchtlinge hatten nicht nur viel zu erzählen. Schon ihre bloße Anwesenheit zeigte jedem, der Augen hatte, wie es um Freiheit und Demokratie in jenem Land aussah, das die Kommunisten als ihr Ideal betrachteten. Die Revolution von 1918/19 ist nicht auf halber Strecke stehen geblieben. Sie wurde gestoppt, bevor sie dazu übergehen konnte, ihre Kinder zu fressen. Das ist das große Verdienst der Sozialdemokratie."

Der kanadische Soziologe Michal Bodemann fragt, warum die Progromnacht vom 9. November 1938 auch unter die deutschen Schicksaldaten subsumiert wird. Es sei doch ein jüdisches Schicksalsdatum. Überhaupt passt ihm das ganze "Gedächtnistheater" nicht: "Sowohl für den 10. November wie auch für den 27. Januar gilt, dass die real existierenden, in Deutschland lebenden Juden nur Rollen als Statisten in diesem Gedächtnistheater übernehmen. Denn bislang wurde kein heute in Deutschland lebender Jude, keine Jüdin gebeten, in einer Gedenkstunde des Bundestags zu sprechen. Diese Rolle im Gedenken aber reflektiert deutlich ihre Position in der deutschen Gesellschaft insgesamt: Sie sind vermittels ihrer legitimatorischen ideologischen Arbeit eng an das politische System und sein 'christlich-jüdisches', den Islam ausschließendes Selbstverständnis gebunden. Sie suchen aber auch selbst die Anbindung an Zentren politischer Macht."

Ebenfalls in der taz erinnert Johanna Roth an die große Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin Marie Juchacz, die im Februar 1919 als erste Frau für die SPD im Reichtstag das Wort ergriff und wenige Monate später die Arbeiterwohlfahrt. Daneben beklagt auch die Historikerin Hedwig Richter die fehlende Erinnerung an die Vorreiterinnen von Frauenwahlrecht iúnd Demokratie: "Meine britischen Kolleginnen sind seit Monaten mit Veranstaltungen rund um das Jubiläum beschäftigt. Vor dem Westminster Palace wurde ein Denkmal der Frauenrechtlerin Millicent Fawcett enthüllt. In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares."

In der NZZ berichtet Marion Löhndorf, dass der Regisseur Peter Jackson für das Imperial War Museum Aufnahmen aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs in Farbe und digital remastered hat: "Hundert Jahre alte Aufnahmen von englischen Soldaten im Einsatz an der Westfront, Synonym für den schlimmsten Kriegsschauplatz des Ersten Weltkriegs. Sie bewegen sich ohne Stummfilmflackern in natürlicher Geschwindigkeit und haben sogar ihre Stimmen wiedergefunden. Sie leben, sprechen - und sterben. Das zu sehen, ist unheimlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2018 - Geschichte

Novemberrevolution, Pogrom 1938, Mauerfall: Das offizielle Deutschland tut sich schwer mit der Ambivalenz des heutigen Gedenktags, schreiben Stefan Reinecke und Klaus Hillenbrand in der taz in der Eröffnung eines Dossiers über den 9. November. Einige der Errungenschaften, die mit dem 9. November verbunden sind, benennt die taz unter anderem mit "Beginn der Sozialpartnerschaft" (hier), "Abschied von den adligen Privilegien" (hier), "Endlich Frauenwahlrecht" (hier). Und hier thematisiert Mark Jones die Gewalt, die vor allem die Linke zerriss, die Jones aber vor allem den Sozialdemokraten zurechnet, die mit rechtsextremen Freicorps kooperierten: "Heute wäre der Tag, um zu reflektieren, wie aus den Hoffnungen des 9. November 1918 die Mordnacht des 9. November 1938 werden konnte. Doch im offiziellen Gedenken sind die beiden Daten nahezu unsichtbar. Das ist bemerkenswert. Des 500. Jahrestags der Reformation wurde 2017 ausführlich gedacht, sogar mit einem einmaligen bundesweiten Feiertag. Der 9. November 1918 und der 1938 werden offiziell nur mit einem Bruchteil jener Aufmerksamkeit bedacht. Dass die SPD ausgerechnet 2018 ihre Historische Kommission aufgelöst hat, ist ein bitterer Scherz." In dem Dossier der taz denkt Andreas Fanizadeh außerdem über die Kunstzene jener Zeit und die Revolution nach. Und Stefan Reinecke rekonstriert die Ausrufung der Republik.

Außerdem in der taz: Die Historikerin Christina Morina fragt, was jenseits der verklärten Erinnerung von Rosa Luxemburg bleibt. Der sozialdemokratische Historiker Meik Woyke und sein Linksparteikollege Uwe Sonnenberg streiten über das Erbe der Revolution.  Uwe Rada und Dagmara Jajeśniak-Quast beleuchten den Streit um die  preußische Provinz Posen, die nach dem Ersten Weltkrieg an Polen gefallen war.

Der 9. November 1918 sollte als deutscher Nationalfeiertag gewürdigt werden, fordert Heribert Prantl in der SZ. Aber die deutsche Demokratie schäme sich: "Die deutsche Demokratie geniert sich ihrer Herkunft, weil die von der Revolution geschaffene Weimarer Republik 'zusammenbrach'. Sie geniert sich, weil die 1918er-Revolution die Nazis nicht verhindert hat. Aber diese Vorwürfe sind ungerecht. Die Republik ist nicht zusammengebrochen, sie wurde von ihren Feinden umgebracht. Und die Weimarer Verfassung war besser, als es ihr Ruf heute ist." Das Feuilleton der FAZ  bringt es fertig, zum Revolutionsjubiläum ein ganzseitiges Interview mit Georg Friedrich Prinz von Preußen, dem Chef des Hauses Hohenzollern, zu bringen, der glatt die Demokratie verteidigt.

Weitere Artikel: Die Novemberpogrome hätten ihn nicht überrascht, erzählt der 1922 geborene Walter Strauss, der erst 1939 nach Liechtenstein fliehen konnte, in der NZZ: "Überall sei die Wochenzeitung 'Der Stürmer' aufgelegen, die nur eine Botschaft kannte: 'Die Juden sind unser Unglück.' Die Propaganda verfehlte ihre Wirkung auch bei den Verfemten nicht. 'Wenn Sie diesen Hass täglich erleben, fühlen Sie sich irgendwann selber minderwertig', so der 96-Jährige." In der Welt erinnert Wolf Lepenies an Georges Clemenceau.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2018 - Geschichte

Julius Schoeps, Gründungsdirektor des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien, erinnert im Tagesspiegel an die Pogromnacht im November 1938 und sucht nach Gründen, weshalb so gut wie niemand aus der Bevölkerung zur Gegenwehr ansetzte: "Wohl ein entscheidender Grund, warum sich die Bevölkerung so verhielt, war unter anderem das defensive Verhalten der Kirchen, die sich zu den Vorgängen nicht äußerten - oder sie gar begrüßten. So bejubelte etwa der thüringische Landesbischof Martin Sasse die in der Nacht vom 9. auf den 10. November in Deutschland brennenden Synagogen. Am 23. November verschickte er an seine Amtskollegen eine Zusammenstellung aus Luthers Hetzschrift 'Von den Juden und ihren Lügen', versehen mit der Überschrift 'Martin Luther und die Juden: Weg mit Ihnen!'"

Der Filmregisseur Georg Stefan Troller, 1921 geboren, erzählt im Interview mit Peter-Philipp Schmitt im politischen Teil der FAZ, wie er sich vor den Nazis in Wien in der "Reichspogromnacht" versteckte und mit ansah, wie ein älterer jüdischer Nachbar von einem SA-Mann drangsaliert wurde, weil er bei Kniestützen nicht schnell genug war: "Dann brüllte er: 'Was bist du?' Der alte Mann sagte: 'Ich bin Invalide aus dem Weltkrieg.' Noch ein Faustschlag: 'Was bist?' - 'Ich bin ein hochdekorierter...' Wieder ein Faustschlag: 'Was bist?' - 'Ich bin ein Sau-Jud.' - 'Na, also.' Das war der Triumph. Die Juden mussten sich mit hingehaltenem Steiß zu ihrer Minderwertigkeit bekennen, erst dann war der Orgasmus der Sadisten perfekt. Irgendwo war auch mein Vater dabei, wenn auch nicht bei diesem Haufen."

In der NZZ widerspricht der Historiker Peter Reichel der Ansicht, dass die Weimarer Republik keine Zukunft hatte. Die SPD hätte sich als stärkste Reichstagsfraktion um Regierungsstabilität bemühen müssen, meint er: "Trotz der latenten Bürgerkriegsgefahr, trotz den wiederholten Appellen des Reichspräsidenten Friedrich Ebert ließ sich die durch Spaltung und Stimmenverluste geschwächte SPD, aber mit beständig über 20 Prozent stets stärkste Parlamentsfraktion nicht bewegen, kontinuierlich den Kanzler zu stellen, die Regierung zu führen und die Republik in den unruhigen frühen 1920er Jahren gouvernemental zu stabilisieren. Nach dem Zusammenschluss mit der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) war ihr die Überwindung der eigenen inneren Spaltung wichtiger." Und in der Welt würdigt Henryk M. Broder noch einmal die historischen Verdienste der SPD, um sie dann endgültig zu beerdigen.

Bei den Feierlichkeiten zum hundertsten Jahrestag des französischen Siegs im Ersten Weltkrieg hat Emmanuel Macron über Philippe Pétain gesagt: "Man kann ein großer Soldat des Ersten Weltkriegs gewesen sein und während des Zweiten schreckliche Entscheidungen getroffen haben". Das reichte, um Empörung über die angebliche Rehabilitation Pétains, der das Kollaborationsregime unter den Nazis führte, auszulösen. Dabei sagt Laurent Joffrin in seinem viel zitierten Libération-Kommentar über die angebliche Ehrenrettung Pétains im Grunde nichts anderes: "Nicht, dass das Handeln Pétains während des Ersten Weltkriegs unterschätzt, geschweige denn ignoriert werden sollte. Als Oberbefehlshaber in Verdun organisierte er die Verteidigung, indem er versuchte, die französischen Truppen durch eine bessere Versorgung und durch ein Rotationssystem zu schonen, das die Kampfzeiten an der Front die Truppen begrenzte." Für dieses Rotationssystem, das dem einzelnen Soldaten eine Überlebenshoffnung gab, wurde Pétain nach dem Krieg geliebt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2018 - Geschichte

Die taz bringt heute eine weiß-blaue Spezialausgabe zu Bayern. Anlass sind die neue Regierung, aber auch der Jahrestag der Räterevolution und die Gründung der Republik unter dem "verkannten" Kurt Eisner, an den Julian Weber sehr schön erinnert: "Spät nachts am 7. November dringt noch eine Gruppe mit Eisner in den Landtag ein, und dieser ernennt sich dort zum ersten bayerischen Ministerpräsidenten. Spontan bildet sich auch ein Arbeiter- und Soldatenrat (RAR), der bis Ende April 1919 die treibende Kraft der bayerischen Räterevolution bleiben soll. Die wichtigsten Beschlüsse von Eisner und den Räten: Einführung des Frauenwahlrechts, Festlegung des achtstündigen Arbeitstages, Verabschiedung eines Betriebsrätegesetzes, das die Mitbestimmung in den Betrieben regelt, Einführung einer gesetzlichen Kündigungsfrist, Ende des Kriegszensurrechts, Abschaffung der Prügelstrafe in der Schule, Beendigung des Zölibats für Lehrerinnen, Säkularisierung der Lehrpläne, Einrichtung eines Ministeriums für soziale Fürsorge..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2018 - Geschichte

Die Blicke der Le-Monde-Korrespondentin Lætitia Béraud richten sich nach Kiel. Die Deutschen feiern nämlich nicht den Jahrestag der Niederlage im Ersten Weltkrieg, "die noch heute als Ursprungskatastrophe angesehen wird, die zur Nazi-Barbarei führte": "Jenseits des Rheins feiert man lieber die Novemberrevolution, bei der sich die Seeleute weigerten, in die Schlacht zu ziehen, bald gefolgt von einer breiten Protestbewegung, die das Reich in einer Woche zu Fall brachte. Quer durchs Land finden Ausstellungen, Theaterstücke und Konferenzen statt. In Kiel, der Hafenstadt, aus der der Umsturz hervorging, sieht man sich heute als Wiege der deutschen Demokatie."

Der Neubeginn war allerdings von vornherein vergiftet, ruft Heinrich August Winkler auf der Gegenwartsseite der FAZ in Erinnerung:  "Am Anfang stand eine Dolchstoßlegende.Im September 1918 war der faktische Chef der Obersten Heeresleitung, Generalquartiermeister Erich Ludendorff, zu der Einsicht gelangt, dass Deutschland den Krieg verloren hatte. Die Verantwortung hierfür sollte aber nicht die militärische Führung übernehmen, sondern die 'Mehrheitsparteien' des Reichstags, die Sozialdemokraten, das katholische Zentrum und die linksliberale Fortschrittliche Volkspartei, die sich im Juli 1917 in einer Resolution für einen Verständigungsfrieden ohne erzwungene Gebietsabtretungen ausgesprochen hatten. Am 29. September überzeugte Ludendorff Kaiser Wilhelm II. von diesem Kalkül."

Um 1968 im Westen wurde in diesem Jahr ein ziemliches Bohei gemacht. Verglichen damit war die Erinnerung an den Prager Frühling eher mau, konstatiert die Autorin Alena Wagnerová, die in der NZZ ihren Teil zu einem ausgewogeneren Rückblick beiträgt und nebenbei die revolutionäre deutsche Linke von damals an ihre unrühmlich Rolle erinnert: "Wie oft habe ich damals von den Linken an der Universität des Saarlandes gehört, der Prager Frühling sei eine Konterrevolution und der Einmarsch der Sowjets eine Notwendigkeit, um den Sozialismus zu retten. Und vor diesem Tribunal war man ohnmächtig."