Novemberrevolution,
Pogrom 1938,
Mauerfall: Das offizielle Deutschland tut sich schwer mit der Ambivalenz des heutigen Gedenktags,
schreiben Stefan Reinecke und Klaus Hillenbrand in der
taz in der Eröffnung eines Dossiers über den 9. November
. Einige der Errungenschaften, die mit dem 9. November verbunden sind, benennt die
taz unter anderem mit "Beginn der Sozialpartnerschaft" (
hier), "Abschied von den adligen Privilegien" (
hier), "Endlich
Frauenwahlrecht" (
hier). Und
hier thematisiert Mark Jones die Gewalt, die vor allem
die Linke zerriss, die Jones aber vor allem den Sozialdemokraten zurechnet, die mit rechtsextremen Freicorps kooperierten: "Heute wäre der Tag, um zu reflektieren, wie aus den
Hoffnungen des 9. November 1918 die
Mordnacht des 9. November 1938 werden konnte. Doch im offiziellen Gedenken sind die beiden Daten
nahezu unsichtbar. Das ist bemerkenswert. Des 500. Jahrestags der
Reformation wurde 2017 ausführlich gedacht, sogar mit einem einmaligen bundesweiten Feiertag. Der 9. November 1918 und der 1938 werden offiziell nur mit einem
Bruchteil jener Aufmerksamkeit bedacht. Dass die SPD ausgerechnet 2018 ihre Historische Kommission aufgelöst hat, ist ein bitterer Scherz." In dem Dossier der
taz denkt Andreas Fanizadeh außerdem über die Kunstzene jener Zeit und die Revolution nach. Und Stefan Reinecke
rekonstriert die Ausrufung der Republik.
Außerdem in der
taz: Die Historikerin Christina Morina
fragt, was jenseits der verklärten Erinnerung von
Rosa Luxemburg bleibt. Der sozialdemokratische Historiker Meik Woyke und sein Linksparteikollege Uwe Sonnenberg
streiten über das Erbe der Revolution. Uwe Rada und Dagmara Jajeśniak-Quast
beleuchten den Streit um die
preußische Provinz Posen, die nach dem Ersten Weltkrieg an Polen gefallen war.
Der 9. November 1918 sollte als
deutscher Nationalfeiertag gewürdigt werden,
fordert Heribert Prantl in der
SZ. Aber die deutsche Demokratie schäme sich: "Die deutsche Demokratie geniert sich ihrer Herkunft, weil die von der Revolution geschaffene Weimarer Republik 'zusammenbrach'. Sie geniert sich, weil die 1918er-Revolution die Nazis nicht verhindert hat. Aber diese Vorwürfe sind ungerecht. Die Republik ist nicht zusammengebrochen, sie wurde von ihren Feinden umgebracht. Und die
Weimarer Verfassung war besser, als es ihr Ruf heute ist." Das Feuilleton der
FAZ bringt es fertig, zum Revolutionsjubiläum ein ganzseitiges Interview mit
Georg Friedrich Prinz von Preußen, dem Chef des Hauses Hohenzollern, zu bringen, der glatt die Demokratie verteidigt.
Weitere Artikel: Die
Novemberpogrome hätten ihn nicht überrascht,
erzählt der 1922 geborene
Walter Strauss, der erst 1939 nach Liechtenstein fliehen konnte, in der
NZZ: "Überall sei die Wochenzeitung 'Der Stürmer' aufgelegen, die nur eine Botschaft kannte: 'Die Juden sind unser Unglück.' Die Propaganda verfehlte ihre Wirkung auch bei den Verfemten nicht. 'Wenn Sie diesen Hass täglich erleben, fühlen Sie sich irgendwann selber minderwertig', so der 96-Jährige." In der
Welt erinnert Wolf Lepenies an
Georges Clemenceau.