9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2019 - Gesellschaft

Die Debatte um das Jüdische Museum Berlin und seine, vorsichtig gesagt, aufgeschlossene Haltung zur Israelboykottbewegung BDS, ist nicht ausgestanden. Die Jüdische Allgemeine veranstaltet ein Pro und Contra zur Frage "Ist der Pluralismus in Gefahr?", die sich einige nach dem Rücktritt von Museumschef Peter Schäfer stellen. Micha Brumlik schreibt: "Die Gleichsetzung von nationalsozialistischen und zionistischen Interessen ist ebenso unsinnig wie die Gleichsetzung von BDS mit dem nationalsozialistischen Judenboykott, weshalb es eine legitime jüdische Überzeugung sein kann, BDS zwar für unsinnig, aber nicht antisemitisch zu halten." Michael Wuliger kontert: "Die seit Jahren immer wieder geäußerte Kritik an dem Museum hatte sich nie daran entzündet, dass im Libeskindbau Israelkritik zu Wort kam. Stein des Anstoßes war, dass es fast ausschließlich solche Stimmen waren."

Sind die Mieten in Deutschland wirklich explodiert, wie heute gern behauptet wird? Der Ökonom Friedrich Breyer hat sich die Zahlen angesehen und winkt in der SZ ab. Nennenswerte Mieterhöhungen gibt es eigentlich nur bei Neuvermietungen, meint er. Und diesen Trend könne ein Mietendeckel, wie er jetzt in Berlin beschlossen wurde, nur verstärken: "Einerseits sind zum regulierten Mietpreis weniger Wohnungseigentümer bereit, ihre Immobilie zu vermieten. Sie weichen auf andere Verwendungszwecke aus, die nicht unter die Regulierung fallen, etwa kurzfristige Vermietungen über Airbnb. Andererseits steigt bei einem künstlich gedrückten Mietpreis die Nachfrage nach Wohnraum, da Mieter größere Wohnungen nachfragen. Im Endeffekt erhalten dadurch weniger Menschen die Chance, in dem begehrten Gebiet zu wohnen, als ohne den Mietendeckel."

Nicht der Berliner Senat ist Erfinder des "Mietendeckels", sondern Adolf Hitler. Die Nationalsozialisten hatten am 20. April 1936, dem 47. Geburtstag Adolf Hitlers, die Einfrrierung der Mieten beschlossen, bringt Hubertus Knabe in seinem Blog in Erinnerung. "Der Mietenstopp erwies sich als langlebiger als das Dritte Reich. Um drastische Mieterhöhungen im zerstörten Deutschland zu vermeiden, blieb die Regelung auch unter den Alliierten in Kraft. Erst in den 1950er Jahren baute die Bundesregierung die Zwangswirtschaft schrittweise ab, weil sich Vermieten inzwischen kaum mehr lohnte. In der DDR hingegen wurde Hitlers Mietendeckel durch die Preisanordnung Nr. 415 vom 6. Mai 1955 zu sozialistischem Recht - und blieb es bis zu ihrem Untergang." Mietendeckel sind für Knabe ein Beispiel für Populismus: "Das Problem dabei ist, dass ein Ausstieg später nur noch unter großen Schwierigkeiten möglich ist, weil massenweise Mieter auf die Barrikaden gehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2019 - Gesellschaft

In der NZZ warnt Jörg Scheller vor der zunehmenden "Säuberung" öffentlicher Diskurse durch Rechts- und Linksidentitäre, die sich zudem als "progressiv" missverstehen: "Unrecht und Gewalt beginnen schleichend, mit der verbalen Herabwürdigung von Einzelnen als Angehörigen von Gruppen. Erst eine ideologische Absolution erlaubt es, Menschen in einem zweiten Schritt nichtverbal, und erst noch mit gutem Gewissen, zu bekämpfen. (...) Der Begriff 'progressiv' ist äußerst dehnbar. So verstanden sich auch die Nationalsozialisten als fortschrittlich und verunglimpften ihre Feinde als 'Reaktionäre' - ein Totschlagargument im wörtlichen Sinne. Wenn das Ziel dringlich ist, wenn das angestrebte 'Gute' als unhinterfragbar gilt, heiligt der Zweck die Mittel, werden Kollateralschäden in Kauf genommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2019 - Gesellschaft

Noch immer prägen alte Indianer-Klischees das Bild der Native Americans  - dabei leben etwa 75 Prozent der fünf Millionen nordamerikanischen Indianer heute in Städten, schreibt Sarah Pines in der NZZ und verweist auch darauf, das der Begriff Indianer laut New Yorker Bildungsministerium wieder als politisch korrekt gelte: "Indianer sind nicht mehr nur ländlich. Sie gehen elegant und würdig auf Asphalt. 'Dass amerikanische Ureinwohner über beachtliche Vermögen verfügen können, überrascht immer noch viele', schreibt Ron Rowell vom Stamm der Choctaw, Vorstandsmitglied der Common Counsel Foundation. 'Sie gehören zu einer unsichtbaren Gruppe, zusammen mit Afroamerikanern, asiatischen und hispanischen Amerikanern und anderen, die andersfarbig und reich sind.' Denn Erfolg und Reichtum werden nach wie vor automatisch mit weißer Haut assoziiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2019 - Gesellschaft

Was nützt es Joghurtbecher zu recyceln wenn schon bald die Sandstürme über uns hinwegfegen werden?, fragt Philip Bovermann in der SZ und empfiehlt als Antwort auf die "drohende Klimakatstrophe" etwas kokett mehr Melancholie. "Unsere Welt - die Art, wie wir Menschen in westlichen Industrieländern leben - ist verloren. Es ist Zeit, sich von ihr zu verabschieden. Auch vom Röhren der Sechszylinder. Vom Brutzeln der Steaks. Was sollen wir tun? Zunächst einmal aufhören, so heillos produktiv zu sein. Und uns das alles mal grundsätzlich durch den Kopf gehen lassen. Notfalls in trostlose Untätigkeit verfallen."

Im taz-Interview mit Doris Akrap blickt die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen auf ihre Arbeit zurück und auf all die Entwicklungsromane, die sich vor Gericht entfalten: "Was mich immer fasziniert hat: Das Recht ist ein scheinbar starres Gebilde aus Paragrafen, Regeln und geregelten Ausnahmen. Und dann erleben Sie die Geschichten der Angeklagten, Zeugen und Opfer und denken: Dafür kann es doch gar keinen Paragrafen geben. Aber das Recht ist in der Lage, das alles so zu sezieren und zu analysieren, dass am Ende meist ein Urteil ergeht, das gar nicht so verkehrt ist."
Stichwörter: Melancholie

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2019 - Gesellschaft

Man solle es mit den Warnungen vor Antisemitismus nicht so übertreiben, hat Peter Sloterdijk bei einem Kongress gesagt. Michael Wuliger notiert diese Äußerung in der Jüdischen Allgemeinen mit Staunen und Skepsis: "Zumal wenn diese Ratschläge gleich noch mit handfesten Warnungen einhergehen. Sloterdijk mahnte auf Schloss Seggau nämlich auch 'Zurückhaltung' an. Wenn behauptet werde, 30 Prozent der Deutschen seien judenfeindlich, habe dies den Charakter einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Ich übersetze das so: Wenn die Juden ständig von Antisemitismus reden, dann wecken sie ihn erst, sind also selbst schuld."

Vivienne Walt ist für Time durch viele europäische Länder gereist, um Klagen über wachsenden Antisemitismus nachzugehen: "Viele Juden in Europa sagen, dass es nicht die großen, sondern die kleinen Vorfälle sind, die beweisen, wie weit verbreitet dieses Problem ist. Der Antisemitsmus ist nach ihrer Beschreibung ins alltägliche Leben eingedrungen, das mache es komplizierter, das Problem anzugehen. 'Wenn es nicht gerade sehr ernst und man körperlich attackiert wird, gibt es eine Tendenz, nicht zur Polizei zu gehen', sagt Fredrik Sieradzki, Sprecher der jüdischen Gemeinde in Malmö."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2019 - Gesellschaft

Nach der Ausstellung "Muslim Fashions" in Frankfurt, die ein Instrument der Unterwerfung als modisches Accessoire feierte, eröffnet nun in Köln eine zweite Ausstellung zu "Munaqabba - über Frauen in Vollverschleierung in Deutschland". Die Fotografien Selina Pfrüner porträtierte - so weit man davon sprechen kann - einige vollverschleierte Frauen in Deutschland und führte mit ihnen einfühlsame Gespräche. Höhepunkt der Ausstellung wird das "Frauen-Special" am 23. Juni sein, an dem Frauen "Vollverschleierung anprobieren mit Hilfe der vollverschleierten Protagonistinnen", berichtet Chantal Louis bei emma.de: "Gefördert wird das Projekt mit 3.000 Euro vom Kulturamt der Stadt Köln, mit 8.000 Euro vom NRW-Landesbüro Freie Darstellende Künste und vom NRW-Kulturministerium. Das Kölner Kulturamt ist angetan davon, dass 'Selina Pfrüner einen spannenden, in keine Richtung wertenden Zugang zu der Thematik gefunden hat'. Auch das NRW-Landesbüro, das das Projekt im Auftrag des NRW-Kulturministeriums fördert, fand den Antrag der Fotografin 'überzeugend'. Unterstützt wird die Vollverschleierungs-Ausstellung im Rahmen des Sonderförderprogramms 'Interkuturelle Impulse', das Teil des 'Landesintegrationsplans' ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2019 - Gesellschaft

In der Welt überlegt Cigdem Toprak, warum es für Einwanderer oft so schwer ist, in Deutschland anzukommen. Einer der Gründe ist ihrer Meinung nach das fehlende Freiheitsgefühl der Einwanderer: Es "fehlt oft allen, die aus Ländern stammen, in denen das Kollektiv einen höheren Stellenwert hat als das Individuum. In denen die Interessen der Gruppe, sei es der Stamm, die Religionsgemeinschaft oder die Familie, über den Interessen des Einzelnen stehen. Wen man heiraten, welchen Beruf man ausüben, wo man leben möchte, darf nicht individuell beantwortet werden, sondern wird durch andere bestimmt - ob durch Tradition, Kultur oder Religion. Und diese Denkweise wird nach Deutschland importiert, hier weitergelebt, an die nächsten Generationen weitergegeben. Es ist die Freiheit, die uns allen fehlt."
Stichwörter: Freiheit, Einwanderer

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2019 - Gesellschaft

In der SZ bewertet Isabel Pfaff die große Frauendemonstration in der Schweiz nicht nur als Protest gegen ungleiche Löhne, mangelnde Repräsentation und fehlende Kinderbetreuung: "Wenn junge Frauen mitten auf dem Berner Bundesplatz in aller Seelenruhe das Wort 'Vulva' auf ein riesiges Plakat pinseln, wenn sie stolz eine lila Gebärmutter als Symbol ihres Protests in die Höhe halten, wenn sie sich lautstark über die hohe Besteuerung von Tampons ärgern: Dann wird Weiblichkeit neu bewertet. Und Feminismus zu einer Haltung, die Mädchen und junge Frauen selbstbewusst für sich reklamieren."

"Man läuft heute als religiöser Jude nicht mehr mit der gleichen Selbstverständlichkeit durch europäische Städte wie zum Beispiel noch vor zehn Jahren", sagt der Basler Judaist Alfred Bodenheimer im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen: "Ich sehe diesen neuen Antisemitismus als eine Erkrankung unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die glaubt, sie müsse ihre Probleme dadurch lösen, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf gewisse Partikularfragen richtet, die aber an den Problemursachen vorbeigeht. Dadurch werden die grundsätzlichen Probleme aber natürlich nicht gelöst, die Aggressionen gegenüber Minderheiten dafür umso stärker, weil eben die großen Probleme bleiben. Ich glaube auch, dass wir den islamischen Antijudaismus ernst nehmen, aber nicht überschätzen sollten. Man muss sehen: Es gab in Europa schon sehr viele xenophobe Bewegungen, die kamen und gingen." Aber: "Jüdinnen und Juden leben seit 2000 Jahren hier und werden zum Teil trotzdem noch immer als 'Problem' gehandelt. Ich glaube deshalb, dass Antisemitismus eine stärkere Dimension einnimmt als anderer Fremdenhass, was diesen natürlich nicht besser macht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2019 - Gesellschaft

In der NZZ sinniert der französische Philosoph und Schriftsteller Pascal Bruckner über das Wesen der Liebe, über Treue und Authentizität, fortschrittliche Rhetorik und spießbürgerliche Praxis. Und den grausamen Markt: "In diesem großen Handel hat jeder einen Wert, er kann sich täglich ändern und hängt von der sozialen Position ab, vom Aussehen, vom Alter, vom Glück. Im Prinzip verheißt unsere Gesellschaft allen maximalen Genuss, doch tatsächlich führen die glücklich Strahlenden eine ganze Horde von Abgewiesenen und Hoffnungslosen im Schlepptau. Der Markt der Anmut gehorcht Gesetzen, die umso erbarmungsloser sind, als sie niemals ausgesprochen werden. Denn schließlich sind wir alle Betroffene, alle nehmen wir Teil an diesem Krieg der Äußerlichkeiten. Jeder beobachtet jeden, und beobachten bedeutet: evaluieren, prüfen, zurückweisen. Eine Abfuhr aber fällt in unseren demokratischen Staaten vollumfänglich auf das Individuum zurück. Hier hat die Freiheit in Liebesdingen, deren wir uns rühmen, tatsächlich etwas verändert: Mit den zahlreichen Verboten hat sie auch eine Art Schutzwall beseitigt - wir können uns nicht mehr hinter den strengen Regeln einer Institution oder den Normen der Gesellschaft verstecken."

In der taz pocht der Schriftsteller Arnon Grünberg auf das Recht, nicht mit seiner Identität hausieren gehen zu müssen: "Ich übe das Recht aus, nicht hineinzupassen. Das ist eine andere Art, zu sagen: Ich übe mein Recht auf Einsamkeit aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2019 - Gesellschaft

Man kann nicht auf der einen Seite die Aufnahme von Kinderrechten ins Grundgesetz fordern und auf der anderen das Kopftuch für kleine Mädchen rechtfertigen, "denen unter anderem erzählt wird, sie seien unrein 'wie ein angelutschtes Bonbon', wenn ihr Haar nicht bedeckt ist", kritisiert der Psychologe Ahmad Mansour in der Welt. "Kinder lernen durch Exploration, Beobachtung, durch Fragen. Sie testen Umgangsweisen und Grenzen aus, und sie haben ein Recht darauf, ihren Weg in der Gesellschaft zu finden, ein Recht auf Erfahrungen ohne beängstigende, irregeleitete Einschränkungen. Das Kopftuch, bei Kindern niemals freiwillig ausgesucht, schränkt die weibliche Persönlichkeitsentwicklung ein und behindert die spätere Identitätsfindung. Es sendet aber ebenso Signale an die Jungen, die ihre Schwestern oder Schulkameradinnen als 'unrein' dargestellt bekommen, wenn sie kein Tuch tragen. Somit erhöht das Kopftuch das Risiko emotionaler und sozialer Entwicklungsverzögerung und Anpassungsstörung. Kopftücher sind alles andere als dekorative Textilien."

Die Frauenärztinnen Bettina Gaber und Verena Weyer sind in Berlin wegen Verstoßes gegen Paragrafen 219a, wonach für Schwangerschaftsabbrüche nicht geworben werden darf, angeklagt. Dabei haben sie einfach nur über die Möglichkeiten informiert. Im Interview mit Zeit online erklärt Gaber, was genau ihnen vorgeworfen wird: "Meine Kollegin und ich stehen vor Gericht, weil auf unserer Website steht, dass auch ein medikamentöser, narkosefreier Schwangerschaftsabbruch zu meinen Leistungen gehört. ... Es geht nur um die beiden Worte medikamentös und narkosefrei. Ich dürfte nach dem neuen Gesetz schreiben, 'ein Schwangerschaftsabbruch gehört zu meinen Leistungen', und dann einen Link zur Bundesärztekammer setzen, wo die Methoden beschrieben werden und die Ärzte verzeichnet sind, die Abbrüche anbieten. Aber ich darf selbst nichts über die Methode schreiben."