Die Diskussionen um das
Jüdische Museum Berlin, dessen Direktor Peter Schäfer zurücktrat,
erscheinen Micha Brumlik in der
taz als "Neugeburt einer spezifischen Form des
McCarthyismus". Schon auf den Verdacht hin, dass jemand der Israelboykottbewegung nahesteht, erhöben sich Stimmen, die Auftritte solcher Personen im Jüdischen Museum ablehnen. Mit Vorliebe betrieben das die Springer-Zeitungen: "Dabei geht es weder um Informantenschutz noch darum, jemandem Schmierenjournalismus vorzuwerfen, sondern darum, auf ein weiteres Beispiel für den
Verfall liberaler Öffentlichkeit hinzuweisen. Der Hinweis, der Vorwurf, jemand 'stehe' einer Politik, einer Haltung, einer Meinung 'nahe', ist schnell erhoben und kaum belegpflichtig."
Auf die Fragen, was ein
Jüdisches Museum sein kann, sein muss, sein sollte, gibt es verschiedene Antworten. Der
Tagesspiegel erzählt an
zehn Beispielen, wie Jüdische Museen in der Welt sie beantworten. Zum Beispiel das Jüdische Museum
München: "Von der Debatte um den Rücktritt Peter Schäfers als Direktor des Jüdischen Museums in Berlin fühlt sich Münchens Direktor [Bernhard] Purin '17 Jahre zurückgebeamt'. Während seiner Zeit am Jüdischen Museum Franken hatte er damals heftige Kritik aus Teilen der jüdischen Gemeinde in Fürth erfahren. Es ging um eine satirische Ausstellung der Berliner Künstlerin Anna Adam. Der damalige Fürther Rabbiner Netanel Wurmsel forderte Purins Rauswurf. Wurmsel fühlte sich 'beleidigt und verhöhnt'. Anders als Schäfer konnte Purin damals bleiben. Der Konflikt in Berlin ist für ihn eine
logische Konsequenz: 'Die Spannung zwischen orthodox geführter Religionslehre und der säkularen Darstellung jüdischer Identitäten in Museen führt zu einem
Grunddissens.'"
Der
Tagesspiegel fasst die Ergebnisse seiner über Wochen andauernden Recherche zur Frage,
wem Berlin gehört, in einem
riesigen lesenswerten Internetdossier zusammen. Berlin war
reif für die Immobilienkonzerne, nachdem wegen der Krise des gemeinnützigen Wohnens (ausgelöst auch durch den
Neue-Heimat-Skandal, mehr
hier) und die Schuldenlast der Gemeinden Hunderttausende Wohnungen an den Markt kamen. Berlin war aus mehreren Gründen das
ideale Pflaster, so die Autoren: "Erstens: die
demografische Entwicklung. Zuzug ist gut für den Wert von Immobilien. Zweitens: wenig Leerstand und wenig Neubau. Wohnungsknappheit spielt den Immobilienkonzernen in die Hände. Sie können nun
kräftige Mieterhöhungen durchsetzen. Drittens: Viele Häuser sind noch nicht modernisiert. Sie haben also hohes Wertsteigerungspotenzial. Und das geht viertens derzeit besonders gut, weil
Kredite eben gerade fast nichts kosten." Flankierend sollte man Reinhart Büngers
Artikel aus dem Wirtschaftsteil des
Tagesspiegels lesen: "Die Hauptstadt verzeichnet bundesweit den
stärksten Rückgang an Sozialwohnungen. Nur knapp 13.000 wurden in den vergangenen zwölf Jahren gebaut."
Nigeria hat ein besonders großes Problem, was die
Misshandlung von Frauen angeht,
schreibt Ibitoye Segun Emmanuel in
Project Syndicate. Verantwortlich macht er dafür die in der Gesellschaft verbreitete "toxische Männlichkeit", die sich auch in einem von strikt patriarchischen Regeln geprägten Rechtssystem widerspiegele. "Viele in Nigeria glauben, dass die familiäre und sogar gesellschaftliche Ehre von der Komplizenschaft, Reinheit und dem Schweigen der Frauen abhängt. Frauen, die sich zu Gewalt äußern, oder gar versuchen, Angreifer zu verfolgen, werden
stigmatisiert. Einige Überlebende von Vergewaltigungen werden sogar aus ihren Gemeinschaften vertrieben, weil sie Ehebrecherinnen sind, und eheliche Vergewaltigungen werden nicht anerkannt, weil eine Frau ihrem Mann keinen Sex verweigern darf. Ebenso wird der Missbrauch in der Ehe abgelehnt, weil ein Mann
seine Frau '
disziplinieren' muss. Ebenso wird angenommen, dass die Genitalverstümmelung die Reinheit einer Frau und die Würde ihrer Familie bewahrt. In einigen ethnischen Gruppen werden junge Mädchen als
Kreditsicherheit verwendet. All dies trägt dazu bei, dass über Gewalt kaum berichtet wird."
In
Europa wird es immer schwieriger über
sexuelle Belästigung zu sprechen, weil immer unklarer wird, was das eigentlich ist, lernt man aus einem
NZZ-
Artikel von Claudia Mäder, die sich eine
EU-
Studie zum Thema vertieft hat, die sexuelle Belästigung an der
persönlichen Einschätzung der Befragten festmacht. Fest steht: Je mehr darüber geredet wird, desto größer scheint das Problem zu sein, obwohl es laut Statistik zurückgeht. Und so landen wir langsam wieder
im Mittelalter: "Ob der
prinzipiell schuldbehaftete Beischlaf nach kirchlichen Geboten in gewissen Momenten vollzogen werden durfte, hing laut einer Richtlinie für Beichtväter aus dem Jahr
1317 davon ab, ob die schamhaft-schüchterne Frau 'mit deutlichen Worten oder aber auf eine andeutende Weise wie z. B. mit anschaulichen Zeichen' darum gebeten hatte. Der Mann, der sowieso dauernd Begierige, hatte daher theoretisch stets den weiblichen Körper zu entziffern und auf
positive Signale zu lauern."
Vor zwei Wochen hat die prominente demokratische Kongressabgeordnete
Alexandria Ocasio-Cortez Lager an der Grenze zu Mexiko mit KZs verglichen und schloss ein Tweet mit der Aufforderung "
Never again". Daraufhin entbrannte eine erregte Debatte, ob
solche Analogien zu rechtfertigen seien. Und das United States Holocaust Memorial Museum veröffentlichte ein
Statement, das solche Analogien verurteilt. Eine ganze Reihe von Historikern, darunter
Omar Bartov und
Timothy Snyder fordern das Museum in einem im
NYRBDaily veröffentlichten
Offenen Brief nun auf, dieses Statement zurückzunehmen: "Kern der Holocaust-Erziehung ist es, das Publikum über gefährliche Entwicklungen zu alarmieren, die zu Verletzungen der Menschenrechte und zu Schmerz und Leid führen. Auf Ähnlichkeiten
über Zeit und Raum hinweg zu verweisen, ist dabei wesentlich."