9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2025 - Gesellschaft

In der SZ klärt Sebastian Hermann über Forschungsergebnisse der Psychologen Ann Krispenz und Alex Bertrams auf, die die dunkle Seite des Aktivismus untersuchen: "Ihre Hypothese lautet, dass manche Formen des Aktivismus insbesondere auf Menschen mit finsteren Persönlichkeiten anziehend wirken. Demnach würden Personen mit narzisstischem Charakter, einem Hang zu Machtstreben, Manipulation und Psychopathie politische Ziele nicht vorrangig verfolgen, weil sie sich mit diesen identifizieren. Sie treibt vielmehr der Wunsch nach einer Bühne an, auf der sie ihr Bedürfnis nach Bewunderung, Aufmerksamkeit, Geltung und moralischer Selbstüberhöhung befriedigen können." Es stecke ein "hohes Schadenspotenzial darin, wenn Menschen mit antagonistischen Charakterzügen als Aktivisten auftreten, so die Berner Forscher. 'Diese Personen werden womöglich von der schweigenden Mehrheit als typisch für ein Anliegen wahrgenommen und beschädigen dieses', sagt Krispenz. Menschen mit ausgeprägtem Narzissmus, Geltungsdrang, Machtstreben, dem Bedürfnis nach Nervenkitzel und moralischer Selbstüberhöhung sind schließlich oft auch jene, die sich in Vordergrund und Rampenlicht drängeln."

In der taz findet Ralf Nestmeyer es an der Zeit, Gedenkfeiern nach Anschlägen oder Naturkatastrophen nicht mehr in Kirchen stattfinden zu lassen: "Kirchen sind in einer säkularen Gesellschaft als Gedenkorte ungeeignet, da sie Menschen ohne Glaubenszugehörigkeiten ausgrenzen. Dazu erscheint es fragwürdig, wenn die Staatsspitze an Trauergottesdiensten teilnimmt, obwohl viele Opfer wahrscheinlich nicht christlichen Glaubens waren. Aus Rücksicht auf Atheisten, Agnostiker und Nichtchristen sollte die Politik darauf verzichten, allen Opfern mit Bibelversen und bischöflichem Segen unter einem christlichen Deckmantel zu gedenken. Kollektive christliche Trauergottesdienste sind nicht nur übergriffig, sondern auch respektlos gegenüber den Opfern. Der Staat sollte zentrale Trauerfeiern an religionsneutralen Orten organisieren, die allen Hinterbliebenen ermöglichen, würdevoll und ohne ideologische Vorgaben zu trauen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2025 - Gesellschaft

Elon Musk hat AfD-Anhängern vor Kurzem zugerufen, dass sie wieder "stolz" auf ihr Land sein sollten und dass sie "zu viel Schuld" an der Vergangenheit auf sich nehmen. Dies geht auf den allgemeinen Irrglauben zurück, alle Welt wüsste bestens über die NS-Verbrechen Bescheid und jetzt könnte endlich nach vorne geblickt werden, schreibt Johan Schloemann in der SZ. Dem ist aber mitnichten so. "Keineswegs ist das Wissen über den Nationalsozialismus bei allen, die in Deutschland leben, heute groß, bei vielen sogar sehr dürftig. Das gilt auch für die handfesten Lehren, die man daraus über das Völkerrecht oder über Radikalisierung ziehen kann. Die Wissenschaft, ihre Vermittler, die Zivilgesellschaft und die Schulen haben da in Wahrheit noch viel zu tun. Und zu den Momenten des Gedenkens sollte einkehren, was unserer Gegenwart oft abgeht: Stille, Demut und Mitgefühl. Und ja, auch Scham."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2025 - Gesellschaft

In der SZ denkt die österreichische Schriftstellerin Teresa Präauer über die Forderung der Steve Bannons dieser Welt nach, "die Zone mit Scheiße zu fluten". Gemeint ist damit, "'eine Wahrheitsumgebung zu zerstören, eine Umgebung, in der Fakten zählen', beschreibt das der Schweizer Publizist Roger de Weck jüngst in einem Radiointerview. Er ortet auch 'in halb Europa eine Generaloffensive gegen die öffentlichen Medienhäuser', ihrem Bestreben nach antiaufklärerisch und antidemokratisch". Doch man kann sich wehren, ermuntert Präauer: "'Protect the zone', heißt das im Basketball. Es bedeutet, dem Gegner keine einfachen Korbwürfe zu ermöglichen. Das Eindringen von Scheiße zu verhindern, sie wegzuschaufeln. Sich von diesem Speak nicht vorführen, anleiten und dirigieren zu lassen. Sich in eine bestimmte Zone nicht abdrängen zu lassen, abzuwarten und sich zu fürchten. Nicht mitzumachen, wenn wieder eine Sau durchs Dorf getrieben wird. Den Shit zu ignorieren und dumm sterben zu lassen, sofern man das über einen Haufen sagen kann."

Die Affäre Gelbhaar ist ein Alptraum des Feminismus, denn hier scheint es, als sei eine wohl begründete Devise der #MeToo-Bewegung - glaube den Opfern - zynisch zu einer Intrige missbraucht worden. Dem Berliner Bundestagsabgordneten Stefan Gelbhaar waren bekanntlich Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gemacht worden - von jungen Politikerinnen der Berliner Grünen, die dafür Opfer erfunden haben. Der RBB ist in der dümmsten möglichen Weise auf diese Fiktion hereingefallen (unsere Resümees). Dass sich die Bundesgrünen im Wahlkampf nur mit spitzen Lippen zum Fall äußern, kann die Spiegel-Autorin Anna Clauß mit Blick auf den Wahlkampf noch verstehen. Aber "wo bleibt der Aufschrei der #MeToo-Bewegung? Falsche Verdächtigungen schaden ja nicht nur Männern, sondern auch allen Frauen. Vor allem den Opfern echter Übergriffe, denen künftig noch zögerlicher geglaubt werden dürfte. Als die Chefin der Grünen Jugend Jette Nietzard vor ein paar Tagen sinngemäß sagte, die Unschuldsvermutung gelte vor Gericht, aber nicht in einer Partei - gab es da Widerspruch von Feministinnen?"

Als Feministin versteht sich allerdings auch die junge Berliner Grünen-Politikerin Hacer Aydemir, die sich kurz vor der Affäre mit dem unten stehen Video erfolglos für eine Bundestagskandidatur bewarb. Aydemir arbeitete wie Shirin Kreße, die die Aussage eines Opfers erfunden haben soll, im Büro des Grünen-Poltikers Ario Mirzaie - Kreße ist inzwischen aus der Partei ausgetreten, Aydemir hat ihren Posten bei Mirzaie aufgegeben. In der BZ gibt es mehr über den aktuellen Stand. Unabhängig von der Frage, ob Aydemir an einer Intrige beteiligt war, scheint uns das Video als Zeitdokument für eine bestimmte Mentalität wichtig zu sein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2025 - Gesellschaft

Im Tagesspiegel berichten Alexander Fröhlich und Christian Latz neues vom Fall Gelbhaar und gehen Hinweisen nach, ob die Grünen-Abgeordnete Hacer Aydemir an der Intrige gegen Gelbhaar beteiligt war. Interessanter sind aber die letzten Absätze, denn bis jetzt blieb völlig unklar, was Gelbhaar eigentlich noch vorgeworfen wird: "Die Bundesparteizentrale der Grünen lässt nun eine Kommission die Vorwürfe im Fall Gelbhaar untersuchen und will nicht erneut gefälschten Vorwürfen erliegen. 'Es wurden angemessene Maßnahmen ergriffen, sich von der Identität der meldenden Personen zu überzeugen', heißt es in einem Schreiben des Justiziars der Grünen, das dem Tagesspiegel vorliegt. Die Fälle seien 'dahingehend plausibilisiert' worden, dass die Meldungen 'sich zu einem relevanten Vorwurf grenzverletzenden Verhaltens verdichten'. Grenzverletzung? Nach dem typischen Sprachgebrauch von Ombudsstellen, so das Schreiben, sei das 'nicht mit strafrechtlich relevantem Verhalten gleichzusetzen'. Grenzverletzung meine vielmehr 'eine durch die betreffenden Personen selbst als solche empfundene Überschreitung des persönlichen Wohlbefindens'." Was für eine Steilvorlage für Denunzianten.

Tobias Schulze fragt in der wochentaz derweil, was genau eigentlich die "Ombudsstelle" der Grünen macht: "Es ist auch nicht erkennbar, dass die Ombudsstelle etwas dafür getan hätte, die Vorwürfe aufzuklären. Die Identitäten derjenigen, die Beschwerden eingereicht hatten, hat sie nicht geprüft. Offenbar ermöglichte sie Gelbhaar nicht mal, sich zu verteidigen: Seinen Angaben zufolge erhielt er keine Details zu den Vorwürfen. Erst als der RBB berichtete, hatte Gelbhaar Anhaltspunkte, die er widerlegen konnte. Aufklärung sei auch gar nicht die Aufgabe der Ombudsstelle, heißt es jetzt vielfach aus der Partei. Sie sei keine Ermittlungsbehörde. Stellt sich die Frage: Was macht sie dann? Mit solchen Fragen stößt man in diesen Tagen bei den Grünen auf Schweigen. Verantwortliche im Bund und in den Ländern wollen noch nicht mal darüber sprechen, wie die Strukturen grundsätzlich aussehen. Aus wie vielen Menschen besteht eine Ombudsstelle? Keine Antwort. Noch nicht mal eine vertrauliche Antwort? Nein."

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Im FAS-Interview erzählt Caroline Darian, die Tochter von Gisèle Pélicot, vom Prozess gegen ihren Vater und Dutzende Männer, die sich an ihrer Mutter vergangen hatten, während diese betäubt war. Darian weist auf die lange verkannte Gefahr durch "chemische Unterwerfung" hin: "Es gibt wahrscheinlich Abertausende Opfer allein in Frankreich, die mit Medikamenten, Schlaftabletten, Schmerzmitteln betäubt wurden. Und da geht es nicht nur um Frauen, auch um Kinder. Das weiß ich, weil ich in den letzten drei Jahren, seit wir diese Bewegung gegründet haben, so viele Berichte bekommen habe. Das beschränkt sich nicht nur auf unseren Fall, auf unsere Familie. Sie müssen sich nur anschauen, wie viele Männer kamen, um meine Mutter in diesem Zustand zu vergewaltigen." Darians Buch über den Fall ist kürzlich erschienen.

Im Tagesspiegel-Interview äußert sich der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, zu wachsendem Antisemitismus, deutscher Erinnerungskultur und dem erstarkenden Populismus. Ein Gespräch mit der AfD kann er sich nicht vorstellen: "Worum sollte sich das Gespräch denn drehen, und wer hätte überhaupt den Wunsch? Die Rede von Parteichefin Alice Weidel beim Bundesparteitag der AfD hat doch gezeigt, dass sie sich längst einer zerstörerischen Ideologie verschrieben hat. Ich habe die Rede als sehr populistisch wahrgenommen und sehe keine Möglichkeit, ein Gespräch mit demokratischen Regeln zu führen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2025 - Gesellschaft

In Deutschland soll Schwangerschaftsabbruch endlich entkriminalisiert werden. Eine Reihe von Rechtsprofessoren und -professorinnen verteidigt diese Entscheidung in der FAZ nachdrücklich gegen jene, die behaupten, der Schutz des ungeborenen Lebens werde dadurch geschwächt. Nur werde ja ohnehin kaum je eine Frau in Deutschland wegen Abtreibung bestraft, so das Papier: "Auch wenn diese Fälle also strafrechtlich nicht verfolgt werden, stuft das Gesetz sie jedoch formell als rechtswidrig ein - es bleibt ein folgenschweres sogenanntes Unwerturteil an der Schwangeren hängen. Kriminalstrafrecht soll hier als Symbol wirken. Doch zum einen wissen wir, dass die erhoffte Präventionskraft der Strafdrohung kaum 'wirkt'. Was die Zahl der Abbrüche effektiv verringert, sind Verbesserungen der Perspektive eines Lebens mit Kind sowie präventive Maßnahmen zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften - beides kostet Geld. Bei Einsatz des Strafrechts steht im Gesetzesentwurf unter Kosten zumeist 'keine' - den Preis allerdings zahlt erkennbar nur eine: die Schwangere."

Mark Zuckerberg forderte neulich mehr "maskuline Energie" in amerikanischen Konzernen, erinnert Lisa Nienhaus in der SZ. Und tatsächlich haben "Frauen in den vergangenen Jahrzehnten eine Erfolgsgeschichte hingelegt", wie die Zahlen beweisen - allerdings gibt es immer noch vielmehr Männer in Chefpositionen. Und wie sieht es so mit den Führungsqualitäten bei Frauen aus? "Da gibt es etwa die Daten einer Beratung, die 360-Grad-Beurteilungen für Führungskräfte anbietet. Sie wertete die Bewertungen von Führungsfrauen durch ihre Vorgesetzten aus und verglich sie mit Bewertungen von männlichen Führungskräften. Und siehe da: Hier schnitten Frauen im Durchschnitt in 17 von 19 Fähigkeiten besser ab als Männer. Besonders in den Feldern 'ergreift die Initiative' und 'Resilienz' sowie 'strebt nach Ergebnissen' waren die Frauen deutlich vorn. Aber auch bei 'Ehrlichkeit' und 'mutiger Führung'. Männer waren hingegen in den Feldern 'strategische Perspektive' und 'technische Expertise' besser, allerdings nur minimal. Sehr viel größer waren die Unterschiede hingegen, wenn die Personen sich selbst bewerten sollten. Hier waren Führungsfrauen sehr viel kritischer mit sich selbst als Männer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2025 - Gesellschaft

"Schande!", ruft Michel Friedman im Tagesspiegel-Interview in Bezug auf Elon Musks Hitlergruß bei Trumps Amtseinführung: "Die Tabubrüche erreichen einen für die gesamte freie Welt gefährlichen Punkt." Antisemitismus sei auch in Deutschland nie verschwunden, sagt er außerdem, und spricht sich für ein AfD-Verbot aus: "Der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel hat gesagt: 'Ich dachte, der Antisemitismus sei 1945 in Auschwitz gestorben. Aber ich habe mich geirrt. Seine Opfer sind umgekommen. Der Antisemitismus nicht.' Die Antisemiten und Rassisten leben. Rostock, Hoyerswerda, Mölln, der NSU, Hans-Georg Maaßen als Verfassungsschutzpräsident - immer hieß es: Einzelfälle. Eine juristische Lösung ändert nichts an dieser gesellschaftlichen Realität. Trotzdem ist meine letzte Antwort: Wenn die Beweise ausreichend sind, um verantwortungsbewusst die AfD zu verbieten, ist es die Pflicht der demokratischen Institutionen, das zu tun. So ist es im Grundgesetz verankert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2025 - Gesellschaft

Jochen Staadt, ehemaliger Projektleiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, blickt in einem FAZ-Essay auf die Geschichte der Freien Universität in Berlin zurück, die ein Bollwerk gegen beide Totalitarismen sein sollte. Spätestens mit der Studentenrevolte etablierte sich allerdings wieder ein israelbezogener Antisemitismus, so Staadt. Und leider wurde auch nach dem 7. Oktober von einigen hundert Professoren wieder Verständnis für Hassparolen geäußert, in einem Aufruf, der Aktivisten gegen polizeiliche Maßnahmen in Schutz nahm. Für Staadt ist das ein Rückfall in schlimmste Traditionen: "Es war dies freilich nicht das erste Mal hierzulande, dass akademische Kreise in solcher Massivität Verständnis für Antisemiten bekundeten. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ersuchten im November 1933 mehr als 900 Universitätsangehörige mit ihrer Unterschrift das Ausland um Akzeptanz für die Politik des neuen Reichskanzlers. Zu den Unterzeichnern dieser Inschutznahme eines Antisemiten gehörte auch der spätere FU-Professor Karl C. Thalheim. Er behauptete 1966 in einem Interview, er sei nie Antisemit gewesen. So äußern sich auch die 'Lehrenden', die sich 2024 vor randalierende Antisemiten stellten..."

Der Fall des Rechtsextremen, der sich unter Ausnutzung des Selbstbestimmungsgesetzes zur Frau erklärt hat, zeigt für Till Randolf Amelung in queernations.de, wie dieses Gesetz gerade durch Rechtsextreme ausgenutzt werden kann: "Dies ist nicht der einzige Fall aus dem rechtsextremen Spektrum, wo das Selbstbestimmungsgesetz als Vehikel zum Triezen des ihnen verhassten Staates benutzt werden könnte. Bereits im Dezember berichtete IQN über den bayrischen AfD-nahen Aktivisten Johannes Normann, der auf dem Kurznachrichtendienst X sein ausgefülltes Formular für eine Vornamens- und Personenstandsänderung nach dem Selbstbestimmungsgesetz postete. Auch er will damit die Justizbehörden zum Narren halten." Am meisten leiden dabei diejenigen, um die es im Gesetz eigentlich geht, so Amelung: "Für Transpersonen besteht das Risiko, dass einiges, was der Transaktivismus in den vergangenen 15 Jahren erreicht hat, wieder zurückgenommen wird."

Thomas Thiel weist in einer Glosse für die FAZ in die Finessen des Falls ein: Es handle sich um eine "mit Haftstrafe bedrohte Rechtsextremistin (wir halten uns an die gesetzliche Ordnung), die sich neuerdings Marla-Svenja nennen lässt und jeden, der sie beim alten, männlichen Namen nennt, mit Klagen überziehen will, weshalb wir Marla-Svenja Liebich nur noch bei ihrem neuen Vornamen nennen wollen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2025 - Gesellschaft

Stefan Laurin kommt in den Ruhrbaronen auf den zehnten Jahrestag der Morde an Charlie-Hebdo-Zeichnern zurück und resümiert sarkastisch: "Der Westen hat die Lektionen, die ihm durch die Morde von Paris und viele andere Anschläge von Islamisten erteilt wurden, gelernt. Spott über den Islam wird vermieden, zu gefährlich sind Witze über Mohammed. Und seit Kritik am Islam als Islamophobie diskreditiert wurde und für viele eine Form von Rassismus ist, nahm die Vorsicht weiter zu."

In der französischen Bevölkerung ist die Zustimmung der Bevölkerung zum Recht auf Satire hingegen stark gestiegen, berichtet FAZ-Korrespondentin Michaela Wiegel: "76 Prozent der Franzosen wollen das Recht auf Satire und Religionskritik als Teil der freien Meinungsäußerung geschützt sehen." Nur eine Ausnahme gibt es, die Wähler des Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon und seiner Partei "Unbeugsames Fankreich". Mélenchon war ursprünglich ein Laizist und hielt sogar die Trauerrede für den Charlie-Zeichner Charb. Aber inzwischen hat er ein neues Wählerpotenzial entdeckt: "Eine Ifop-Umfrage nach der Europawahl im vergangenen Juni hat zutage gefördert, dass 62 Prozent der muslimischen Franzosen für LFI stimmten. Dieses Ergebnis ähnelt dem einer Umfrage nach den jüngsten Präsidentenwahlen 2022. In der ersten Runde wählten 69 Prozent der muslimischen Franzosen Mélenchon."

Auf Twitter ist das eine große Geschichte, die Christian Rath in der taz erläutert: "Die rechtsextremistische Provokationsfigur Sven Liebich hat ihren Personenstand von männlich auf weiblich ändern lassen. Als neuen Vornamen wählte Liebich Marla-Svenja. Da Liebich möglicherweise bald ins Gefängnis muss, stellen viele Medien die Frage, ob Liebich nun ins Frauengefängnis müsste. Doch das ist unwahrscheinlich. Wer das Geschlecht nur zu Provokationszwecken ändert, wird im Strafvollzug voraussichtlich weiter als Mann behandelt." Für Gutachter ist das sicher ein leichtes Spiel!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2025 - Gesellschaft

John McWhorter denkt in seiner New-York-Times-Kolumne über den jüngsten Sprachtrend in Amerika nach, der deutschen "Sensitivity Readern und Readerinnen einiges Kopfzerbrechen machen wird: "De-gendering". Man sprach etwa bei den Golden Globes nicht mehr über den Preis für den besten Schauspieler und die beste Schauspielerin, sondern für den besten "Actor" und den besten "female actor" - statt actress. Ähnliche Verschiebungen beobachtet McWhorter bei Wörtern wie "goddess", "waitress" and "chairwoman". "Solche Begriffe können den Eindruck erwecken, dass die Frauen, die diese Rollen innehaben, sich in irgendeiner Weise wesentlich von den Männern unterscheiden, die diese Rollen innehaben - und dass sie vielleicht weniger wert sind. Durch das Anhängen einer weiblichen Endung wird die männliche Version als Standard festgelegt und das weibliche Wort zu einer bloßen Version oder Variation davon. Die Forderung, 'Actor', 'Hero', 'God' und 'Chair' sowohl für Frauen als auch für Männer zu verwenden, entspringt der Überzeugung, dass die von uns verwendeten Wörter unsere Gedanken formen können." McWhorter hat gegen das De-gendering übrigens keine Einwände.

Weitere Artikel: Im NZZ-Gespräch mit Claudia Schwartz kann Springer-Herausgeber Ulf Poschardt einfach nicht verstehen, weshalb der zu Klampen-Verlag sein Buch "Shitbürgertum" nun doch nicht herausgeben möchte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2025 - Gesellschaft

Die Themen Sozialstaat und Bürgergeld werden wohl ausschlaggebend für den Wahlkampf sein, weiß der Sozialhistoriker Jürgen Kocka im Tagesspiegel-Interview. Für einen starken Sozialstaat, der für die Demokratie notwendig ist, brauche man aber auch eine starke Wirtschaft: "Dass in Deutschland vergleichsweise wenig Erwerbsarbeit geleistet wird, schwächt das wirtschaftliche Wachstum und wird unter anderem durch relativ großzügige sozialstaatliche Leistungen ermöglicht. Oder: Die hohen Produktionskosten, die von Investitionen abhalten und im Extremfall zur Abwanderung von Unternehmen führen, resultieren zum Teil aus den hohen Abgaben, die zur Finanzierung sozialstaatlicher Leistungen in den Unternehmen erhoben werden. Dieser Zusammenhang scheint mir unbestreitbar, sein Gewicht wird unterschiedlich bewertet."

Die Alice-Salomon-Hochschule duldete bekanntlich eine Besetzung von Räumlichkeiten durch "propalästinensische" Aktivisten. Die Präsidentin Bettina Völter war in die Kritik geraten, einige Studenten und Kollegen sprachen ihr daraufhin ihre Solidarität aus (unsere Resümees). Nun berichtet Heike Schmoll in der FAZ, dass die Hochschule zugleich einige anitisemitische Schmierereien in der Hochschule zur Anzeige bringt: "Dabei wurden 13 Fotos von zwölf relevanten Materialien an die Polizei übermittelt. Außerdem strafrechtlich angezeigt wurden bisher sechs E-Mails und vier Social-Media-Posts, die sich gegen die Präsidentin der ASH Berlin wendeten. Offenbar ging es vor allem um das rote Hamas-Dreieck sowie Postkarten mit dem Slogan 'From the river to the sea'... Auf die Frage, wieso angesichts der antisemitischen Symbole noch von einer friedlichen Besetzung die Rede sein könne, teilte die ASH der FAZ mit: Es sei nicht zu Personen- oder Sachschäden gekommen und habe auch keine Räumung gegeben."