9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2025 - Gesellschaft

Was Traumatisierung heißt, erzählt in der wochentaz Yağmur Ekim Çay, der Angehörige von Opfern des Hanauer Anschlags besucht hat. Fünf Jahre ist das Attentat eines rechtsextremen Psychopathen nun her: "Seit dem Anschlag können Niculescu Păun und seine Frau nicht mehr arbeiten. Sie sind gesundheitlich schwer angeschlagen. 'Uns geht es gar nicht gut', sagt er. 'Wir schlafen kaum noch, wir haben seit dem 19. Februar viele Krankheiten bekommen.' Besonders schwer wiegt der Vertrauensverlust. 'Wir haben unser Vertrauen in die Polizei verloren', sagt Păun. 'Sie sollten die Garantie für unsere Sicherheit sein, aber mein Sohn konnte sie nicht einmal erreichen.' Trotz allem will er nicht aufgeben. 'Wenn wir die Situation einfach so akzeptieren, sollten wir uns nicht wundern, wenn der nächste Anschlag passiert.'"

Abschieben, Abschieben, Abschieben, etwas anderes ist den Politikern im Wahlkampf nicht eingefallen. Aber ist wirklich Migration das Problem? Ronya Othmann vermutet es in ihrer FAS-Kolumne an einer Stelle, wo es sehr viel weniger gern benannt wird: "Islamismus ist multidimensional, wird nicht nur importiert, entsteht längst auch in Deutschland selbst und wird schon lange auch exportiert - man denke nur an all die Jennifers, Rashids und Roberts, die von Deutschland aus in den Irak und nach Syrien reisten, um jesidische Kinder zu versklaven und sich in die Luft zu sprengen. Und wenn wir schon mal dabei sind, könnte man auch mal erwähnen, wie viele Jesiden, Afghanen, Iraner, Kurden, Homosexuelle, Atheisten in den vergangenen Jahren vor dem Islamismus nach Deutschland geflohen sind." Die Wahlkampfrhetorik ist unmenschlich und abstoßend, so Othmann: "Beim Abschieben zählen keine Schicksale, keine Geschichten, nur Zahlen. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2025 - Gesellschaft

Ein geplanter Vortrag der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese (unser Resümee) wurde von der Freien Universität Berlin abgesagt, meldet Daniel Bax in der taz. FU-Präsident Günther Ziegler meldete "Sicherheitsbedenken" an. Francesca Albanese fiel in der Vergangenheit durch ihre kontroversen Aussagen zu Israel auf. Mehr in der Jüdischen Allgemeinen.

Der proisraelische Aktivist Hillel Neuer hat Francesca Albaneses antisemitische Äußerungen in einem Bericht schon vor längerem penibel dokumentiert, ein Beispiel: "Sie spottete über die Aussage des französischen Präsidenten Macron, dass die Gräueltaten der Hamas vom 7. Oktober das größte antisemitische Massaker unseres Jahrhunderts darstellten. Stattdessen behauptete sie, dass die Opfer 'nicht wegen ihres Judentums getötet wurden', sondern 'als Reaktion auf die Unterdrückung durch Israel' (10. Februar 2024). Mit anderen Worten: Israel ist verantwortlich. Albanese wurde sowohl von Frankreich als auch von Deutschland schnell wegen Antisemitismus verurteilt."

Die Nahostexpertin Kristin Helberg verteidigt aber die Wissenschaftlichkeit solcher interventionen. Auf Twitter schreibt sie: "Genozid oder nicht? Darüber muss man auch in Deutschland streiten können, auf der Basis von Fakten, die unter anderm die UN-Sonderberichterstatterin @FranceskAlbs sammelt. Wo? Am besten unter Experten an einer Uni."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2025 - Gesellschaft

Die Shoah wird von allen politischen Seiten instrumentalisiert - Andreas Scheiner ist in der NZZ genervt: "Die einen sehen die KZ kurz vor der Wiedereröffnung, die anderen schwadronieren von einem angeblichen Schuldkult, der die Deutschen auf immer und ewig kollektiv belasten wolle." Seine Lösung: "Es braucht einen jüdischen Kanzler. (...) Das Gedankenexperiment lohnt sich. Zunächst einmal wäre, für alle ersichtlich, nicht mehr 1933. Diese Hysterie hätte ein Ende. Aber auch der AfD würde das Leben schwerer gemacht. Denn wenig tut die Partei lieber, als sich über die angeblich aufoktroyierte generationenübergreifende Schuld auszulassen. Mit einem jüdischen Kanzler wäre die Schuldigkeit getan. Es wäre der Schlussstrich gezogen, den sich die Gaulands, Weidels und Höckes so sehnlich wünschen. Ein Schlussstrich allerdings, der einen Neuanfang initiiert, den ein Jude diktiert (...)" Bei der Wahl des Kandidaten wird es allerdings knifflig, merkt Scheiner an, denn "im Bundestag sitzt nicht ein einziger jüdischer Abgeordneter."

Der Generalsekretär der CDU forderte nach den Attentaten von Magdeburg und Aschaffenburg ein "Register für psychisch kranke Gewalttäter". Der Autor und Psychiater Josef Aldenhoff hält in der SZ wenig von dieser Idee. Ein dringend notwendiger und viel effektiverer Ansatz wäre es, Menschen, die extremen psychischen Belastungen ausgesetzt waren, zum Beispiel auf der Flucht, angemessene psychologische Behandlung zu ermöglichen: "Nur einige wenige von denen, die Furchtbares erlebt haben, werden gewalttätig. Genau sie wären die Kandidaten für eine 'frühzeitige, koordinierte und intensive Therapie' (wie es die Fachgesellschaft für Psychiatrie empfiehlt, Anm.d.Red.). Doch sie werden sie nicht bekommen: Asylsuchende haben in Deutschland bis zu 36 Monate nur einen Anspruch auf eingeschränkte medizinische Leistungen. Psychotherapie mit Schwerpunkt Trauma ist keine eingeschränkte Leistung, und drei Jahre sind eine lange Zeit, wenn einer von Albträumen heimgesucht wird".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2025 - Gesellschaft

Am Institut für Philosophie der FU Berlin sind ein Vortrag und eine Diskussion mit Francesca Albanese angekündigt. Albanese ist "UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas", ein Ehrenamt, wie sie neulich auf Twitter betonte, und für ihre scharfen antiisraelischen Positionen bekannt. Erst jüngst wurde eine entsprechende Veranstaltung an der LMU München abgesagt. Titel der Veranstaltung an der FU: "Conditions of Life Calculated to Destroy - Legal and Forensic Perspectives on the Ongoing Gaza Genocide". Mit-Organisator der Veranstaltung ist die BDS-nahe Organisation "Forensic Architecture". Als Organisator werden außerdem die Professoren Robin Celikates und andere angegeben. Gegen die Veranstaltung richtet sich der Protest der deutsch-jüdischen "Werteinitiative", berichten die Welt (hier) und die Jüdische Allgemeine (hier). In dem offenen Brief der Werteinitiative heißt es: "Wir sind höchst irritiert, dass solchen Personen eine Bühne an der Freien Universität geboten werden soll. Diese Entscheidung erscheint angesichts der jüngsten Absage der Ausstellung 'The Vicious Circle' des britischen 'National Holocaust Centre and Museum' in einem ganz besonderen Licht. Diese Ausstellung, die sich kritisch mit der über 2000-jährigen Geschichte des Antisemitismus auseinandersetzt, wurde von der Universitätsleitung aus Angst vor 'emotionalen Reaktionen'und 'intensiven Debatten' gestrichen." Die Jüdische Allgemeine zitiert Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), zu dieser widersprüchlichen Haltung der FU: "Hamaskritik wird beschränkt, Hamasverharmloser erhalten eine Bühne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2025 - Gesellschaft

Rituale können der Identitätsbildung dienen, funktionieren aber vor allem, wenn sie mit dem Erleben von Gewalt, Bloßstellungen oder Ekstase einhergehen, sagt der Ethnologe Thomas Hauschild im FAZ-Gespräch, in dem er der dafür plädiert, etwa mit Blick auf das umstrittene Klaasohm-Fest auf Borkum, Rituale mit Menschenrechten zu vereinbaren. Auch auf Trump, der die Idee einer sogenannten brutalen Stunde, in der Gewalt und Brutalität kurzzeitig straffrei möglich sind, äußerte, kommt er zu sprechen: "Trump ist für mich der folklorische Politiker, nach Berlusconi und Hitler. Als eine Art blutiger Clown der Folklore bindet er eventfreudige Wähler mit Märchen - man könnte auch sagen Fake News - und der Androhung von Austreibungen und Bestrafungen an sich. Seine Idee eines rechtsfreien Tages im Jahr erinnert stark an den Horrorfilm 'The Purge - die Säuberung' von 2013, ein apokalyptisches Anarchieszenario."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2025 - Gesellschaft

Man sagt jetzt nicht mehr "Ehrenmord", man sagt "Femizid", betonen zwei Artikel in der taz zum zwanzigsten Jahrestag des Mords an Hatun Sürücü in Berlin. Sie wurde, wohl auf Betreiben ihrer ganzen Familie, von ihrem jüngsten Bruder erschossen, weil sie sich entschlossen hatte, selbstbestimmt zu leben. Die Debatte, die nach dem Mord folgte, sei "rassistisch" gewesen, schreibt Frederik Eikmanns: "Die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak brachte das einst für das Beispiel des kolonialisierten Indiens so auf den Punkt: 'White men are saving brown women from brown men'." Das einzige Problem bei dieser Diagnose, der Eikmanns eigentlich zustimmt, sind die Tatsachen, wie er selbst einräumt: "Wer den Fall Sürücü und die Reaktionen ausschließlich als Ausdruck rassistischer Ressentiments in der deutschen Gesellschaft deutet, geht auch an der Realität vorbei. Oder kollidiert viel mehr mit ihr." Für Eikmanns ein schwieriger Fall: "Der Fall Sürücü liegt damit in einer Art Knautschzone. Hier überlagern und überschneiden sich die Perspektiven und Deutungsangebote."

Uta Schleiermacher berichtet im Berlin-Teil der taz über konkrete Sozialarbeit zum Thema. "Entgegen der medialen Sichtbarkeit sei es schlichtweg falsch, dass Feminizide in den einen Kulturen öfter geschähen als in den anderen", zitiert sie Rebecca Zorko vom "Netzwerk gegen Feminizide ". Aber zum Glück gibt es Beratungsstellen für Frauen, die den Zwangsverhältnissen ihrer Familie entkommen wollen. "Der Mord damals habe 'einen Stein ins Rollen" gebracht', sagt Bahar Haghanipour, die frauenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus. 'Daraus sind Maßnahmen entstanden, aber es gab auch eine rassistische Debatte', sagt sie."

Franziska Pröll erläutert in der FAZ recht interessant die Problematik hinter Begriffen wie "Femizid", "Ehrenmord" oder "Trennungstötung". Organisationen wie "Terre des Femmes" halten aus guten Gründen am Begriff des "Ehrenmords" fest, so Pröll, die mit Myria Böhmecke von der Organisation gesprochen hat: "Sie seien dabei geblieben, weil es eben der Begriff sei, mit dem man 'genau diese Gewalttaten kennzeichnen kann'. Und: 'Wenn wir Workshops, zum Beispiel in Schulen, machen, wissen die Personen genau, wovon wir sprechen.'" Juristisch aber wird ein "Ehrenmord" anders eingeschätzt als eine "Trennungstötung", die auch unter den Begriff des "Femizids" fällt, so Pröll unter Bezug auf eine Studie zum Thema: "Dem verlassenen Mann, der eine Frau kurz nach der Trennung tötet, schreiben die Richter demnach also zu, aus einem verständlichen Motiv zu handeln - und verurteilen ihn wegen Totschlags. Dagegen verorten sie den 'Ehrenmord' außerhalb des Nachvollziehbaren - also als besonders verwerflich, was ein Mordurteil nach sich zieht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2025 - Gesellschaft

Die Täter von Würzburg, Magdeburg oder Aschaffenburg (und übrigens auch Hanau) waren psychisch krank, aber sie waren nicht festgesetzt worden, und die Psychiater, die mit ihnen zu tun hatten, hätten dies auch gar nicht tun können und verfügten möglicherweise nicht mal über alle Informationen über sie, erläutert Karin Truscheit im Leitartikel der FAZ. So etwa der Fall in Aschaffenburg: "Dreimal war der Afghane 2024 in der Psychiatrie untergebracht, meist konnte er noch am selben Tag wieder gehen. Denn eine Risikoeinschätzung, wie sie in der forensischen Psychiatrie praktiziert wird, um das Gefährdungspotenzial von verurteilten psychisch kranken Gewalttätern - längerfristig - zu bewerten, ist in der Allgemeinpsychiatrie nicht vorgesehen. Doch forensische Psychiater fordern spätestens seit der Tat von Würzburg, dass ähnliche standardisierte Verfahren auch dort zum Einsatz kommen sollten. Um Risiken von Gefährdern einschätzen zu können, braucht man die Vorgeschichte des Patienten."
Stichwörter: Hanau, Magdeburg, Psychiatrie

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2025 - Gesellschaft

Die "sekundäre Auslöschung" der Juden hat begonnen, ruft die Schriftstellerin Mirna Funk in der Welt, auch mit Blick auf einen Instagram-Post von Olaf Scholz zum Internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust (unser Resümee), "nämlich die Auslöschung der Juden aus dem Holocaust. Denn die Universalisierung des Ereignisses entbindet jeden Einzelnen von der Verantwortung, sich mit den Ursachen des Holocaust zu beschäftigen, ergo den eigenen internalisierten Antisemitismus zu reflektieren. Geht es nur noch darum, dass Menschen Menschen ermordeten, muss man sich lediglich als Humanist definieren und schon ist man kein Nazi mehr. Und Humanisten sind generell gegen Krieg, weil da ja Menschen Menschen ermorden. Zack. Dilemma gelöst. Das Unbehagen, das entstünde, wenn man Israel einen Genozid vorwirft und es anpfeift, ja offensichtlich nichts - im Gegensatz zu einem Selbst natürlich - aus dem HOLOCAUST GELERNT ZU HABEN, weicht einem wohligen Gefühl auf der richtigen, der humanistischen Seite zu stehen."

Der Ex-Grüne Thomas Ebermann und der Soziologe Thorsten Mense touren derzeit mit ihrem Programm "Normal - eine Besichtigung des Wahns" über deutsche Bühnen. Im taz-Gespräch erklären sie, warum sie sich der Norm widmen. Ebermann meint, man beobachte derzeit, "wie allgegenwärtig das Lob des 'normalen Menschen' ist. Der Slogan 'Deutschland, aber normal' der AfD offenbart ja schon, dass es ein rechter Kampfbegriff ist: 'Normal' gegen das 'rotgrün Versiffte', das Uneindeutige, das Perverse, das 'Entartete', das Rebellische. Es ist ein Synonym für die gesellschaftliche Rechtsentwicklung, dieses Lob, und für die Repression gegen alles, was nicht als normal empfunden wird." Zudem könne man sagen, "dass sich der Sozialdarwinismus auf einem Siegeszug befindet. Der postuliert, dass der Untergang der Schwachen nicht zu sehr durch Kultur und Zivilität verhindert werden darf. Das wandert in die Menschen ein. Dann ist natürlich der Kranke - übersetzen wir es ruhig einmal: der Arbeitsunfähige, der Nicht-Produktive, der nicht zum Standort beitragende - assoziativ eine feindliche Figur. In besseren Zeiten hätte sich kaum jemand dieser Rhetorik noch so freimütig befleißigt, wie Sie das beobachtet haben. Und jetzt kann man das einfach wieder so aussprechen."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der taz fragt sich Gilda Sahebi, weshalb Migranten in Deutschland die AfD wählen. Die AfD nutze sie die Vermögensungleichheit aus, meint sie.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2025 - Gesellschaft

Dominik Johnson kommt in der taz auf Messermorde wie den von Aschaffenburg oder Southport zurück, die nicht islamistisch motiviert waren. Die Täter waren von den Konflikten in ihren Heimatländern traumatisiert, so Johnson, auch in der zweiten Generation. "Wie geht in einem indifferenten Umfeld ein ruandisches Kind aus einer Familie von Völkermordüberlebenden mit traumatischen Erinnerungen seiner Angehörigen um? Wie verarbeitet ein desertierter Assad-Soldat seine Taten? Wie bewältigen Flüchtende aus Sudan, Somalia oder Eritrea den Horror, den sie womöglich auf ihrer Odyssee aus Afrika nach Europa erlebt haben? Die kurze Antwort: Sie bewältigen es ganz oft nicht. Sie werden davon heimgesucht. Der britische Flüchtlingsrat hat ermittelt, dass 61 Prozent aller Asylsuchenden schwere psychische Belastungen aufweisen. In Deutschland ergaben Studien, ein Drittel aller Flüchtlinge weise eine posttraumatische Belastungsstörung auf. Aber kein Land geht adäquat mit Traumatisierung unter Geflüchteten um."

35 Jahre nach der Wiedervereinigung wirft eine Soziologengruppe in der FAZ einen Blick auf die Unterschiede zwischen Ost und West bei der Erwerbstätigkeit und der Bezahlung von Frauen, die bis heute prägen. Während in Westdeutschland das Alleinverdienermodell vorherrschte, war der Anteil berufstätiger Frauen in der DDR wesentlich höher. Aber "auch das wird klar: An der Norm, dass Frauen in erster Linie für Hausarbeit und Kindererziehung zuständig sind, wurde auch in der DDR nicht gerüttelt. In beiden Gesellschaften waren Frauen für den Großteil der Hausarbeit verantwortlich. Im Osten war dies sogar institutionalisiert, da vollbeschäftigte und verheiratete Frauen mit Kindern einmal im Monat einen "Haushaltstag" erhielten. Die in der DDR aufgewachsene Autorin Kathrin Aehnlich formulierte die faktische Geschlechterverhältnisse treffend mit den Worten: 'Bei uns endete die Gleichberechtigung an der Wohnungstür.'"

In einem sehr langen Text, der leider zum Schluss hin etwas ausläppert, denkt Johannes Böhme auf Zeit online über den Erfolg des Rechtspopulismus nach. Er hat dafür auch einige Studien gelesen, die interessante Erkenntnisse bieten, und lernt dabei: Erstens, Menschen sind "missgünstig bis hin zur kompletten Destruktivität. Es gibt haufenweise Beispiele, in denen Menschen große Anstrengungen auf sich genommen haben, keine Kosten und Mühen gescheut haben, um anderen weh zu tun, um sie kleinzuhalten, sie zu bestrafen. Der Philosoph und Biologe Patrick Forber von der Tufts Universität in Boston setzt das Ultimatum-Game ein, um zu verstehen, was solch destruktives Verhalten begünstigt. Er hat dabei herausgefunden, dass dies meistens im Kampf um sozialen Status passiert. Wenn sich der Wettkampf um Plätze in der sozialen Hierarchie intensiviert, versuchen die Zurückgelassenen anderen zu schaden, um ihren Platz in der Rangordnung wiederherzustellen". Interessant ist aber auch, dass die Zunahme an Flüchtlingen nicht zwangsläufig zu einem Rechtsruck führt - jedenfalls nicht dort, wo diese Flüchtlinge leben, lernt Böhme in einer Studie von Marco Giesselmann von der Universität Zürich: "Ausgerechnet jene Landkreise, die viele Flüchtlinge aufgenommen hatten, widersetzten sich dem Trend. Der Rechtsruck war dort sehr viel kleiner ausgefallen als anderswo. ... Es waren vor allem diejenigen, die die Flüchtlinge nur aus der Ferne sahen - durch Bilder und Video-Ausschnitte in den Nachrichten und in sozialen Medien - die besonders stark nach rechts rückten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2025 - Gesellschaft

"Nur 48 Prozent der Weltbevölkerung erkennen an, dass der Holocaust stattgefunden hat und dass sechs Millionen Juden ermordet wurden", sagt Marina Rosenberg, internationale Präsidentin der Anti-Defamation League in den USA, im Zeit-Gespräch: "Der Prozentsatz liegt bei jungen Erwachsenen noch deutlich niedriger, 39 Prozent bei den 18- bis 34-Jährigen. Eine wichtige Erkenntnis: Seit dem 7. Oktober sind antisemtische Übergriffe in Westeuropa und Nordamerika explosionsartig angestiegen, obwohl hier weiterhin das geringste Maß an antisemitischen Einstellungen herrscht." Die ADL führt regelmäßige Studien zu Antisemitismus durch, auch andere Zahlen sind erschreckend. So zeigen ihre Befragungen in 102 von 195 Ländern außerdem, dass sich die Zahl der Menschen mit antisemitischen Überzeugungen innerhalb von zehn Jahren verdoppelt hat.

In der taz ärgert sich Lotte Laloire über journalistisches Kauderwelsch in der aktuellen Berichterstattung: "Den Wahlkampf prägen bestimmte Gewalttaten. In Berichten darüber belästigen Journalist:innen ihr Publikum oft mit sinnlosen Adjektiven. Besonders vernarrt sind sie zurzeit in 'geltendes Recht', gegen das abwechselnd Attentäter und Behörden verstoßen. Gegen welches Recht denn sonst, gegen ungültiges? Dass bei Adjektiven weniger mehr sein kann, gilt auch für Sätze wie diese: 'Die politischen Reaktionen auf den tödlichen Messerangriff mutmaßlich eines offenbar psychisch kranken …' Viele relativieren sich lieber tot, als eine Klage zu riskieren. Aber an vielen anderen Stellen könnten Journalist:innen das 'wohl' oder 'offenbar' einfach weglassen, würden sie über Fakten berichten, für die sie zwei Quellen haben."