9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2763 Presseschau-Absätze - Seite 27 von 277

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2025 - Gesellschaft

Die größte Sorge für sehr viele Menschen in Deutschland ist das Wohnen. Die Politik konnte ihr Vorhaben, 400.000 Wohnungen pro Jahr zu bauen, nicht annähernd verwirklichen: Zu viel Bürokratie, zu hohe Kosten, zu wenig Fantasie - und das ist vielleicht eines der Hauptprobleme, fürchtet Niklas Maak in der FAZ: "Es wird angesichts der Wohnungsnot viel zu selten darüber geredet, wie das aussieht, was gebaut wurde. Den neuen Wohnbauten im bezahlbaren Sektor sieht man die Panik der Politiker an, die auf Teufel komm raus 400.000 neue Wohnungen wollten. Das Ergebnis sind allzu oft trostlose Wohnkisten, die auf die Äcker gemetert wurden, mit Wärmedämmung beklebte Kartons zur Verstauung von Wohnungssuchenden, mehr nicht. Der Siedlungsbau der Nachkriegszeit, erschaffen aus Trümmerschutt, war im Detail liebevoller als das, was in den vergangenen zehn Jahren an Schlafstätten entstanden ist."

Als Sensation feiert Maak ein aus recycleten Baumaterialien erstelltes Bauprojekt des Basler Büros Parabase.

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Stichwörter: Wohnungsbau, Nachkriegszeit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2025 - Gesellschaft

Im Jahre 2000 verweigerte der aus Sri Lanka stammende Theologe Stephan Anpalagan den Wehrdienst, vor allem wegen eines starken Rassismus-Problems in der Truppe, wie er auf Zeit Online schreibt. Heute würde er Deutschland mit der Waffe in der Hand verteidigen: "Die Bundeswehr ist heute eine andere, als sie es in den 1990er-Jahren war. Die Probleme innerhalb der Truppe sind nicht behoben, zumindest aber existiert mittlerweile ein Problembewusstsein. Der Militärische Abschirmdienst wird seit einiger Zeit von einer Frau geführt, die den Kampf gegen Rechtsextreme endlich ernst zu nehmen scheint. Der Bundesverteidigungsminister ist glaubwürdig in seinem Bemühen, die Bundeswehr zu modernisieren und für Frauen, Migranten und Menschen aller Couleur zu öffnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2025 - Gesellschaft

Jens Spahn wirbt dafür, die AfD "zu zivilisieren"- dabei wurde er doch gerade aus deren Reihen während der Covid-Pandemie hart angegangen, wundert sich der Historiker Volker Weiß in der SZ und skizziert Spahns politische "Wendigkeit", die immer populistischere Züge trägt." In der CDU weiß er, die Zöpfe des alten Konservatismus abzuschneiden und wahlweise in liberalen und populistischen Tonlagen zu spielen. Dabei konnte er schon viele Rollen ausfüllen, während sein eigentliches Profil stets unscharf blieb. In letzter Zeit überwog das populistische Element, während die Liberalität hauptsächlich in wirtschaftlichen statt in kulturellen Fragen zutage trat."
Stichwörter: Spahn, Jens, Weiß, Volker, CDU, AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2025 - Gesellschaft

In Berlin sind Plakate aufgetaucht, die zum Mord an dem taz-Journalisten Nicholas Potter aufrufen: Aufgemacht sind sie wie Fahndungsplakate, mit der Überschrift "Wanted", dem Slogan "From the river to the sea" und einem Foto Potters unter einem roten Dreieck, ein Symbol, das Feinde der Hamas markieren soll. Gefunden wurden die Plakate in der Nähe des Gebäudes der Humboldt-Universität das vor kurzem besetzt war und seit Mittwoch erneut besetzt ist, meldet Claudia Reinhard im Tagesspiegel. Die Plakate rufen auf Deutsch, Arabisch und Englisch dazu auf, "'denjenigen, die den Völkermord in Palästina ideologisch ermöglichen, keine Sekunde der Sicherheit' zu gönnen. 'Sie kommen in unsere Stadt und glauben, keiner würde sie zur Rechenschaft ziehen. Sie sind normale Menschen, die bluten wie jeder andere auch und sie können erniedrigt und eliminiert werden', heißt es im Text der bislang unbekannten Verfasser." Laut Reinhard wird Potter angegriffen, weil er über die Plattform "Red" recherchiert hat, die russische Propaganda verbreiten soll. Aber es geht natürlich um Potters Meinung zum Gazakrieg, wie Jakob Hayner in der Welt schreibt: "Potter wird angegriffen, weil er als Einzel- und Gegenstimme in einer linken Zeitung wie der taz wahrnehmbar ist. Dort wies er den Vorwurf zurück, Israel würde in Gaza einen Völkermord begehen, eine Behauptung, die unter Palästinafreunden zum guten Ton gehört." Die Chefredakteurinnen der taz protestieren aufs Schärfste gegen die Bedrohung ihres Mitarbeiters. Das Stichwort linke Gewalt taucht in ihrem Statement allerdings nicht auf. Statt dessen versuchen sie den Vorfall in allgemeine Angriffe auf die Presse einzuordnen und stellen klar: "Eine solche Qualität der Bedrohung ist bislang überwiegend aus dem rechtsextremen Spektrum bekannt."

So sah ein Gebäude auf dem Campus der Humboldt-Uni aus, nachdem die Polizei es gestern geräumt hatte:


Außerdem: Die Transfrau und ehemalige Grüne Valerie Wilms hat gerade ihre Autobiografie "Meine zwei Leben" veröffentlicht. Im Interview mit der NZZ kritisiert sie scharf das von der Ampel verabschiedete Selbstbestimmungsgesetz.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2025 - Gesellschaft

Christoph Heinemann und Tom Kroll berichten in einer Reportage für die Zeit vom Hamburger Al-Azhari-Institut, das als Treffpunkt von Islamisten gilt, und dem Auftritt des Predigers Ahmad Armih alias Abul Baraa ebendort: "Abul Baraa ist Sohn palästinensischer Eltern. Als Kind kam er mit seiner Familie aus dem Libanon nach Deutschland, heute lebt er in Berlin. Lange war er Imam in einer Moschee im Wedding. Gegen 21.15 Uhr betritt Abul Baraa den Saal. Er trägt ein fließendes Gewand, sein Bart reicht bis auf die Brust. 'Überall in der Stadt hängen die Schwulenfahnen', sagt er. 'Ich bemitleide euch, meine Brüder. Darf man die abreißen?'"

Anfang April veröffentlichte die Internationale Union Muslimischer Gelehrter (IUMS) eine Fatwa, in der "der bewaffnete Kampf (Dschihad) gegen Israel" zur individuellen religiösen Pflicht für jeden Muslim erklärt wird. Auch gegen Verbündete Israels soll der Dschihad ausgeweitet werden. Das Thema wurde in deutschsprachigen Medien kaum aufgegriffen. Die Organisation gilt als einflussreich und soll den Muslimbrüdern nahestehen. Ziemlich sarkastisch kommentiert Kamel Daoud vor einigen Tagen in Le Point: "Kurz gesagt, Katar finanziert die Theologen des Verbands der 'Gelehrten'. Diese fordern von den Palästinensern, zu sterben, damit der Krieg weitergeht, und rufen die Ärmsten der arabischen Welt auf, ihrem Elend durch Dschihadismus einen Sinn zu geben (kein Katarer wird nach Gaza gehen). Letztlich liefern sie Rechtfertigungen für die extreme Rechte Israels, um ihre Armee in einen endlosen Krieg und eine ausweglose Sackgasse zu führen. Was dagegen Palästinenser betrifft, die gegen die Hamas protestieren... Ihnen wird tausendfach vorgeworfen, gottlos, abtrünnig und verräterisch zu sein. Man findet, dass sie es nicht verdient zu leben, da sie nicht zu sterben wussten."

Dass es Irre in allen Religionen gibt, lernt man bei hpd, wo Oranus Mahmoodi die "Theo Bros" vorstellt, eine christliche Sekte in den USA, die das Wahlrecht für Frauen abschaffen will. "Die neuen Gotteskrieger rekrutieren sich vor allem online. Mit ihren Clips in den Sozialen Medien verbinden die 'Theo Bros' christliche Botschaften mit der Meme-Ästhetik der Internet-Subkultur. ... Sie glauben, dass ihre Nation (etwa die USA oder auch europäische Länder) ein christlicher Staat sein müsse, exklusiv für Christen, natürlich nur für weiße Christen. Frauen- und Minderheitenrechte sind ihnen ein Graus. 'Gehören Frauen in einer christlichen Nation überhaupt an die Wahlurne?', fragt rhetorisch etwa der texanische Pastor Joel Webbon - und antwortet selbst mit 'Nein'."

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In der Zeit unterhält sich Elisabeth von Thadden mit der Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas über deren Buch "Unverdiente Ungleichheit", das unsere Erbengesellschaft aufs Korn nimmt. Viel zu wenig bekannt sei, so Linartas, dass "Deutschland neben Ländern wie den USA und Mexiko zu einer der ungleichsten Demokratien der Welt zählt und sich von einer Leistungsgesellschaft zu einer Erbengesellschaft entwickelt hat, in der weniger als die Hälfte aller privaten Vermögen im Laufe des eigenen Lebens aufgebaut wurde. Der größere Teil des Vermögens besteht aus Erbschaften und Schenkungen. Es läge in einer Demokratie nahe, dass die Mehrheitsgesellschaft gegen diese Ungerechtigkeit protestiert und dass sie wie die Wissenschaft nach Besteuerung oder Abgaben ruft. Aber das tut sie nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2025 - Gesellschaft

Gerade läuft ein weiteres Verfahren gegen Harvey Weinstein (taz-Bericht). Unter dem Eindruck seines Falls sind in vielen Ländern in Europa "Ja-heißt-Ja"-Regelungen erlassen worden. Wenn sich jemand nur passiv verhält, heißt das nicht, dass der Sex einvernehmlich war, erklärt die ehemalige Oberstaatsanwältin Sabine Kräuter- Stockton im Gespräch mit Lotte Laloire in der taz. Denn es muss eine Zustimmung geben und "diese muss frei und aufgeklärt, spezifisch, im Voraus und widerruflich sein". Gerichtsverfahren würden dann anders ablaufen, auch wenn nach wie vor das Opfer im Mittelpunkt stehe: "Von betroffenen Frauen würde dann nicht mehr wie bisher verlangt, sich gegen unerwünschte Sexualkontakte körperlich oder zumindest deutlich erkennbar zur Wehr zu setzen, um sie zu vermeiden. Schließlich läge es am Angeklagten, zu erklären, wie er auf die Idee kam, sie hätte zugestimmt. Verfahren würden weiterhin lange dauern und belastend sein. Aber die Fragen an die Beteiligten wären anders, und vor allem würde sich das Gefühl ändern, mit dem eine betroffene Person, ein Opfer, am Ende aus dem Prozess herausgeht."

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Lange Zeit herrschte in deutschen Familien über die Nazizeit, zumal wenn sie wie so oft verwickelt waren, das berühmte "kommunikative Schweigen". Das geht jetzt zu Ende, sagt der deutsch-französische Psychologe Louis Lewitan im Gespräch mit Harry Nutt in der FR - vielleicht auch weil die Täter nun gar nicht mehr leben? Jedenfalls ist es "heute legitim, Zweifel an den Erlebnisberichten der Väter und Großväter zu haben, etwa an der Behauptung, 'danebengeschossen' zu haben oder daran, dass die Großmütter und Mütter von 'alledem nichts gewusst haben'. Achtzig Jahre nach der sogenannten 'Stunde Null' können die in einer Demokratie aufgewachsenen Bürger und Bürgerinnen dieses Landes Fragen stellen, ohne als Verräter gebrandmarkt oder als Lügner abgestempelt zu werden. Das ist der Vorteil, wenn man in einer Demokratie lebt." Zusammen mit Stephan Lebert legt Lewitan in diesen Tagen das Buch "Der blinde Fleck" vor.

Gestern hatten wir einen Tweet eingebettet, der behauptete, eine Straßburger Bäckerei sei von "propalästinensischen" Demonstranten als "israelisch" belagert worden. Ganz so war es nicht - die Straßburger Stadtverwaltung hat dementiert. Auch die Autorin des Tweets, die Gleichstellungsministerin Aurore Bergé, korrigiert. "Die Bäckerei wurde glücklicherweise nicht, wie es im Video schien, ins Visier genommen. Ich bedaure, es nahegelegt zu haben. Passanten haben dort Sicherheit gesucht. Sie wurden ins Visier genommen. Unter Geschrei - 'Diese Leute sind Kriminelle' - während einer Demonstration des 'Collectif Strasbourg Palestine'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2025 - Gesellschaft

Es ist nicht das erste Mal, dass der Gedenkort Buchenwald für ideologische Zwecke missbraucht wird, erklärt Anetta Kahane in der FR mit Blick auf die Ausladung Omri Boehms als Redner zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZs (unsere Resümees). Seine Theorie des radikalen Universalismus bezeichnet sie als "vergiftete Polemik" und schlägt den Bogen zur DDR: "Der Universalismus der kommunistischen Ideologie ignorierte die antisemitische Grundidee des Nationalsozialismus und erhob stattdessen den Klassenkampf zur universalisierten Erklärung für alles. Das war nicht nur ignorant gegenüber den Juden, die langsam aus der Erinnerung gedrängt wurden, und dem, was Antisemitismus bedeutet. Das war vor allem eines: Erinnerungsabwehr. Die Universalisierung der Opfer entlastet aus jeder Verantwortung. Wenn der Faschismus nur ein Produkt des Kapitalismus ist, dann ist Schuld keine menschliche Konsequenz barbarischen Handelns. Monopolkapitalisten im Westen waren schuld? Und nicht das Volk da unten in Weimar, wo Goethes Haus stets in Ehren gehalten wurde."

Auf das Haus des Gouverneurs von Pennsylvania Josh Shapiro, der als demokratischer Präsidentschaftskandidat im Gespräch war, ist ein Brandanschlag verübt worden - er und seine Familie sind gerettet worden.


In Straßburg wurde eine Bäckerei von "propalästinensischen" Demonstranten belagert, weil sie angeblich "israelisch" ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2025 - Gesellschaft

Die Osteuropahistorikerin Marci Shore und ihr Mann Timothy Snyder haben einen Ruf ans Munk College in Toronto angenommen, und für ihren Weggang aus Amerika werden sie nun allenthalben als die ersten Exilanten des Trump-Regimes interviewt. Marci Shore sagt dazu im Gespräch mit Tania Martini von der FAS: "Die Munk School for Global Affairs an der Universität Toronto hat mich und meinen Mann schon vor fast drei Jahren angesprochen, und es gab viele gute Gründe, auch ungeachtet der aktuellen Politik, das Angebot anzunehmen. Ich habe es geliebt, in Yale zu unterrichten; es war ein Privileg." Angriffe der Trump-Regierung auf Timothy Snyder gab es allerdings tatsächlich. J.D. Vance hatte auf Twitter geschrieben, Snyder, einer der engagiertesten Unterstützer der Ukraine, sei eine "Schande für Yale". Was dann nicht geschah, dürfte die Entscheidung für Kanada begünstigt haben: "Die Uni schwieg. Weder die Verwaltung noch unsere Kollegen an der juristischen Fakultät, die meiner Meinung nach eine besondere Verantwortung haben angesichts der Rolle, die die Yale Law School im Allgemeinen und 'Tiger Mom' Amy Chua im Besonderen in der Erfindung von J. D. Vance gespielt haben - sie war seine Professorin -, haben Tim öffentlich verteidigt."

Auch Anne Applebaum äußert sich im Spiegel-Gespräch mit Jonas Breng und Katja Iken zur Geschichtspolitik Trumps eher vorsichtig zu den - nun ja - doch eher ausbleibenden Protesten an amerikanischen Unis: "Erstens sind nicht alle leise, zweitens ist es die akademische Welt schlicht nicht gewohnt, derart vehement angegriffen zu werden. Hinter den Kulissen gibt es viele Gespräche darüber, wie man sich am besten wehren kann. Was wir benötigen, sind gemeinsame Initiativen. Allein kann niemand etwas gegen diesen Wahnsinn ausrichten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2025 - Gesellschaft

Kacem El Ghazzali (NZZ) hat in den populären arabischsprachigen Youtube-Kanal "Muslim Affairs" geschaut, der immerhin 1,6 Millionen Abonnenten hat - und in dem Muslime erzählen, weshalb sie den Westen verlassen, um in ein arabisches Land zurückzukehren (Ghazzali spricht von "freiwilliger Remigration", auch, weil "viele traditionelle Muslime genau jene Kritik an westlicher 'Dekadenz'" teilten, "die auch Neue Rechte und Rechtsextreme umtreibt"): "Die Testimonials dieser muslimischen Remigranten strotzen vor Hass auf die offene Gesellschaft, der sie ihr Aufenthaltsrecht verdanken. 'Der Westen ist das Paradies des Teufels', erklärt ein Mann, der Finnland für den Irak verließ. Seine Sprache ist von religiöser Inbrunst durchdrungen, musste er doch mit ansehen, wie 'zwei Frauen sich in der Öffentlichkeit vor den Augen der Kinder geküsst haben'. Blasphemie! Eine Frau berichtet, sie habe den Westen 'aus Angst vor der intellektuellen Entführung meiner Kinder' verlassen. Sie schreibt: 'Die Frau im Westen hat keinen Wert. Und die Menschen haben keine Moral, Männer heiraten Männer, Frauen heiraten Frauen.' ... Ein Familienvater, der nach dreißig Jahren in Europa nach Mauretanien zurückkehrte, erinnert sich mit Grauen an das deutsche Bildungssystem, in dem sich neunzig Prozent des Unterrichts um Homosexualität drehe. Seine Abscheu gipfelt in der Vorstellung, seine Kinder könnten westliche Werte verinnerlichen."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ denkt Thomas Ribi über die neue Lust an Untergangsszenarien nach, wie sie u.a. die Professoren Timothy Snyder, Marci Shore oder Jason Stanley, aber auch deutsche Bürger pflegen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2025 - Gesellschaft

In der Zeit untersucht Robert Pausch die Brüche und Gemeinsamkeiten im rechtsradikalen Lager. Zum Beispiel in Deutschland, wo Alice Weidel Elon Musk zum Vorbild erhoben hat: "Das Ziel der AfD sei, so sagte es Weidel, 'die Menschen vom Staat zu befreien'. Die AfD kämpfe für 'Meinungsfreiheit' und 'Vermögensfreiheit'. Das wiederum rief Götz Kubitschek auf den Plan. Der wohl einflussreichste Vordenker der radikalen Rechten in Deutschland stellte sich offen gegen die AfD-Chefin: 'Diese Musk-Weidel-Linie (...) ist das Gegenteil von dem, was ein alternativer Entwurf sein sollte', schrieb Kubitschek auf seinem Blog. Denn: 'Das Libertäre kennt kein Abstammungs-Wir, keine Schicksalsgemeinschaft, kaum etwas Schon-Gegebenes. Es ist ein Erfolgreichenkonzept, eines für eine Leistungsgemeinschaft, die ahistorisch und ortlos denkt und agiert und auf zynische Weise 'den Markt' alles erklären und rechtfertigen läßt.' Der Riss innerhalb der radikalen Rechten vollzieht sich also nicht entlang taktischer oder strategischer Fragen. Es geht um die ganze Klaviatur der Ideologien. Das Menschenbild, das Staatsverständnis, die Zukunftsvorstellungen." Dass die Rechte an diesen Gegensätzen nicht zerbricht, liegt an dreierlei, meint Pausch: der autoritären Sehnsucht, dem Feindbild ("alles vermeintlich Gleichmacherische, Hierarchiefeindliche, Linke, Woke und so weiter") und drittens, einer "gewissen apokalyptischen Grundstimmung".

Befragt von Peter Neumann äußert sich Omri Boehm im Zeit-Gespräch zur Ein- und Wiederausladung als Redner in der Gedenkstätte Buchenwald (unsere Resümees). "Finstere Zeiten" für die freie Rede seien angebrochen: Er sieht die Erinnerung an den Holocaust bedroht, fürchtet aber auch eine Instrumentalisierung dieser Erinnerung, der es zu begegnen gelte: "Die Bedeutung der Nachkriegserinnerungskultur wird längst international infrage gestellt - und zwar nicht nur von Radikalen oder Antisemiten. Angesichts des israelischen Handelns in Gaza und der ambivalenten deutschen Haltung beginnen viele rückblickend zu fragen, ob diese Erinnerungskultur, so wie sie von Anfang an gedacht war, nicht im Kern ein westliches Ideologieprojekt ist. Und das geschieht in einem Moment tiefgreifender tektonischer Verschiebung. Europa taumelt: Nationalisten gewinnen an Einfluss und inszenieren sich zunehmend erfolgreich als die eigentlichen Hüter des Gedächtnisses. Kein Jude, der die Augen offen hat, kann naiv genug sein, das nicht zu erkennen." Die Bücher von Primo Levi, Imre Kertesz, Raul Hilberg, die Filme von Claude Lanzmann oder Marcel Ophüls, die die Erinnerungskultur in Europa wesentlich geprägt haben, wären also ein "westliches Ideologieprojekt"?

In der Welt ist Alan Posener froh, dass Omri Boehm seine Rede nicht in Buchenwald gehalten hat: "Wer behauptet, Israels Gesellschaft sei 'vollständig entmenschlicht', hat den Boden seriöser Kritik und intellektuell anspruchsvoller Diskussion verlassen", meint Posener. "Und nicht nur, weil Woche für Woche Tausende im Zentrum Tel Avivs - unter Polizeischutz - gegen die Regierung und ihre Kriegführung und für einen sofortigen Waffenstillstand protestieren. Sondern weil selbst unter den Männern und Frauen, die als Wehrdienstleistende, Reservisten oder Berufssoldaten in Gaza kämpfen, und es sind oft genug die Kinder der Angehörigen der Elite, die in Tel Aviv demonstrieren, der Moralkodex intakt ist."