9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2022 - Gesellschaft

Auf Zeit online stellt Carolin Wiedemann mit viel Verve eine Studie vor, die einen Anstieg des Antifeminismus in Deutschland diagnostiziert. Um Frauen geht es dabei aber nur am Rande. Denn Feminismus, wie Wiedemann gleich zu Beginn darstellt, ist für sie "eine politische Bewegung, die sich dafür einsetzt, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität gleichermaßen frei sein können". Kurz: Antifeministisch ist für Wiedemann jeder, der das biologische Geschlecht eines Menschen für nicht ganz unbedeutend hält. Klar, dass dann ureigene Frauenrechte wie das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch nur noch unter ferner liefen auftauchen: "Das Erstarken des Antifeminismus zeigt sich nicht nur in der Einstellungsforschung. Es zeigt sich auch in den Hassnachrichten und Drohmails, die Feminist*innen, Frauen und Queers bekommen, die in der Öffentlichkeit stehen, insbesondere linke und rassifizierte Frauen. Es zeigt sich in den Mobilisierungen gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche, gegen Angebote zu sexueller Bildung an Schulen, gegen queere Familienmodelle, gegen die Einführung einer dritten Geschlechtsoption und gegen die Reform des sogenannten Transsexuellengesetzes - gegen alle Neuerungen, die Frauen, trans und nichtbinären Menschen die Selbstbestimmung über ihre Leben und ihre Körper sichern sollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2022 - Gesellschaft

Alice Schwarzer ist achtzig geworden. Dass sie streitbar ist und bei unterschiedlichen Streitthemen unterschiedliche BündnisgenossInnen hat, weiß jeder. Carolina Schwarz sichtet für die taz eine Dokumentation, die in der ARD-Mediathek zu sehen ist, ein Podcast der SZ und das zweitilge Biopic, ebenfalls in der ARD, das ziemlich hagiografisch geraten sei. Das verwundere nicht, "wenn man herausfindet, dass Schwarzer selbst an dem Biopic beteiligt war. Auf Anfrage der taz, wie diese Zusammenarbeit ausgesehen hat, antwortet die ARD, die Autor*innen Daniel Nocke und Silke Steiner hätten eigenständig kreativ gearbeitet, jedoch viele sehr 'persönliche und intensive Gespräche' mit Schwarzer zur Recherche geführt. Zudem hatte sie Mitspracherecht bei der Besetzung der drei Hauptfiguren." In der FAZ gratuliert Kai Spanke.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2022 - Gesellschaft

Teslas waren mal die Gefährte von politischen Korrekten mit Geld. Nun überlegt die linke Demokratin Alexandra Ocasio-Cortez allerdings ihren Tesla loszuwerden, während Elon Musk immer mehr in die rechte republikanische Ecke drängt. Das ändert auch etwas an der Symbolik der Marken, überlegt Niklas Maak in der FAZ. "Tesla wird vielleicht nicht untergehen, aber als politisches Symbol umcodiert: Die Auftritte der lebenden Kühlerfigur Musk machen aus dem Lieblingsgefährt wohlhabender Grüner ein Vehikel radikaler Libertarians, die die Aushöhlung des Staates und den Umbau von Gesellschaft und Menschen durch private Tech-Firmen vorantreiben." Ob Mercedes die Chance nutzt?
Stichwörter: Musk, Elon, Tesla

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2022 - Gesellschaft

Die Bundesregierung hat im Juni einen Vorschlag zur Reform des Transsexuellengesetz vorgelegt, nach dem jeder Mensch beim Standesamt durch eine einfache Erklärung seinen Geschlechtseintrag ändern kann. Der Hinweis darauf, dass eine Person früher einem anderen Geschlecht angehörte, soll mit einem Bußgeld belegt werden. In Schottland plant Nicola Sturgeon etwas ähnliches. Doch damit werden Schutzräume für Frauen entwertet, warnt im Observer Sonia Sodha, und plötzlich stehen die Konservativen als Verteidiger von Frauenrechten da. Die Frage ist doch, ob "wirklich jeder Mann, der sagt, dass er sich als weiblich identifiziert, einschließlich Männern, die aus dem Cross-Dressing sexuelle Befriedigung ziehen, und männlichen Sexualstraftätern" Zugang zu Schutzräumen für Frauen bekommen soll. "Es gibt bereits viele Fälle von männlichen Sexualstraftätern, die sich nach ihrer Verurteilung als Frauen ausgeben und ihr Strafregister durch die Eintragung eines Geschlechtswechsels effektiv löschen können."

Robert Misik verteidigt in der taz den Ikonoklasmus der "Letzten Generation". Gegen die überall aggressiv auftretende populistische und extreme Rechte seien solche Akzente nötig. "Diese Tatsache nährt den Verdacht, dass nicht nur 'rabiates' Vorgehen Gefahr läuft, in Isolation zu enden, sondern dass umgekehrt auch zu vernünftiges Vorgehen einer Gefahr ausgesetzt ist, der nämlich, defensiv und wirkungslos zu bleiben. Fakt ist: Es waren in der Geschichte immer radikale Minderheiten, die Veränderungsprozesse in Gang brachten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2022 - Gesellschaft

Der israelische Komiker Guy Hochman, der bei der WM in Katar Verbrüderungsszenen, die manchmal, aber nicht immer klappten, mit Arabern oder Iranern und ihm zeigte, ist des Landes verwiesen worden, meldet ynet.news.



Bei einem Fußballspiel zwischen der A-Jugend des deutsch-jüdischen Clubs Makkabi und dem Club Hertha 06 in Berlin ist es vor zwei Wochen zu antisemitischen Vorfällen gekommen, berichtet Wiebke Hollersen in der Berliner Zeitung. Der Fall landete vor einem Sportgericht. Der Schiedsrichter hatte zunächst festgehalten, das ihm jemand zurief "Du bist doch von den Juden gekauft." Und "kurz darauf sei es zu einem zweiten Vorfall gekommen, bei dem ein Spieler von Hertha 06, diesmal einer, der mitgespielt hatte, mehrfach den Hitlergruß gezeigt habe. In Richtung der Spieler und Fans von Makkabi. Als er versuchte, dem Spieler in die Kabine zu folgen, um ihm ebenfalls die Rote Karte zu zeigen, sei er zwischen einige aufgebrachte Zuschauer geraten, schreibt der Schiedsrichter. Dabei sei es zu einem dritten Vorfall gekommen. Eine Frau habe in Richtung der Makkabi-Spieler gerufen: 'Verpisst euch doch einfach, ihr Drecksvolk. Immer gibt es Stress mit euch. Immer provoziert ihr.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2022 - Gesellschaft

In der aufgeheizten Debatte um den Klimaaktivismus wünschte sich Detlef Esslinger in der SZ, beide Seiten würden in sich gehen: "Wer die Motive der 'Letzten Generation' unbekümmert ignoriert und sie in die Nähe von Kriminellen und Terroristen rückt, soll sich nicht wundern, wenn einige Zaundurchschneider tatsächlich noch aufbrechen in diese Ecke. Aber wenn zugleich die 'Letzte Generation' bei Twitter abstimmen lässt, wo sie als Nächstes mit Farbe unterwegs sein soll, ist das wenigstens naiv: Man glaubt dort offenbar, all ihre Tomatenwerferinnen und Kleber seien gegen Radikalisierung immun; was am Donnerstag in Berlin geschah, war bereits mehr als ein Regelverstoß, eine Straftat nämlich. Der Zweck heiligt sämtliche Mittel - diese Devise hat noch nie zu etwas Gutem geführt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2022 - Gesellschaft

Vor dem Hintergrund der neuesten Statistiken über Gewalt gegen Frauen fordert Franziska Pröll im Leitartikel der FAZ Fußfesseln für gewalttätige Stalker, wie in Großbritannien, Spanien oder der Schweiz: "Deutschland schreckt vor der elektronischen Aufenthaltsüberwachung noch zurück. Doch die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass es bei häuslicher Gewalt eine klare Botschaft braucht: Wer schlägt, der geht - und er hält sich fern. Indem die Freiheit des Täters eingeschränkt wird, erlangt die Betroffene ihre Freiheit zurück."

Für viele afghanische Frauen geht das Martyrium in Deutschland weiter, denn sie kennen die Rechte und Freiheiten in ihrem Gastland nicht, schreibt die deutsch-afghanische Journalistin Nilab Langar im Tagesspiegel: "Auch hier in Deutschland bringen afghanische Frauen viele Arten von Opfer, um die Bedürfnisse und Wünsche der Männer zu erfüllen, und tolerieren viele Arten von Gewalt in ihren Häusern, indem sie schweigen. Hunderte von afghanischen Frauen in Deutschland und auch hier in der Stadt tragen den Hidschab, obwohl sie es nicht wollen - und zwar auf Druck der Ehemänner, Väter oder Erziehungsberechtigten. Die Männer der Familie führen als Begründung die Religion an. Wenn eine Frau sich der Religion widersetzt, heißt das in vielen afghanischen Familien, dass sie aus der Familie verstoßen wird und sogar Blut vergossen werden kann."

Die Berliner Grünen-Politikerin Tuba Bozkurt kämpft im Gespräch mit Tatjana Söding von der taz für das Recht von Lehrerinnen, Kopftuch zu tragen, und gegen das Berliner Neutralitätsgesetz. Einen Widerspruch mit der iranischen Frauenbewegung, die für das Recht kämpft, kein Kopftuch zu tragen, sieht sie nicht: "Der moderne Feminismus ist von intersektionaler Solidarität geprägt: Frauen setzen sich dafür ein, dass andere Frauen selbst darüber entscheiden können, wie viel oder wenig sie tragen wollen, und nicht die Gesellschaft, keine Autorität, kein Regime. Die Frauen im Iran haben einen unfassbaren Mut. Sie kämpfen für die Freiheit der Frau. Selbstbestimmt sollten Frauen aber auch hier sein. Wenn sie freiwillig ein Kopftuch tragen wollen, sollen sie auch ihrer Berufsqualifizierung als Lehrerin nachgehen können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2022 - Gesellschaft

Die Kirchen sind in Deutschland die zweitgrößten Arbeitgeber nach dem Staat. Die (keineswegs aus Kirchensteuern finanzierten) Dienstleister Caritas und Diakonie hatten aber bisher ein eigenes Arbeitsrecht ohne Streikrecht und mit Kündigungsdrohung bei nicht opportunen Lebensweisen. Das gilt besonders für die katholische Kirche, die nun in einem Papier Besserung verspricht und beteuert, dass "der Kernbereich privater Lebensgestaltung keinen rechtlichen Bewertungen unterliegt und sich dem Zugriff des Dienstgebers entzieht", berichtet Daniela Wakonigg in hpd.de. Ihr Kommentar: "Es bleibt zu hoffen, dass die Regierung ihr Ziel der Angleichung des kirchlichen Arbeitsrechts an das 'weltliche' Arbeitsrecht auch nach dem gestrigen Beschluss der katholischen Kirchenfunktionäre weiter verfolgen wird. Denn die Schieflage besteht weiterhin. Es kann und darf nicht Sache der Kirchen sein, ihr Arbeitsrecht in einem Akt der freiwilligen Selbstverpflichtung und im ihr selbst genehmen Maße zu reformieren - oder diese Reformen wieder zurückzunehmen, wenn es ihr beliebt."

Gibt es eine Wiederkehr der deutschen Inflationsangst, fragt Felix Schwarz in der FAZ, und wenn ja, wie soll man ihr begegnen? Nach beiden Weltkriegen sei politisches Kapital aus der Angst vor einer Inflation geschlagen worden, referiert er, und unbewusst an die folgenden Generationen weitergegeben worden. Für die daraus zu ziehende Konsequenz landet Schwarz in seinem "Plädoyer" bei Jean-Paul Sartre und schreibt: "Angst ist Freiheitsbewusstsein", doch "Armut ist in erster Linie ein politisches und kein individuelles Versagen. Aber: Unabhängig davon, ob jemand im Niedriglohnsektor arbeitet oder zur oberen Mittelschicht gehört, muss er eine Haltung zu seinen Lebensbedingungen wählen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2022 - Gesellschaft

Dass die Fußballspielball die One-Love-Binde nicht tragen, findet Nele Pollatschek in der SZ in Ordnung. Alles andere wäre "wirklich unfassbar scheinheilig und opportunistisch", erklärt sie. "Man hat sich dazu entschieden - die Fifa, der DFB, das Fernsehen, die Werbeträger und die Spieler -, an einer WM teilzunehmen, für die in einem brütend heißen Wüstenstaat vollklimatisierte Stadien gebaut werden, von Lohnzwangsarbeitern, die unter immer menschenverachtenden und vielfach tödlichen Bedingungen gearbeitet haben, in einem Land, in dem Homosexuellen tatsächlich die Todesstrafe droht, in dem Frauen gefoltert werden. Man hat sich dafür entschieden, weil einem Fußball und Geld wichtiger sind als moralische Fragen. Und dann möchte man mit 'One Love'-Binden auflaufen? Ist das noch empörend oder schon rührend, dass es Menschen nicht reicht, Millionen und Milliarden zu verdienen, bejubelt zu werden und ein weltweites Publikum zu begeistern, dass man bei alldem immer auch noch als guter Mensch gelten will?"

"Heuchlerisch ist das 'Diversity'-Bekenntnis auch deshalb, weil in den hiesigen Ligen des Profifußballs noch kein einziger aktiver Spieler ein Coming-Out als Schwuler gewagt hat", beobachtet Jan Feddersen in der taz. "Allein das dürfte ausreichen als Beweis für die unverändert homophobe Atmosphäre in den Vereinen."

Auch Marina Hyde kann im Guardian der One-Love-Binde wenig abgewinnen, hofft aber immer noch auf ein stärkeres Engagement: "Das Ganze fühlt sich so seltsam und vorsichtig vage an wie die Bestellungen von Figuren einer Soap Opera, die in die Kneipe gehen und einfach nach 'einem Pint' fragen. Ein Pint von was? OneLove von was?", ärgert sich Hyde, die darauf hinweist, dass echter Aktivismus meist mit einem persönlichen Opfer verbunden ist, wie man gerade im Iran sehen könne: "Niemand behauptet im Entferntesten, dass die englischen Spieler auf die Straße gehen und ihr Leben für eine Sache riskieren müssen, an die sie angeblich wirklich glauben. Aber eine gelbe Karte zu riskieren, ist wohl machbar - und wenn das wirklich nicht der Fall ist, dann sollte man sich gar nicht erst die Mühe machen. Es ist eine Beleidigung für diejenigen, die sich ernsthaft engagieren. ... England und alle anderen Nationen, die wirklich Stellung beziehen wollen, könnten sich bei dieser Weltmeisterschaft immer noch eine bessere Form des Protests einfallen lassen. Es ist noch viel Zeit für kreatives kollektives Handeln - aber gibt es wirklich den Willen dazu?"

An den staatlichen Unis in Kalifornien findet gerade der größte Streik in der Geschichte amerikanischer Universitäten statt, berichtet Nelson Lichtenstein bei Dissent. Der Streik geht vor allem von studentischen Hilfskräften und dem Mittelbau aus. "An der Spitze ihrer gemeinsamen Forderung steht mehr Geld - viel mehr. Graduierte Lehrassistenten verdienen etwa 24.000 Dollar im Jahr, aber sie wollen bis zu 54.000 Dollar, mehr als doppelt so viel wie jetzt. Postdocs wollen mindestens 70.000 Dollar. Und alle Streikenden fordern Krankenversicherungsschutz für Angehörige und die Erstattung von Kinderbetreuungskosten. All dies, so die Streikenden, sei unerlässlich, um sich die kalifornischen Wohnkosten leisten zu können, die inzwischen mehr als die Hälfte ihres Einkommens auffressen, und um die Inflation zu bewältigen, die ihr Gehalt in den letzten Jahren aufgezehrt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2022 - Gesellschaft

Während im Iran die ersten Todesurteile gegen Teilnehmer von Demonstrationen gefällt werden, bewies die iranische Fußballnationalmannschaft großen Mut und blieb stumm beim Abspielen ihrer Nationalhymne in Katar - entgegen der Anweisung mitzusingen, berichtet Nico Horn auf Zeit online. "Vor dem Turnier war im Iran spekuliert worden: Wie verhält sich die Nationalmannschaft? Nicht alle rechneten mit einem Protest, der Verband hatte mit Konsequenzen gedroht. Und auch die Mannschaft schien sich nicht einig in ihrer Haltung zu den Protesten. Aber irgendwie mussten sie sich verhalten. Auch ein Mitsingen der Hymne wäre als Zeichen gedeutet worden - für das Regime. Wenn die Spieler aber vor dem Anpfiff schweigen würden, könnten sie die Herzen von Millionen Menschen erreichen, war schon vor dem Turnier aus dem Iran zu hören. Manchmal haben Fußballer den Mut und die Kraft zu großen Gesten. Beim englischen Fußballverband - und bei vielen weiteren, auch dem deutschen - haben sie dagegen nicht mal den Mumm, sich mit der Fifa anzulegen."

Horn bezieht sich mit dem letzten Satz auf die Entscheidung der europäischen Fußballkapitäne, auch des deutschen Manuel Neuer, beim Spiel nicht mal die "One Love"-Binde zu tragen, die eh schon eine abgeschwächte Version der Regenbogen-Armbinde ist, weil die Fifa mit gelben Karten gedroht hatte. Die Engländer verzichteten beim Spiel gegen den Iran schon mal auf die Binde. Die belgische Nationalmannschaft fügt sich Anweisungen der Fifa, das Wort "Love" von der Innenseite ihrer Trikots zu entfernen. Im Tagesspiegel ist Robert Ide empört: "Symptomatisch für die ganze WM steht da wohl die jüngste Stellungnahme des niederländischen Fußball-Verbandes: 'Wir stehen zur 'One Love'-Botschaft und werden diese weiter verbreiten, aber unsere oberste Priorität ist es, Spiele zu gewinnen.' Für eine selbstverständliche Botschaft eine Spielsperre riskieren - nicht einmal so wenig Engagement bringt der europäische Fußball auf. Nur mit Gratis-Mut hätte man das sichtbare Eintreten für Menschenrechte vorgespielt." Auf Zeit online schäumt Jens Wohlgemuth: "Dass die großen europäischen Fußballverbände nun vor dieser Situation zurückschrecken, um den reibungslosen Ablauf dieses Turniers nicht zu gefährden, ist entlarvend. Sie sind mächtig genug, um sich in dieser Sache geschlossen mit der Fifa anzulegen, es fehlt allein der Mut - oder, noch schlimmer: die Überzeugung."

In der SZ findet Thomas Kistner das Heulen und Zähneklappern albern: Dass Infantino die Binde verbieten würde, war doch klar, meint er. "Das flotte, verdächtig willfährige Einknicken des DFB und der anderen Verbände zeigt: Es gibt keinen echten Zusammenhalt. ... Denn genauer betrachtet birgt diese Fifa-Drohung enorme Risiken auch für Infantinos Katar-Legionen selbst. Man stelle sich vor, der deutsche Kapitän Manuel Neuer bekommt wegen seiner Binde eine gelbe Karte, kassiert eine zweite, muss vom Feld - und am Ende kippt Japan oder Costa Rica das WM-Spiel gegen zehn Gegenspieler. So ein Skandal würde nicht nur weitestreichende Reaktionen im europäischen Fußball auslösen, er würde alles Dagewesene in den Fifa-Annalen übertrumpfen, vom Wembley-Tor bis zur Hand Gottes. Kurz, er würde dieser WM den Stecker ziehen."

So richtig die Empörung der Kommentatoren ist, sie zeigt auch ziemlich viel Gratis-Mut: auf die Spielberichterstattung zur WM verzichtet von FAZ bis taz keine der großen Zeitungen. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben die WM durch ihre 214 Millionen Euro Gebührengelder für die Übertragungsrechte maßgeblich mitfinanziert. Und auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) wird trotz anfänglicher Bedenken zum Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft nach Qatar reisen, wie die FAZ meldet. In der Berliner Zeitung hält es Harry Nutt mit dem ARD-Moderator Frank Plasberg, der die Kritik an Katar kritisierte, weil sie viel zu spät komme: "Trotz oder wegen seines offenen Bekenntnisses, von Fußball keine Ahnung zu haben, erschien ihm die wie eine Monstranz mitgeführte kritische Haltung zum Fußballspektakel im Emirat doch allzu verdächtig. Warum erst jetzt? Das Geld ist geflossen, die Kameras sind aufgebaut - angesichts der devoten Verbeugung, die Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck unlängst dem Emir von Katar dargeboten hatte, klingen die lauten und lauen Boykottbekundungen wie der Pflichtteil eines allfälligen Ablasshandels. Monstranz, Ablass - vielleicht sind die religiösen Begriffe sogar passend, weil doch der WM-Gastgeber kaum eine Gelegenheit auslässt, zur Rechtfertigung dieser und jener Maßnahme auf religiöse Pflichten und Motive zu verweisen. Das Weltheiligtum Fußball ist hier wie dort wohl meilenweit vom Prozess einer Säkularisierung entfernt."

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Daniel Bax, ehemals taz-Redakteur, heute Pressesprecher des Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), das die Bundesregierung berät, hat in der taz ein Problem mit der britischen Regierung: Sie ist divers, aber nicht woke. Eine der "Bipoc"-Ministerinnen wurde gar durch ihren Kampf gegen Gender-Toiletten bekannt. Vielfalt allein reicht eben nicht, muss Bax konstatieren. "Selbst die AfD setzt auf Vielfalt: Ihre Parteispitze ist so sorgfältig wie die keiner anderen Partei nach Geschlecht, Herkunft und sexueller Orientierung austariert." Die linken Parteien hinken da hinterher. Bax fordert deshalb eine ideologisch gefestigte Vielfalt mit ganz anderen Bandagen: "Wer es mit 'Diversität' wirklich ernst meint, muss sie auf allen Ebenen durchsetzen, um gesellschaftlich immer noch benachteiligte Gruppen wie Frauen, Migrant*innen, queere Menschen, Arbeiter*innen und Arme auf breiter Front gleichzustellen. Dazu braucht es gezielte Anstrengungen, gegebenenfalls Quoten."