Während im
Iran die ersten
Todesurteile gegen Teilnehmer von Demonstrationen gefällt werden, bewies die
iranische Fußballnationalmannschaft großen Mut und
blieb stumm beim Abspielen ihrer Nationalhymne in Katar - entgegen der Anweisung mitzusingen,
berichtet Nico Horn auf
Zeit online. "Vor dem Turnier war im Iran spekuliert worden: Wie verhält sich die Nationalmannschaft? Nicht alle rechneten mit einem Protest, der Verband hatte mit Konsequenzen gedroht. Und auch die Mannschaft schien sich nicht einig in ihrer Haltung zu den Protesten. Aber irgendwie mussten sie sich verhalten. Auch ein Mitsingen der Hymne wäre als Zeichen gedeutet worden - für das Regime. Wenn die Spieler aber vor dem Anpfiff schweigen würden, könnten sie die Herzen von Millionen Menschen erreichen, war schon vor dem Turnier aus dem Iran zu hören. Manchmal haben Fußballer
den Mut und die Kraft zu großen Gesten. Beim englischen Fußballverband - und bei vielen weiteren, auch dem deutschen - haben sie dagegen nicht mal den Mumm, sich mit der Fifa anzulegen."
Horn bezieht sich mit dem letzten Satz auf die Entscheidung der
europäischen Fußballkapitäne, auch des deutschen
Manuel Neuer, beim Spiel nicht mal die "One Love"-Binde zu tragen, die eh schon eine abgeschwächte Version der Regenbogen-Armbinde ist, weil die Fifa mit gelben Karten gedroht hatte. Die Engländer verzichteten beim Spiel gegen den Iran schon mal auf die Binde. Die belgische Nationalmannschaft
fügt sich Anweisungen der Fifa, das Wort "Love" von der Innenseite ihrer Trikots zu entfernen. Im
Tagesspiegel ist Robert Ide
empört: "Symptomatisch für die ganze WM steht da wohl die jüngste Stellungnahme des niederländischen Fußball-Verbandes: 'Wir stehen zur 'One Love'-Botschaft und werden diese weiter verbreiten, aber unsere
oberste Priorität ist es, Spiele zu gewinnen.' Für eine selbstverständliche Botschaft eine Spielsperre riskieren - nicht einmal so wenig Engagement bringt der europäische Fußball auf.
Nur mit Gratis-
Mut hätte man das sichtbare Eintreten für Menschenrechte vorgespielt." Auf
Zeit online schäumt Jens Wohlgemuth: "Dass die großen europäischen Fußballverbände nun vor dieser Situation zurückschrecken, um den reibungslosen Ablauf dieses Turniers nicht zu gefährden, ist
entlarvend. Sie sind mächtig genug, um sich in dieser Sache geschlossen mit der Fifa anzulegen, es fehlt allein der Mut - oder, noch schlimmer: die Überzeugung."
In der
SZ findet Thomas Kistner das Heulen und Zähneklappern albern: Dass Infantino die Binde verbieten würde, war doch klar, meint er. "Das flotte,
verdächtig willfährige Einknicken des DFB und der anderen Verbände zeigt: Es gibt keinen echten Zusammenhalt. ... Denn genauer betrachtet birgt diese Fifa-Drohung enorme Risiken auch für Infantinos Katar-Legionen selbst. Man stelle sich vor, der deutsche Kapitän Manuel Neuer bekommt wegen seiner Binde eine gelbe Karte, kassiert eine zweite,
muss vom Feld - und am Ende kippt Japan oder Costa Rica das WM-Spiel gegen zehn Gegenspieler. So ein Skandal würde nicht nur weitestreichende Reaktionen im europäischen Fußball auslösen, er würde alles Dagewesene in den Fifa-Annalen übertrumpfen, vom Wembley-Tor bis zur Hand Gottes. Kurz, er würde
dieser WM den Stecker ziehen."
So richtig die Empörung der Kommentatoren ist, sie zeigt auch ziemlich viel Gratis-Mut: auf die
Spielberichterstattung zur WM verzichtet von
FAZ bis
taz keine der großen Zeitungen. Die
öffentlich-rechtlichen Sender haben die WM durch ihre
214 Millionen Euro Gebührengelder für die Übertragungsrechte maßgeblich mitfinanziert. Und auch Bundesinnenministerin
Nancy Faeser (SPD) wird trotz anfänglicher Bedenken zum Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft nach Qatar reisen, wie die
FAZ meldet. In der
Berliner Zeitung hält es Harry Nutt mit dem
ARD-Moderator
Frank Plasberg, der die Kritik an Katar kritisierte, weil sie viel zu spät komme: "Trotz oder wegen seines offenen Bekenntnisses, von Fußball keine Ahnung zu haben, erschien ihm die wie eine Monstranz mitgeführte kritische Haltung zum Fußballspektakel im Emirat doch allzu verdächtig. Warum erst jetzt?
Das Geld ist geflossen,
die Kameras sind aufgebaut - angesichts der devoten Verbeugung, die Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck unlängst dem Emir von Katar dargeboten hatte, klingen die lauten und lauen Boykottbekundungen wie der Pflichtteil eines
allfälligen Ablasshandels. Monstranz, Ablass - vielleicht sind die religiösen Begriffe sogar passend, weil doch der WM-Gastgeber kaum eine Gelegenheit auslässt, zur Rechtfertigung dieser und jener Maßnahme auf religiöse Pflichten und Motive zu verweisen. Das Weltheiligtum Fußball ist hier wie dort wohl meilenweit vom Prozess einer Säkularisierung entfernt."
======Daniel Bax, ehemals
taz-Redakteur, heute Pressesprecher des Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), das die Bundesregierung berät,
hat in der
taz ein Problem mit der
britischen Regierung: Sie ist divers, aber nicht woke. Eine der "Bipoc"-Ministerinnen wurde gar durch ihren Kampf gegen
Gender-Toiletten bekannt.
Vielfalt allein reicht eben nicht, muss Bax konstatieren. "
Selbst die AfD setzt auf Vielfalt: Ihre Parteispitze ist so sorgfältig wie die keiner anderen Partei nach Geschlecht, Herkunft und sexueller Orientierung austariert." Die linken Parteien hinken da hinterher. Bax fordert deshalb eine ideologisch gefestigte Vielfalt mit ganz anderen Bandagen: "Wer es mit 'Diversität' wirklich ernst meint, muss sie
auf allen Ebenen durchsetzen, um gesellschaftlich immer noch benachteiligte Gruppen wie Frauen, Migrant*innen, queere Menschen, Arbeiter*innen und Arme auf breiter Front gleichzustellen. Dazu braucht es gezielte Anstrengungen,
gegebenenfalls Quoten."