9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2022 - Ideen

Zwischen einem Angreifer, der sein Opfer vernichten will, und dem Opfer kann es keinen Kompromiss geben. Dennoch tun die Putinisten und Emma-Briefschreiber in der deutschen Öffentlichkeit so, als würde ihre Meinung unterdrückt. Der Politologe Jan-Werner Müller warnt im Gespräch mit Jan Pfaff und Luise Strothmann von der taz vor allem die Medien davor, in solchen Debatten im Namen des "Bothsidism" eine scheinbare Symmetrie der Positionen herzustellen: "Es gibt gute Überlegungen dazu, wie man Verzerrungen unter dem Deckmantel der Objektivität vermeidet. Man soll marginale Positionen zu Wort kommen lassen - aber fügt eben hinzu, wie marginal sie sind, und was sie zum Teil implizieren. Beispiel: Republikaner, die vor Wahlbetrug warnen, sind nicht marginal, aber man erklärt als Berichterstatter auch immer, dass die Gefahr von Wahlbetrug in den USA objektiv sehr gering ist. Und Leute, die ganz eindeutig lügen, lässt man gar nicht zu Wort kommen."

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube liest Jürgen Habermas' Essay "Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik", in dem sich der greise Soziologe  mit dem Internet auseinandersetzt und zu den üblichen Ergebnissen kommt: Das Internet fragmentiere die Öffentlichkeit, die Zeitungen waren das wahre Ding. Kaube ist skeptisch: "Für das Verständnis der Massenmedien ist dieser Phantomschmerz nicht ergiebig. Er führt Habermas in anderen Beiträgen auch ganz folgerichtig zu Forderungen wie der nach einer staatlichen Subvention von Zeitungen und eventuell sogar, da wir eine europäische Demokratie haben, ihrer Übersetzung in fremde Sprachen. Denn nur so könnte es zu einer entsprechend europäischen Öffentlichkeit kommen. Allerdings ist der Zeitpunkt gerade ungünstig, sich von einer öffentlich-rechtlichen Einrichtung der gesamten Öffentlichkeit größere Aufklärungsgewinne zu versprechen." Stefan Reinecke ist in der taz etwas freundlicher: "Die Rückkehr zur Welt der Zeitungen und TV-Redaktionen ist Illusion. Wie die digitale Öffentlichkeit konstruiert werden muss, erfährt man hier nicht. Es wäre etwas viel verlangt." Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2022 - Ideen

Am Mittwoch startete das 22. Internationale Literaturfestival in Berlin, den Eröffnungsvortrag hielt der belgische Historiker David van Reybrouck. Kolonialismus dürfe nicht mehr nationalstaatlich verstanden werden, sondern müsse global, zudem temporal gedacht werden, lautet sein Anliegen, das unter anderem Lothar Müller in der SZ zusammenfasst: "'Wir verhalten uns wie die Kolonisatoren der zukünftigen Generationen, wir plündern ihr Trinkwasser und ihre fruchtbaren Böden.' Diese Kolonisierung der Zukunft verlaufe entlang von territorialen Linien, die häufig kolonial geprägt seien. In van Reybroucks 'Wir' steckt nicht die Menschheit als Gattung, sondern die erneute Kolonisierung des 'globalen Südens' durch die reichen Länder des 'Nordens', dem er Nordamerika, Europa, Japan Russland und Australien zurechnet." Der Postkolonialismus greife für Reybrouck zu kurz, erkennt Gerrit Bartels im Tagesspiegel - und zitiert: "'Wir werden mehr tun müssen, als Kampagnen gegen lokale Symbole der Vergangenheit zu veranstalten und die globalen Strukturen der Gegenwart zu bekämpfen. Wenn wir wirklich Fortschritte erzielen wollen, müssen wir die globale Solidarität neu erfinden.'" Das Publikum jubelte ergriffen, weiß Petra Ahne in der FAZ, die erklärt, weshalb die Rede auf einem Literaturfestival gehalten werden musste: "Sie war eine Feier der Sprache, der Geschichten." Mehr zum Internationalen Literaturfestival in Efeu.

Vor einigen Tagen hat Arno Widmann in der FR daran erinnert, dass Deutsche möglicherweise nicht ganz unschuldig an dem Olympia-Attentat 1972 waren: "Es ist ganz unwahrscheinlich, dass an der Vorbereitung und Durchführung der Aktion nur die bekannten palästinensischen Fachkräfte beteiligt gewesen sein sollen. Es gab damals in jeder deutschen Universitätsstadt ein Palästina-Komitee und ein Palästinensertuch galt als schickes APO-Accessoire. München war ein Zentrum linken Antisemitismus'", schrieb er. Heiner Roetz, damals Mitglied im Frankfurter Komitee, widerspricht heute: Man war in den Komitees weder für den Terrorismus noch Antisemit, behauptet er. Man hielt aber die "Aussöhnung" mit Israel für heuchlerisch. Der deutschen Regierung sei es damals nicht um Überwindung des Antisemitismus gegangen, sondern um einen Deal: Ein "Persilschein" für den deutschen Staat im Austausch für Geld und die "bedingungslose politische Unterstützung Israels". Dass Heuchelei auch ihm nicht fremd ist, zeigt sich in folgendem Absatz: "Und die Palästinenser erfüllten noch eine weitere Funktion, die von Schuld reinigte. Dass sie Opfer Israels wurden, schien 'die Juden' selber zu Tätern zu machen, die doch 'dasselbe wie wir' taten, zumindest in Form der Eroberung fremden Territoriums - ich habe es oft genug gehört. Besonders der Sechs-Tage-Krieg berührte die deutsche Seele: Die Juden waren nun selbst zu Soldaten geworden. Und in die Tätergemeinschaft aufgenommen, konnte man sie sogar zu lieben beginnen." Als hätten ausgerechnet linke Israelkritiker jüdische Israelis nie als die neuen Nazis dargestellt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2022 - Ideen

Um heutige Identitätsdebatten zu entkrampfen, empfiehlt Harry Nutt in der FR ein Buch des französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann: "Wenn Ich ein anderer ist". Laut Kaufmann ist Identität etwas offenes, fluides. "Aus der Laune des Augenblicks, legt Kaufmann nahe, können Einstellungsveränderungen hervorgehen, die ganz elementar zu etwas beitragen, was heute unter kategorialen Begriffen wie Selbstbestimmung und Identität verhandelt und oft auch politisiert wird. Wenn man das von Kaufmann beschriebene Phänomen der Identität, das er in seiner schönen und manchmal auch nicht so schönen Vielfältigkeit und Variabilität zeigt, mit den Haltungen vergleicht, die immer wieder in intensiv diskutierten Identitätskämpfen aufeinanderprallen, so fällt auf, wie sehr ein an sich fluides und im Wandel befindliches Ich in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auf Festlegungen zusteuert und nicht selten auch bugsiert wird. Angesichts seines unentwegten Bemühens, Herr oder Frau im eigenen Haus zu bleiben, wird das Ich damit konfrontiert, wie viele Türen, Fenster, Anbauten und Dachkammern es hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2022 - Ideen

In der Berliner Zeitung fordern Ilan Baruch und Alon Liel, beide Ex-Botschafter Israels für Südafrika, den Ökumenischen Rat der Kirchen auf, Israels Siedlungspolitik als Apartheid zu verurteilen. Es müsse außerdem betont werden, "dass es nicht antisemitisch ist, Israels Behandlung der Palästinenser als Apartheid zu bezeichnen", schreiben sie: "Wir hoffen, dass die Mitglieder der Vollversammlung die Realität in den besetzten palästinensischen Gebieten als das anerkennen, was sie ist: als Apartheid. Sie würden damit einen entscheidenden Schritt zur Förderung von Ehrlichkeit und Gerechtigkeit leisten, während ein Großteil der westlichen Welt weiterhin dazu schweigt. Seit mehr als einem halben Jahrhundert arbeitet Israel daran, sowohl die Geografie als auch die Demografie der besetzten palästinensischen Gebiete durch expansive Siedlungspolitik zu verändern - eine Politik, die nach internationalem Recht illegal ist."

Außerdem: In der NZZ rät der Historiker Oliver Zimmer gerade jetzt einen Blick auf die Ideen des liberalen britischen Intellektuellen Matthew Arnolds zu werfen. Arnolds verurteilte materielles Wachstum, institutionelle Modernisierung, Kommerzialisierung und Konsum: "Der Vormarsch dieser Zivilisation habe ein Verständnis von Freiheit gefördert, das den Einzelnen und seine Ansprüche verabsolutiere. Durch die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in eine Vielzahl von Gruppen, jede mit ihren eigenen Präferenzen und Interessen, drohe den Menschen der Sinn für größere Zusammenhänge abhandenzukommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2022 - Ideen

Muss der Mensch verschwinden, damit die Welt sich erholen kann? Der Philosoph Konstantin Sakkas hält diesen Gedanken in der NZZ für Unsinn, ebenso wie die Vorstellung, dass der Mensch auch nur ein Tier sei, dass sich bitte als solches zu verhalten und sich nicht über die Natur zu erheben habe: "Der Mensch ragt aus der Natur heraus und steht über der Natur, ob uns das gefällt oder nicht. Der Mensch ist Prometheus, der Vorausdenkende, und Odysseus, der Listenreiche; beide mussten, um sich zu retten, der Natur - und sich selbst - Gewalt antun. Darin liegt die ontologische Auszeichnung, darin liegt die spezifische Würde des Menschen. Wollte die Menschheit hinter diesen prometheischen Stand zurück, müsste sie nicht nur ihre industrielle Lebensweise aufgeben, sondern auch ihr handwerkliches und sprachliches Vermögen. Wir müssten aufhören, ein 'zôon lógon échon' zu sein - ein Tier, das über Vernunft verfügt."

In der taz hofft die Anglistin Jasamin Ulfat auf mehr Pragmatismus im Umgang mit den Taliban: Man soll wohl einfach nicht mehr über Frauenrechte reden, denn diese würden von den Taliban oft "mit Krieg und Gewalt" assoziiert und außerdem könnten sich die Taliban ja heutzutage leicht an China oder Russland wenden: "Nachdem wir den Taliban das Land und die Leute überlassen haben, bleibt uns also nichts anderes übrig, als weiter mit ihnen zu reden. Das ist die bittere Bilanz des Kriegs." Man würde gern hören, was die afghanische Politikerin Fausia Kufi dazu zu sagen hätte. Sie hat gerade nur knapp einen Anschlag überlebt, wie Spon berichtet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2022 - Ideen

Der Literaturwissenschaftler Uwe Schütte, der fast zwanzig Jahre an britischen Universitäten lehrte, ist der Verzweiflung nahe angesichts des intellektuellen Niedergangs, den die Wokeness dort befördert. Aber, meint Schütte in der taz, Wokeness ist vor allem auch ein Phänomen der Dienstleisterkultur an den britischen Unis, die ihre zahlenden Kunden zufriedenstellen möchten: "Durch die Neoliberalisierung der higher education verfielen nicht nur intellektuelle Neugier oder kritisches Denken, sondern etablierte sich seitens des academic managements zunehmend ein Regime, das dem Kunden, in der Furcht vor potentiellen Beschwerden, vor allem Inkommensurablen zu bewahren trachtet. Die Selbstzensur der Lektürelisten und die Proliferation von trigger warnings sind wesentlich vor diesem Hintergrund zu verstehen, selbst wenn sie in vielen Fällen durchaus berechtigte Anlässe haben können. Von einer 'linken Meinungsdiktatur', wie sie die Konservativen und rechte Gesinnungsgenossen als Schreckgespenst an die Wand malen, kann allein schon deshalb keine Rede sein, weil die allermeisten Dozierenden längst schon ihre akademische Freiheit zu selbstbestimmter Lehre weitgehend verloren haben in dem aufgenötigten Endzweck, den Studierenden einen glatten, möglichst stressfreien Weg zu einem Abschluss mit besserer Note als eigentlich verdient zu bahnen, sprich: dem Kunden value for money zu bieten."
Stichwörter: Wokeness

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2022 - Ideen

Die hysterische Debatte gegen kulturelle Aneignung (Unsere Resümees) offenbart nicht nur "die ideologischen Parallelen zwischen islamistischem, postmodernem linkem und neurechtem Gedankengut. Sie erinnern auch an die alten Zeiten der Kolonialherrschaft. Denn diese basierte auf der kulturellen Trennung der Völker - und auf verlogenen orientalistischen Märchen", schreibt Kacem El Ghazzali in der NZZ. Ihnen gemein sei eine "essenzialistische und deterministische Deutung von Kultur. Denn wo finden wir reine, saubere Kulturen, in denen das Eigene vom Fremden scharf unterschieden werden kann? Vielleicht nur in der Vorstellung einiger Illusionisten, die für rassische und kulturelle Überlegenheit eintreten. Dabei ist das, was Islamisten und andere Eiferer für authentische Kultur halten, zum Teil selbst ein Produkt des Kolonialismus: Die Kolonialherren waren nicht primär daran interessiert, ihre Wertvorstellungen in die Welt zu exportieren. Vielmehr ging es ihnen um den Erhalt konservativer traditioneller Strukturen, die der Sicherung der eigenen Macht dienten."

Über Aneignung werde nur noch im "Modus des Verbots" gesprochen, ärgert sich Jens Balzer, der gerade das Buch "Ethik der Appropriation" veröffentlicht hat, im Gespräch mit Susanne Lenz (Berliner Zeitung). Kritik an einer kulturellen Aneignung, die sich gegen die Ausbeutung der Kultur von Minderheiten durch die Mehrheitskultur wendet, findet er erstmal legitim. Aber: "Wenn man diese spezifische Kritik aber auf das Verhältnis zwischen Kulturen im Allgemeinen zu übertragen versucht, dann läuft man Gefahr, einen identitären Kulturbegriff zu formulieren. Wer kann denn schon genau sagen, wo die Grenzen zwischen verschiedenen Kulturen verlaufen, und wer kann mit Sicherheit behaupten, genau zu einer bestimmten Kultur zu gehören und darum ein Eigentumsrecht an ihr zu besitzen." Auch auf den deutschen Antisemitismus und die Winnetou-Debatte (Unsere Resümees) kommt Balzer zu sprechen: "Für die antiimperialistische Linke war Israel als Kolonialmacht immer auch ein Hauptfeind. Im Grunde war Arafat in den Siebzigern der Winnetou der linken Gegenkultur. Man imaginierte ein einfaches Wüstenvolk, das gegen die technisch modernen, imperialistischen Besatzer kämpft, genau wie das die Indianer gegen die weißen Kolonisatoren getan haben. Die heutige postkoloniale Linke - jedenfalls die in Deutschland - steht ganz klar in dieser Tradition."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2022 - Ideen

Die Erinnerungsexpertin Charlotte Wiedemann, Autorin des Buchs "Den Schmerz der Anderen begreifen", warnt in ihrer taz-Kolumne vor der Verwendung des Wortes "Vernichtungskrieg" mit Blick auf den russischen Krieg gegen die Ukraine. Mit solchen Begriffen bagatellisiere man entweder die Gegenwart oder die Vergangenheit: "Im Verhältnis zu Israel vermag Deutschland bisher keine sinnvolle Antwort auf diese Fragen zu geben. Schuldgefühle begründen ein Loyalitätsverhältnis, das wenig geeignet ist, Menschenrechtsvergehen realistisch wahrzunehmen und darauf differenziert zu reagieren. Das Verhältnis zum Ukrainekrieg scheint zunächst von ganz anderer Natur, doch zeigen sich verwandte Muster - wenn etwa Versuche, sich dem Krieg analytisch zu nähern, sogleich als Verharmlosung Putins geschmäht werden."

Klimaaktivisten beschränken sich dieser Tage darauf, Dystopien zu prophezeihen und sich mal hier oder da mit melodramatischem Gesichtsausdruck festzukleben. Das führt in die Sackgasse, diagnostiziert Philipp Bovermann in der SZ. "Wer nur Dystopien, aber keine Utopien anzubieten hat, überlässt anderen die Initiative und beschränkt sich aufs Verhindern. Man geht in die innere Sitzblockade. Die findet in den allermeisten Fällen aber nicht auf den Gleisen einer Kohletransport-Trasse statt, sondern in einem beheizten Wohnzimmer, auf dem eigenen, dicker werdenden Hintern." Man könnte ja auch mal die "Wege in eine bessere Zukunft" feiern, die es schon gibt. "Auch das Gute wächst ja, langsam und mit Rückschlägen, aber stetig. Grüne Technologien werden immer günstiger. Das Versprechen ist einfach zu gut: kostenlose Energie, die buchstäblich vom Himmel fällt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2022 - Ideen

Vor einigen Wochen brachte der Kritiker Christian Lorentzen in seinem Substack-Newsletter die kulturelle Stagnation auf den Punkt: "Hollywoodfilme sind langweilig, Fernsehen ist langweilig, Popmusik ist langweilig. Kunst ist langweilig. Theater ist ist langweilig. Bücher von großen Verlagen sind langweilig." In der NYTimes kann Michelle Goldberg dem nur zustimmen, sie glaubt aber nicht wie Lorentzen, dass die Kapitalisierung der Kultur daran schuld ist. Sie empfiehlt David Marx' Buch "Status and Culture". Marx glaubt, dass Kultur kein soziales Kapital mehr zur Verfügung stellt, nicht bei KünstlerInnen, die den Betrieb herausfordern, nicht beim Publikum: "Im Zeitalter des Internets sagt der Geschmack weniger über eine Person aus. Man muss sich nicht in eine soziale Welt begeben, um sich mit John Cage vertraut zu machen - oder mit Underground-Hip-Hop, schräger Performance-Kunst oder seltenen Sneakers. In gewisser Hinsicht ist das fantastisch. Die Menschen können ohne Probleme Dinge finden, die sie mögen, und verschwenden weniger Zeit damit, so zu tun, als würden sie Dinge mögen, die sie nicht mögen. Kulturelles Kapital zu nutzen, um seinen Platz in der Statushierarchie zu signalisieren, ist versnobt und ausgrenzend. (Avantgarde-Kunst kann auch, wie Susan Sontag schrieb, selbst ziemlich langweilig sein.) Aber natürlich sind die Menschen heute nicht weniger besessen von ihrem eigenen Status als zu Zeiten einer blühenden Kulturproduktion. Es ist nur so, dass die Merkmale eines hohen sozialen Ranges spießiger sind. Wenn der Wert des kulturellen Kapitals herabgesetzt wird, schreibt Marx, dann werden 'Popularität und ökonomisches Kapital noch zentraler für die Bestimmung des Status'. Infolgedessen, sagt er, gibt es 'weniger Anreize für Individuen, Kultur mit hoher symbolischer Komplexität zu schaffen und zu zelebrieren'."

Debatten um den Liberalismus sind nicht neu, schreibt in der SZ Hans Maier, ehemaliger Kultusminister in Bayern, nach Lektüre des von Ralf Fücks und Rainald Manthe herausgegebenen Aufsatzband "Liberalismus neu denken". Maier erinnert sich jedenfalls noch gut an die Debatten der "Freiburger Schule" in den späten Vierzigern: Sie wollte einerseits Freiheit für die Wirtschaft, damit diese sich entwickeln kann. Aber auch einen Ordnungsrahmen, "damit das wirtschaftliche Geschehen nachhaltig weitergehen kann und der notwendige Wettbewerb nicht mit einem Sieg der schnellsten und stärksten Hände endet ... 'Ordnung der Wirtschaft' war daher das zentrale Thema der Freiburger Juristen und Ökonomen. Und die eigentliche Nagelprobe auf eine geordnete Freiheit des Marktes war für die 'Freiburger' ein funktionierendes, mit 'Zähnen' versehenes Kartellrecht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2022 - Ideen

In der SZ blickt die Historikerin Christina Morina fasziniert auf die Debatte über Antisemitismus auf der Documenta. Der "wenig kompetente" Umgang der Documenta-Leitung mit dem Thema ist ihrer Ansicht nach auf "tektonische Verschiebungen in der politischen Kultur" zurückzuführen: Der Schlussstrich unter den Holocaust, an dessen Einforderung man früher rechte Beschöniger erkannte, wird heute von einem breiten Bündnis gefordert. "So offen wie nie zuvor (zumindest seit Martin Walsers Paulskirchen- und Björn Höckes Schandmal-Rede nicht mehr) machen sich Erinnerungsermüdung, Normalisierungsrhetorik und Politisierungslust in jüngster Zeit breit. Man wünscht ein 'Ende der deutschen Holocaust-Orthodoxie' und setzt atemberaubend kaltherzig auf das Aussterben der Überlebenden (Wolfgang Reinhard). Verflucht den 'Katechismus der Deutschen' (A. Dirk Moses), verengt die Vergegenwärtigung von Geschichte auf ihren Sinn und Nutzen für gegenwärtige Ungerechtigkeitskämpfe (Michael Rothberg), marschiert im schlimmsten Wutbürgerton gegen das 'Gebrüll' der 'Bataillone' von Anti-Antisemiten anschreiend über die 'Verantwortung für die angemessene Erinnerung' hinweg, die Deutschland halt nie wieder loswerde (Eva Menasse)." Der Vorstellung, man könne den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in Deutschland diskutieren, abgetrennt "von der deutsch-jüdischen Geschichte" oder "der deutsch-jüdischen Gegenwart" erteilt Morina eine klare Absage.