Am Mittwoch startete das
22. Internationale Literaturfestival in Berlin, den Eröffnungsvortrag hielt der belgische
Historiker David van Reybrouck.
Kolonialismus dürfe nicht mehr nationalstaatlich verstanden werden, sondern müsse
global, zudem
temporal gedacht werden, lautet sein Anliegen, das unter anderem Lothar Müller in der
SZ zusammenfasst: "'Wir verhalten uns wie die
Kolonisatoren der zukünftigen Generationen, wir plündern ihr Trinkwasser und ihre fruchtbaren Böden.' Diese Kolonisierung der Zukunft verlaufe entlang von territorialen Linien, die häufig kolonial geprägt seien. In van Reybroucks 'Wir' steckt nicht die Menschheit als Gattung, sondern die erneute Kolonisierung des '
globalen Südens' durch die reichen Länder des 'Nordens', dem er Nordamerika, Europa, Japan Russland und Australien zurechnet." Der
Postkolonialismus greife für Reybrouck zu kurz,
erkennt Gerrit Bartels im
Tagesspiegel - und zitiert: "'Wir werden mehr tun müssen, als Kampagnen gegen lokale Symbole der Vergangenheit zu veranstalten und die globalen Strukturen der Gegenwart zu bekämpfen. Wenn wir wirklich Fortschritte erzielen wollen, müssen wir die
globale Solidarität neu erfinden.'" Das Publikum jubelte ergriffen,
weiß Petra Ahne in der
FAZ, die erklärt, weshalb die Rede auf einem Literaturfestival gehalten werden musste: "Sie war eine
Feier der Sprache, der Geschichten." Mehr zum Internationalen Literaturfestival in
Efeu.
Vor einigen Tagen hat Arno Widmann in der
FR daran erinnert, dass Deutsche möglicherweise nicht ganz unschuldig an dem
Olympia-
Attentat 1972 waren: "Es ist ganz unwahrscheinlich, dass an der Vorbereitung und Durchführung der Aktion nur die bekannten palästinensischen Fachkräfte beteiligt gewesen sein sollen. Es gab damals in jeder deutschen Universitätsstadt ein
Palästina-
Komitee und ein Palästinensertuch galt als schickes APO-Accessoire. München war ein
Zentrum linken Antisemitismus'", schrieb er.
Heiner Roetz, damals Mitglied im Frankfurter Komitee,
widerspricht heute: Man war in den Komitees weder für den Terrorismus noch Antisemit, behauptet er. Man hielt aber die "Aussöhnung" mit Israel für heuchlerisch. Der deutschen Regierung sei es damals nicht um Überwindung des Antisemitismus gegangen, sondern um einen Deal: Ein "Persilschein" für den deutschen Staat im Austausch für Geld und die "bedingungslose politische Unterstützung Israels". Dass Heuchelei auch ihm nicht fremd ist, zeigt sich in folgendem Absatz: "Und die Palästinenser erfüllten noch eine weitere Funktion, die von Schuld reinigte. Dass sie Opfer Israels wurden, schien 'die
Juden'
selber zu Tätern zu machen, die doch 'dasselbe wie wir' taten, zumindest in Form der Eroberung fremden Territoriums - ich habe es oft genug gehört. Besonders der Sechs-Tage-Krieg berührte die deutsche Seele: Die Juden waren nun selbst zu Soldaten geworden. Und
in die Tätergemeinschaft aufgenommen, konnte man sie sogar zu lieben beginnen." Als hätten ausgerechnet linke Israelkritiker jüdische Israelis nie als die neuen Nazis dargestellt.