Heute ist irgendwie
Wolfgang-Pohrt-Tag. Claudius Seidl bespricht in der
FAS die fulminante Pohrt-
Biografie des Autors und Verlegers
Klaus Bittermann und nutzt die Gelegenheit, an den linken Polemiker gegen Links zu erinnern, der in den Achtzigern in
konkret und
taz unsterblichen Spott über die Friedensbewegung ausgoss. Das Buch sei so auch eine "eine Mentalitätsgeschichte der deutschen Linken, die... ja auch die Adressatin seiner Artikel war. Wobei es Momente gibt, da meint man, dass die
Gegenwart sich dehne, ja dass die Geschichte auf der Stelle trete. Damals, in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern, war vom BDS noch nicht die Rede, und mit dem Postkolonialismus beschäftigten sich in Deutschland allenfalls ein paar Spezialisten. Es reichte aber schon ein gewisses antiimperialistisches Gefühl, damit so viele deutsche Linke damals
im Staat Israel den Aggressor sahen, den Unterdrücker, die imperiale Macht. Und in den diversen Palästinensergruppen, von der PLO bis zur PFLP, die revolutionären Befreiungsorganisationen, mit denen jeder, der ein Che-Guevara-Poster an der Wohngemeinschaftstür hatte, sich gefälligst solidarisieren musste."
In der
taz argumentiert auch Ulrich Gutmair mit Pohrt, um
apokalyptische Jugendbewegungen wie die "Letzte Generation" oder "Extinction Rebellion" zu begreifen: "Wenn Themen wie Überbevölkerung, Raubbau an der Natur und Umweltverschmutzung die öffentliche Diskussion bestimmen, dann habe sich
der Gegner verwandelt, meinte vor gut vierzig Jahren Wolfgang Pohrt: Nicht das falsche gesellschaftliche Verhältnis der Menschen,
der Mensch selbst erscheint dann als Feind." Eine Autorengruppe
recherchiert in der
taz zugleich über wachsende Gewaltbereitschaft in der Klimabewegung.
Was Pohrt schrieb, versichert Seidl, sei "auch
sehr gut gealtert. Vieles liest sich zeitgemäß. Das Beste ist radikal unzeitgemäß geblieben." Da ist sich
Perlentaucher Thierry Chervel, der gestern - pure Koinzidenz - eine Pohrt-Fundstelle in einem Twitter-Thread kommentierte, nicht so sicher.
Jürg Altwegg porträtiert in einem etwas mäandernden, aber inspirierenden
FAZ-Text den Essayisten
Eric Marty (
"Le Sexe des modernes"), Herausgeber der Werke von
Roland Barthes und zugleich Kritiker und Bewunderer der großen
poststrukturalistischen Generation in Frankreich, deren Denken in den woken Theorien Amerikas verkümmert sei. Aber nicht ohne ihre Mitverantwortung: "
Derrida habe sich nie von dieser Instrumentalisierung seines Denkens distanziert: 'Aus Eitelkeit wurde er zu ihrem Komplizen.' Zwischen seiner komplexen Philosophie und der von
Judith Butler aber lägen Welten: 'LGTBQ und sein nebulöser Jargon haben nichts mit Derridas komplexer Philosophie zu tun.' Marty kann es noch immer nicht wirklich fassen, was mit der 'Generation von Lacan, Barthes, Alain Robbe-Grillet, die ich bewunderte',
in Amerika geschehen ist. Die Wucht, mit der MeToo und Black Lives Matter - Letzteres für ihn 'systemischer Rassismus' - nach Frankreich kamen, begreift er als Generationenkonflikt." Den Ursprung für die
postkoloniale Verdrehung der Geschichte - Israel als die Nazis der Palästinenser - sehe Marty übrigens in
Jean Genets Texten über die Massaker von Sabra und Schatila.
Außerdem: in der
taz plädiert der Politikwissenschaftler
Felix Heidenreich (
"Demokratie als Zumutung") im Interview mit Jens Uthoff für eine Erneuerung der Demokratie durch
Bürgerversammlungen.