9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 68 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2022 - Ideen

"Nicht alle Menschen mit brauner oder schwarzer Haut werden ausgebeutet, nicht alle Weißen sind böse Unterdrücker", sagt der in Abidjan geborene Historiker Henri-Michel Yéré im NZZ-Gespräch, in dem er darum ringt, in der Debatte um kulturelle Aneignung (Unsere Resümees) Verständnis für beide Seiten aufzubringen. "Kultur existiert nicht für sich alleine, sondern immer im Umfeld von gewissen Machtverhältnissen. Und Leute, die aus fremden Ländern kommen, haben manchmal das Gefühl, dass man mit ihren kulturellen Ausdrucksformen genauso umgeht, wie man sie auch in der Gesellschaft als Menschen behandelt: respektlos und unwürdig", räumt er ein. "Aber generell zu sagen: Diese Kultur gehört einem gewissen Ort, finde ich problematisch. Wenn wir das sagen, sprechen wir wie Nationalisten. Das mache ich nicht gerne, denn wir wissen, was in der europäischen Geschichte passiert ist. Kulturen sind keine begrenzten Realitäten. Wenn nur noch gewisse Leute gewisse Kunstformen praktizieren dürfen, dann ist das das Gegenteil von Kunst."

In ihrem aktuellen Buch "L'écologie ou l'ivresse de la table rase" analysiert die französische Philosophin Bérénice Levet totalitäre Strukturen in gegenwärtigen ökologischen Bewegungen, vorwiegend mit Blick auf Frankreich. Das wahre Anliegen europäischer Grüner sei die "Entwestlichung" der Welt, denn sie stellen "nicht die Zivilisation im Allgemeinen infrage, sondern die westliche Zivilisation, in der sie nur Dominanz und Raubbau sehen", sagt sie im Welt-Gespräch mit Ute Cohen und erläutert: "Der von Umweltschützern erträumte Mensch wird kein Fleischfresser mehr sein, nicht mehr jagen, in den Zirkus oder zu Stierkämpfen gehen. An Totalitarismus gemahnt auch, dass die Umweltschützer vom politischen Voluntarismus, der eine politische Tugend ist, in Richtung Konstruktivismus abgleiten. Menschen und Völker sind nur noch Material, das nach einer Idee geformt werden muss. Die Politik verfolgt keine präzisen, zeitlich begrenzten Ziele, sondern macht sich zum Erbauer einer neuen Menschheit. Daher können die stärksten Zwangsmaßnahmen ergriffen werden, mit dem Argument, dass es sich nur um ein vorübergehendes Übel handelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2022 - Ideen

Jens Jessen, Doyen des Kulturjournalismus, legt in der Zeit einen großen Essay über den Gegensatz von Alten und Jungen vor, den diese sogar zum Aufmacher auf Seite 1 macht. Die Jugend werde in unserer Gesellschaft geradezu rassistisch kurzgehalten, wie sich zuletzt in der Coronakrise gezeigt habe: "Der Grund ist ebenso banal wie wirkmächtig: Kinder sind nicht wahlberechtigt, und der wahlberechtigte Teil der Jugend bringt nichts auf die demokratische Waage, was auch nur annähernd das Gewicht der Seniorenwähler ausgleichen könnte. Bei einem Anteil von zehn Prozent an der Bevölkerung würde auch keine Herabsetzung des Wahlalters helfen." Die Jugend rächt sich mit wokem Moralterror: "Vielleicht hat die Jugend, der im demokratischen Prozess die Machtmittel fehlen, in der Regulierung von Sprech- und Verhaltensweisen, ganz allgemein in der öffentlich geforderten Moral das Machtmittel gefunden, mit dem die Mehrheitsgesellschaft eingeschüchtert werden kann. Moralische Forderungen sind ein höchst invasives Mittel, es kann bis in die Kapillaren des Seelenlebens vordringen und jeden Einzelnen in seinem Selbstbewusstsein erschüttern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2022 - Ideen

Dass technische Erfindungen von Frauen so wenig gewürdigt werden, liegt bisweilen auch an ihnen selbst, meint im Interview mit der SZ die schwedische Wirtschaftsjournalistin Katrine Marçal, deren Buch "Die Mutter der Erfindung. Wie in einer Welt für Männer gute Ideen ignoriert werden" gerade auf Deutsch veröffentlicht wurde. "Bei meinen Interviews stieß ich immer wieder darauf. Die Schwedin Aina Wifalk etwa, die den Rollator entwickelt hat, was ganz offensichtlich ein sehr wichtiges Gerät ist, sah sich trotzdem nie als Erfinderin. Oder die schwedische Erfinderin, die eine der wichtigsten Figuren hinter der Entwicklung des Handys war. In allen Interviews erklärt sie, sie habe nur ihren Job gemacht. Diese Einschätzung müssen wir angehen, um an die Fähigkeit der Frauen zu kommen, die unsere Gesellschaft braucht." Dazu gehört auch eine Überprüfung, warum selbst in Schweden 98 Prozent des Risikokapitals für Erfindungen an Männer geht, so Marçal.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2022 - Ideen

Die vielgerühmte russische Seele ist das Ergebnis einer jahrhundertelanger Zurichtung, die von der Moderne nur oberflächlich angekratzt ist, warnt der russische Schriftsteller Alexander Estis in der SZ. Kinder lernen nicht verstehen, sondern gehorchen. Aber- und Wunderglauben sind verbreitet, die orthodoxe Kirche unterstützt das sogar noch: "Die psychische Wirkungskraft der Orthodoxie speist sich aus einer archaischen Gefühlsmechanik, die Angst, Scham, Schuld und Strafe als manipulative Hebel instrumentalisiert. Von frühester Kindheit an erzieht sie den Menschen zum unerschütterlichen Glauben an die unwahrscheinlichsten Wunschbilder, verlangt von ihm blinden Gehorsam gegenüber der kirchlichen Autorität. Man müsste wiederum selbst blind sein, um zu verkennen, dass damit die herrlichsten Voraussetzungen für die Kontrolle der Gläubigen durch die Kremlpropaganda bereitet werden. Mehr noch: Die über Jahrhunderte hinweg gewachsene Liaison mit imperialistischen, chauvinistischen, antisemitischen, antiwestlichen und gegenaufklärerischen Tendenzen macht die orthodoxe Kirche zur Zuarbeiterin und Stichwortgeberin der heutigen Staatsdoktrin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2022 - Ideen

Peter Neumann führt in einem nützlichen Zeit-Artikel in die neumodische Ideologie des "Posthumanismus" ein, als deren Protagonisten er Autoren wie Eugene Thacker, Fahim Amir und Eva von Redecker benennt. Ein Star der Szene sei auch die italienische Philosophin Rosi Braidotti, eine der Kuratorinnen der Biennale von Venedig. Abgeschafft wird der übliche weiße Mann: "Statt der zweiwertigen Logik des Entweder-oder, Wahr-oder-falsch, Gut-oder-böse soll ab jetzt die bewegliche Hydrologik des Sowohl-als-auch gelten. Alles fließt. Nichts bleibt gleich." Dabei entwickeln die Posthumanist:innen eine Vorliebe für Weichgetier: "Es sind Molche und Schildkröten, Schnecken und Regenwürmer, Moose und Pilze, die zurzeit die großen Erzählungen über die Zukunft der Menschheit bevölkern. Überall wimmelt es von feuchtigkeitsliebenden Tieren und Pflanzen, die mit ihrer Mischung aus physischer Schwammartigkeit und imaginierter Widerstandsfähigkeit als neues Lebensgemeinschaftsmodell herhalten müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2022 - Ideen

Der Genderismus will alle Differenzen benennen, nur die eine nicht, die Frau, sagt Sara Rukaj, Autorin des Buchs "Die Antiquiertheit der Frau" im Gespräch mit Ute Cohen von der Welt: "In bemüht progressiven Kreisen wird die 'Frau' in Anführungszeichen gesetzt, wenn sie nicht gleich hinter den uncharmanten Bezeichnungen 'FLINTA*', 'Co-Elternteil' oder 'Person mit Uterus' bis zur Unkenntlichkeit nivelliert wird. Auch Judith Butlers Dekonstruktion des biologischen und kulturellen Geschlechts zielt immer auf die Frau, so als gäbe es sie tatsächlich nicht oder nur als schaurige Fantasie eines omnipotenten Patriarchats. Die Frau wurde infantilisiert, dämonisiert und idealisiert, jetzt wird sie eben dekonstruiert. An die Stelle der Kränkung, als Frau geboren zu sein, tritt die nächste, als solche überflüssig zu werden." Das geplante Selbstbestimmungsgesetz bezeichnet Rukaj in dem Gespräch als "die vermutlich folgenreichste Rücknahme feministischer Errungenschaften seit 1945".

Philipp Ruch vom "Zentrum für Politische Schönheit" erklärt im Interview mit der FR, warum er den Zorn für eine produktive Kraft, und Rache manchmal für nötig hält, um die Würde eines Opfers wieder herzustellen: "Hätte man zum Beispiel Karadžic und Mladic hingerichtet, statt sie aus lauter Gutmenschentum ins Gefängnis zu stecken, hätte das vielleicht einen Spielraum eröffnet für die Wiederherstellung der Würde der Opfer. Diese Form der Würdigung hätte auch auf Leute wie Putin möglicherweise eine Wirkung. Unsere Großmut im Umgang mit Mladic gönnen wir uns auf Kosten seiner Opfer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2022 - Ideen

Und was auf Twtter sonst noch so los ist:

Stichwörter: Sontag, Susan

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2022 - Ideen

Heute ist irgendwie Wolfgang-Pohrt-Tag. Claudius Seidl bespricht in der FAS die fulminante Pohrt-Biografie des Autors und Verlegers Klaus Bittermann und nutzt die Gelegenheit, an den linken Polemiker gegen Links zu erinnern, der in den Achtzigern in konkret und taz unsterblichen Spott über die Friedensbewegung ausgoss. Das Buch sei so auch eine "eine Mentalitätsgeschichte der deutschen Linken, die... ja auch die Adressatin seiner Artikel war. Wobei es Momente gibt, da meint man, dass die Gegenwart sich dehne, ja dass die Geschichte auf der Stelle trete. Damals, in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern, war vom BDS noch nicht die Rede, und mit dem Postkolonialismus beschäftigten sich in Deutschland allenfalls ein paar Spezialisten. Es reichte aber schon ein gewisses antiimperialistisches Gefühl, damit so viele deutsche Linke damals im Staat Israel den Aggressor sahen, den Unterdrücker, die imperiale Macht. Und in den diversen Palästinensergruppen, von der PLO bis zur PFLP, die revolutionären Befreiungsorganisationen, mit denen jeder, der ein Che-Guevara-Poster an der Wohngemeinschaftstür hatte, sich gefälligst solidarisieren musste."

In der taz argumentiert auch Ulrich Gutmair mit Pohrt, um apokalyptische Jugendbewegungen wie die "Letzte Generation" oder "Extinction Rebellion" zu begreifen: "Wenn Themen wie Überbevölkerung, Raubbau an der Natur und Umweltverschmutzung die öffentliche Diskussion bestimmen, dann habe sich der Gegner verwandelt, meinte vor gut vierzig Jahren Wolfgang Pohrt: Nicht das falsche gesellschaftliche Verhältnis der Menschen, der Mensch selbst erscheint dann als Feind." Eine Autorengruppe recherchiert in der taz zugleich über wachsende Gewaltbereitschaft in der Klimabewegung.

Was Pohrt schrieb, versichert Seidl, sei "auch sehr gut gealtert. Vieles liest sich zeitgemäß. Das Beste ist radikal unzeitgemäß geblieben." Da ist sich Perlentaucher Thierry Chervel, der gestern - pure Koinzidenz - eine Pohrt-Fundstelle in einem Twitter-Thread kommentierte, nicht so sicher.

Jürg Altwegg porträtiert in einem etwas mäandernden, aber inspirierenden FAZ-Text den Essayisten Eric Marty ("Le Sexe des modernes"), Herausgeber der Werke von Roland Barthes und zugleich Kritiker und Bewunderer der großen poststrukturalistischen Generation in Frankreich, deren Denken in den woken Theorien Amerikas verkümmert sei. Aber nicht ohne ihre Mitverantwortung: "Derrida habe sich nie von dieser Instrumentalisierung seines Denkens distanziert: 'Aus Eitelkeit wurde er zu ihrem Komplizen.' Zwischen seiner komplexen Philosophie und der von Judith Butler aber lägen Welten: 'LGTBQ und sein nebulöser Jargon haben nichts mit Derridas komplexer Philosophie zu tun.' Marty kann es noch immer nicht wirklich fassen, was mit der 'Generation von Lacan, Barthes, Alain Robbe-Grillet, die ich bewunderte', in Amerika geschehen ist. Die Wucht, mit der MeToo und Black Lives Matter - Letzteres für ihn 'systemischer Rassismus' - nach Frankreich kamen, begreift er als Generationenkonflikt." Den Ursprung für die postkoloniale Verdrehung der Geschichte - Israel als die Nazis der Palästinenser - sehe Marty übrigens in Jean Genets Texten über die Massaker von Sabra und Schatila.

Außerdem: in der taz plädiert der Politikwissenschaftler Felix Heidenreich ("Demokratie als Zumutung") im Interview mit Jens Uthoff für eine Erneuerung der Demokratie durch Bürgerversammlungen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2022 - Ideen

In der Reihe Reihe "55 Voices" mit Ansprachen für die Demokratie schreibt heute der deutsch-marokkanische Journalist Mohamed Amjahid in der SZ über den Liberalismus der Rechten in den USA, "der Freiheit bis zur Unkenntlichkeit fetischisiert und die individuelle Sphäre auf Kosten des Wohlergehens der Gemeinschaft auslegt". Eine Einstellung, die seiner Meinung nach viele alte weiße Atlantiker in Europa teilen oder die sie zumindest gemütlich diskutieren. "Dabei könnten ganz andere Stimmen über den Atlantik schallen und mit einem großen Mehrwert Brücken nach Europa bevölkern: der Soziologe Ibram X. Kendi, die Aktivistin Angela Davis, die Filmemacherin Ava DuVernay, der Schriftsteller Ocean Vuong, die Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez oder der Philosoph Noam Chomsky, um nur einige Namen zu nennen. Zwar werden die Arbeiten dieser kritischen Stimmen durchaus auch in Deutschland rezipiert, in den antiquierten Netzwerken der Atlantiker haben sie allerdings wenig Platz. Emanzipatorische Diskurse stören die hyperliberale Weltsicht, denn sie konterkarieren eben die Fiktion vom American und damit auch vom German Dream, die jedes Individuum in der westlichen Welt mit seinen Mitbürgern ahistorisch gleichstellt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2022 - Ideen

Mit zwölf Minuten Lesezeit gibt die Welt das Interview an, in dem der Philosoph Byung-Chul Han angesichts der multiplen Krisen ausgerechnet zu Untätigkeit aufruft. Unter anderem kritisiert er Hannah Ahrendts Idee des Handelns - aber die "Verabsolutierung des menschlichen Handelns" habe ins Anthropozän geführt, meint er. In Deutschland sei es allerdings kaum möglich, Arendt zu kritisieren: "Es ist vielleicht der deutschen Geschichte geschuldet, dass es den Deutschen schwerfällt, eine jüdische Denkerin zu kritisieren. Da ich aus einer anderen Kultur komme, bin ich in dieser Hinsicht nicht belastet. So kann ich Arendt nach Herzenslust kritisieren (lacht). Ich habe das Gefühl, dass Arendt heute in Deutschland ein Heiligtum ist, an dem man nicht rütteln darf. Arendt ist eine interessante Denkerin. Daher lohnt es sich, sich kritisch mit ihr auseinanderzusetzen, vor allem angesichts der Krisen unserer Gegenwart. Arendt verabsolutiert zu sehr den Aspekt des Handelns. Obwohl sie eine jüdische Denkerin ist, fehlt ihrem Denken komplett die sabbatische Dimension."

Außerdem: "Brutale, nationalistische und alle Werte einer zivilisierten Humanität verachtende Gewalt zeigt sich in unveränderter Grausamkeit erneut als ein ewiges Phänomen der Menschheitsgeschichte", schreibt Jörg Himmelreich in der NZZ. Solange Deutschland dies nicht anerkenne, tue es sich schwer mit Zeitenwenden, meint er.