9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1450 Presseschau-Absätze - Seite 22 von 145

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2024 - Kulturpolitik

In der SZ wünscht sich die RBB-Rundfunkrätin Kathrin Röggla wieder mehr "Kunst für alle" statt "Kultur für alle" und kritisiert die ARD, die zum Beispiel das Hörspielsegment "zu Grabe" trägt: "Das Hörspiel soll hier nur ein Beispiel dafür sein, dass die akustische Welt flacher wird. Das Radio verlabert sich in reiner Gegenwärtigkeit, die Präsenz öffentlich-rechtlicher Formate auf Twitch, einer Livegaming-Plattform, gilt als Ausweis für die neue Gegenwärtigkeit. Was also tun? Ich bin fest davon überzeugt, dass es sehr viele fantasievolle Mitarbeitende gibt, dass die Kreativität in den Häusern sitzt.(...) Mir erscheinen die neuen zentralisierenden Strukturen als größte Gefahr neben den Populismen in den Landesregierungen, die immer dann den Geldhahn abdrehen wollen, wenn wieder Wahlen anstehen, und den Budgetkürzungen, die immer einschneidender werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2024 - Kulturpolitik

Der Hannah-Arendt-Preis wird nach dem Masha-Gessen-Skandal (mehr hier) in diesem Jahr nicht verliehen, meldet Benno Schirrmeister in der taz. Der Verein hinter dem Preis will erst mal "neue Sicherungen" einbauen: Keine Überrumpelungsvorschläge mehr wie bei Gessen, bessere Kommunikation und neue Jury-Mitglieder. "Tatsächlich war Gessen keineswegs die erste Person, die den Arendt-Preis trotz oder sogar wegen Dämonisierung des Staates Israel erhalten hatte. Judenhass bis hin zu Vernichtungsfantasien hatte der 2023 gestorbene italienische Bücherschreiber Gianni Vattimo, Preisträger 2002, artikuliert, allerdings in exzessiver Form erst Jahre nach seiner Auszeichnung. Tony Judt, Historiker, der geradezu obsessiv Kritik an der Existenz Israels übte, erhielt ihn 2007. Étienne Balibar, BDS-Unterstützer, 2017. Dagegen nimmt sich die Preisträgerin von 2006, Julia Kristeva, die zuletzt zur EU-Wahl Europa zur Geschlossenheit gegen Antisemitismus aufrief, fast wie ein Ausrutscher aus. Grigori Pantijelew, Stellvertretender Vorsitzender der Bremer Jüdischen Gemeinde setzt jedenfalls kein Vertrauen in die bisherigen Reformbemühungen des Arendt-Preis-Vereins: 'Wenn das schon der Neuanfang gewesen sein soll, dann will ich Hannah heißen', sagt er." 

Claudia Roths Vorschlag, künftig auch Humperdincks "Hänsel und Gretel" in Bayreuth aufzuführen, ist wahrlich kein Skandal, winkt Judith von Sternburg in der FR ab: "Es ist wirklich auch ein eigenartiger, rührender Vorschlag, zumal in Verbindung mit Roths Appell, die Festspiele müssten sich einem jüngeren Publikum stärker öffnen und Bayreuth solle insgesamt 'vielfältiger, bunter und jünger' werden. Eigenartig und rührend deshalb, weil 'Hänsel und Gretel' vielleicht doch zuletzt 1950 herangezogen worden wäre, um irgendetwas im deutschen Musiktheaterbetrieb 'vielfältiger, bunter und jünger' zu machen."

Bei den Ruhrbaronen fragt sich Thomas Wessel, wie eine Brandmauer gegen rechts eigentlich mit einer Kulturszene gebaut werden soll, die fast vollständig von staatlichen Geldern abhängig ist. Eine solche Kultur unterstützt auch die AfD, denn dann kann sie das Feld von unten aufrollen: Vor fünf Jahren schon habe die Enquete-Kommission des Bundestages "Kultur in Deutschland" hiesigen Kultureinrichtungen einen "Mentalitätswechsel" empfohlen und als Beispiel auf Britannien gezeigt, wo Kultureinrichtungen nur gefördert werden, wenn sie 40 Prozent ihres Etats selbst erwirtschaften. Auch inhaltlich sind die hiesigen Kulturinstitutionen von der AfD oft nicht so weit weg wie sie glauben, meint Wessel: "In den Formen, in denen 'Identität' behauptet wird, fallen sich AfD und weite Teile des Kulturbetriebs in die Arme: Carsten Brosda (SPD) beispielsweise, Hamburger Kultursenator und Mitbegründer von 'Die Vielen', tischt immer wieder ein Zitat von Heinrich Böll aus dessen 'Wuppertaler Rede' von 1966 auf: Kunst müsse 'zu weit gehen, um herauszufinden, wie weit sie gehen darf'. Die Provo-Pose, in der Brosda Böll erstarren lässt, unterscheidet sich nicht von der, die Höcke einnimmt, wenn der die Grenzen des Sagbaren verschiebt. Nur dass Böll in seiner 'Rede für die Freiheit der Kunst' gleich dreimal klargestellt hat: Wer mit der Kunst zu tun habe, 'braucht keinen Staat'. Damit hat Böll der Kunst die rote Linie eingezogen: dass sie nichts braucht, nicht einmal Freiheit, was sie 'einzig und allein' brauche, sprach Böll, 'ist Material  -  Freiheit braucht sie nicht, sie ist Freiheit'. Brosda dagegen wischt Böll ausdauernd weg, er will  -  und wäre beinahe Staatsminister geworden damit im Kanzleramt  -  die Provo-Pose mit Tarifvertrag."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2024 - Kulturpolitik

Claudia Roth passt die Konzentration des Grünen Hügels auf seinen Gründer Richard Wagner nicht und hat vorgeschlagen, doch zumindest mal "Hänsel und Gretel" von Engelbert Humperdinck einzustreuen. Für Jan Brachmann in der FAZ geht sie da ganz klar nicht weit genug: "Warum so halbherzig? 'Starlight Express' ist seit Jahren das meistgesehene Musiktheaterstück in Deutschland, 'Jesus Christ Superstar' und 'Phantom of the Opera' laufen auch überall besser als 'Tristan und Isolde' oder 'Parsifal'. Werfen wir doch einfach den aktuellen Spielplan um und laden Taylor Swift zu einem Tournee-Abstecher auf den Grünen Hügel ein!"

Die Stiftung Obmin kümmert sich um die Vernetzung der Museen in der Ukraine. Geschäftsführerin Malgorzata Lawrowska-von Thadden betont im Interview mit  Julia Hubernagel von der taz, mit welcher Entschlossenheit die Museen ihre Arbeit fortführen. Es gebe "Fälle wie in Charkiw, wo Museen ihre Ausstellungen in den Keller verlegt haben. Das ist gerade ganz typisch, viele Institutionen, aber auch Schulen finden Sie jetzt im Untergrund. Wo auch das nicht möglich ist, in Saporischschja zum Beispiel, versuchen die Mitarbeiter weiter wissenschaftlich zu arbeiten oder bieten Onlineangebote an. Es gibt auch evakuierte Museen, die zum Beispiel eigene Radiosendungen haben. Die evakuierten Museen werden aber auch nicht einfach aufgelöst, sondern von anderen Museen in der Ukraine aufgenommen und können von dort weiterarbeiten."

Das umstrittene Berliner Kulturzentrum Oyoun bekommt keine neuen Fördermittel bewilligt, der Berliner Kultursenator Joe Chialo möchte nach einem neuen Betreiber suchen (unsere Resümees). Grund dafür ist ein im Raum stehender Antisemitismus-Vorwurf, der aber nicht haltbar sei, behauptet Sonja Zekri in der SZ. Sie bezieht sich auf einen ihr zugespielten internen Prüfbericht aus dem Kultursenat. Dieser Bericht kam zu dem Ergebnis, dass antiisraelische Äußerungen im Zentrum als nicht per se antisemitisch zu werten seien. Und so habe man einen anderen Weg gefunden, die Förderung einzustellen. "Am 8. November verlangte die 'Hausleitung' - also der Kultursenator selbst oder leitende Beamte - eine Prüfung, ob die 'Inaussichtstellung' widerrufen werden könne. Eine Woche darauf lag ein neues Gutachten vor. Rechtlich habe Oyoun keinen Anspruch auf Förderung. Der Standort könne neu ausgeschrieben werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2024 - Kulturpolitik

Er halte den Entwurf für eine Bundestags-Resolution, der vorsieht, dass Kunstschaffende und Forschende, die sich um öffentliche Förderung bewerben, in letzter Instanz vom Verfassungsschutz überprüft werden können, für eine "absolut überschießende Reaktion", erklärt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats im FR-Gespräch: "Es würde bedeuten, dass alle Antragsteller einem Generalverdacht unterstellt werden. Abgesehen von den rechtlichen Bedenken wüsste ich gar nicht, wie eine solche Prüfung mit Blick auf den Zeitaufwand bewerkstelligt werden sollte. (…) Die Freiheit der Kunst ist in Art. 5 Abs. 3 GG ohne Gesetzesvorbehalt garantiert. Was Kunst ist, bestimmt der Diskurs der Kunst selbst. Dass hieraus Spannungsverhältnisse entstehen, versteht sich von selbst. An der grundgesetzlich garantierten Kunstfreiheit ändert das nichts."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2024 - Kulturpolitik

Am 01. Juni 2025 wird Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, die Nachfolge von Hermann Parzinger als Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz antreten. Viel über die Zukunftspläne für die SPK erfahren wir im Zeit-Gespräch nicht. Die nächste globale Herausforderung für Museen sieht Ackermann in den "vielen Kriege in der Welt. Auch die Frage, in welche Länder man überhaupt noch Werke ausleihen kann, mit welchen Ländern man noch Projekte machen kann. Die Frage wird häufiger lauten: Aus welchen Quellen kommt das Geld?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2024 - Kulturpolitik

Raoul Löbbert gibt auf Zeit Online einen detaillierten Überblick zu einer neuen Bundestagesresolution gegen Antisemitismus, auf die sich  Ampel und Union anscheinend nach langen Diskussionen geeinigt haben. Was dabei herauskam, "hat es in sich", befürchtet Löbbert: "Neben Solidaritätsbekundungen enthält er auch Formulierungen, die die deutsche Kultur- und Wissenschaftsförderung massiv betreffen. ... In letzter Konsequenz auch mittels einer flächendeckenden Überprüfung von Künstlerinnen und Forschenden, die sich um öffentliche Förderung bewerben, durch das Bundesamt für Verfassungsschutz." Die Resolution wirft vor allem Fragen im Bereich der Kultur- und Wissenschaftsförderung auf, so Löbbert, unter anderem, weil ausschließlich die IHRA-Defintion von Antisemitismus für die Fördermittelvergabe zu Grunde gelegt wird: "Der Jurist Ralf Michaels hält das für einen schweren Fehler. Und auch das Gutachten des Staatsrechtlers Christoph Möllers, das sich indes noch in erster Linie mit möglichen Antisemitismusklauseln beschäftigte, kommt zu einem ähnlichen Schluss".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2024 - Kulturpolitik

Heiner Bastian hat als Kurator viele Jahre lang die Sammlung Marx betreut. Doch seit immer mehr wichtige Bilder aus der Sammlung verschwinden - von Andy Warhol, Cy Twombly, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein, Anselm Kiefer und Skulpturen von Joseph Beuys, alle wohl von Marx und seinen Erben verkauft - obwohl sie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Dauerleihgabe versprochen ist, hat er die Nase voll: "Jetzt sind die homogenen Werkgruppen der Sammlung bereits teilweise verloren, und das im Bau befindliche Museum wird die ärmer gewordene Sammlung ohne die einstige Dichte hinnehmen müssen. Die Sammlung Marx wird nun zum Lehrstück im Sinne eines in einem anderen Kontext vor Jahren geschriebenen Kommentars von Eduard Beaucamp: 'Museen, hütet Euch vor der Macht der Sammler'. Bis heute gibt es weder in Berlin noch in anderen deutschen Museen einen verbindlichen Verhaltenskodex, der zwischen Sammler und Museum einvernehmliche irreduzible Absprachen zur Voraussetzung einer Zusammenarbeit regelt." Dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz den Verkäufen "bedenken- und tatenlos" zugesehen hat, macht Bastian erst recht fassungslos.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2024 - Kulturpolitik

"Schlechte Nachrichten aus der Welt des Musiktheaterbaus" verkündet Matthias Alexander im Aufmacher des FAZ-Feuilletons. Die deutschen Städte sind in einer paradoxen Situation, denn einerseits sinken in fast allen Opern die  Besucherzahlen (mehr hier) und andererseits sind in sehr vielen Städten Opernhäuser wie auch Theater sanierungsbedürftig, und die Kosten, die für solche Sanierungen veranschlagt werden, sind exorbitant. Mit 400 Millionen Euro fängt es in Städten wie Augsburg überhaupt erst an, es kann aber auch gern mal eine Milliarde kosten, schreibt Alexander. Manche Häuser werden dran glauben müssen. "Die Opernhäuser in Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg haben einen Umstand gemeinsam: Es handelt sich um Nachkriegsbauten. Diese Tatsache scheint also die Voraussetzung dafür zu sein, dass ein Standortwechsel in Betracht gezogen wird, der faktisch dem Abriss des Altbaus gleichkommt, denn dessen Unterhalt ohne Nutzung ist finanziell für keine Kommune zu leisten. Für ein Haus, das vor 1914 errichtet worden ist, wäre das undenkbar; man stelle sich den Aufschrei vor, wenn von der Politik die Idee verfolgt würde, die Staatsoper Unter den Linden, das Nationaltheater in München (dessen Sanierung in zehn Jahren ansteht) oder eben die Staatsoper Stuttgart aufzugeben."

Der ehemalige Verfassungsrichter Hans-Jürgen Papier hat vorgeschlagen, die "Beratende Kommission" zur Rückgabe von Raubkunst in eine Bundesbehörde umzuwandeln. Aber Bundeskulturministerin Claudia Roth ist darauf nicht eingegangen, sie möchte Schiedsgerichte, in denen die Frage der Rückgabe von Kunstwerken an die Familien von NS-Opfern geregelt wird. Hubertus Butin ist im Tagesspiegel sehr skeptisch. Unter anderem ist "unklar, ob die geplante Verwaltungsvereinbarung mit allen Bundesländern zustande kommt. Sollten sich im September bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen die politischen Machtverhältnisse massiv verschieben, könnte es sein, dass diese Länder dem Plan von Roth nicht zustimmen. Eine flächendeckende Lösung mit allen Bundesländern würde damit nicht mehr gelingen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2024 - Kulturpolitik

In der Welt greift der Historiker Julien Reitzenstein die Debatte um Claudia Roths Konzept einer neuen Erinnerungskultur (unsere Resümees) und die von Roth aufgelösten "Beratenden Kommission NS-Raubgut" (unsere Resümees) auf, die nun in ein Schiedsgericht umgewandelt werden soll, das Betroffene anrufen können. "Die Kulturpolitikerin Claudia Roth will die Gedenkkultur neu konzeptionieren, zu deren zentralen Elementen bisher das NS-Unrecht gezählt hat. Doch mit den zahlreichen vom NS-Regime geraubten Kulturgütern, die heute noch in öffentlicher Hand sind und ihren Eigentümern noch nicht zurückgegeben wurden, ist der Kultursektor der einzige Bereich, in dem NS-Unrecht bis heute anhält." Die Bundesregierung solle endlich ihre Beauftrage anweisen, den Koalitionsvertrag umsetzen und NS-Raubgut zurückgeben, fordert Reitzenstein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2024 - Kulturpolitik

Marion Ackermann, bislang Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ist zur neuen Chefin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gekürt worden. Alle begrüßen die Entscheidung. Andreas Kilb macht in der FAZ allerdings auf die geradezu elenden Zustände der Stiftung aufmerksam, die in ihrem Konstrukt aus Bund- und Länderaufsicht komplex strukturiert und akut unterfinanziert ist: "Die rasant gestiegenen Personalkosten rissen ein neues Loch in den Etat. Im laufenden Jahr beträgt die Deckungslücke weitere gut dreißig Millionen Euro. Um sie zu schließen, hat die Stiftung die Öffnungszeiten ihrer Häuser reduziert und zusätzliche Schließtage eingeführt. Die Budgets der Museen wurden um vierzig Prozent gekürzt. Solche Einschnitte in die Substanz sind das Gegenteil von Reform: 'Abwicklung' wäre ein passenderer Begriff."

Jörg Häntzschel kommt in der SZ auf das verheerende Gutachten des Wissenschaftsrats über die SPK zurück, dessen Diagnosen im Grunde bis heute gültig sind: "Viele Empfehlungen des Wissenschaftsrats schlug die SPK in den Wind, andere ignorierte sie." Ackermann halt also zu tun!