9punkt - Die Debattenrundschau

Benevolente Hermeneutik

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.07.2024. Achtzig Jahre danach: In der NZZ versucht der Historiker Ulrich Schlie zu erklären, weshalb sich die Deutschen so schwer mit dem 20. Juli tun. NZZ und SZ malen sich ein Amerika unter Präsident Trump 2.0 aus. Die feministische Organisation "Terre des Femmes" hat eine Umfrage zum Kinderkopftuch an deutschen Schulen in Auftrag gegeben und kommt zu beunruhigenden Ergebnissen. "Kunstfreiheit" ist eine deutsche Spezialität, meint Christoph Möllers laut Tagesspiegel - Woanders reicht die Meinungsfreiheit. Und: Wohin läuft Adidas (mit)?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2024 finden Sie hier

Geschichte

Am morgigen 20. Juli jährt sich das Stauffenberg-Attentat zum achtzigsten Mal. In der NZZ versucht der Historiker Ulrich Schlie zu erklären, weshalb sich die Deutschen so schwer mit dem 20. Juli tun. Das liege auch daran, "dass Stauffenbergs Staatsstreichversuch einer weitverbreiteten Ansicht nach den Militärs zugerechnet wird und das Verhältnis der Deutschen zum Militärischen seit dem Zweiten Weltkrieg gespalten ist. Dabei geht allerdings vergessen, dass das Attentat von Offizieren und Zivilisten gemeinsam vorbereitet wurde. In der deutschen Geschichtswissenschaft hat sich zudem seit den 1980er Jahren die Tendenz akzentuiert, bei den Frauen und Männern des 20. Juli nach undemokratischen Ansichten zu suchen. Das soll es den Heutigen erleichtern, sich von den Verschwörern zu distanzieren." Schlie plädiert dafür, den 20. Juli zum offiziellen Feiertag zu machen - auch mit Blick auf Russland: "Wir haben es im Russland von heute wie seinerzeit im nationalsozialistischen Deutschland mit der allmählichen Entwicklung zu einer alle Lebensbereiche umfassenden Diktatur zu tun. Der Einsatz des Einzelnen, die Frage, wie man standhält und nicht untergeht, ist heute so aktuell wie damals."

Bei allem, was gegen den "Mythos 20. Juli" spricht - was macht Stauffenberg und die Seinen heute noch zeitgemäß, was nachahmenswert, fragt in der FR auch der Historiker Konstantin Sakkas und meint: Dessen katholischer Universalismus.

Wie sieht es mit dem Recht auf Widerstand, das in Artikel 20 Absatz 4 des Grundgesetzes verbürgt ist, heute aus? "Solange rechtsstaatliche Mittel genutzt werden können, ist Widerstand, auch im Sinne von zivilem Ungehorsam, rechtswidrig", sagt der Politikwissenschaftler Christopher Daase im Tagesspiegel-Gespräch: "Es stimmt nicht, dass die Beteiligung auf Wahlen reduziert ist. Bürgerinitiativen, Demonstrationen - all das ist Teil der außerparlamentarischen Opposition." Anders sehe es in Autokratien aus: "Wo kollektiver Widerstand systematisch unterdrückt wird, bleibt der individuelle Tyrannenmord eine Möglichkeit. Aber es gibt keine klar definierte Grenze. Es ist Sache der Gerichte und der Öffentlichkeit, darüber zu urteilen, ob die Tat gerechtfertigt war. Mordanschläge haben in den USA von Lincoln über Kennedy und Reagan bis jetzt zu Trump eine dunkle Tradition. Aber die haben nichts mit Tyrannenmord zu tun. Der Attentäter von Pennsylvania könnte sich auch nicht auf ein Widerstandsrecht berufen. Trump ist kein Diktator, er versucht auf legalem Wege Präsident der USA zu werden."

Weiteres zum 20. Juli: Stauffenberg war "kein Held", findet Julien Reitzenstein in der Jüdischen Allgemeinen, und agierte doch heldenhaft.
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Kulturpolitik

Er halte den Entwurf für eine Bundestags-Resolution, der vorsieht, dass Kunstschaffende und Forschende, die sich um öffentliche Förderung bewerben, in letzter Instanz vom Verfassungsschutz überprüft werden können, für eine "absolut überschießende Reaktion", erklärt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats im FR-Gespräch: "Es würde bedeuten, dass alle Antragsteller einem Generalverdacht unterstellt werden. Abgesehen von den rechtlichen Bedenken wüsste ich gar nicht, wie eine solche Prüfung mit Blick auf den Zeitaufwand bewerkstelligt werden sollte. (…) Die Freiheit der Kunst ist in Art. 5 Abs. 3 GG ohne Gesetzesvorbehalt garantiert. Was Kunst ist, bestimmt der Diskurs der Kunst selbst. Dass hieraus Spannungsverhältnisse entstehen, versteht sich von selbst. An der grundgesetzlich garantierten Kunstfreiheit ändert das nichts."
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Ideen

"Kunstfreiheit" ist eine deutsche Spezialität. Anders als im Grundgesetz wird künstlerische Freiheit etwa in den USA von der Meinungsfreiheit mit abgedeckt. Eva Murašov resümiert im Tagesspiegel einen Vortrag des Rechtsprofessors Christoph Möllers an der FU, der die deutsche Tradition eher ironisiert: "In der Rechtspraxis habe sich jedenfalls, wenn etwa vor Gericht wegen persönliche Beleidigung durch ein Kunstwerk gestritten wird, eine sogenannte 'benevolente Hermeneutik' etabliert, erklärte Möllers. Die Richter müssten immer die Frage prüfen: 'Kann man diese Äußerung auch nicht beleidigend deuten?' Das sei eine 'sehr seltsame Regel', weil sie viele Ausflüchte biete. Ob es sich um ein Kunstwerk handelt oder nicht, sei dabei im Grunde egal." Es handelte sich übrigens um den Festvortrag am Peter-Szondi-Institut. Und Möllers hat ausgerechnet in Peter Szondi einen Vorreiter dieser "benevolenten Hermeneutik" benannt. Szondi hatte 1967 ein freundliches Gutachten zu einem satirischen Papier von Rainer Langhans und Fritz Teufel verfasst, das einen Brüsseler Kaufhausbrand feierte. Die Fortsetzung der Geschichte muss nicht erzählt werden.
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Politik

"Im November werden die Bilder vom Attentat weniger wichtig sein als die Alltagssorgen, die die Amerikaner dann haben: ihr Kontostand und die Supermarktrechnung", glaubt die Amerikanistin Claudia Franziska Brühwiler im NZZ-Interview. Gefährlich wird es nicht werden, meint sie: "Die Gesellschaft ist polarisierter, ja. Aber Bürgerkrieg, nein, auf keinen Fall. Das ist massiv übertrieben. Schon deshalb, weil die Amerikaner gar nicht so stark an Politik interessiert sind - über vierzig Prozent identifizieren sich weder mit der einen noch der anderen Partei. Die meisten wollen einfach ein gutes Leben und in Ruhe gelassen werden."

Trumps designierter Vize J. D. Vance steht für die Zukunft eines Ideologiewandels, der die Wende der amerikanischen Geschichte zementieren soll, meint Andrian Kreye in der SZ: "Mit Donald Trumps Wiederwahl würde eine Epoche zu Ende gehen, die der Historiker Sean Wilentz als Reagan-Zeitalter definierte, das er ursprünglich mit der Wahl Barack Obamas für beendet erklärte, auch wenn es weiter andauerte. Das Credo des weltweiten Freihandels, das auf der Rolle der USA als wirtschaftlicher und militärischer Supermacht basierte, war keine Sache der Republikaner. Auch Bill Clinton, Barack Obama und Joe Biden setzten das fort. Ihre liberalen bis progressiven Kämpfe beschränkten sie auf die Innenpolitik. Gesundheitsversorgung, Sozialleistungen und Rechte für Minderheiten stellten die geopolitischen Machtansprüche nicht infrage. Sie konnten aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Mittelstand immer angeschlagener war. Gerade J. D. Vance' Generation der Millennials kämpfte immer seltener um den sozialen Auf-, sondern immer öfter gegen den sozialen Abstieg."

In der NZZ sammelt Thomas Ribi "verbale Entgleisungen" nach dem Attentat auf Trump. Die Politologin Ayaan Hirsi Ali etwa hatte den Demokraten vorgeworfen, einen "rhetorischen und juristischen Jihad" gegen Trump angezettelt zu haben, T. C. Boyle hatte indes seinen Wunsch nach einem anderen Ausgang des Attentats gerade noch verklausuliert. Besonnen hatten wenige reagiert, darunter David Remnick, Chefredakteur des New Yorker: "Am Tag nach dem Attentat schreibt er eine Betrachtung unter dem emblematischen Titel 'Eine Nation in Flammen'. Darin stellt er die Frage, wer nach der versuchten Ermordung Donald Trumps ein Land heilen könne, 'das so sehr von Gefahr, Gewalt und Spaltung bedroht ist'."
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Gesellschaft

Die sogenannte Migrationsforschung ist meist zu vornehm, um zu diesem Thema zu recherchieren, also gab die feministische Organisation "Terre des Femmes" zum zweiten Mal nach 2019 eine Umfrage zum Kinderkopftuch an deutschen Schulen in Auftrag. Befragt wurden Lehrer und Lehrerinnen. Die Ergebnisse wurden vor einigen Tagen auf den Seiten der Organisation präsentiert. "In der Umfrage ging es auch um die Frage der Freiwilligkeit. Wird das 'Kinderkopftuch' nicht freiwillig getragen, ist dies ein starker Indikator für eine patriarchal-autoritäre Erziehung. Aus den Ergebnissen wird ersichtlich, dass es sich nicht um Einzelfälle oder um ein Randphänom handelt, sondern zehntausende Mädchen in Deutschland betrifft. ... Die Umfrage 2024 zeigt einen signifikanten Anstieg der Nichtteilnahme von Mädchen mit 'Kinderkopftuch' am Sexualkundeunterricht." Hier die Umfrageergebnisse als pdf-Dokument.

Der Kampf gegen das Kopftuch ist weiterhin ein sehr einsamer, konstatiert die NZZ-Autorin Fatina Keilani in einem Artikel über die Umfrage: "Im politischen Raum ist einzig die AfD derselben Auffassung. Ihr Antrag, das Kopftuch für unter Vierzehnjährige an Schulen und Kindertageseinrichtungen zu verbieten, wurde erst im März im Bundestag abgelehnt. Terre des Femmes teilt zwar diese Haltung, distanziert sich aber sonst von der AfD."

Die Sportschuhfirma Adidas hat eine lange Geschichte des Mitläufertums. Die Dassler-Brüder waren die Lieblingslieferanten des Hitler-Regimes. Später kooperierte man mit dem notorischen Antisemitien Kanye West und musste dann hohe Investitionen in den Wind schreiben. Nun legt Adidas den Sportschuh der Olympischen Spiele von 1972 wieder auf - bei denen bekanntlich elf israelische Sportler von palästinensischen Terroristen ermordet wurden. Und kiest als Botschafterin dieser Wiederauflage das Supermodel Bella Hadid, die palästinensicher Herkunft ist und gern Parolen wie "From the River..." skandiert. Inzwischen hat Adidas aber wohl alle Werbemittel zu der Kampagne aus dem Netz und von den Leuchtreklametafeln des Times Square genommen. Mehr bei Spiegel online und hier in der Jüdischen Allgemeinen.

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Medien

Jeder kennt inzwischen das "ikonische" Bild Trumps nach dem Attentat mit Blut im Gesicht, gereckter Faust und amerikanischer Fahne vor blauem Himmel. Der Fotograf Jörg Colberg erklärt in der taz, warum er  solche Bilder problematisch findet. "In einer Zeit komplexer Multikrisen ist es schlichtwegs absurd, ein Ereignis auf ein einzelnes Bild reduzieren zu wollen. Diskussionen über ikonische Bilder sind ein Ausdruck einer Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Modell des heroischen Fotojournalisten entstand, der unter Einsatz seines Lebens dramatische Fotos produziert. Genau dieses Modell wird angewandt, wenn die Organisation 'World Press Photo' jedes Jahr die 'besten' Pressebilder auszeichnet. Das Problem ist nicht, dass die Fotos schlecht sind oder dass sie nicht das bebildern, was sie darzustellen haben. Das Problem ist die Unterkomplexität, die daraus resultiert. Insbesondere ikonische Bilder reduzieren ein komplexes Thema oder Ereignis oft auf eine leicht begreifbare Ebene, die wichtige Aspekte ausklammert." Fotograf des Bildes ist Evan Vucci, der sich im Guardian dazu geäußert hat.

Gestern entschied das Berliner Verwaltungsgericht, dass die Zeitung Junge Welt weiter vom Verfassungsschutz beobachtet werden darf (unser Resümee), meldet Ronen Steinke in der SZ: "Die Bezeichnung 'marxistisch-leninistisch' für die Ausrichtung des Blattes sei zutreffend, erklärte das Gericht laut dpa."

"Zur Freiheit des Wortes gehört auch die Freiheit des dummen Wortes, die Pressefreiheit gilt auch für abwegige, verstörende und - ja, auch das - radikale Ansichten", kommentiert Deniz Yücel das Urteil in der Welt: "Eine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus ist nicht nur legitim, sie ist auch durch das Grundgesetz geschützt. Und das erlaubt nicht bloß die Auslegung, die die jeweilige Bundesregierung und ihre führenden Beamten gerade für die richtige halten." Zudem wundert sich Yücel: "Selbst Linke - die sogar besonders -, die noch vor wenigen Jahren den Verfassungsschutz aus guten Gründen wahlweise für die gefährlichste oder die dümmste Behörde Deutschlands hielten, übernehmen nicht nur gedankenlos einen autoritär geprägten - und en passant den Hintergrund der nationalsozialistischen Machtergreifung verschleiernden - Begriff wie 'wehrhafte Demokratie'; sie berufen sich im Zusammenhang AfD oder aktuell dem Compact-Verbot fortwährend auf den Verfassungsschutz."
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