9punkt - Die Debattenrundschau

Nur zwei Möglichkeiten

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.09.2020. Schauer der Entgeisterung löst die TV-Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden in der amerikanischen Presse aus. Der Moderator wurde des schreienden Trump nicht Herr. Der gab Weisungen an eine rechtsextreme Truppe, notiert Margaret Sullivan in der Washington Post. New-York-Times-Kolumnist Thomas L. Friedman sieht die amerikanische Demokratie in akuter Gefahr. In Hamburg zeigt eine Ausstellung den Horror kolonialistischer Ausbeutung hinter den prächtigen Fassaden der Stadt, berichtet die Welt. In der taz findet Charlotte Wiedemann Rassismus bei Primo Levi, Albert Camus und Hannah Arendt. Und bei Dlf Kultur fürchtet Ingo Schulze: Die Wiedervereinigung ist ein Flop.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2020 finden Sie hier

Politik

Die amerikanische Demokratie ist in größerer Gefahr als nach dem Bürgerkrieg, Pearl Harbor oder der Kubakrise, schreibt der New-York-Times-Kolumnist Thomas L. Friedman nach der gestrigen Fernsehdebatte zwischen Donald Trump und Joe Biden: "Trump hat in den letzten Wochen - und noch deutlicher bei der Debatte am Dienstag - unmissverständlich klar gemacht, dass es bei der Wahl am 3. November nur zwei Möglichkeiten gibt, und die Wahl von Joe Biden gehört nicht dazu. Der Präsident hat uns immer wieder mitgeteilt, dass er entweder wiedergewählt wird oder die Abstimmung anzweifeln wird, indem er behauptet, dass alle Briefwahlzettel… ungültig sind." James Fallows nennt die Debatte im Atlantic wegen des schwachen Moderators und eines ständig chaotisierenden Trump einen "ekelerregenden Moment für unsere Demokraie".

Auch Margaret Sullivan von der Washington Post hat die vom Fox-Moderator Chris Wallace geleitete Debatte mit Entgeisterung verfolgt: Aber "selbst in dem Geschrei - in manchen Momenten erhoben die drei Siebziger in ihren Anzügen ihre Stimmen gleichzeitig - kamen ein paar nachrichtenwürdige Momente zustande. Als er gefragt wurde, ob er einige 'white supremacist'-Gruppen verurteilen würde, schien Trump stattdessen eine bedrohliche Weisung auszusprechen: dass die Mitglieder einer rechtsextremen Truppe, der 'Proud Boys', 'sich im Hintergrund zur Verfügung halten' sollten. Es klang, als sollten sie auf Befehle ihres Kommandanten warten." Eine ausführliche Zusammenfassung der Debatte bringt der Guardian. Videos der Debatte finden sich bei allen Nachrichtenmedien.
Archiv: Politik

Kulturpolitik

Es ist irgendwie still geworden um die Restitution geraubter Kunst, weil ja nun doch alle Benedicte Savoy zustimmen und kaum mehr streiten. Aber geht es voran? Mehr schlecht als recht, meint Jörg Häntzschel in der SZ, unzufrieden mit der Langsamkeit der Erstellung digitaler Verzeichnisse der Museumsobjekte. Selbst Vorreiter, wie das Hamburger Museum am Rothenbaum, haben Probleme damit. Das Museum hat "im Juni etliche Inventarlisten online gestellt. Als simple Tabellen auf endlosen pdfs. Allein die bis 1920 ins Museum gekommenen Afrika-Bestände umfassen 62 000 Objekte auf 2 400 Seiten. Nicht einmal jeder zehnte Eintrag ist mit einem Foto versehen. Zu den meisten Stücken ist nur die elementarste Information verzeichnet. 'Gerät aus Eisen, Westafrika, vor 1895', lautet ein Eintrag. ... Das Bremer Überseemuseum hat inzwischen nachgezogen, mit Faksimile-Seiten uralter Inventarbücher. Kaum etwas ist zu entziffern, Bilder fehlen ebenfalls. Doch immerhin verheimlichen diese Museen nicht mehr, wie überfordert sie mit ihrer eigenen Sammlung sind und welche Defizite sich über die Jahrzehnte angehäuft haben."

Geschichte



In Hamburg, im Museum der Arbeit, gibt es zur Zeit auch die Ausstellung "Grenzenlos - Kolonialismus, Industrie und Widerstand". Sie beleuchtet "die Wertschöpfung mit Kolonialgütern vom Herkunftsort bis zum Bestimmungsland" und blickt dabei in vier Hamburger Fabriken, erzählt in der Welt Stefan Grund. "Erklärtes Ziel der Kuratoren Sandra Schürmann und Christopher Nixon: 'Wir wollen die menschenverachtenden Verhältnisse zeigen, die hinter der romantisierenden Bezeichnung 'Hamburger Kaufmannsindustrie' stecken.' ... Wie das Elfenbein wurden pflanzliche Rohstoffe mit hohem Arbeitseinsatz der indigenen Bevölkerung, die zum Teil versklavt, zum Teil schlecht bezahlt wurde, nach der Ernte zur Verschiffung vorbereitet und transportiert. Karawanen für Elefanten-Stoßzähne umfassten zum Beispiel bis zu 2.000 afrikanische Träger. Die Arbeitsbedingungen auf den Kakao-Plantagen waren wie jene bei der Kautschukernte unmenschlich. Die Arbeiter hatten eine Sechstagewoche mit täglich 18 Arbeitsstunden. Auf den Pflanzungen des Hamburger Unternehmers Adolph Woermann wurden widerständige Arbeiter in einen Hungerturm gesperrt. Allein im Jahr 1913 starben auf einer seiner Plantagen 65 von 213 Arbeitern. Die Prügelstrafe war allgegenwärtig, in der deutschen 'Vorzeigekolonie' Togo stand auf kleinste Vergehen die Strafe von 50 Peitschenhieben, die häufig zum Tode führte."

Die Ukraine hat die Schirmherrschaft für eine deutsch-ukrainische Historikerkommission niedergelegt, berichtet Reinhard Veser in der FAZ. Anlass war ein bitterer Streit über die Frage, ob der "Holodomor", der millionenfache Hungermord an zumeist ukrainischen Bauern, als Genozid anzuerkennen sei. Die selbst in dieser Fragen streitenden Historiker wollten eine entsprechende Petition an den Bundestag nicht unterzeichnen, so Veser: "Der Dissens besteht nicht über das Ausmaß des Verbrechens und die direkte Verantwortung Stalins dafür, sondern darüber ob es dessen Ziel war, die Ukrainer als ethnische Gruppe 'als solche' zu vernichten, wie es in der UN-Konvention gegen Völkermord heißt. Es sprechen starke Argumente für diese These, doch es gibt auch gewichtige Gegenargumente. Denn die Hungersnot 1932/33 traf nicht nur Ukrainer, sondern Kasachen und Bauern in einigen Teilen Russlands. Allen Opfergruppen war gemeinsam, dass Stalin sie als antisowjetische Elemente betrachtete."
Anzeige
Archiv: Geschichte

Ideen

Charlotte Wiedemann, lange Auslandsreporterin der taz, reibt sich in einem Essay die Augen und findet rassistische Bemerkungen bei Autoren, die sie verehrte, Primo Levi etwa, Albert Camus, der für sie durch einen Satz über "Primitive aus Zentralafrika", die die Revolte nicht denken können, vollends disqualifiziert ist, und selbst die Säulenheilige Hannah Arendt. "Wer vors Bücherregal tritt, findet daran heute nur begrenzt noch Halt", konstatiert sie. Und "die Architektur von Wissen zu dekonstruieren, Kulturgeschichte neu zu schreiben, das sind Ziele an einem sehr fernen Horizont. Aber sie können helfen, die Richtung zu peilen - und immer wieder die Ahnung zu tanken, um was für ein fantastisches großes Unterfangen es sich handelt, während die kleine graue Gegenwart mit Bahnhofsumbenennungen ringt." Auffällig übrigens, dass sich Wiedemanns Kritik an drei Denkern des Antitotalitarismus entzündet.
Archiv: Ideen

Medien

Charles Moore war von 1992 bis 2003 Chefredakteur des Daily Telegraph, der als Hauspostille Boris Johnsons gilt und ihrem Kolumnisten Johnson Hunderttausende Pfund als Honorar zahlte. Ausgerechnet ihn will Johnson nun zum Aufsichtsratschef der BBC machen, berichtet Steffen Grimberg in der taz: "Selbst dass Moore schon mal wegen Nichtbezahlens der Rundfunkgebühren rechtskräftig verurteilt wurde, scheint dem keinen Abbruch zu tun. Mal im Ernst: EinE Beitragsverweiger*in als Gremienchef*in wäre hierzulande - noch? - ein Ding der Unmöglichkeit. Aber Johnsons Regierung will ohnehin eine Abkehr von der gesamtgesellschaftlichen Finanzierung der BBC. Sein für Medien und damit auch die BBC zuständiger Kulturminister Oliver Dowden macht keinen Hehl daraus, dass für ihn auch ein Abomodell wie bei Netflix infrage kommt."

Außerdem: Der Disney-Konzern entlässt 28.000 Mitarbeiter, meldet unter anderem Meedia - betroffen sind wohl vor allem Mitarbeiter der Freizeitparks, die von der Coronakrise besonders betroffen sind. In der FAZ gratuliert Jürg Altwegg dem deutsch-französischen Sender Arte zum Dreißigsten.
Archiv: Medien
Stichwörter: Bbc, Coronakrise, Netflix

Europa

Die Wiedervereinigung war ein Flop, fürchtet der Schriftsteller Ingo Schulze in einem "politischen Feuilleton" für Dlf Kultur. "Viel wäre schon gewonnen, würde zum 30. Jahrestag des Beitritts in der Öffentlichkeit nicht nur die ehemalige DDR problematisiert, sondern auch die ehemalige BRD." Denn "unser 'Way of Life', das an Maximalprofit und Wachstum orientierte 'Weiter so' bringt die Menschheit um. Die Frontstellungen des Kalten Krieges und seiner Aufrüstungsspirale sind modifiziert zurückgekehrt, die soziale und ökonomische Polarisierung setzt sich unaufhörlich fort, national wie international. Die sogenannte Asylreform der EU höhlt das Asylrecht noch weiter aus und liefert in einem Akt der Kollaboration die Flüchtlinge Kriminellen aus oder überlässt sie bestenfalls ihrem Schicksal."
Archiv: Europa

Gesellschaft

In der NZZ beklagt Thomas Ribi die "Cancel culture", die angeblich nicht existiert: "So tönt es im Lager derer, die sich als linksliberal bezeichnen. In Kreisen, die es sich am liebsten dort gemütlich machen, wo niemand stört. Unter ihresgleichen, wo man sich darauf verlassen kann, dass nur Meinungen geäußert werden, die auch wirklich als Meinung gelten dürfen. Geprüfte Meinungen. Für gut befunden von Instanzen, die festlegen, was man denken darf und was nicht. Großkonzerne sind, zum Beispiel, schlecht, Nationalstaaten ein Auslaufmodell der Geschichte und Männer die Species, welche die Welt an den Rand des Abgrunds manövriert hat."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Cancel Culture