Nach langer Renovierung und Neukonzeption eröffnet demnächst das
Afrikamuseum in
Brüssel wieder, das einst gebaut wurde, um die besonders
blutige Kolonialpolitik des Königs
Leopold II. zu feiern und die Belgier günstig zu stimmen, um die Schulden des Königs zu übernehmen, der seine Kolonie zuerst als Privatunternehmen betrieb. Esther King
besucht das Museum für
politico.eu, schildert die Auseinandersetzungen um die Konzeption und die Kritik von Migrantenverbänden, spricht mit dem Chef
Guido Gryseels über die selbstkritische Konzeption des Hauses. Auch der
Autor Adam Hochschild kommt zu Wort: "Um die Machtdynamik einer großen öffentlichen Institution zu verändern, die zu gut achtzig Prozent von der Regierung subventioniert wird, 'braucht man
eine Lobby', sagt Hochschild, Autor von 'King Leopold's Ghost', einer Geschichte der belgischen Besetzung des Kongo. 'Geschichtsmuseen spiegeln diese Machtdynamik in ihrer Gesellschaft mehr wider als irgendetwas sonst. Kein Land macht einen wirklich guten Job im Umgang mit schwierigen Perioden seiner Vergangenheit, wenn es nicht wirklich
dazu getrieben wird.'"
Nur ein Saal ist der Zeit der Sklaverei, den Morden und Plünderungen, den kolonialen Jahrzehnten bis zur Phase nach der Unabhängigkeit 1960 gewidmet, ansonsten wird der Blick eher auf das
zeitgenössische Afrika gerichtet, berichtet in der
SZ indes Thomas Kirchner, der mit
Gryseels gesprochen hat: "Das Thema ist weiterhin heikel in Belgien, fast jede Familie hat ein Mitglied, das direkt oder indirekt mit dem Kongo zu tun hatte. Jenen, die der
belgischen Herrschaft nachtrauern und sich jegliche Kritik verbitten, versucht er zu erklären, warum der Kolonialismus ein 'unmoralisches Herrschaftssystem' sei. 'Wer sind wir denn, ein Land militärisch zu besetzen, seine Bürger in Weiß und Schwarz zu teilen und alle Profite nach Hause zu tragen?' Um die Alt-Kolonialisten zu beschwichtigen, fügt er hinzu: 'Das heißt nicht, dass viele einzelne Menschen dort nicht auch Gutes getan haben, die Ärzte zum Beispiel, die Leute heilten und Kinder
impften.'"
Es gibt jene Museen, die im Umgang mit
Kolonialkunst mit den Nachfahren der ehemaligen
Herkunftsgesellschaften kooperieren - und jene, die
Kultur als Ressource verstehen, über die frei verfügt und die parodiert und inszeniert werden könne,
schreibt die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin in der
NZZ. Warum sind sakrale Namen und Handwerkstechniken indigener Völker nicht geschützt?, fragt sie weiter: "Indigene Völker versuchen dagegen, ihre Kultur vor dem Zugriff besitzergreifender Fremder zu schützen, weil sie Kultur als einen wichtigen Teil ihrer eigenen
Identität verstehen. Kulturelles Erbe ist für viele indigene Völker eine Möglichkeit der
Selbstfindung, nachdem sie jahrzehnte- oder jahrhundertelanger Fremdbestimmung unterworfen waren. Auch wehren sie sich gegen globale Vereinnahmungen ihres traditionellen Wissens, das ebenfalls als frei flottierende Ressource behandelt wird."