9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2019 - Medien

Wir haben gestern schon kurz drauf hingewiesen (unser Resümee): Der von der Agentur Reuters beauftragte "Digital News Report 2019" ist raus. Hier der Link zum offiziellen Text für den 75.000 Personen aus 38 Ländern befragt wurden. Guy Faulconbridge fasst einige der wesentlichen Erkenntnisse bei Reuters dankenswerter Weise zusammen: "Selbst bei jenen, die bezahlen, gibt es eine 'Abo-Müdigkeit'. Viele sind es leid, dass sie zu so vielen verschiedenen Abos aufgefordert werden. Viele entscheiden sich eher für Filme oder Musik als für News. Manche Medien werden scheitern. 'Ein großer Teil der Bevölkerung ist absolut glücklich mit den News, die kostenlos zu bekommen sind, und selbst unter Nutzern, die bereit sind zu zahlen, will die Mehrheit nur für ein Abo aufkommen', sagt Rasmus Kleis Nielsen, der Leiter des Reuters Institute."

Und noch ein anderer viel erwarteter Bericht ist herausgekommen, Mary Meekers "State of the Internet", den die Medienwissenschaftlerin seit bald zwanzig Jahren jährlich aktualisiert. Joshua Benton resümiert im Niemanlab und stellt vor allem (auf den amerikanischen Markt bezogene) Zahlen gegeneinander: "Im Jahr 2010 beanspruchten Printmedien 8 Prozent unserer Aufmerksamkeit, aber überproportionale 27 Prozent der Anzeigendollars. Im Jahr 2018 nahmen Printmedien nur 3 Prozent unserer Aufmerksamkeit in Beschlag und 7 Prozent der Anzeigen-Dollars" Großer Sieger der Entwicklung ist inzwischen Mobil mit 33 Prozent der Ausgaben für Anzeigen.

Und noch zwei Meldungen aus der taz. Journalistin in Mexiko getötet: "Norma Sarabia sei "in der Nähe ihrer Wohnung in der Stadt Huimanguillo von zwei Bewaffneten auf einem Motorrad erschossen worden" (hier). Und: "Jagd auf Journalisten -  In der Ukraine wurde ein Kameramann von Rechtsradikalen schwer verletzt. Journalisten werfen der Polizei vor, nicht genug gegen Gewalt an ihren Kollegen zu tun" (hier).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2019 - Medien

(Via turi2) Im Journalistenverband DJV rumort es. Unter anderem wegen der CDU-nahen Position des Vorsitzenden Frank Überall in der Debatte zur EU-Urheberrechtsreform, die von dem Mitglied Peter Welchering in einem offenen Brief kritisiert wird, berichten Vinzenz Neumaier und Eirik Sedlmair bei kress.de: "In Sachen EU-Urheberrechtsreform veröffentlichte der Bundesverband im März diesen Jahres eine Pressemitteilung, die die geplante Reform verteidigte und ihre Vorteile lobte - zum Ärger vieler Mitglieder. Auf Twitter folgte ein Shitstorm, mehrere Journalisten erklärten, sie würden aus dem DJV austreten, andere wie Welchering distanzierten sich öffentlich."

Könnte es sein, dass das Online-Abomodell für Medien an seine Grenzen gelangt? Alexandre Berteau liest für Le Monde eine große Studie, die wenig Dynamik erkennt: "Nach einer Umfrage unter 75.000 Personen in 38 Ländern führen Forscher der Universität Oxford aus, dass die Zahl der Abonnenten zwar steigt, der Teil der Leser, die bereit sind zu bezahlen, um sich im Internet zu informieren, seit sechs Jahren stabil bei 11 Prozent bleibt. So dass mehrere Forscher fürchten, dass der Sektor an ein Plafond gestoßen ist. Diese Sorge ist umso begründeter, als 'wenige Menschen aktuell bereit sind, mehr als ein Online-Medium zu abonnieren', betont die Studie."

Außerdem: Stefan Niggemeier erzählt in seinen Uebermedien, wie sich der FAZ-Redakteur Jasper von Altenbockum komplett verrannte, als er seine Kritik an dem angeblich gekauften Youtuber Rezo ausgerechnet mit dem Video eines dubiosen Islamisten belegte - und dann nur widerwillig zurückruderte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2019 - Medien

Ziemlich sauer reagiert der Journalismusprofessor Jeff Jarvis in Medium auf einen Artikel in der New York Times, der unter Bezug auf eine Studie behauptet, Google und Facebook würden Zeitungen durch Links 4,7 Millarden Dollar im Jahr wegnehmen - denn die Links, so Jarvis, nützen den Zeitungen. Die New York Times übernehme die Position der Verleger, die sich durch Gesetze gegen den Medienwandel stemmen: "Dazu gehört etwa eine schreckliche neue Urheberrechtsgesetzgebung in der EU, die versucht, Google und andere zu zwingen, Verhandlungen zu führen, um für das Zitieren von Snippets von Inhalten, auf die sie verweisen, zu bezahlen. Google wird das nicht tun; es wäre ein Narr. Deshalb befürchte ich, dass Plattformen immer weniger zu Nachrichten verlinken werden, was zu selbstverschuldeten Schäden für die Nachrichtenindustrie und Journalisten führt und, schlimmer, die Öffentlichkeit genau im falschen Moment schädigt." Der Artikel der New York Times übernimmt mehr oder weniger eine Pressemitteilung des amerikanischen Verlegerverbands "News Media Alliance".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2019 - Medien

Der Guardian schreibt wieder schwarze Zahlen, freut sich Cathrin Kahlweit in der SZ und betont, dass dies der mutigen Chefredakteurin Katharine Viner zu verdanken sei, die nicht nur erfolgreich, sondern auch sympathisch sei und statt auf Paywalls auf Spenden und Mitgliedschaft setzte: "Unter jedem Artikel stand anfangs, sinngemäß: Wir brauchen Hilfe. Wenn Ihnen gefallen hat, was Sie gelesen haben, spenden Sie. 'Das war eine dramatische Botschaft', weiß Viner, 'aber ziemlich erfolgreich'. Jetzt habe man die Message geändert: 'Jetzt sagen wir, dass wir weitermachen wollen. Und dass wir mit unserer investigativen Arbeit auch für die kostenlos und zugänglich bleiben wollen, die es sich vielleicht nicht leisten können. Das läuft übrigens noch besser.'"

In der NZZ meldet Felix Simon, dass laut einer Studie der Universität Oxford mittlerweile 69 Prozent aller Zeitungen auf Paywalls setzen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2019 - Medien

Die Ministerpräsidenten der Länder verhandeln über die Zukunft des Runfunkbeitrags. Noch haben sie sich nicht geeinigt, aber es scheint auf ein Indexmodell hinauslaufen, das es erlaubt, die Sender, der Inflationsrate folgend automatisch immer gleich zu bezahlen, unabhängig von der Frage, wie sich ihre Akzeptanz entwickelt, berichtet Michael Hanfeld in der FAZ: "Vorbehalte gegen ein Indexmodell hatte die FDP angemeldet, die in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen an den Landesregierungen beteiligt ist und in ihrem Programm zur letzten Bundestagswahl eine 'Neudefinition des Auftrages des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, verbunden mit einer Verschlankung', gefordert hatte. Über eine Strukturreform der Öffentlich-Rechtlichen wird seit Jahren ohne erkennbaren Fortschritt debattiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2019 - Medien

Der Finanzanalyst François Godard hält es im Gespräch mit Uwe Jean Heuser von der Zeit für sehr gut, dass  der Axel-Springer-Konzern sich von dem Finanzinvestor KKR aufkaufen lassen will: "Wenn Springer mit Bild und Welt etwas Kühnes machen will, dann vielleicht mit diesen Medien im Internet ganz hinter eine Bezahlschranke zu gehen." Dann gibt's aber keine Einnahmen von Google!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2019 - Medien

Ob Springer nach einer eventuellen Übernahme großer Anteile durch den Finanzinvestor KKR noch in erster Linie ein Medienunternehmen ist, kann man eher bezweifeln. Es geht vor allem ums Rubrikenanzeigengeschäft, schreibt Gregory Lipinski bei Meedia, der mit Aktienanalysten gesprochen hat. Es könnte etwa sein, dass Springer das ebay-Kleinanzeigen-Segment übernehmen will. Und dann ist da noch etwas: "Grund hierfür ist auch die US-Suchmaschine Google, die mit Google Jobs in Deutschland gestartet ist. Berenberg-Wertpapieranalystin Sarah Simon rechnet deshalb damit, dass sich durch Google als neuen Anbieter der Wettbewerb für die Job-Plattformen hierzulande massiv verschärft. Steuert Springer-Chef Döpfner hier nicht rechtzeitig gegen, könnte sich dies mittelfristig negativ auf die Ertragsentwicklung der Berliner auswirken."

Es gibt Wichtigeres als die Gebührenerhöhung, meint taz-Medienkolumnist Steffen Grimberg mit Blick auf die Öffentlich-Rechtlichen, auch wenn er die Gebührenerhöhung zu bejahen scheint. Schon wegen mangelnder Akzeptanz: "Den öffentlich-rechtlichen Sendern geht es wie den Verlegern. Beide immer noch großen Institutionen der Medienwelt müssen ihren NutzerInnen wieder nahebringen, was für einen Wert sie in der Gesellschaft darstellen und zwar über rein finanzielle Aspekte hinaus. Beide Systeme haben die neue Welt lange nicht ernst genug genommen, diese digitale Ignoranz und Anfängerfehler machen ihnen nun zu schaffen. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2019 - Medien

Der Springer Verlag will sich bekanntlich von dem Finanzinvestor KKR kaufen lassen. Allerdings wird die Mehrheit von Friede Springer, Mathias Döpfner und zwei Springer-Enkeln gehalten, über deren Verkaufsbereitschaft nichts bekannt ist. Gelingt die Übernahme, stellt Peter Weißenburger den Zeitungen Bild und vor allem Welt in der taz keine gute Prognose, denn Investoren verlangen in der Regel, dass defizitäre Unternehmensbereiche abgestoßen werden: "Das Geschäft mit den gedruckten Zeitungen ist verlustreich, weil Abonnements und Kioskverkäufe zurückgehen und ebenso die Preise von Anzeigen. Schon im Frühjahr hatte der Konzern angekündigt, die Auflage der werktäglichen gedruckten Welt zurückzufahren. Nun könnte es schon viel schneller dazu kommen, dass dieses Produkt eingestellt wird. Es wäre die erste der großen deutschen Tageszeitungen, die diesen Weg geht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2019 - Medien

Deutsche Journalisten und Zeitungen müssten eigentlich lauthals protestieren, schreibt Patrick Beuth in Spiegel online, denn ein Gesetzentwurf des Innenministeriums weicht den Informantenschutz für Journalisten auf, die Behörden könnten Journalisten heimlich überwachen: "Würde der Entwurf umgesetzt, wäre es dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in seltenen Fällen erlaubt, die Server, Computer und Smartphones von Verlagen, Sendern, Redakteuren und freien Journalisten heimlich zu hacken und zu durchsuchen. Ein richterlicher Beschluss wäre dazu nicht nötig, das BfV müsste stattdessen abwägen, ob sein Interesse schwerer wiegt als das Redaktionsgeheimnis. Kontrolliert würde das einzig von der alle paar Wochen geheimtagenden G-10-Kommission." Veröffentlicht hatte den Entwurf zunächst Netzpolitik. Die Reporter ohne Grenzen haben zuerst auf das Problem aufmerksam gemacht.

Mit Marie Sophie Hingst haben wir einen Relotius in Gestalt eines Wilkomirski. Die Historikerin, Bloggerin und Journalistin hat sich eine jüdische Biografie erfunden. Martin Doerry hat die Geschichte für den Spiegel recherchiert (mehr bei Spiegel online), Jens Twiehaus resümiert bei turi2:"Demnach erfand Hingst mehrere Familienmitglieder, die in Auschwitz getötet worden seien oder das KZ überlebten. Tatsächlich stammt Hingst aus einer evangelischen Familie. Ihr Drang zum Geschichten-Erfinden sei so weit gegangen, dass sie Dokumente zu erfundenen Familienmitgliedern bei der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem einreichte, berichtet der Spiegel." Hingst schreibt auch für Zeit online und Deutschlandfunk Nova, alle Links bei turi2. Ihr Blog Read on My Dear, Read on ist inzwischen abgeschaltet, über Google Cache kann man noch einen Eindruck gewinnen.

(Via golem.de) Lorenz Wolf, Vorsitzender des BR-Rundfunkrats, hat das Patent-Argument für Erhöhungen der Rundfunkgebühren gefunden. Entweder mehr Gebühren, oder mehr AfD, schreibt er in der Augsburger Allgemeinen: "Solange öffentlich-rechtlicher Rundfunk das erfüllen kann, wozu er geschaffen wurde, verfängt populistische Logik nur schwer. Wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus welchen Gründen auch immer schwächt, stärkt populistische Argumentationsmuster."

Mathias Döpfner hat den Finanzinvestor KKR gewonnen, der alle Aktien aufkaufen soll, die nicht den Großaktionären um die Springer-Familie gehören, berichtet unter anderem Caspar Busse in der SZ. Das Unternehmen soll dann von der Börse genommen werden. Alle journalistischen Absicherungen des Hauses sollen dabei bestehen bleiben, beteure man. Aber "KKR könnte den Druck auf eine Verbesserung der Rendite erhöhen. Weitere Sparmaßnahmen wären die Folge. Axel Springer kommt derzeit mit 16.350 Mitarbeitern auf einen Umsatz von 3,2 Milliarden Euro. Während dem Vorstand unter Döpfner die strategische Weiterentwicklung der Firma am Herzen liegen dürfte, hat KKR wohl eher den späteren gewinnträchtigen Ausstieg im Auge."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2019 - Medien

Youtube ist aber auch in der Türkei unbeliebt, besonders bei Präsident Erdogan. Bülent Mumay beschreibt in seiner FAZ-Kolumne, dass Türken sich immer mehr in externen Medien informieren, etwa bei Auslandssendern: "Der Tropfen, der das Fass für die Regierungsmedien zum Überlaufen brachte, war der unter Leitung der Deutschen Welle eingerichtete Youtube-Kanal +90. Die Zeitung Yeni Safak, von Erdogan seit 25 Jahren mit öffentlichen Ausschreibungen unterstützt, erschien vergangene Woche mit der Schlagzeile: 'Globale Medienbelagerung'... Die Zeitung nannte namentlich eine Reihe von Journalisten, die für ausländische Presse tätig sind, darunter auch mich, und machte sie zur Zielscheibe."

Das Bundesinnenministerium unter der Leitung von Horst Seehofer hat einen Gesetzesentwurf zur "Harmonisierung des Verfassungschutzrechts" vorgelegt, den netzpolitik.org bereits Ende März veröffentlichte und den sich die Reporter ohne Grenzen jetzt genauer angesehen haben: Bisher war neben der Kommunikation von Abgeordneten, Ärzten, Anwälten und Priestern auch das Redaktionsgeheimnis vor der Überwachung durch den Verfassungsschutz geschützt, nun soll es In- und Auslandsgeheimdiensten auch erlaubt sein, die Server, Computer und Smartphones von Journalisten zu hacken, meldet Zeit Online: "Mithilfe bestimmter Software könnten die Geheimdienste zum Beispiel verschlüsselte Kommunikation einsehen oder die Server verdeckt nach digitalen Daten durchsuchen; gespeicherte Dokumente, Browserverläufe, Gesprächsmitschnitte wären somit zugänglich. (...)Wenn die Geheimdienste ihr Interesse an den zu erlangenden Informationen als schwerwiegender einschätzten als den möglichen Schaden für die Pressefreiheit, werde die digitale Durchsuchung gestattet, schreibt Reporter ohne Grenzen."

In den letzten vier Jahren wurde die Zahl von EU-Korrespondenten in Brüssel von 955 auf 770 registrierte Journalisten reduziert, schreibt der Journalistikdozent Stephan Russ-Mohl in der NZZ und beklagt das Fehlen eines "seriösen" paneuropäischen Journalismus: "Statt eines europäischen Narrativs dominiert jeweils die nationale Perspektive: Die Medien berichten vornehmlich über Krisen, spitzen diese zu und schüren damit Misstrauen gegenüber den europäischen Institutionen. Der Politikberater Johannes Hillje meint warnend, es komme zu einem 'polit-medialen Teufelskreis aus Konflikt, News und Nationalismus', der letztlich den Populisten in die Hände spiele."