Als eindeutigen
Angriff auf Pressefreiheit wertet Masha Gessen im
New Yorker die Entscheidung des amerikanischen Justizministeriums,
Julian Assange wegen Spionage anzuklagen: "Assange ist ein durch und durch unangenehmer Protagonist. Er begibt sich in politisch schreckliche Gesellschaft. Er ist wahrscheinlich selbst recht schreckliche Gesellschaft. In seinen Artikeln und Interviews zeigt er sich als
machthungrig und manipulativ. Noch wichtiger: Als er geheime Dokumente leakte, verbreitete er damit auch Informationen, die andere Menschen in Gefahr brachten. Er ist ein perfektes Ziel, eben weil er so unsympathisch ist. Man muss sich die Nase zuhalten, wenn man Assange verteidigt. Und doch muss man ihn verteidigen."
Auf siebzehn Seiten
veröffentlicht der
Spiegel seinen detaillierten Abschlussbericht zur Causa
Claas Relotius. Viel Neues bringt er, wie Laura Hertreiter in der
SZ berichtet, nicht zu Tage, aber viel Selbstkritik und auch Bemerkenswertes. So schätze Chefredakteur Steffen Klusmann, dass
95 Prozent der rund 60 beim
Spiegel veröffentlichten Geschichten "
journalistisch wertlos" seien, neun komplett erfunden: "Der Abschlussbericht geht nach der internen Analyse relativ schnell dazu über, die
Reportage als anfällige Textform sowie dubiose Praktiken, die demnach an Journalistenschulen gelehrt würden, als Ursachen zu reflektieren. Auf welch spezielle Art jedoch Reportagen beim
Spiegel entstehen konnten, zeigt ein im Bericht zitierter Mailwechsel zwischen Geyer und seinen Autoren Relotius und Moreno über eine geplante Reportage. 'Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise
aus einem absolut verschissenen Land (…) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies, gutes Leben in USA (…) Es muss eine sein, die
mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (…) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das
die Geschichte des Jahres.' Woher kommen solch überhitzte Ansagen?"
In der
Welt bemerkt Christian Meier, dass die neue Transparenz des Hauses mit einer gewissen Dünnhäutigkeit einher geht: "Man ist nervös, will
Zitate aus der Pressekonferenz autorisiert haben." Bereits vor einigen Tagen hatten
Zeit und
ZeitOnline explizit ihre
Standards formuliert.
Die Auseinandersetzungen werden irgenwie klarer: In der
NZZ liefert sich Rainer Stadler einen bemerkenswerten Schlagabtausch mit dem Journalisten und Anwalt
Steven Brill, der mit seiner Organisation Newsguard per Browser-App die Glaubwürdigkeit von Medien im Netz zertifiziert. So fragt Stadler: "
Diverse Studien stellen fest, dass die Konsumenten durchaus in der Lage sind, zwischen glaubwürdigen und unseriösen Anbietern zu unterscheiden. - Solche Studien gibt es nicht. -
Ich habe solche gelesen... - Die Studien sagen das Gegenteil. Das Gallup-Institut analysierte Personen, die unser Bewertungssystem auf ihrem Browser installiert haben. 80 Prozent dieser Personen sind viel weniger gewillt, Medienangebote zu teilen, welche mit einem negativen roten Signet gekennzeichnet sind. Sie sind vielmehr daran interessiert, Beiträge von grün gekennzeichneten, also glaubwürdigen Websites weiterzuverbreiten."