9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2019 - Medien

Der Fall Relotius war kein Fall Relotius, sondern ein Fall Spiegel, schreiben Horand Knaup und Hartmut Palmer, zwei ehemalige Spiegel-Redakteure, in der taz. "Es kam zur völligen Überhöhung der 'Königsdisziplin' Reportage." Eine große Mitverantwortung trage der bekannte Reporter Cordt Schnibben, der das Genre der blumigen, literarisierenden Reportage zur Blüte brachte und den Reportern und Kisch-Preisträgern im Blatt zu einem Sonnenkönigsstatus verhielf, so die beiden Ex-Kollegen: "Schnibben machte das Gesellschaftsressort zum Staat im Spiegel-Staat, zu einer Einheit mit enormer Machtfülle, mit der sich kein Chefredakteur anlegen wollte. Ihre Chefs verfügten über informelle Macht weit über das Ressort hinaus. Sie redeten in Personalfragen mit, sie vergaben die Noten für guten und schlechten Journalismus. Die Privilegien der Reporter waren umfassend: opulente Gehälter, Befreiung von Pflichtthemen, alle Reisemöglichkeiten, bei Bedarf Auslandsposten nach Wahl - die Nickeligkeiten des Alltags fanden anderswo statt." Die beiden beziehen sich auf den Abschlussbericht der Kommission zur Aufarbeitung des Falls, den der Spiegel selbst veröffentlichte.

Blumig werden darf dafür jetzt die Kulturredaktion des Spiegels. "Der Spiegel wird im Herbst die Beilage Literaturspiegel durch das Kulturmagazin Spiegel Bestseller ersetzen, meldet der Buchreport, der die Bestsellerliste für den Spiegel erstellt und der Spiegel-Gruppe seit 2007 gehört. Ob sich das ganze noch als journalistisches Produkt versteht oder nur noch dem Pushen der hauseigenen Marke dient, lässt buchreport offen. Die Einstellung des Literaturspiegels geschieht nach immerhin 24 Jahren, ergänzt Meedia.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2019 - Medien

Als eindeutigen Angriff auf Pressefreiheit wertet Masha Gessen im New Yorker die Entscheidung des amerikanischen Justizministeriums, Julian Assange wegen Spionage anzuklagen: "Assange ist ein durch und durch unangenehmer Protagonist. Er begibt sich in politisch schreckliche Gesellschaft. Er ist wahrscheinlich selbst recht schreckliche Gesellschaft. In seinen Artikeln und Interviews zeigt er sich als machthungrig und manipulativ. Noch wichtiger: Als er geheime Dokumente leakte, verbreitete er damit auch Informationen, die andere Menschen in Gefahr brachten. Er ist ein perfektes Ziel, eben weil er so unsympathisch ist. Man muss sich die Nase zuhalten, wenn man Assange verteidigt. Und doch muss man ihn verteidigen."

Auf siebzehn Seiten veröffentlicht der Spiegel seinen detaillierten Abschlussbericht zur Causa Claas Relotius. Viel Neues bringt er, wie Laura Hertreiter in der SZ berichtet, nicht zu Tage, aber viel Selbstkritik und auch Bemerkenswertes. So schätze Chefredakteur Steffen Klusmann, dass 95 Prozent der rund 60 beim Spiegel veröffentlichten Geschichten "journalistisch wertlos" seien, neun komplett erfunden: "Der Abschlussbericht geht nach der internen Analyse relativ schnell dazu über, die Reportage als anfällige Textform sowie dubiose Praktiken, die demnach an Journalistenschulen gelehrt würden, als Ursachen zu reflektieren. Auf welch spezielle Art jedoch Reportagen beim Spiegel entstehen konnten, zeigt ein im Bericht zitierter Mailwechsel zwischen Geyer und seinen Autoren Relotius und Moreno über eine geplante Reportage. 'Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (…) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies, gutes Leben in USA (…) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (…) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres.' Woher kommen solch überhitzte Ansagen?"

In der Welt bemerkt Christian Meier, dass die neue Transparenz des Hauses mit einer gewissen Dünnhäutigkeit einher geht: "Man ist nervös, will Zitate aus der Pressekonferenz autorisiert haben." Bereits vor einigen Tagen hatten Zeit und ZeitOnline explizit ihre Standards formuliert.

Die Auseinandersetzungen werden irgenwie klarer: In der NZZ liefert sich Rainer Stadler einen bemerkenswerten Schlagabtausch mit dem Journalisten und Anwalt Steven Brill, der mit seiner Organisation Newsguard per Browser-App die Glaubwürdigkeit von Medien im Netz zertifiziert. So fragt Stadler: "Diverse Studien stellen fest, dass die Konsumenten durchaus in der Lage sind, zwischen glaubwürdigen und unseriösen Anbietern zu unterscheiden. - Solche Studien gibt es nicht.  - Ich habe solche gelesen... - Die Studien sagen das Gegenteil. Das Gallup-Institut analysierte Personen, die unser Bewertungssystem auf ihrem Browser installiert haben. 80 Prozent dieser Personen sind viel weniger gewillt, Medienangebote zu teilen, welche mit einem negativen roten Signet gekennzeichnet sind. Sie sind vielmehr daran interessiert, Beiträge von grün gekennzeichneten, also glaubwürdigen Websites weiterzuverbreiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2019 - Medien

Die AfD hat in den Räumen des Bundestags ein Treffen von Medien organisiert, die der Partei nahestehen. Till Eckert hat sich für correctiv.org unter das Treffen gemischt: "Nur ein kleiner Überblick der geladenen Gäste: Der rechte Publizist Götz Kubitscheck und seine Frau Ellen Kositza; der Blogger Eugen Prinz von PI News (political incorrect); Thomas Böhm und Philipp Beyer, Gründer der rechten Webseite Journalistenwatch; der rechte Aktivist Michael Stürzenberger und der libanesisch-deutsche Regisseur und AfD-Sympathisant Imad Karim; sowie Blogger Jürgen Fritz und der Youtuber Oliver Flesch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2019 - Medien

Auf die Frage  Peter Weissenburgers von der taz, ob sich SZ und Spiegel von unbekannten Kräften haben einspannen lassen, als sie das Strache-Video veröffentlichten antwortet SZ-Rechercheur Bastian Obermayer: "Wir müssen berichten, was Herr Strache sagt, weil es von überwältigender Wichtigkeit ist für die Menschen, zu wissen, dass der Vizekanzler offenbar korrupten Avancen gegenüber offen ist. Dass er ein Mediensystem wie unter Orbán wünscht, das keine freie Presse mehr garantiert - und dass er versucht, illegale Spenden einzusetzen. Da spielt es für mich am Ende eine untergeordnete Rolle, wer das Video wann gemacht hat. Oder warum wir es jetzt bekommen und nicht zu einem anderen Zeitpunkt." Die Presse hat das Privileg, "auch Inhalte zu veröffentlichen, die unter illegalen Bedingungen entstanden sind - sofern ein öffentliches Interesse besteht", erläutert Weissenburger in einem zweiten Artikel.

Auch Thomas Stadler findet die Veröffentlichung in seinem Blog internet-law.de gerechtfertigt, selbst wenn das Video illegal entstanden ist, und zitiert aus einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts: "Allerdings wird auch die Veröffentlichung rechtswidrig beschaffter oder erlangter Informationen vom Schutz der Meinungsfreiheit (Art. 5 Abs. 1 GG) umfasst. Andernfalls wäre die Funktion der Presse als 'Wachhund der Öffentlichkeit' beeinträchtigt, zu der es gehört, auf Missstände von öffentlicher Bedeutung hinzuweisen." Dem Bruch der Privatsphäre der beiden Politiker "steht ein geradezu überragendes Berichterstattungs- und Informationsinteresse gegenüber", so Stadler.

Eine Meisterleistung des investigativen Journalismus ist die Veröffentlichung des Videos durch die SZ- und Spiegel-Journalisten dennoch nicht, schreibt Jan C. Behrends bei den Salonkolumnisten. Er fühlt sich durch die Affäre an den "Kompromat" erinnert - den russischen Begriff für "kompromittierendes Material", das Geheimdienste sich gern beschafften, indem sie Menschen in eine Falle lockten: "Der Blick durchs Schlüsselloch wurde ihnen zugespielt. Sie waren nur die Vollstrecker. Sicher gibt und gab es gute Gründe, diesen Film zu diesem Zeitpunkt zu veröffentlichen. Doch es bleibt ein haut-goût. Denn die Art und Weise, pikantes Material an die Öffentlichkeit zu spielen, ist eben aus dem osteuropäischen Kontext wohl bekannt - in Polen stürzte 2015 unter dubiosen Umständen eine (pro-europäische) Regierung auch wegen illegaler Tonaufnahmen. Das Spiel mit kompromat ist Teil der oft toxischen politischen Kultur post-kommunistischer Gesellschaften."

Und Michael Hanfeld schreibt in der FAZ: "Man kann sich auf den Standpunkt stellen, der Zweck heilige hier die Mittel, gegen gefährliche Rechtspopulisten sei so manches erlaubt. Aber möchte man in einer demokratisch verfassten Öffentlichkeit nicht wissen, wer sie einsetzt?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2019 - Medien

Vor etwa einem Jahr kursierten Berichte über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), wo vor allem in der Bremer Ausßenstelle Asylanträge durchgewunken worden seien. Ein Verbund Radio Bremen, NDR und Süddeutsche Zeitung stand hinter der Recherche. Auch Spiegel, Spiegel online, Zeit und Zeit online stiegen auf das Thema groß ein. Die Vorwürfe brachen großteils zusammen (unsere Resümees), dennoch ermittelt die Staatsanwaltschaft noch. Anne Fromm fragt in der taz, ob es sich um einen Medienskandal handele. Aber alle beteiligten Medien beteuern, nichts falsch gemacht zu haben. "Als sich das im September 2018 bestätigte und das Bamf einräumte, dass 'flächendeckender Asylbetrug' in Bremen nicht erkennbar sei, berichteten das alle Medien, allerdings meist deutlich kleiner als beim Anfangsverdacht. Von 'Skandal' sprach zu dieser Zeit kaum noch ein Berichterstatter - über eventuelle Fehleinschätzungen in der eigenen Recherche allerdings auch nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2019 - Medien

Staatsgeld für private Fernsehsender fordert Conrad Albert, Vorstand von Pro7/Sat1, berichtet in der FAZ Henning Peitsmeier und zitiert Albert: "'Um es klar zu sagen: Es geht mir nicht um neue Gebühren oder Steuern. Wir als Privatunternehmen wollen auch nichts von den 8 Milliarden Euro Gebührengeldern, die ARD und ZDF erhalten. Private Contentanbieter wie Fernsehunternehmen oder Hörfunksender sollten sich mit ihren Public-Value-Formaten bewerben können, so wie bei der deutschen Filmförderung oder der Journalismus-Stiftung in Nordrhein-Westfalen.' Der Fonds sollte mit einer Summe zwischen 50 und 100 Millionen Euro im Jahr ausgestattet sein. Das, meint Albert, sei günstig für den Mehrwert, den eine meinungsplurale Gesellschaft dafür erhalte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2019 - Medien

Ein ziemlich frecher Text der SZ-Onlinechefin Julia Bönisch im Branchenmagazin Journalist hat ziemlich viel Aufsehen erregt (unser Resümee). Sie fordert darin eine Aufhebung der Trennung von Redaktion und Verlag und Managerqualitäten bei Redakteuren - inzwischen hat sie sich nach Aufruhr in der SZ für einige Passagen entschuldigt. Anne Fromm schildert in der taz Hintergründe, zu denen vor allem die jetzt auch in der SZ betriebene Fusion von Print und Online gehört: "Die Fusion ist nicht nur publizistisch, sondern auch arbeitsrechtlich schwierig: Print und Online-Redaktion der SZ sind, wie in vielen Medien, zwei verschiedene Gesellschaften. Die Printler haben bessere Arbeitsbedingungen als die Onliner, sind tarifgebunden, müssen vertraglich weniger arbeiten und werden im Schnitt besser bezahlt. Wenn beide künftig nebeneinander an den selben Produkten arbeiten, wirft das Gerechtigkeitsfragen auf."

Große Aufregung löst in den sozialen Medien der Hashtag #twittersperre aus. Twitter hat etwa das Konto der Jüdischen Allgemeinen gesperrt, weil diese völlig unverfänglich auf einen Artikel hinweis, der erklärte "warum Israels Botschafter Jeremy Issacharoff auf Gespräche und Treffen mit der AfD verzichtet". Hier der Bericht der JA und der Kommentar des Online-Chefs der Zeitung, Philipp Peyman Engel: "Dass Twitter antisemitische Hasstweets duldet, aber Nachrichten der einzigen jüdischen Wochenzeitung Deutschlands sperrt, ist für uns absolut unverständlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2019 - Medien

Sven Hansen würdigt in der taz die afghanische TV-Moderatorin Mena Mangal, die in Kabul auf offener Straße erschossen wurde. Sie hatte vorher über Bedrohungen berichtet: "Sie war stark in den sozialen Netzwerken aktiv, wo sie für Bildung und Berufstätigkeit von Mädchen und Frauen argumentierte. Sie machte auch öffentlich, dass sie 2017 von ihren Eltern gegen ihren eigenen Willen verheiratet worden war. Erst kürzlich, Anfang Mai, war es ihr gelungen, endlich ihre Scheidung abzuschließen."

Die taz veröffentlicht außerdem den Text, in dem die jüngst erschossene nordirische Journalistin Lyra McKee über erstmals über ihr Coming Out schrieb.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2019 - Medien

Im Interview mit Felix Simon in der NZZ kennt der frühere Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger auch keinen schnellen Weg aus der Krise der Medien. Aber er weiß, dass der Bedeutungsverlust der Zeitung nicht nur ökonomische Ursachen hat: "Der wirtschaftliche Aspekt ist offensichtlich der dringlichste. Wir sehen uns mit einem sehr komplizierten Bild konfrontiert, und es wird kein einziges Modell geben, das für jedes Medienhaus funktioniert. Die wirtschaftliche Bedrohung hängt mit der Frage zusammen, ob die Menschen dem Journalismus noch vertrauen. Warum wollten Menschen bisher informiert sein? Weil ihnen dies half, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Aber glauben die Leute das immer noch? Oder fühlen sich die Menschen machtlos? Es gibt mittlerweile so viele Gründe, warum der Journalismus kriselt. Und es wird eine Menge gedanklicher Arbeit erfordern, um all dies anzugehen. Wir haben bisher viel zu wenig darüber nachgedacht, was die Öffentlichkeit eigentlich von uns erwartet."

In der deutschen Mediencommunity wurde dagegen einem Artikel von SZ-Onlinechefin Julia Bönisch im Journalist applaudiert, der sehr clever, aber vielleicht auch ein bisschen höhnisch die effiziente Taktung von Redaktionen in ein feministisches Projekt ummünzt: "Für manche Kolleginnen und Kollegen in der Branche bin ich ein Affront. Frau, Onlinerin, noch keine 40 - damit stehe ich für fast alles, was unbequem und lästig ist: für Veränderung, für Digitalisierung, für einen Generationenwechsel, der auch Frauen an die Spitze bringt. Das nervt viele, und das kann ich verstehen. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre ein Journalist, Mitte 50, und würde jetzt bemerken, dass vieles von dem, was ich kann und weiß, nicht mehr wichtig ist: Ja, das wäre unangenehm." Dabei hat ihr Projekt wenig mit Gleichstellung zu tun: "Die Redaktionsleitung, die sich ausschließlich über Inhalte definiert, gehört zunehmend der Vergangenheit an. Stattdessen tritt eine neue Generation in die erste Reihe, die sich viel mehr als Manager und Produktchef definiert, die nicht mehr nur in Formaten und Texten, sondern in Workflows und Prozessen denkt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2019 - Medien

15 Millionen Euro hat Gabor Steingart von Springer für sein Morning Briefing abgezockt, dessen Geschäftsmodell unklar ist, berichtet zu Recht bewundernd Caspar Busse in der SZ, 1,6 Millionen Euro hat Steingart überdies aus eigenem Vermögen in sein Startup gesteckt: "Auch äußerlich will man sich von anderen Medienunternehmen deutlich unterscheiden. Herzstück soll ein Schiff werden, 40 Meter lang und sieben Meter breit, das bereits geplant ist und nun gebaut werden soll. Mit Elektroantrieb soll es von 2020 an auf der Spree unterwegs sein und eine Plattform für Gespräche mit Lesern und Nutzern sein, ausgestattet mit Newsroom, Tonstudio und Veranstaltungsbereich."

So kann man auch Zeitung machen, staunt Stefan Niggemeier bei den Uebermedien: "Die Welt ist gestern als Volkswagen-Welt erschienen. Sie ist nicht in irgendeiner Weise als Anzeige gekennzeichnet, aber sie besteht im Wesentlichen aus VW-PR, unterbrochen von VW-Werbung, Porsche-Werbung, Audi-Werbung, Seat-Werbung und Skoda-Werbung. Für einen Tag hat das Blatt den VW-Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess zum Co-Chefredakteur gemacht, sogar richtig mit Eintrag im Impressum."

Außerdem: Lorenz Matzat fragt sich in seinem Medium-Blog, was es mit dem "Journalismus der Dinge" auf sich haben soll, der auf der re:publica von einigen Autoren gefordert wurde.