9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2016 - Religion

Der Religion entkommt man nicht, hat Bodo Mrozek bei  dem Historikertag gelernt, über den er im Tagesspiegel berichtet, und nennt den Bochumer Emeritus Lucian Hölscher, "der darauf hinwies, dass auch Menschen, die sich selbst als 'säkular' bezeichnen, sich mit dieser Einschätzung direkt auf die Religion beziehen und damit durchaus am Glauben partizipieren - wenn auch ex negativo. Ähnlich äußerte sich der aus Indien stammende Stargast der Tagung, der Historiker Sanjay Subrahmanyam (Los Angeles), der in seiner verschmitzt-hintersinnigen Festrede in der Laeiszhalle so ziemlich alle gängigen Grenzen des Religiösen in Frage stellte und stattdessen konstatierte, jede Definition einer Religion verändere deren Wesen schon im Moment ihrer Formulierung." Hannah Bethke berichtet in der FAZ vom Historikertag.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2016 - Religion

In Polen haben gestern 267 Abgeordnete  für ein neues Abreibungsgesetz gestimmt, 154 waren dagegen, elf enthielten sich, meldet der Standard mit Agenturen: "Das Gesetz sieht ein komplettes Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen sowie Haftstrafen für ÄrztInnen und Frauen vor. Die drohende Rechtsverschärfung führte zu Protesten, Frauen würden dadurch entmündigt, kritisieren GegnerInnen. In sozialen Medien wird unter dem Hashtag #czarnyprotest (schwarzer Protest) gegen die Entrechtung der Frauen protestiert. Als Zeichen der Solidarität tragen AktivistInnen schwarze Kleidung." Auch die SZ berichtet nur mit Agenturen: "Sollte der Vorschlag in geltendes Recht umgesetzt werden, droht Frauen und Ärzten, die gegen das Abtreibungsverbot verstoßen, eine mehrjährige Haftstrafe."

Überall protestieren iranische Frauen gegen eine Fatwa des iranischen Religionsführers Ali Khamenei, die Frauen das Fahrradfahren verbietet, und posten ihre Fotos und Videos  in den sozialen Medien unter dem Hashtag: #IranianWomenLoveCycling. Die New York Times stellt einige Fotos zusammen.  Bei stern.de fragt Marc Drewello, wie repressiv die Polizei die Maßnahme durchsetzen will. Khamenei, der eigentliche Machthaber im Land, meint es jedenfalls ernst: "Geht man nach einer Erklärung zur Familienpolitik, die der Ayatollah Anfang September auf seiner Internetseite veröffentlichte, muss man mit harten Zeiten für Irans Radfahrerinnen rechnen. Die einzige Rolle die Khamenei den Frauen im Land darin zukommen lässt, ist die der Mutter und Hausfrau - und wer nicht arbeiten geht, braucht auch kein Fahrrad zum Pendeln."

Wir Deutsche sollten mal über das Verhältnis von Staat und Kirchen nachdenken, meint Perlentaucher Thierry Chervel in einem kleinen Essay für die Welt. Eine wirkliche Trennung von Staat und Kirche gibt es nicht. "In Deutschland sind weniger Menschen denn je gläubig, aber der Einfluss der Kirchen scheint stetig zu wachsen. Das Thema Sterbehilfe zeigt, dass die Kirchen, die sich gern eine Wächterfunktion zuschreiben, auch das Leben und Sterben derer mitbestimmen, die ihnen nicht angehören. Die Bevölkerung wollte keine Neufassung des Paragrafen 217, aber in den Eliten ist die Zugehörigkeit zu einer Kirche Ehrensache. Es ist politisch nützlich, mit seiner Zeit als Ministrant zu kokettieren. Die Minister der jetzigen Bundesregierung glauben zu hundert Prozent an Gott. Keiner, auch kein SPD-Minister, verzichtete bei der Vereidigung auf den Gottesbezug."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2016 - Religion

Luxemburg schafft den Religionsunterricht ab und führt statt dessen Ethikklassen ein, in denen über die großen religiösen und ethischen Fragen diskutiert werden soll, berichtet Hélène Maillasson in der Saarbrücker Zeitung und kommentiert: "Von einem neuen Fach, in dem alle Schüler - unabhängig von ihrer Konfession - über große Fragen des Lebens debattieren, profitiert auch die Klasse als Gemeinschaft. Und Schüler, die mehr über eine bestimmte Religion lernen möchten, können das nach wie vor tun - außerhalb der Schulzeit."

Eine wirkliche Trennung von Staat und Religion gibt es in Deutschland nicht, meint im politischen Teil der FAZ der Kirchenrechtler Hans Michael Heinig, der dies auch bejaht und mit dem Bundesverfassungsgericht eine "fördernde Haltung" zu den Religionen fordert: "Deshalb dürfen Studenten auch in ihren Hochschulen öffentlich sichtbar beten oder religiös konnotierte Kleidung tragen. Sie dürfen sogar für ihren Glauben werben und sich mit Gleichgesinnten zusammentun. Eine Grenze ist erst dann erreicht, wenn Rechte Dritter oder der eigentliche Zweck der Hochschule, wissenschaftliche Forschung und Lehre, gefährdet werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2016 - Religion

Aufsehen erregend ist die "Freiburger Deklaration",  eine "gemeinsame Erklärung der Reformmuslime in Deutschland, Österreich und der Schweiz", die einen mit Demokratie vereinbaren Islam vertreten und auch dem Staat als weiterer Ansprechpartner neben konservativen und ferngesteuerten Islamverbänden dienen wollen: "Wir verstehen uns nicht als Konkurrenten zu anderen muslimischen Gruppen. Reformmuslime möchten Alternativen zu den herkömmlichen Sichtweisen aufzeigen und anbieten und Menschen erreichen, die einen zeitgemäßen am Humanismus orientierten Glauben leben möchten. " Die Deklaration wurde unter anderem von Abdel-Hakim Ourghi formuliert und von Seyran Ates und Necla Kelek unterzeichnet.

Schon gibt es Widerstand um diese Deklaration, schreibt Regina Mönch in der FAZ: "Besonders schrill tönt der 'Liberal-Islamische Bund'. Seine prominenteste Vertreterin, die Lehrerin Lamya Kaddor, hat gerade eine uneingelöste 'Bringschuld' der deutschen Gesellschaft gegenüber ihren Einwanderern ausgemacht. Ihr Verein betont darum, er habe ein ganz anderes Verständnis von Liberalität. Die Freiburger Deklaration werde nicht unterzeichnet, denn sie schließe sich auch 'marginalisierenden Diskursen der Mehrheitsgesellschaft unreflektiert' an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2016 - Religion

Der frisch pensionierte Schweizer Pfarrer Peter Ruch plädiert in der NZZ dafür, den Schrumpfungsprozess der Reformierten Kirche als Chance zu nutzen: "Die Kirche wäre dazu berufen, zum moralischen Megatrend eine Alternative zu bieten und den Menschen Hoffnung zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2016 - Religion

Allein die Frau entscheidet darüber, ob sie einen Burkini tragen will oder nicht, sagt die  Israelin Michal Siv, die in einer orthodoxen jüdischen Gemeinde lebt und "keusche Bademode" entwirft. Die Grenzen dieser Freiheit definiert sie gleich im nächsten Satz; "Wenn religiöse Gründe dafür vorliegen, also die Halacha (jüdisches Recht; Anm. d. Red.), oder auch wenn muslimische Regeln vorschreiben, wie sich die Frau zu kleiden hat, dann kann darüber nicht gestritten werden. Es geht nicht um unsere Meinung, sondern Gott entscheidet darüber."

Auch Ayala Goldmann will sich in der Jüdischen Allgemeinen nicht auf ein Burkini-Verbot einlassen: "Dass die 'Burkini-Mode' beim Schwimmunterricht auch bei uns um sich greift, missfällt übrigens vielen Lehrern: Sie fürchten, dass sich säkulare muslimische Familien unter Druck gesetzt fühlen, ihre Töchter 'züchtiger' zu kleiden. Doch wer dabei Gesicht zeigt, darf sich anziehen, wie sie (oder er) will: Sonst müsste man auch lange Badekleider und Badeanzüge religiöser jüdischer Frauen verbieten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2016 - Religion

Im Interview mit Daniel Bax (taz) wehrt sich Murat Kayman, Koordinator des türkischen Moscheenverbands Ditib, gegen die Kritk an türkischen "Import-Imamen" in deutschen Moscheen (siehe unser 9Punkt von gestern). Absolventen deutscher Universitäten kämen für das Amt nicht in Frage: "Dort werden keine Imame ausgebildet, sondern Theologen oder Theologinnen. Das ist auch gut so. Das bedeutet aber auch, dass diese Absolventen durch die Religionsgemeinschaften für die konkreten gemeindlichen Aufgaben weiter ausgebildet werden müssen... Die Finanzierung ist ein weiterer Faktor, der für unsere Gemeinden wichtig ist. Wer hier kein seriöses Alternativmodell anbieten kann, sollte sich mit Forderungen zurückhalten."

In der FAZ erneuert der islamische Theologe Abdel-Hakim Ourghi seine gestern bereits in der NZZ erhobene Forderung nach einer aufklärerischen Reform des Islam: "Die fortdauernde Unmündigkeit der Muslime zeigt sich in der blinden Übernahme von herkömmlichen Denksystemen der Islamgelehrten aus vergangenen Epochen. Durch den Gebrauch der kritischen Vernunft können sich die Muslime in ihrer Religion emanzipieren und zum aktiven Akteur der Selbstbestimmung ihrer religiösen Identität werden."

In Polen spielt Exorzismus noch immer eine zunehmend große Rolle, berichtet Renate Meinhof in der SZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2016 - Religion

Im NZZ-Interview mit Beat Stauffer kritisiert der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi "Import-Imame" in deutschen Moscheevereinen und fordert eine Reform des Islam: "Dieser Islam der Unterwerfung, der fehlenden Kritikfähigkeit gehört in der Tat weder zu Deutschland noch zu Europa. Immanuel Kant hat vor mehr als 200 Jahren dazu aufgefordert, den eigenen Verstand ohne fremde Anleitung zu benützen. Genau dies sollten wir Muslime auch in Bezug auf den Islam tun. Wir sollten hier in Europa nicht Angst haben, weder den Islam sowie die Tradition des Propheten zu kritisieren noch den Propheten selber. In der Sure 18:110 heißt es: 'Ich bin auch nur ein Mensch wie ihr', deshalb darf der Prophet auch kritisiert werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2016 - Religion

In der FR macht sich der evangelische Theologe Frank Thomas Brinkmann für konfessionsgebundenen Religions- statt konfessionsübergreifenden Ethikunterricht stark.
Stichwörter: Ethikunterricht

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2016 - Religion

Nicht der Säkularismus, nein, der Sufismus ist der größte Feind des von Saudi-Arabien unterstützten Salafismus, glaubt Ilija Trojanow in der FAZ und widerspricht damit Stefan Weidner, der kürzlich in der SZ den Sufismus als eine Art New-Age-Bewegung abtat, die Westler anzieht wie vor 20 Jahren der Buddhismus (unser Resümee). Trojanow, dem das "Poltern der sogenannten Islamkritiker" widerwärtig ist, findet Weidners Vorwurf "jammerschade. Denn die Sufis sind die wichtigsten Gegner der Fundamentalisten. Wo sich ihr Einfluss hält, wird der Extremismus in Schach gehalten. Wenn aber Salafisten an die Macht gelangen, müssen Sufis um ihr Überleben kämpfen. Gewiss, die Unterstützung von Sufis ist kein Allheilmittel, aber es ist einer der besten Wege hin zu friedlicher Koexistenz, erheblich vielversprechender als die offensichtlich kontraproduktive Politik militärischer Einmischung. Denn die baldige Säkularisierung der islamischen Welt ist eine Fata Morgana."

Die Ethnologin Susanne Schröter, Leiterin des Zentrums Globaler Islam an der Uni Frankfurt, wirft einen Blick auf die Personalstrukturen der Ditib und sieht eindeutige Belege dafür, dass der Moscheenverband keineswegs unabhängig ist wie behauptet, sondern engstens verknüpft mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet und damit gerade auf einem sich radikalisierenden Kurs: "Märtyrer spielen eine gewichtige Rolle im Weltbild von Ditib und Diyanet. Am 14. März 2014 wurde dem Thema eine eigene Predigt gewidmet. Diejenigen, die 'für ihren Glauben sterben, für ihr Land und die Werte, die ihnen heilig sind', lässt sich hier nachlesen, nehmen eine Ehrenrolle vor Gott und den Menschen ein. Um auch Kinder vom großen Glück des Sterbens für Allah zu überzeugen, legte Diyanet jüngst einen Comic auf, in dem ein Vater seinem Sohn erklärt, wie schön es ist, den Märtyrertod zu erlangen."