9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2016 - Religion

Daniel Böcking, stellvertretender Chefredakteur der Bild, ist fromm geworden und hat darüber ein Buch mit dem Titel "Ein bisschen Glauben gibt es nicht - wie Gott mein Leben umkrempelt" geschrieben, berichtet Stefan Winterbauer bei Meedia. Damit ist er nach Kai Diekmann (mehr hier) schon der zweite im Leitungsgremium dieser Zeitung. In der Einleitung seines Buch schreibt Böcking: "Danke, dass du mein Leben auf den Kopf gestellt hast. Danke, dass du mir eine Glaubensfreude geschenkt hast, die mich rätseln lässt, wie ich 36 Jahre lang ohne diese innere Ruhe, diese Zuversicht und diese Wegweisung gut schlafen konnte. Danke für die Vollbremsung auf meinem Lebensweg und den anschließenden U-Turn zu dir... Ich bin zu dir, Gott, umgekehrt." Schon im Juli erklärte Böcking den Bild-Lesern, "wie Gott mir die Angst vor dem Terror nimmt".

Murat Kayman, Koordinator des türkischen Moscheenverbandes Ditib, führt ein Blog. Darin hat er jetzt den liberalen Freiburger Theologen Abdel-Hakim Ourghi angegriffen, der sich dem Ditib-Umkreis nicht zugehörig fühlt, berichtet Thomas Thiel in der FAZ: "Im selben Atemzug erteilt Kayman auch Medien, Politikern und Wissenschaftlern einen Maulkorb, die nicht Mitglieder der Ditib sind. Will heißen: Die Ditib ist sakrosankt und steht außerhalb öffentlicher Kritik. Mit unabhängigen Wissenschaftlern und Politikern, die nicht Mitglied der Ditib sind, spricht man nicht oder nur unter der Unterstellung, dass sie Falsches und Böswilliges sagen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2016 - Religion

Ein türkischer Journalist, der unter Pseudonym schreibt, nimmt Fethullah Gülen und seine Bewegung auf der Religionsseite der Zeit gegen den Vorwurf in Schutz, sie seien fundamentalistisch und kann immerhin glaubhaft machen, dass sie Gewalt ablehnen und für den "Dialog der Religionen " eintreten. Aber in den türkischen Schulen der Bewegung "herrscht heute meist Geschlechtertrennung. Gülen-Frauen in höheren Positionen sind rar, verbreitet sind dagegen die Befürwortung von Polygamie, subtiler Kopftuchzwang und die Sitte, dass Männer und Frauen sich nicht die Hand geben, auch nicht im selben Raum sitzen." In Deutschland werde das nicht so rigide praktiziert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2016 - Religion

Bernard-Henri Lévy und Jean Daniel (Gründer des Nouvel Obs) unterhalten sich bei La Régle du Jeu über "Die neue jüdische Frage" (so auch Lévys neues Buch). Lévy will die Juden nicht als "auserwähltes Volk" sehen: "Die Juden sind, wörtlich, der Schatz der Nationen. Sie sind Teil ihres Reichtums, ein gesegneter, nicht verfluchter Teil. Sie sind das, was ich als 'universales Geheimnis' bezeichne." Darauf Jean Daniel: "Gewiss, indem sie den 'einzigen Gott' schufen und sich als 'Schatz der Könige' sahen, haben sich die Juden ein Schicksal unmöglicher Größe auferlegt und es den Menschen präsentiert. Es ist ein Gefängnisschicksal."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2016 - Religion

Papst Franziskus wird in Polen zum Jugendtag der Kirche erwartet. In politico.eu schildert der Papst-Biograf Austen Ivereigh das schwierige Verhältnis des erzkatholischen Landes zum Reformer: "Nicht nur, dass die Polen Johannes Paul II. als Modell aller Päpste sehen, es ist auch offensichtlich, dass die meisten polnischen Katholiken ihre Kirche - und ihre Kultur, denn die beiden sind nicht zu unterscheiden - als belagert ansehen. Ihre Mentalität wurde in Jahren des Widerstands gegen den Kommunismus geprägt, ein Erbe, das sich nun in Widerwillen gegen Säkularismus, Pluralismus und Moderne insgesamt ausdrückt. Es ist eine Mentalität, die Kampf und Verteidigung will und Werte wie Einheit, Gleichklang und Gewissheit hochhält - und Angst hat vor Vergiftung."

Auch Gabriele Lesser berichtet für die taz über den Besuch Franziskus' in Polen - sie weiß auch, dass sich statt der erhofften 1,5 Millionen nur 500.000 Pilger zum Jugendtag angemeldet haben. Ivereigh und Lesser thematisieren zwar die Nähe der polnischen Kirche zur populistischen Regierung, aber nicht das geplante mörderische Abtreibungsgesetz, das der Preis der Kirche für die Unterstützung der Pis-Partei war.

Außerdem: In der FAZ wird über Sinn und Unsinn eines Luther-Denkmals in Berlin diskutiert. Andreas Kilb warnt davor, das Projekt mit Ansprüchen zu überfrachten. Der Historiker Heinz Schilling erklärt, warum er ein Luther-Denkmal in Berlin aber auf jeden Fall richtig findet. Mehr auch im Tagesspiegel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2016 - Religion

Henryk Broder führt mit seiner Kollegin Eva Marie Kogel, einer Islamwissenschaftlerin, über drei Seiten in der Welt ein Streitgespräch über die Frage "was das alles mit dem Islam zu tun hat" und zieht dabei einen einfachen Vergleich: "Wenn jemand mit einer Axt auf Reisende in einem Zug losgeht und dabei 'Sieg Heil!' und 'Heil Hitler!' ruft, dann würden wir bestimmt nicht fragen, ob und wann er der NSDAP beigetreten ist. Es würde reichen, dass er 'Sieg Heil!' und 'Heil Hitler!' ruft, um ihn als Nazi zu identifizieren." Worauf Kogel antwortet: "Verstehe. Aber wenn Sie zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt gehen, dann wird der Ihnen ja auch erklären, dass es unterschiedliche Formen von Asthma gibt. Und nur eine sehr extreme Ausprägung von Asthma dürfte einen ins Grab bringen."

In seinem Blog brachte der irakische Satiriker Faisal Saeed al-Mutar das ganze Dilemma dieses Streits wunderbar auf den Punkt mit seiner Klage: "I am a jihadist and I am tired of not being given credit."

Ein Kongress zum Thema "Islamophobie in Europa" in Sarajewo wäre vielleicht nicht weiter der Rede wert, wenn dort nicht hochprominente elder statesmen wie die ehemaligen Außenminister von Großbritannien und Frankreich, Jack Straw und Bernard Kouchner, sowie der ehemaligen spanische Ministerpräsident Jose Luis Zapatero teilgenommen hätten. Organisiert wurde er allerdings von Organisationen, die der Muslimbruderschaft nahestehen, haben Nina Scholz und Heiko Heinisch bei den Kolumnisten herausgefunden, die die alte Problematik des Begriffs "Islamophobie" auch noch mal erläutern: "Die Schwäche der Diagnose 'Islamophobie' zeigt sich darin, den Unterschied zwischen Islamkritik und Muslimfeindschaft nicht wahrzunehmen oder als unerheblich zu betrachten, und damit zu einer Polarisierung in 'Islamfeinde' und 'Islamfreunde' beizutragen. Der Terminus differenziert nicht zwischen Ressentiment beladener Hetze gegenüber Muslimen und der Aufklärung verpflichteter, Kritik an der Religion, sondern wird umstandslos dazu genutzt, Kritik abzuwehren. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2016 - Religion

Die meisten Funktionärinnen von Islamverbänden würden zwar keinen Kopftungzwang befürworten, aber sie sehen es als eine Pflicht an (etwa der Zentralrat der Muslime, hier), schreiben Nina Scholz und Heiko Heinisch in einem gut recherchierten Beitrag bei den Kolumnisten: "Daher verwundert es nicht, dass die Funktionärinnen der islamischen Verbände sich noch nie zu Anwältinnen jener Musliminnen machten, die zum Tragen eines Kopftuchs gezwungen werden, noch den Zwang in Teilen der islamischen Welt problematisieren. An der Verbreitung der von ihnen transportierten Botschaft, die richtige Muslimin trage nun einmal Kopftuch, beteiligen sich leider auch die meisten Medien. Zeitungen und TV illustrieren Berichte zum Thema 'Islam' und auch zum Thema 'Integration' inzwischen fast ausschließlich mit Bildern Kopftuch tragender Frauen, ob es sich nun um kritische oder unkritische Beiträge handelt..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2016 - Religion

Ende Mai hatte eine Lehrerin der privaten Berliner Platanus-Schule ein pädagogisches Gespräch mit der Familie eines Imams abgebrochen, weil der ihr aus religiösen Gründen nicht die Hand geben wollte. Der Imam klagte gegen die Lehrerin wegen Verletzung der Religionswürde, und nun hat sich die Schule entschuldigt, berichtet der Tagesspiegel mit epd und RBB: "Mit der schriftlichen Entschuldigung gibt sich die Familie dem Sender zufolge noch nicht zufrieden. In einem Antwortschreiben wird ein 'offenes und ehrliches Gespräch unter allen Beteiligten' eingefordert. Dies diene dem Kindeswohl, da der Sohn des Imams habe mitansehen müssen, wie sein Vater 'in empfindlichem Maße herabgewürdigt wurde', berichtet der RBB weiter. Ohne dieses Gespräch habe man ernsthafte Zweifel, dass die Schule 'hinreichend Sorge dafür trägt', zukünftige Konflikte zu vermeiden." Na, dann wollen wir hoffen, dass zumindest die Töchter ihre Lektion gelernt haben.
Stichwörter: Imam, Integration, Islam, RBB

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2016 - Religion

Wie soll man religiösem Fanatismus begegnen? Mit mehr Religionsunterricht, wie es der protestantische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm kürzlich in der Zeit forderte? Oder mit konfessionslosem Ethikunterricht? Der Dresdner Philosoph Markus Tiedemann plädiert in der FR für letzteres: "Was im Ethik- und Philosophieunterricht geleistet wird, kann als transzendentale Toleranzerziehung bezeichnet werden. Es geht nicht um die bloße Vermittlung zu tolerierender Inhalte, sondern um selbstständige Werteentwicklung. In der Arbeit mit Jugendlichen ist dies ein entscheidender motivationaler Vorteil. Philosophische Leistung misst sich an der Qualität ihrer Argumentation, nicht an ihrer Übereinstimmung mit der Political Correctness oder der kulturellen Tradition." (Warum klingen die besten Absichten immer so unsexy?)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2016 - Religion

Religionskritik ist Herrschaftskritik, betont der deutsch-palästinensische Psychologe Ahmad Mansour in der taz und beklagt, dass kritischen Muslimen die Debatte von den Linken genauso verwehrt wird wie von den offiziellen Verbänden: "Kluge und präventive Politik muss in der Mitte der Gesellschaft eine Debatte wollen und anstoßen. Traditionelles Islamverständnis befördert sexuelle Tabus und sexuelle Gewalt. Es hat enormen Einfluss auf das Verhalten der Geschlechter zueinander. Was in der Kölner Silvesternacht passiert ist, hat sein Vorbild auf dem Kairoer Tahrirpatz und anderswo. Von der 'religiösen Tradition' zur sexuellen Abstinenz gezwungene junge Männer, greifen auf Frauen in der Öffentlichkeit zu. Das festzustellen ist nicht rassistisch, sondern ein Fakt. Wir, die Muslime, haben das Problem - die kritischen unter uns benennen es und brauchen die Solidarität der Demokraten im Land. Von der AfD, von Pegida wollen wir sie nicht, denn sie ist keine."

Claudia Hennen fasst in einem weiteren Text in der taz zusammen, was über die Kölner Silvesternacht bisher bekannt ist, beziehungsweise wie wenig.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2016 - Religion

Imame in Deutschland sind nicht nur nicht in Deutschland ausgebildet worden, sondern überdies schlecht bezahlt , informiert Thomas Thiel in der FAZ: "Die große Ausnahme sind die sogenannten Import-Imame der Ditib, des größten deutschen Islamverbandes, der neunhundert der rund 2500 Moscheen in Deutschland betreibt. Die Ditib, die der türkischen Religionsbehörde Diyanet untersteht, zahlt einen monatlichen Auslandsaufschlag von 1800 Euro plus Heimatgehalt. Ditib-Imame sind Beamte des türkischen Staates."