Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Erwartung der großen Tirade

28.07.2012. Aktualisiert: Laut Spiegel Online liegt im Bundesjustizministerium ein erheblich abgeschwächter Entwurf für ein Leistungsschutzrecht vor. Die NZZ freut sich über eine Gesamtausgabe der Briefe Hemingways, die dieser nie wollte. Die taz erinnert daran, dass sich die Bayern 1972 als die eigentlichen Opfer des Münchner Terroranschlags empfanden. Der Tagesspiegel behauptet: SZ-Autor Heribert Prantl war nie bei Andreas Voßkuhle zum Essen eingeladen. Die SZ porträtiert den einst sehr populären afghanischen Sänger Aziz Ghaznavi, dem die Mullahs die Karriere vermasselten. Die FAZ guckt ins Gefrierfach von Richard Ford. 

Eisesbeherrschungsglut

27.07.2012. Die Debatte über Beschneidung geht weiter: Feridun Zaimoglu hat sie als eine idyllische Szene in Erinnerung, die er sich laut FAZ-Interview auch von der Aufklärung nicht vermiesen lassen will. Der Schwulenaktivist der Piraten, Ali Utlu, erzählt in der Siegessäule, was sie für seine Sexualität bedeutet: Er hat Orgasmusschwierigkeiten. Die SZ erkundet die afghanische Filmszene. Der Bayreuther "Holländer" hebt laut übereinstimmender Auskunft der Feuilletons nicht ab. Alle Feuilletons sind bestürzt über den Tod Susanne Lothars.

Die Aussage des Großajatollahs

26.07.2012. In der FAZ macht sich Robert Spaemann Gedanken über die Ausgestaltung eines Blasphemiegesetzes. Nicht die Beleidigung Gottes, sondern seiner Gefolgschaft will er unter Strafe stellen: Ob er auch den iranischen Musiker Shahin Najafi bestrafen würde, den die Zeit heute porträtiert, lässt er offen.  Saudi Arabien probt inzwischen die Gender Revolution und schickt zwei Sportlerinnen nach London, die auf Twitter aber schon als "Huren" beschimpft werden, berichtet das Blog Global Voices. Die SZ findet den Ökofeminismus der Documenta reaktionär. Auf Spiegel Online schreibt Matthias Matussek einen sehr persönlichen Nachruf auf Susanne Lothar.

Kritik und Selbstkritik an Krücken

25.07.2012. Die FAZ liest kurz vor Bayreuth aktuelle Auseinandersetzungen zum Thema Wagner. Die SZ fürchtet die Entortung Bayreuths durch die Kinoübertragungen - und mehr noch leere Sitze in Bayreuth selbst. In Libération erzählt Friedenspreisträger Boualem Sansal, wie ihm in Algerien zugesetzt wird, seitdem er eine Einladung nach Israel angenommen hat. LA Times und Wall Street Journal streiten über die Frage, wer das Internet erfand. In der taz beschreibt der Männerforscher Matthias Franz den eigentlichen Sinn der Beschneidung.

Etablierung eines Kreditverhältnisses

24.07.2012. Die taz plädiert gegen ein Schnellschussgesetz in Sachen Beschneidung. Wenn das IOC bei der Eröffnung der Olympischen Spiele schon keine Gedenkminute für die Opfer des Attentats in München 1972 abhalten will, dann könnten es doch die Fernsehsender tun, findet Commentary. Götz Aly erläutert in seiner Kolumne, dass die Idee der Vermögensabgabe keineswegs neu ist. Glaubt man der Welt, die über Timbuktu berichtet, dann ist der Islamismus die eigentliche Islamophobie: Sechzehn Mausoleen wollen die Gotteswütigen dort zerstören.

Tonlos, orgelnd und anti-emotional

23.07.2012. Das NYR Blog stellt ein Buch des Architekturhistorikers Jean-Louis Cohen vor, das zeigt, wie wohl sich Architekten der Moderne in totalitären Regimes fühlen konnten. Die SZ gibt einen Überblick über die afghanische Kunst- und Rockszene. Der Perlentaucher hat ein altes ZDF-Video gefunden, das Jean-Luc Godards hässlichsten Moment zeigt. Es wird weiter über Beschneidung diskutiert. Die FAZ veröffentlicht ein Manifest von 140 Ärzten, das die Politik auffordert, nicht vorschnell zu agieren. Der ehemalige FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners wittert in der Debatte einen "religionsfeindlichen Zeitgeist". Ähnlich sieht es die Achse des Guten.

Die Windmühlen der Globalisierung

21.07.2012. Gibt es ein Menschenrecht auf Vorhaut, fragt sich die taz. Die FR rechnet mit dem Dogma des Atheismus ab. Oliver Jens Schmitt sorgt sich in der NZZ, dass Albanien nicht von seiner kommunistischen Vergangenheit loskommt. Bernd Neumann hat eine neue Idee für die Gemäldegalerie, meldet der Tagesspiegel. Die SZ ist beeindruckt von der rasanten Entwicklung der syrischen Kunstszene. Und Frankreich führt einen aussichtslosen Kampf gegen den Import von deutschen Autos und englischen Wörtern, wie die Welt berichtet.

Schamanen der Wirbellosen

20.07.2012. Die FR interviewt den Affenforscher Volker Sommer, der gleichzeitig Theologe ist. GQ macht sich Sorgen um die wirtschaftliche Lage des Guardian. In Le Monde nimmt Thomas Ostermeier die Generation aufs Korn, die ihr Herz links und ihr Portemonnaie rechts trägt. Die FAZ schildert, wie das Putin-Regime die Opposition mit Blasphemievorwürfen unterdrückt.

Wo man nicht schon alles wissen muss

19.07.2012. In der Welt erklärt der Psychologe  Ahmad Mansour, warum er gegen Beschneidung ist. Michael Wolffsohn möchte das Recht auf Beschneidung bewahrt wissen, stellt sie im Deutschlandfunk als religiöse Notwendigkeit aber in Frage. NZZ und SZ machen sich Sorgen um das Treiben der Salafisten in Tunesien. In der Zeit geißelt Paul Auster unterdes den "amerikanischen Dschihadismus" der Tea Party. In der taz spricht Ilija Trojanow mit der nigerianischen Autorin Chika Unigwe über Menschenhandel. Außerdem fragt der Medienberater Thomas Koch in der FAZ: Wo ist der Warren Buffett unter den deutschen Verlegern?

Wie gebannt in einem Zauberkreis

18.07.2012. In der Welt erklärt Olga Martynova, wie angenehm es für Russen ist, in zwei Zeiten zu leben: Man fährt nach Mallorca und erzählt sich am Strand, wie nett es in der UdSSR war. Die FAZ erlag dem hölzernen Gesang der von Andras Schiff dargebrachten Schubertschen G-Dur-Sonate. FR und taz protestieren gegen die Schleifung der Berliner Gemäldegalerie. Überall wird immer noch über das Beschneidungsurteil diskutiert: Die Grüne Eva Quistorp attackiert im Perlentaucher die "postmoderne Religionspolitik" ihrer Parteiführung. Der Rechtsanwalt Thomas Stadler meint in seinem Blog, dass es schwierig werden dürfte, das Recht auf Beschneidung als Gesetz zu formulieren. Aber das soll bis Herbst geschehen, meldet die FAZ.