Heute in den Feuilletons
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.07.2012. In der FR erklärt der Kunsthistoriker Jeffrey Hamburger, warum er eine Petition gegen die Schleifung der Berliner Gemäldegalerie lancierte. Die Welt hat nichts dagegen, die alten Meister ins Depot wandern zu lassen: Denn Berlin ist eine Stadt der Moderne. The American Scholar hat mitgeschrieben, was Jorge Luis Borges in seinen späten Jahren über das Lesen sagte. Der Guardian besucht die Buchmesse in Hargeisa, Somaliland. In der FAZ schafft Thilo Sarrazin den Euro ab.
16.07.2012. In der SZ sucht Richard Swartz nach einer Diagnose für Rumänien und erkennt auf "byzantinischen Postmodernismus". Die taz bringt einen Nachruf auf den Rocker als sozialromantische Projektionsfigur und erklärt Frankreichs neues Gesetz gegen Prostitution. In der Jungle World fürchtet Thomas Osten-Sacken, dass eine gesetzliche Verankerung der Beschneidung zu einem neuen Rechtsverständnis in Deutschland führt, nach dem fortan die Priester mitregieren. Edmund de Waal zeigt auf seiner Website seine hübschesten Netsuke, und Celeste Holm beweist ihre Grandezza in "High Society". Eric Schmidt meint in Techcrunch: Das einzig Doofe an selbstfahrenden Autos ist, dass sie sich ans Tempolimit halten.
14.07.2012. In der NZZ sucht Alfred Brendel den historischen Kompromiss zwischen Carl Philipp Emmanuel Bach und Denis Diderot. Die taz ist sich sicher: Dass die Muslime ihre Knaben weiter beschneiden dürfen, haben sie den Juden zu verdanken. Die New York Times bereitet die Meldung um syrische Massaker mit Hilfe sozialer Medien auf. Der ehemalige FAZ-Kunstkritiker Eduard Beaucamp ist entsetzt über die geplante Schleifung der Berliner Gemäldegalerie. Aber schließlich ist die neue Pinakothek ja auch marode.
13.07.2012. In der FR erklärt Martha Nussbaum, warum sie Blasphemiegesetze ablehnt. Zeitungen sind oft auch deshalb wenig innovationsfreudig, weil ihre Chefs der Rente entgegendämmern, meint Raju Narisetti vom Wall Street Journal in themediabriefing.com. Die Deutschen werden die Griechen als Faulenzer am Strand beschimpfen, und die Griechen werden den Deutschen ihre Wirtschaftskrise vorwerfen - schrieb Arnulf Baring im Jahre 1997. Auch der Regisseur Charlie Kaufman finanziert seinen nächsten Film per Kickstarter, meldet Engadget. In NZZ und SZ wird weiter über das Kölner Beschneidungsurteil gestritten.
12.07.2012. Jezebel lernt 99 Lektionen aus Jay-Z' Song "99 Problems" (naja, oder zumindest eine). Außerdem informiert das Blog: Facebook ist out. Letters of Note veröffentlicht den letzten Brief Marie-Antoinettes. Im Standard erklärt Boualem Sansal, warum der Nahostkonflikt kein Kolonialkrieg ist. In der taz erzählt Ingrid Caven, wie sie sich aus dem Banne RWFs befreite. In der FAZ verzichtet Kathrin Schmid auf ihr posthumes Urheberrecht. Die Zeit erklärt auf einer Seite sämtliche fünfzig Schattierungen von Grau zu Müll und wendet sich dem literarischen Kanon der vierziger Jahre zu.
11.07.2012. Die FR liest Jonathan Littells große Reportage aus Syrien, die zuerst als Ebook herausgegeben wird. Wertvoll an der Beschneidung ist, dass sie auch künftige Atheisten zu Juden macht, findet Doron Rabinovici in der SZ. Der rumänische Präsident Traian Basescu wurde gekippt, weil er eine unabhängige Justiz wollte und die Regierung nicht, erklärt der in Bukarest lebende Autor Jan Koneffke in der taz. In der NZZ aber spricht Adolf Muschg: "In der Minderheit verbirgt sich die Seele der Demokratie."
10.07.2012. In der NZZ schlägt Mircea Cartarescu Alarm: In Rumänien schafft die Regierung gerade die Demokratie ab. In der FAZ erklärt der Sammler Heiner Pietzsch, warum in Berlin alles fließen soll: auch die Moderne in die Gemäldegalerie. Statt über Urheberrechtsfragen sollte die Gesellschaft über die exorbitanten Kosten wissenschaftlicher Zeitschriften diskutieren, meint der Medienrechtler Thomas Hoeren in Brandeins. Margaret Atwood erklärt im Guardian, wie sie ihre Angst vor Werwölfen überwand.
09.07.2012. In der NZZ wünscht sich die ägyptische Autorin Mansura Eseddin echte revolutionäre Kunst: kühn, voranstürmend und überraschend. Das hätten sich auch die Beobachter des Bachmann-Wettbewerbs gewünscht. Der erste Preis für Olga Martynova ging aber okay. Die internationale Kunstszene in China lernt gerade die Bedeutung des Spruchs "Schlachte das Huhn, dann kreischen die Affen", informiert die Welt. Die FAZ porträtiert den Danziger Lyriker und Informatiker Piotr Czerski, der illegale Kopien als kulturelles Erbe des Samizdat versteht.
07.07.2012. Caravaggio in Mailand? Gelungene Kunstaktion, findet die FR. In der Welt sucht Ruth Klüger die Wahrheit bei Ingeborg Bachmann. Die NZZ fürchtet einen intellektuellen und kulturellen Kahlschlag in Rumänien. In der FAZ schwelgt Georg Stefan Troller in Erinnerungen an seine Buchbinder-Ausbildung. In der SZ gibt sich Willi Winkler der rohen Kraft der Rolling Stones hin, und Richard Beck fordert die Abschaffung der Ehe. Und Foreign Policy ist auf den Twitterstream zur amerikanischen Revolution gestoßen.
06.07.2012. Die FAZ liest den prüden Porno "Shades of Grey". Die Welt wundert sich über deutsche Literaten, die sich über Ruth Klüger wundern, weil sie ihre Rede beim Bachmann-Wettbewerb vom Ebook-Reader abliest. Außerdem lotet Peter Singer die Grenzen der Religionsfreiheit aus. Die taz fragt: Wie können sich Musiker im Zeitalter des Internets noch durchwurschteln. in der NZZ will der libysche Politiker Ahmed Shebani den Koran und den Säkularismus versöhnen.