Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Karotte vor der Nase

23.04.2012. Ai Weiwei wird gegen die chinesischen Steuerbehörden Klage erheben, berichtet die Welt. Nicolas Sarkozys Niederlage ist auch eine moralische, meint Michel Wieviorka in rue89. In der taz geißelt der Wirtschaftstheoretiker Yanis Varoufakis die europäische Griechenland-Politik. In der FAZ konstatiert Olaf Kühl, dass man in Russland durchaus über Michail Chodorkowski sprechen kann - und dass nicht wenige mit ihm sympathisieren.In Spiegel Online fordert der Blogger Michael Seemann glatt eine Abschaffung des Urheberrechts.

Sogenannter Sechser

21.04.2012. In der NZZ erklärt der jugoslawische Schriftsteller Miljenko Jergovi?, warum Völker so gern Opfer sein wollen. Im Filmmagazin artechock ärgert sich Rüdiger Suchsland über die Feigheit der "Tatort"-Autoren. In der Welt erklärt Pascal Bruckner die Gesetze des Politischen in Frankreich. Die taz feiert Günter Netzers Ankunft aus der Tiefe des Raums vor 40 Jahren. Die SZ gibt ihr okay zum Urteil des LG Hamburg im Streit zwischen Youtube und der Gema. Die FAZ lauscht den Phrasen der Revolution in Andrej Belyis "Petersburg".

Ohne Film, ohne Oper, ohne elitäre Spitzenkultur

20.04.2012. In der FAZ fürchtet der Tatort-Autor Niki Stein, dass ihm die Piraten sein geistiges Eigentum wegnehmen. Die Welt protestiert gegen den Rückbau der Stadt Duisburg. Und: Sensation bei Spiegel online: Wird das erfolgreiche Portal kostenpflichtig?

Dieser Aaskäfer des französischen Leids

19.04.2012. In der Welt spricht BHL deutlich aus, wie er über Marine Le Pen denkt. Außerdem fürchtet der Philosoph Pierre Zaoui einen Erfolg des Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon bei den Wahlen am Sonntag. Als perfide Propaganda sieht die Jüdische Allgemeine  die Arte-Miniserie "Gelobtes Land". Die Columbia Journalism Review untersucht den sagenhaften Erfolg der Huffington Post: Networking ist das Geheimnis. Und Charles Simic gibt es im Blog der NYRB zu: Er liest gern auf dem Klo.

Heizwärme aus dem Parlamentsgebäude

18.04.2012. In der FAZ fordert Necla Kelek die deutschen Islamfunktionäre auf, eine klare Position zu den Salafisten einzunehmen. In der FR erklärt die Kunstkritikerin Jennifer Allen von der Zeitschrift frieze, warum brasilianische Künstler in Berlin besser Deutsch sprechen als italienische oder britische. Das nepalesische Magazin Himal würdigt die Rolle von Sufi-Dichterinnen. Die NZZ schildert die Schwierigkeiten bosnischer Kultureinrichtungen. Außerdem 50 rätselhafte Schwarzweißfotos. Und Nicolas Cage spielt John Cage.

Warnungen vor dem Endgericht

17.04.2012. Die Grass-Debatte ist definitiv abgeflaut. Jetzt ist wieder Urheberrecht dran. Marcel Weiß wendet sich in Neunetz scharf gegen die von Dirk von Gehlen in der SZ vorgebrachte Idee einer Kulturflatrate. In der FAZ plädiert die Grünen-Politikerin Agnes Krumwiede gegen eine Verkürzung der Schutzfristen, die nur Google nützen würde. Zwei andere Grüne wollen dagegen in der FR eine Modernisierung des Urheberrechts. Die NZZ berichtet über Mario Vargas Llosas Warnung vor Kulturverfall qua Internet. Außerdem rät sie von urheberrechtlichen Klagen gegen den Perlentaucher ab. Aber nicht alles ist Internet: Die Zeitschrift Landlust verkauft inzwischen mehr Exemplare als der Spiegel, meldet turi2.

Sie spricht sich in Form

16.04.2012. Im Guardian nennt Sergey Brin von Google die Hauptgefährder der Freiheit im Internet: China, Facebook, Iran und Apple. In den Blogs wird über die Marktmacht von Amazon bei Ebooks diskutiert: Begeben sich die Verlage aus Angst vor Piraten in die Klauen des als Großmutter verkleideten Wolfs? In der Welt kritisiert der Philosoph Byung-Chul Han den Demokratiebegriff der Piratenpartei. In der SZ plädiert Dirk von Gehlen für eine Kulturflatrate, während Kathrin Passig im Tagesspiegel erklärt, wie sie sich gegen den Ausverkauf ihrer Urheberrechte wehrt. In der FAZ stellt sich Ingo Schulze an die Seite von Günter Grass.

Der Eisberg ist das Monument dieses Misstrauens

14.04.2012. In der FAZ bekennt Fritz Stern seine Bestürzung über Günter Grass. In einem posthumen Video bespricht Christopher Hitchens die zehn Gebote. Vor hundert Jahren sank die Titanic - aber das war nur die Spitze des Eisbergs! Die NZZ bringt einen wunderbaren Text von Hans Blumenberg aus diesem Anlass. Außerdem geht Jan Koneffke dem philippinischen Autor Miguel Syjuco fast auf den Leim. Und Isolde Charim fragt in der taz: Kann es ein gutes Leben in der Apokalypse geben? (Und wird darüber heute mit Pascal Bruckner auf dem "tazlab" diskutieren.)

Nein, Sie haben Guernica gemacht!

13.04.2012. Die Welt erklärt, wie man sich heute noch im Roggen versteckt. In der NZZ meint Richard Wagner: die Frage ist nicht, ob Grass antisemitisch ist, sondern wie er zur Demokratie steht. In der taz meint die Grünen-Politikerin Agnes Krumwiede: Das Internet kann keinen Verleger und Investor ersetzen. Die New York Times und die FAZ kommentieren den jüngsten Sieg von Amazon über Apple, der es Amazon wieder erlaubt, Ebook-Preise zu senken. Und Salon erzählt, wie Amazon bei kleinen Verlagen und Literaturzeitschriften für Sympathie wirbt: mit Geld.

Aber Grass war schon immer so

12.04.2012. Günter Grass äußert sich in der SZ irritiert: Trotz seiner massiven dichterischen Intervention zeigt sich Israel "keiner Ermahnung zugänglich". In der FAZ schlägt Durs Grünbein die Hände über dem Kopf zusammen: So dumm, so krass kann Dichtung sein. Die Medien sind der Skandal, schreibt Robert Menasse auf news.at. In der Welt diagnostiziert Henryk Broder: Grass hat den Antisemitismus einen Schritt weiter gebracht. In der Jungle World konstatiert Yoram Kaniuk: Grass hat nie über den Holocaust geschrieben. Die Zeit erklärt, warum sie das Gedicht nicht druckte: Kein Redakteur in der Zeitung wäre bereit gewesen, es publizistisch zu verteidigen.