Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Pyknische und leptosome Unterhautfette

05.08.2011. Die NZZ meditiert über das Ende der Tiefe der Haut. Die FR fragt: Ist Broder der Marx Breiviks? Dann wäre Breivik der Stalin Broders. Netzwertig fragt: Wenn die FR schon Lobbyisten druckt, warum sagt sie es nicht dazu? Die Epoch Times bringt ein Zitat Ai Weiweis über seine Gefangenschaft. Die Welt erspart uns die einzurührende Giftkröte in Peter Steins Salzburger Inszenierung von Verdis "Macbeth". Die Jungle World kritisiert die absichtliche Unschärfe der schärfsten Kritiker der Islamkritik.

Gern auch Terrier

04.08.2011. Der Freitag betreibt Urban Gardening. Jon Stewart bringt ein Video, das in Großbritannien verboten ist. In der Welt graust es Ralph Giordano vor der "Charta der Vertriebenen". Die Zeit fühlt sich von Breivik getroffen. Die taz weist darauf hin, dass Breivik auch Frauen hasst. Für die FAZ bleibt Breivik zuallererst ein Rätsel.

Ein gewisses Quantum Leidenschaft

03.08.2011. Die Meldung, dass der heutige Nazi Horst Mahler, der die Nebenklage im Prozess gegen den Ohnesorg-Todesschützen Karl-Heinz Kurras vertrat, so wie Kurras selbst Stasi-IM war, irritiert FR und taz nachhaltig. Der japanische Philosoph Kenichi Mishima bedauert in der Welt, dass die Amerikaner durch den 11. September an Reputation eingebüßt haben. Die FAZ zitiert den Metal-Musiker Cornelius Jakhelln über die Marginalisierung der "tickenden Bomben" in Norwegen.

Der Gnom mit dem straffen Scheitel

02.08.2011. In Words Without Borders spricht der syrisch-deutsche Autor Rafik Schami trotz allem hoffnungsvoll über die Lage in Syrien. Holger Ehling erzählt in seinem Blog erstaunliche Geschichten über den afrikanischen Buchmarkt. Auch in Großbritannien wird Thilo Sarrazin, unter anderem von Guardian und Independent, heftig angegriffen und verteidigt sich in Spiked Online. Die SZ beobachtete die Digitalisierung von Regimentsbierkrügen. Die taz trifft den in Berlin lebenden iranischen Musikproduzenten Sohrab, dessen Asylantrag abgelehnt wurde. Und die Bundesrechtsanwaltskammer spricht sich gegen Leistungsschutzrechte aus.

Elfentänze und Untergangsorgasmen

01.08.2011. Die Welt und andere Zeitungen feiern die Salzburger "Frau ohne Schatten" wegen Christian Thielemanns fabulöser Dirigierkunst. In der Welt betätigt sich Nike Wagner als Norne. Auch die Debatte um den Attentäter von Utoeya geht weiter: Die taz fühlt sich an die Gefühlskälte von Videospielen erinnert, die Berliner Zeitung zieht eine Linie von "Islamkritikern" zu Breivik, die FAZ am Sonntag sieht ihn als einen Dschihadisten der extremen Rechten. Die SZ schildert die handgreifliche Einigkeit von Rechts- und Linkspopulisten in Griechenland.

Neue, wilde, wirre Dinge

30.07.2011. Wer Henryk Broder für Utoeya verantwortlich macht, muss auch einknickenden Politikern für den Anschlag auf Kurt Westergaard die Schuld geben, meint Hamed Abdel Samad in der Welt. Und Clemens Setz feiert den Comic-Romancier David Mazzucchelli. In der FAZ beklagt Peer Steinbrück, was von Europa übrig ist: "Treffen von mehr oder wenigen alten Männern plus einer Frau." In der NZZ preist Bora Cosic das straflose Laster des Lesens. Die FR huldigt Giorgio Vasari, der uns die Lust an der Macht, dem Denken und der Schönheit zeigte. Und Nicolas Stemanns Salzburger "Faust"-Inszenierung macht die Kritiker ratlos, aber auch glücklich.

Europa, der Westen selbst

29.07.2011. Die Debatte um das norwegische Attentat geht weiter - mit unterschiedlichsten Standpunkten: Es ist falsch, dem Massaker überhaupt einen Sinn zuzuschreiben, meint Simon Jenkins im Guardian. David Gelernter weigert sich in der FAZ, Breivik als Geistesgestörten zu sehen. In der Welt erzählt der Historiker Timothy Snyder, wo die Bloodlands liegen. Die NZZ beobachtet postrevolutionäre Depression in Tunesien. Und der Economist erkennt dein Gesicht.

Zarte Archaik

28.07.2011. In der Welt staunen Monika Maron und Necla Kelek über die Behauptung, der Attentäter von Utoeya komme aus der "Mitte der Gesellschaft". In der FR macht Jostein Gaarder statt dessen die extreme Rechte für das Attentat verantwortlich. Jungle World wiegt sich im Rhythmus des neuesten Benefizsongs von One World: "Free Palestine!". Und in Life bewerben sich hundert schwarze Katzen auf eine Filmrolle neben Peter Lorre.

Regale, Labore, Handgestricktes, Videos und Schleim

27.07.2011. Die NZZ findet im  Programm des norwegischen Attentäters nicht nur Hass auf den Islam. Auch in allen anderen Zeitungen wird weiter über die Tat debattiert. Die einen ziehen eine Linie von der "Islamkritik" zum Massaker, die anderen warnen vor genau dieser "Kampfvokabel". Einigkeit besteht darin, dass der Täter nicht im Wahn handelte. Der Bayreuther "Tannhäuser" sorgt weithin für Befremdung: Schwer Verdauliches begibt sich hier.

Erlebte Gewalt

26.07.2011. Die SZ fühlt sich durch Breiviks Tat an skandinavische Krimis mit ihrer ausgemalten Mordlust und Verschwörungstheorien erinnert. Nicht bei bei ihm, sondern bei Mohammed Atta hat sich Breivik inspiriert, schreibt Henryk Broder (der in Breiviks Manifest zitiert wird) in der Welt.  Die taz ruft die Öffentlichkeit auf, sich von der "bedrohlich mittig gewordenen Islamophobie" zu distanzieren. Die FR publiziert die ungehaltene Salzburger Rede des Gaddafi-Preisträgers Jean Ziegler. Nachtkritik bringt eine erste Kritik des Bayreuther "Tannhäusers". Mit dem Duft von Biogas.