Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Das dämonische Ächzen von Natur und Mensch

18.04.2011. Die FR hat den neuen Film von Nanni Moretti gesehen, der den Papst einer Psychoanalyse unterzieht. Die taz plädiert für den Abbruch der Aufklärungsausstellung in Peking. In der FAZ fürchtet der evangelische Pfarrer Jochen Teuffel, dass Deutschland über der Islam-Debatte noch laizistisch werden könnte. Alle feiern den "Wozzeck" unter Barenboim und Breth in Berlin.

1905 meldete sich eine Stimme

16.04.2011. In der NZZ erklärt Barbara Vinken, warum das "o" in "Madame Bovary" kurz ausgesprochen werden muss. Im Zeit-Dossier zum Thema "Was Journalisten anrichten" hätte es auch Geschichten aus der Zeit zu erzählen gegeben, meint das Blog Meedia. In der Welt erklärt Elisabeth Badinter, warum sie ein Burka-Verbot befürwortet. Die SZ wünscht sich politischen Pop aus Deutschland (während wir selbst sehr gern darauf verzichten!) Und die FAZ teilt mit: Nicht Wassily Kandinsky hat abstrake Malerei erfunden, sondern die schwedische Malerin Hilma af Klint.

Diese irgendwie esoterischen Kulturschnipsel

15.04.2011. Güner Yasemin Balci  liest in der Welt mit Erstaunen das "Manifest der Vielen", in dem man sich im Namen des Islams über die Pressefreiheit beschwert. Und nochmal Zensur: Facebook mag den Ursprung der Welt nicht sehen. Die SZ zitiert Herta Müller, die nach Lektüre von Securitate-Akten froh ist, dass Oskar Pastior nur "leere Informationen" lieferte.

Nur Zypressen säumten diesen Weg

14.04.2011. Ai Weiwei und die deutsche Kulturpolitik treiben die Zeitungen weiter um. Im Freitag schlägt der Dresdner Museumschef Martin Roth knallhart auf den Tisch: Falls Ai Weiwei keinen fairen Prozess bekommt, soll man sich für ihn einsetzen. Die Welt hat die Ausstellung an einem normalen Besuchertag besucht, fand aber kaum Besucher. In der SZ klammert sich Tilman Spengler dennoch an die Flaschenpost. Außerdem: Heise.de berichtet über eine neue Allianz von Rechteverwertern. Und Dietmar Dath fährt für die FAZ nach Japan. Und warum eine Babywippe als Einheitsdenkmal?

Aus der Distanz der Verklärung, der Entrückung

13.04.2011. In der FAZ spricht Luc Tuymans über seinen Freund Ai Weiwei und die schwierige Arbeit in China. In der FR konstatiert  Opernregisseur Stefan Herheim, dass Kunst nicht demokratisch funktionieren kann. Diedrich Diederichsen schildert in der SZ ein prägendes Musikerlebnis: Und er verdankt es James Blake. Die NZZ ist von Stockhausen hin- und hergerissen: Sein "Sonntag" ist überragend, aber auch befremdlich.

Künstler sind kluge Affen: Sie wollen spielen

12.04.2011. In der FAZ fragt Durs Grünbein nur: Wo ist Ai Weiwei? Und die Documenta-Kuratoren Roger M. Buergel und Ruth Noack greifen die Pekinger Ausstellung über "Aufklärung" scharf an. In der Berliner Zeitung erklärt der Dresdner Museumsmann Martin Roth, wie er durch seinen Einsatz für Ai Weiwei bei chinesischen Behörden Betroffenheit auslöst. Die NZZ hat jetzt so langsam genug vom Aufbau Ost: Das Geleckte und das Gelackte nehmen zu sehr zu. Und die SZ staunt, wie Stockhausen aus Polyphonie Licht macht.

These boots are made for walking

11.04.2011. Die Empörung über den Dresdner Museumschef Martin Roth und weitere deutsche Kulturmandarine schwillt an - auch unter Museumskollegen: Der Schweizer Kurator Hans-Ulrich Obrist bedauert in der Welt, dass sich die Organisatoren der Aufklärungsausstellung nicht mit Ai Weiwei solidarisieren. Sein Kollege Raimund Stecker vom Lehmbruck-Museum bezeichnet Roths Ausstellung als "Dekoration der Macht". Auch Herta Müller fragt, warum die deutsche Kulturpolitik beim chinesischen Regime "um Anerkennung winselt". Die SZ besuchte einen "Gesprächssalon" zur Ausstellung in Peking, in der die deutschen Kulturfunktionäre Ai Weiweis Namen nicht einmal in den Mund nahmen. Die NZZ beobachtet: Im Ausstellungskatalog wird der Kommunismus als Krönung der Aufklärung verkauft. Der Tagesspiegel fordert eine Entschuldigung von Martin Roth. Die Verleihung der Lolas hat in den Feuilletons kollektives Gähnen ausgelöst.

Für den deutschen Otto

09.04.2011. In der Welt verteidigt Robert Menasse die EU gegen ihre Kritiker: Nicht Brüssel sei das Problem, sondern Berlin! In der taz warnt die Philosophin Agnes Heller vor der neuen ungarischen Verfassung, die keine republikanische mehr sein will, sondern eine christliche. In der SZ setzt der Belgier Pierre Mertens auf den Humor seiner Landsleute. Die NZZ fragt, wie vulgär Ciorans Menschenverachtung war. Die Organistoren der Aufklärungsausstellung in Peking geben in der FAZ kund, dass sie wenn dann bitte in der Talkshow kritisiert werden möchten. Die taz findet den Dresdner Museumsdirektor Martin Roth und seine Äußerungen über Ai Weiwei gemeingefährlich.

Der in der Küche half

08.04.2011. Achtung! Der Dresdner Museumschef Martin Roth, Organisator einer Ausstellung über "Aufklärung" in Peking klärt in der Sächsischen Zeitung auf: Um Ai Weiwei muss man sich kaum Sorgen machen, um die Produtkion des Phaeton sehr wohl. In der FAZ schildert die ehemalige türkische Richterin Emile Ülker Tahan die immer stärkeren Islamisierungstendenzen in ihrem Land. In der SZ erklärt Andras Schiff, warum er in seiner Heimat Ungarn nicht mehr auftreten wird. Der Tagesspiegel begleitet eine Grünen-Delegation zu Oberst Gaddafi.

Kompasslos auf kurze Sicht

07.04.2011. La Quadrature du Net fürchtet eine Verschärfung der Gesetze im Sinne der Verwerter von Urheberrechten. BoingBoing staunt: die neue Urheberrechtsbeauftragte der EU ist eine Lobbyistin der Musikindustrie. In der SZ kritisiert Jürgen Habermas die Politik und fordert eine europäische Ziviligesellschaft. Und in der Zeit fordert der Dresdner Museumsdirektor und Mitorganisator einer Pekinger Ausstellung über "Aufklärung", Martin Roth die Medien frech auf, ihn mit Ai Weiwei in Ruhe zu lassen: "Es gibt Hunderte Künstler wie ihn."