Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Systematische Reflexion über den Gegenstand

26.01.2011. Bernd Eichinger ist tot: Die Zeitungen bringen Nachrufe auf den "bayerischen Tycoon". Die Welt kratzt am Image des neuerdings so beliebten Architekten Paul Bonatz. Die NZZ versucht den Einfluss der Islamisten in Tunesien zu ermessen. Christopher Hitchens spricht in einem Videointerview und in Vanity Fair über seine Krebskrankheit. In der taz erklärt Berlinale-Chef Dieter Kosslick, dass die Berlinale nicht am Streik für Jafar Panahi am 11. Februar teilnehmen wird.

Das Land, das die moderne Propaganda erfand

25.01.2011. Die SZ bringt einen Aufruf von Jürgen Habermas und Julian Nida-Rümelin gegen das ungarische Mediengesetz und die lasche Reaktion der EU. In der Zitty wehren sich Berliner Künstler gegen die "neoliberale Rhetorik" von... äh, Klaus Wowereit. Die NZZ beschreibt die tief gespaltene Medienlandschaft in Belgien. In der FR fragt der in Italien lebende Autor Tim Parks: Wie ist es möglich, dass Berlusconi sich hält? Im Blog von Roger Ebert erklärt der Cutter Walter Murch, warum er ganz und gar nicht an 3D glaubt. Die FAZ schildert den Fall des weißrussischen Präsidentschaftskandidaten Wladimir Nekljajew, der im Gefängnis misshandelt wurde.

Ich habe gehört, dass der Frank am Ende ist

24.01.2011. Die FR ruft: "Vive la Tunisie libre! In der Welt erklärt die Geigerin Hillary Hahn, wie sie neues Repertoire sucht: nachts bei Wikipedia. Foreign Policy ist erstaunt über eine Rede des berühmten New Yorker-Journalisten Seymour Hersh, der überzeugt ist, dass sich die USA  buchstäblich auf einem Kreuzzug gegen die islamische Welt befinden. Alle Zeitungen sind begeistert von dem Architekten des Stuttgarter Bahnhofs, Paul Bonatz, dem in Frankfurt eine historische Retrospektive gewidmet wird.

Das choschted aber

22.01.2011. In der taz erzählt György Dalos, mit welchen miesen Tricks die Regierung von Viktor Orban Druck auf die Medien und Intellektuellen ausübt. In der Berliner Zeitung erinnert sich Angela Winkler an Klaus Michael Grüber. In der FAZ fragt Mercedes Bunz: Ist die Digitalisierung für die Angestellen, was die Industrialisierung für die Arbeiter war? Alle Zeitungen besprechen Michael Thalheimers Inszenierung der "Weber" am Deutschen Theater: Aber ist das wirklich Blut, das da rieselt?

Montenegrinisch versteinert

21.01.2011. Im Tagesspiegel erzählt Laszlo F. Földenyi, wie Viktor Orban es schaffte, sowohl die Nostalgiker des Kadar-Kommunismus als auch die Anhänger des Horthy-Faschismus in seinem nationalistischen Projekt zu vereinen. Die Welt zeigt, dass die ungarische Medienzensur durchaus liberal sein kann, aber nur bei Antisemitismus. Gegenüber der FR fordert Amartya Sen mutige Redakteure. Die amerikanischen Medienblogs kommentieren das Stühleschieben bei Google.  Die NZZ informiert über die beste aller isländischen Sagas.

Haben Sie etwas dagegen, wenn ich ebenfalls lache?

20.01.2011. Jungle World fragt: Ist 2011 das 1989 des Nahen Ostens? Die NZZ feiert die dänische Architekturavantgarde und besonders das Büro 3XN. Außerdem erzählt sie einen Schwedenwitz. Die FAZ traf den höflichen, sanften und israelkritischen Stephane Hessel. Die SZ ist einverstanden mit Okwui Enwezor. In der Welt erzählt der ukrainische Autor Andrej Kurkow, wie es seiner Kollegin Maria Matios erging, als sie Russland kritisierte.Die FR stellt den rumänischen Lyriker  Constantin Virgil Banescu vor: "zu der zeit als ich frauenkleider trug/ trank ich viel tee."

Dieser kolloquiale Huch- und Krass-Ton

19.01.2011. "Wir sind keine Netzbenutzer mehr, wir sind Netzbenutzte", stöhnt der Publizist Eduard Kaeser in der NZZ. Die Tunesier demonstrieren vor allem für Menschenrechte, schreibt der Philosoph Ridha Chennoufi in der FR. Die Politologin Anne Bayefsky warnt in der Jerusalem Post vor der Durban 3-Konferenz, die ausgerechnet zum Jahrestag des 11. Septembers in New York stattfinden soll. Dem Blog Nerdcore soll der Domainname gepfändet werden - die Kollegen sind aufgeregt und solidarisch.

Allenfalls ein Huster der Geschichte

18.01.2011. Die SZ stellt Kirill Petrenko, den Dirigenten der "Tosca" in Frankfurt, unter Genieverdacht. Die Welt findet immerhin, dass er dieses "Quälodram des Repertoirebetriebs" recht kultiviert präsentiert. In der Jüdischen Allgemeinen bekennt Enoch zu Guttenberg seinen metaphysischen Katzenjammer. Mashable meldet, dass man auf Ebay die Identität des Streetart-Künstlers Banksy ersteigern kann. Die FAZ blickt sich um in der Welt nach Stuxnet.

Pathosstätte und Wundertüte

17.01.2011. In der FAZ hat der Film- und Theaterregisseur Fadhel Jaibi Hoffnung für das postrevolutionäre Tunesien: Es gibt genug begabtes Personal. Auch die NZZ blickt mit verhaltenem Optimismus auf die "Jasmin-Revolution". Das Blog AppleInsider hat Neuigkeiten für Zeitungsverleger: Apple verbietet ihnen, ihre Ipad-Apps als Schmankerl zum Printabo anzubieten. Die taz stellt ein neues Buch des amerikanisch-polnischen Historikers Jan T. Gross über Polen im Holocaust vor, das in Polen für Ärger sorgen könnte. Alle Zeitungen begutachteten das Suhrkamp-Archiv in Marbach.

Das Allerprivateste wird zum Ereignis

15.01.2011. Foreign Policy jubelt  über Tunesiens Revolution, bei der erstmals in der arabischen Geschichte ein arabischer Diktator vom Volk gestürzt wurde. In der taz erzählt Willi Winkler, wie der Schweizer Nazi Francois Genoud mit Hilfe von Carlos und der PFLP seinen antisemitischen Kampf fortsetzte. Die SZ freut sich über die winzigen Figuren des  Künstlers Slinkachu. Die FAZ meldet, dass Peking das Wort Zivilgesellschaft verboten hat. Die NZZ feiert den größenwahnsinnigen Humanismus der Wikipedia. Update: In The Atlantic wirft Jonathan Lethem der Wikipedia tödliche Pedanterie vor.