Heute in den Feuilletons
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2011. Die FR rühmt das Artemis Quartett und seinen schroffen Beethoven. In der NZZ schimpft Richard Wagner auf Osteuropäer, die unter Verweis auf ihre traumatische Geschichte aus der Verantwortung für Freiheit und Bürgerrechte mogeln. Die Jungle World legt dar, dass die Verfolgung religiöser Minderheiten im Nahen Osten wahrlich nichts Neues ist. Die New Republic feiert Jürgen Habermas als "the single most important public intellectual in all of Continental Europe". In der Welt wiederholt Rafi Pitts seinen Vorschlag, dass die Filmwelt (und auch die Berlinale!) am 11. Februar die Arbeit niederlegt - für Jafar Panahi.
13.01.2011. In der FAZ vergleicht Abdelwahab Meddab die Proteste der jungen Tunesier mit dem Aufstand nach den fabrizierten Wahlen im Iran im Jahr 2009. In der taz vergleicht sich Rudolf Thome, ohne mit der Wimper zu zucken, mit Howard Hawks. Der Freitag bringt ein historisches Porträt des Schweizer Nazi und Terroristenfreunds Francois Genoud, der sein Geld unter anderem mit Goebbels-Tantiemen verdiente.
12.01.2011. Die Welt greift die Diskussion um das Wörtchen "Christenverfolgung" auf. Wired lobt Twitter für sein Verhalten gegenüber amerikanischen Behörden, die Wikileaks-Daten wollten. Die NZZ beobachtet die langsamen Fortschritte der modernen Kunst in Syrien. Die SZ liest Stephane Hessels "Indignez-vous" als Antidepressivum.
11.01.2011. Die FR meint: Lieber Stephane Hessel als Thilo Sarrazin. Thomas Knüwer fordert strengere Datenschutzrichtlinien gegen Zeitungen. Meedia berichtet über einen möglichen neuen Stellenabbau in der FR (sofern das noch möglich ist). In der Welt korrigiert Fotoreporter Rolf Bauerdick Andre Glucksmanns und Günter Grass' romantisches Zigeunerbild. So proislamisch war Goethe gar nicht, schreibt Necla Kelek an die Adresse des verstorbenen Hadayatullah Hübsch in der FAZ. In der SZ feiert Salman Rushdie das Paradoxe.
10.01.2011. Die NZZ berichtet über den Exodus von Christen aus orientalischen Ländern und beklagt die Gleichgültigkeit der Bevölkerungen. Die taz warnt vor politischem Missbrauch dieses Phänomens.Mit Google geht's bergab, meint Techcrunch. Mit Facebook aber auch schon, meint Douglas Rushkoff. Die FAZ fürchtet, dass das Multikulti-Projekt Belgien demnächst in aller Stille begraben wird. Die SZ interviewt Samuel Friedländer zur Debatte über "Das Amt".
08.01.2011. Die taz zeichnet einen erbitterten Streit in der Wikipedia nach: Es geht um "Neoliberalismus". In der NZZ liest Rüdiger Görner die Briefe an T.S. Eliot viel lieber als die Briefe Eliots. Die FR versucht die Chimäre Berlusconi zu fassen. In der Welt fürchtet Wolf Lepenies um das Collegium Budapest. Soll man universale Prinzipien auch mit Gewalt durchsetzen?, fragt Egon Flaig in der FAZ. Klar, entwortet er, sonst gäbe es bis heute Sklaverei.
07.01.2011. Das Plädoyer der PDS-Chefin Gesine Lötzsch für die Zerschlagung von 9.999 Glühbirnen stößt nicht auf ungeteilte Zustimmung. Toter kann Kommunismus gar nicht sein, meint die Welt. Die FR erinnert an die Folgen der letzten Zerschlagungen von Glühbirnen. Achgut bittet, diesmal nicht zerschlagen zu werden. Die NZZ greift die Islamophobiedebatte auf. In der FR spricht Juri Andruchowytsch über die katasrophale Situation in der Ukraine.
06.01.2011. Nach dem Anschlag gegen die Kopten in Alexandria erinnert Hamed Abdel-Samad in der Welt an die Verantwortung des Westens für die Zustände in Ägypten. Die FR bringt eine wissenschaftlich belegte Widerlegung Thilo Sarrazins. In der NZZ schildert Adam Krzeminski die Angst der polnischen Katholiken vor dem spanischen Gespenst. Im Freitag riskiert Hans Ulrich Gumbrecht einen Schlag gegen den intellektuellen Mainstream. Die FAZ rät der Berlinale, am 11. Februar für zwei Stunden die Arbeit niederzulegen.
05.01.2011. In der FR attackiert Theodor Buhl ("Winnetou August") seinen Kollegen Günter Grass, dessen "Blechtrommel" er gnadenlose Verdrängung vorwirft. Die NZZ wundert sich über die verschämte Anonymisierung der beiden deutschen Staatsgeiseln des Iran, Marcus Hellwig und Jens Koch. Die Zeit nennt die Namen zum ersten Mal. Die Welt hat eine gute Nachrichten: Erstmals wollen deutsche Theaterintendanten auch für sich selbst einen Moralkodex schaffen. Die SZ entwickelt einen höchst fälligen Würgreflex angesichts der immer häufigeren Marshmallows in unseren Stadtbildern.
04.01.2011. In der taz spricht der iranische Filmemacher Rafi Pitts über einen Raum im Teheraner Filmmuseum, in dem Jafar Panahis Preise ausgestellt werden. Er ist größer als Panahis Gefängniszelle. Neunetz kann die Ansichten der ARD-Vorsitzenden Monika Piel über die "Geburtsfehler des Internets" nicht teilen. Christopher Hitchens gießt in Slate das Wasser über den Teebeutel und lehnt jede andere Methode rundweg ab. In der FAZ schildert der Autor Michael Hvorecky das so gut wie nicht mehr existente afghanische Literaturleben.