Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Der Inhalt ist Indoktrination pur

03.11.2010. In der Welt stellt Carlos-Regisseur Olivier Assayas klar, dass es das revolutionäre Subjekt  nicht gibt, sondern nur Botschaften, die ein Staat einem anderen schickt. In der FR erinnert der Ethiker Markus Tiedemann daran, dass die Menschenrechte über die Zustimmung der Religion erhaben sind. In der NZZ schildert György Dalos einen besonders bitteren Fall von Ungarntümelei. In der SZ erklärt die Reporterin Dana Priest, dass sie erst mit der CIA diskutiert, bevor sie sie in die Pfanne haut. Und das Internationale Komitee gegen die Steinigung fürchtet sehr aktuell um die Iranerin Sakineh Ashtiani.

Der Dampf über ihren Laptops

02.11.2010. Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde versucht in der FR, Christentum und Aufklärung in eine einzige Leitkultur zu stecken. Und Götz Aly erzählt, wie er im Archiv des AA durch einen prüfenden Blick der Lesesaalleiterin in die Kategorie Feind eingestuft wurde. Der Medienwissenschaftler Lorenz Lorenz-Meyer äußert sich auf scarlatti.de nicht sehr positiv über den Online-Journalismus in unseren Leitmedien. Die NZZ macht uns mit dem Sozialtypus soshoku danshi vertraut. Die SZ beleuchtet das Elend der audiovisuellen Archive

Er hält sich für klasse

01.11.2010. Heute spricht das Erste Pius XII. selig. In der Welt erklärt Rolf Hochhuth noch einmal, wie er auf den "Stellvertreter" kam: durch einen Brief Ernst von Weizsäckers ans AA, der sich freute, dass der Papst nicht gegen die Deportation von Juden protestierte. Die Blogs diskutieren über ein Papier der Gewerkschaft Ver.di, das die totale Überwachung des Netzes zur Verhinderung von Urheberrechtsverstößen fordert. Die taz porträtiert den immer wieder stolpernden Verlagserben Konstantin Neven Dumont. Die FR feiert Elfriede Jelineks neues Stück "Der Sturz" als "großartig bösartige" Lokalfarce über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs.

Das Gefängnis ist wieder eine Kategorie der Politik

30.10.2010. In der Welt fasst Eckart Conze, Koautor der Studie über das Auswärtige Amt die Erkenntnisse des Bandes zusammen: Die Beamten waren Mittäter. Und später haben sie vertuscht. Besonders der FDP droht deshalb eine unangenehme Debatte, vermutet die taz, denn von 1969 bis 1998 stellte sie die Außenminister Die NZZ erinnert an Schanghai zur Kolonialzeit. Die FAZ berichtet von der Rückkehr der Finsternis in der Ukraine. Laut Irights.info will die Gewerkschaft Ver.di das Netz jetzt lückenlos überwachen: um Urheberrechtsverletzungen auf die Spur zu kommen.

Gericht muss wohl sein

29.10.2010. In der Welt protestiert Doron Rabinovici gegen die Konzessionen der gemäßigten österreichischen Parteien an die FPÖ: Neuerdings werden in Wien schon achtjährige Kinder mit vorgehaltenem Sturmgewehr in den Kosovo zurückexpediert. In Phase 2 zeigt Oliver Piecha am Beispiel des brasilianischen Präsidenten, wie weit Kulturrelativismus gehen kann. In Esquire singt Philip Roth ein Loblied auf einen "wonderful guy named Larry Cooper". Die NZZ befasst sich nochmal eingehend mit der irischen Rebellion von 1641. Und ganz Indien streitet über Arundhati Roy, der wegen einer Äußerung über Kaschmir eine Klage wegen Volksverhtzung droht.

Sushi im Lokal vom Bauch nackter Kellnerinnen

28.10.2010. FR und SZ beleuchten kritisch das Konzept für die in Berlin geplante Ausstellung über Vertreibung. Wer als Jude ins Establishment eintreten will, muss sich nicht mehr taufen lassen: Ein bisschen Israelkritik reicht schon, schreibt die Jüdische Allgemeine nach Lektüre des Romans "The Finkler Question" von Howard Jacobson. Der Rechtsvorstand von Hubert Burda Media erklärt im Blog Der Presseschauer, warum künftig auch "unwesentliche Teile" von Artikeln unter Schutz gestellt werden sollen.  Die NZZ feiert (wie die andere Zeitungen) Leos Janaceks "Katja Kabanova"in Brüssel.

Erwünschte Meinungen

27.10.2010. Die NZZ resümiert den Streit zwischen Herta Müller und rumänischen Intellektuellen über die Rolle der letzteren unter Ceausescu. Im Perlentaucher analysieren Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt die Symptome des Kulturalismus auf der Linken wie der Rechten. Die taz interviewt den Historiker Moshe Zimmermann zur Rolle des Auswärtigen Amtes in der Nazizeit. Die SZ rät angesichts bodenloser Zustände zum Urban Gardening. Deutsche Debatten? Zum Gähnen, findet Hans Ulrich Gumbrecht in der Welt.

Dabei ist Tony Blair ein netter Mensch

26.10.2010. In der Presse erklärt Klaus Theweleit, wo der Kalte Krieg heute ist: im Internet. Und Hans Magnus Enzensberger gesteht, welchen deutschen Klassiker er garantiert nicht mehr lesen wird. In der Welt hat der Politologe Christian Hacke Bedenken an der von Joschka Fischer initiierten Studie über die Rolle des Auswärtigen Amtes in der Nazizeit. Die taz ist froh: New Orleans ist wiederauferstanden, dank seiner musikalischen Kraft. In der SZ erklärt Slavoj Zizek, was "liberale" Leitkultur ist.

Mit Wachsklumpen miteinander verbunden

25.10.2010. Nun ist es doch raus: "Gott ist für tot zu erklären, sein Totenschein die Literatur." Und alle Zeitungen berichten über Reinhard Jirgls Rede zur Büchnerpreisverleihung. Die NZZ geht die Shortlist des Prix Goncourt durch: Und da gibt's Autorinnen, die sind salziger als Houellebecq. Die Achse des Guten muss nach einer von Joschka Fischer bestellten Studie konstatieren: Das Auswärtige Amt war an Hitlers Politik beteiligt.  Rudolf Augstein oder Gräfin Dönhoff sollten zu diesem Thema darum künftig besser schweigen, meint die FAZ dazu. Und außerdem: Einstürzende Altbauten .

Wahrung einer herausgehobenen Podestposition

23.10.2010. In der FAZ fordert Grünen-Politiker Franz Schulz, dass Eltern aus dem Mittelstand ihre Kinder auf Problemschulen schicken. Er würde es bestimmt auch tun, wenn er das Sorgerecht hätte. In der Welt fragt Ian McEwan: Warum hat eigentlich so gut wie kein deutscher Autor von Rang über die Berliner Mauer geschrieben? Wikileaks hat neue Dokumente aus dem Irak-Krieg an Qualitätsmedien verteilt. Der Spiegel hat sie gesichtet und fragt sich selbst, was das nun bringt. In der FR erklärt Hannelore Schlaffer, warum sie sich von ihren demokratischen Repräsentanten nicht demokratisch repräsentiert fühlt.