Szene aus "Hotel Metamorphosis". Bild: Monika Rittershaus Es klingt wie eine Sensation: Die Uraufführung einer Vivaldi-Oper mit dem Titel "Hotel Metamorphosis" mit Angela Winkler, Cecilia Bartoli und Philippe Jaroussky auf der Bühne der Salzburger Pfingstfestspiele. Zu verdanken ist das Regisseur Barrie Kosky und Dramaturg Olaf A. Schmitt, die aus diversen Opern Vivaldis, zwanzig Arien, vier Ensembles, ein paar Chören, darunter zwei neu erfundenen, ein Pasticcio zusammenstellten, erklärt uns Egbert Tholl in der SZ. Unterlegt ist das Werk mit Geschichten aus Ovids "Metamorphosen", und die Mischung gelingt prächtig, staunt Tholl. Man hört "nur (gut ausgewählt) umfassend betörende Musik, voller melodischer Einfälle und viel Raffinesse in der Instrumentation. Im Orchester 'Musiciens du Prince - Monaco' spielen auch Salterio und Chalumeau mit, eine Zither das eine, eine Art Ur-Klarinette das andere. Unter Capuano zaubert das Orchester eine Fülle an Farben, an poetischen Einfällen, meist fein und leicht, oft zart wie ein Gespinst."
Ein "kluges wie wunderschön visualisiertes Barockopernexperiment", jubelt auch Manuel Brug in der Welt: Musikalisch erlebt Brug ein "vehementes Plädoyer für Vivaldi nicht als Notenserienfabrikanten, sondern farbenreichen, rhythmisch mitreißenden Innovator und Klangpsychologen". Aber auch das schauspielerische Element überzeugt: "Statt Rezitative steuert die große, alte Angela Winkler als fluider Orpheus im Anzug verbindende wie erklärende Ovid- wie Rilke-Texte bei. Oper als beglückendes Nachdenken über die abendländische Zivilisation, kontemplativ, packend, immer wieder mitreißend durch die Originalität der Ideen wie überraschungsvoll ideal passenden Soundfiles. Einen besonders opulenten Auftritt haben zu Beginn des zweiten Teils Otto Pichlers energetisch stringent choreografierte Tanztruppe und der tolle Projektchor Il Canto d'Orfeo. Denn der bekiffte Narziss verliert sich in einer Sixties-Orgie im Fellini-Satyricon-Look, die auch ein Kleiderfest für den sonst mit seinen Damenroben prunkenden Klaus Bruns ist."
Als "Stück der kommenden Stunde" erlebt Judith von Sternburg (FR) an der Oper Frankfurt derweil Aileen Schneiders Inszenierung von Aribert Reimanns 1956 uraufgeführter Oper "Melusine", die, basierend auf einem Stück von Yvan Goll von Naturzerstörung im Kapitalismus erzählt: Schneider verbindet die "durchaus ironisierten Märchenelemente und das bedrohlich Gegenwärtige/Zukunftsweisende eines zerstörten Ökosystems zu einem feinen, selbst einen Futurismus der 20er Jahre noch sanft hineinbauenden Science-Fiction-Drama. (…) Die Sci-Fi-Atmosphäre bekommt Reimanns Musik, die selbst aus der Zukunft herüberwinkt, namentlich in der Titelpartie, einem gleißend hohen, gezackten und dramatisch aufreibenden Sopran." Auch FAZ-Kritiker Wolfgang Fuhrmann sieht eine Oper "die die Zerstörung der Natur anklagt, ohne belehrend und platt zu wirken, in der die Ausbeutung der Umwelt zum Untergang in einem Flammenmeer führt und der es dennoch gelingt, zugleich eine vielschichtige und poetisch-rätselhafte Geschichte zu erzählen."
Besprochen werden Annette Luboschs Inszenierung des Musicals "Hello, Dolly" bei den Burgfestspielen Bad Vilbel (FR), Chris Jägers Inszenierung von Purcells "King Arthur" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Leo Meiers Kammerspiel "Fünf minuten stille" am Schauspiel Frankfurt (FR), Maurice Ravels "Konzert für die linke Hand", getanzt vom Ballett am Rhein unter der Leitung von Choreografin Bridget Breiner an der Oper Duisburg (FAZ), die Performance "Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesener Brief" von Olaf Nicolai in der Synagoge Stommeln (FAZ), das Live Art Festival auf Kampnagel in Hamburg (taz), Jan Friedrichs Stück "Onkel Werner" bei den Autor:innentagen in Berlin (taz), die 10. Ausgabe der Programmreihe Macht Kritisches Theater (MKT) im Berliner Ringtheater, bei für ein antifaschistisches Theater geworben wurde (taz), Holger Potockis Inszenierung von Walter Braunfels' Oper "Die Vögel" am Oldenburgischen Staatstheater (taz) und Alexander Flaches Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" Am Theater Alternburg in Gera (nachtkritik).
"Sauhund", Foto: Armin Smailovic. Lion Christs "Sauhund", inszeniert von Florian Fischer an den Münchner Kammerspielen ist für Egbert Tholl in der SZ "ein fantastischer Schauspielabend für die Freiheit": Im Bayern der 80er Jahre spielt das Stück, als München eine "schwule Metropole" war. Der Protagonist Flori kommt aus einem bayrischen Dorf und erlebt die Schrecken von AIDS bis hin zu engstirnigen Dorfbewohnern hautnah mit: "Fischers Inszenierung ist mit dem grandiosen Musikhintergrund von Ludwig Abraham auch ein Requiem. Einmal sieht man im Video ein vielleicht letztes, überbordendes Konzert von Queen, aber dann hört man Marvin Gayes 'Inner City Blues' als sanfte, rein instrumentale Erinnerung, während sich Flori endgültig als strahlender Schmetterling entpuppt. Aber der Abend bleibt nicht in der Erinnerung kleben, er setzt vielmehr aus dieser heraus dem drohenden Ende der Wokeness etwas entgegen. Es geht ja nicht ums Schwulsein allein, sondern um alles, was dem Heteronormativen, auch dem Prüden und Faden, entgegensteht. Dazu braucht man nicht einmal in ferne Länder zu blicken." Eine weitere Besprechung findet sich in der Nachtkritik.
"Die Seherin", Foto: Nurith Wagner Strauss. Bei den Wiener Festwochen sieht FAZ-Kritiker Martin Lhotzky "Die Seherin", das Milo Rau, durch Sophokles inspiriert, mit Ursina Lardi auf die Bühne bringt. Das Stück über eine Kriegsreporterin, die unter anderem über den IS berichtet hat, ist eine Koproduktion mit der Berliner Schaubühne: "Wie schon bei der mythischen Kassandra werden auch die Warnungen und Vorhersagen der Kriegsfotografin kaum je ernst genommen. 'Die Seherin' ist eher ein Dokudrama als ein Theaterstück. Es handelt vom IS, verschweigt aber auch nicht die Kriegsverbrechen der Amerikaner und Europäer. Erschütternd und beunruhigend, in wenigen Punkten auch übertrieben, aber eben ziemlich dicht und präzise dran an der Wirklichkeit unserer Welt."
Nachtkritiker Jakob Hayner reflektiert diesen dokumentarischen Darstellungsmodus: "Was soll man in einer Welt der schamlosen Medialisierung von Gewalt noch enthüllen, wie es die gute alte Kriegsfotografie einst als aufklärerisches Ideal gehabt haben mag? Oder das gute alte Dokumentartheater, das ist übertragbar. Die ethische Geste des Zeigens, das einen zum Zeugen macht, hat sich erschöpft, wo alle immer schon Zeugen sind, nur keine Ethik mehr daraus folgt. Man mag bestreiten, dass der Massenkonsum von Gewaltpornografie ein Problem für das Theater als solches ist, doch für das Theater von Milo Rau ist sie mit Sicherheit eines. Weil Rau sich nämlich den Vorwurf gefallen lassen muss, selbst einem Gewaltfetischismus zu frönen, der seinen Arbeiten den gewissen Kick verleiht. (…) Der Abend macht keinerlei Anstalten, dem Vorwurf, von dem Elend zu leben, das man anprangert, auszuweichen, sondern setzt einen kaum erträglichen Schilderungen von Gewalt aus. Schlimm? Ja, so wie die Wirklichkeit." Eine weitere Besprechung findet sich im Standard.
Weiteres: Die tazstellt die deutsch-armenische Schauspielerin Nairi Hadodo vor, die im Gorki-Theater Kim Kardashian in "Kim" auf die Bühne bringt.
Besprochen werden: Die Dresden Frankfurt Dance Company tanzt William Forsythes "Undertainment" und Thomas Hauerts "Playing with Sergei, Martha and the Others" am Schauspiel Frankfurt (FR), "Mirage" von Jalet und Nawa auf Kampnagel in Hamburg (FAZ), "Schicklgruber" von und mit Nikolaus Habjan am Deutschen Theater Berlin (NZZ).
Besprochen werden Luis Dekants Inszenierung von Maria Lazars Stück "Der blinde Passagier" am Staatstheater Mainz (nachtkritik, FR), Nikolaus Habjans und Manuela Linshalms Puppenspiel "Schicklgruber" am Deutschen Theater Berlin (NZZ) und Jan Lauwers' Musiktheater "Lee Miller in Hitler's Bathtub" im Künstlerhaus der Wiener Staatsoper (FAZ).
Szene aus "Perzen". Foto: Kurt van der Elst Hoffnung machen an diesem Abend nur die abschließenden Umarmungen der israelischen und palästinensischen Schauspieler, seufzt Wolfgang Kralicek bei den Wiener Festwochen. "Kühn" verbindet Regisseur Chokri Ben Chikha in seiner Inszenierung "Perzen" Aischylos' Drama "Die Perser" mit dem Nahostkonflikt. "Das Stück spielt im Jahr 2030, und das Zukunftsszenario wird einigermaßen dystopisch gezeichnet: Trump ist immer noch im Amt, Putin auch, Russland hat die Ukraine und große Teile Polens besetzt. Nach einem Nukleareinsatz ist nicht nur der Gazastreifen, sondern auch Israel zerstört; Benjamin Netanjahu lebt im Exil in Deutschland, der Staat Israel existiert nicht mehr, es gibt nur noch eine israelische Zone in einem Gebiet, das H.U.M.U.S. heißt. Das steht für 'Human Unified State' und ist wohl als eine Art Zweistaatenlösung zu interpretieren." Ob das alles so gut funktioniert? Krischke will sich nicht festlegen, wichtige Fragen werden aufgeworfen, aber oft zuckt der Kritiker auch zusammen, wenn zum Beispiel die Zerstörung in Gaza mit den Warschauer Ghettos verglichen wird. Einen "Triumph der Empathie", so der Untertitel des Stücks, kann der Kritiker hier beileibe nicht erkennen.
Weitere Artikel: Stella Schalamon und Florian Zinnecker berichten in der Zeit detailliert über die Affäre um den Intendanten des Hamburg Balletts Demis Volpi (unsere Resümees).
Ein ganzes Festival richtet das Oslo Opera House derzeit für den begnadeten Choreographen Jiří Kylián aus. Sylvia Staude war für die FR vor Ort und ist hin und weg, so viel gab es für sie zu entdecken: "Man nehme 'Gods and Dogs' aus dem Jahr 2008, zu (Streichquartett-)Musik von Beethoven. Eine Kerze brennt am vorderen Bühnenrand, ein Wolfshund trabt als Video-Schemen auf das Publikum zu, ein Vorhang aus silbernen Fäden wippt und schwingt. Dazu ist die Bewegungssprache elegisch, aber auch klar, expressiv, ohne dick aufgetragen zu sein. Es geht um die beiden Seiten, die zwei Bestandteile des Menschen, das Geistige, das Tierische. Wenn man das nicht weiß, wird man doch vieles gleichsam durch Osmose aufnehmen."
Weitere Artikel: In San Francisco wird bald ein Musical die Geschichte Luigi Mangiones, den zum Internetstar avancierten CEO-Mörder, erzählen, berichtet Max Fluder in der SZ. Holger Noltze besucht für vanWagner-Aufführungen in Dortmund und Wien. Christian Schachinger blickt für den Standard voraus auf die Revue "Save the Last Waltz for Me" im Wiener Konzerthaus, Helmut Ploebst freut sich im gleichen Medium auf das Queer Performance Festival Vienna. Esther Slevogt berichtet auf nachtkritik über eine Skandal-Performance während des 1250-Jahre-Westfalen-Jubiläums in Paderborn. Nachtkritiker Wolfgang Behrend wiederum überlegt sich, warum sich Dramaturgen und Kritiker oft nicht mögen.
Besprochen werden Neville Tranter und Nikolaus Habjans Puppenstück "Schicklgruber" am Deutschen Theater Berlin (FAZ; "besticht (...) mit der dumpfen Abgründigkeit der Situation und der Charaktere") und Filipe Portugals "Carmen"-Version, die in der Klosterkirche Köngsfelden in Windisch zur Aufführung kommt (NZZ; "von exquisiter Feinheit ist (...) die Musik").
Ganz glücklich wirdtaz-Kritiker Uwe Mattheiss nicht mit den Wiener Festwochen unter Milo Rau. Er hat ja nichts dagegen, dass Rau sich dem Widerstand verschrieben hat - und damit ein "verwaistes Terrain radikaler linker Positionen im kulturellen Feld besetzt", aber: "Rau negiert die Differenz von ästhetischer Erfahrung und politischem Handeln. Er tut dies zur Beschleunigung von Arbeitsprozessen auf Kosten jener Momente, die an der Kunst nur über den Umweg der Form lesbar sind. Ist ihre Eigengesetzlichkeit doch das, was die Widersetzlichkeit von Kunst ausmacht, das das Einvernehmen mit dem Bestehenden erschüttert. Das allerdings ist für Rau gerade Ausweis einer identitär gebliebenen bürgerlichen Kunst und als solches lässlich, steht sie dringenderen Inhalten scheinbar im Weg."
Szene aus "Der Gipfel". Foto: Mathias Horn Abende von Christoph Marthaler sind "Abende der misslingenden Kommunikation, der unerfüllten Sehnsüchte und des unstillbaren Verlangens nach Sinn", hält Hubert Spiegel in der FAZ fest, nachdem er dessen neustes Stück "Der Gipfel" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen gesehen hat. Und so versucht der Kritiker einmal mehr den Sinn zu finden, wenn sechs Gäste auf einer Alpenhütte in drei Sprachen Smalltalken und Phrasen dreschen "über Fuschl und Ischgl, Champagner und Kaviar. (…) Mehr als bei Marthaler sonst üblich erweckt dieser Theaterabend den Eindruck, der Regisseur habe sich ein wenig ziellos treiben lassen von seinen Einfällen und Assoziationen und den Talenten seines großartigen Ensembles"… Für die nachtkritik bespricht Andreas Wilink das Stück.
Weitere Artikel: Zum 150. Todestag von Georges Bizet erzählt Manuel Brug in der Welt die Geschichte von Bizets letzter Oper "Carmen". Für die FAZ spricht Jan Brachmann mit dem neuen Intendanten der Händelfestspiele Halle, Florian Amort über Opern von Georg Friedrich Händel und Reinhard Keiser.
Besprochen werden außerdem Maria Lazars "Die blinde Passagierin" am Düsseldorfer Schauspielhaus, inszeniert von Laura Linnenbaum (Welt), Sonja Trebes' Inszenierung von Leos Janáceks Oper "Jenufa" am Theater Heidelberg (FR), das Festival "Innovationslabor Zukunft" zum Thema Künstliche Intelligenz am Schauspiel Stuttgart (FR), Jakab Tarnóczis Inszenierung von Asiimwe Deborah Kawes "Das Gelobte Land" am Münchner Residenztheater (nachtkritik) und die große Retrospektive "Wings of Time", die das Norwegische Staatsballett dem tschechischen Choreografen Choreografen Jiří Kylián widmet (Tsp).
"Krieg und Frieden" am Theater Magdeburg. Bild: Kerstin Schomburg.
FAZ-Kritikerin Irene Bazinger nimmtCharly Hübners Regiedebüt am Theater Magdeburg, Tolstois "Krieg und Frieden" in einer Fassung von Roland Schimmelpfennig, freudig zur Kenntnis. Die Geschichte um die Sinnlosigkeit des Krieges wird ins Magdeburg unserer Zeit versetzt: "Hübner verlässt sich nicht auf erwartbare Aktualisierungen, sondern horcht lieber in die Figuren hinein, die in dieses Geschehen gezogen werden oder es bestimmen, ob es um Hochzeiten oder finanzielle Probleme, Ideen oder Pläne geht. Es wird getanzt und gesoffen, fröhlich intrigiert und amüsant auf dem trockenen Boden Schlittschuh gelaufen." Das Ende überrascht: "Die letzte Szene mündet in das Familienfest des Anfangs, wo inzwischen im Garten gegrillt und gechillt wird. Die Enkel rappen munter los, und schließlich johlt das ganze Ensemble mit, bis 'Krieg und Frieden' zum überschwänglich versöhnlichen Mehrgenerationenprojekt wird: 'Gewinner Versager /lass alles los'. Das kommt angesichts der Vorgeschichte etwas unvermutet, entspricht aber Charly Hübners Regiedevise: Menschen sind wir alle. Und Menschen sind eben so."
Auch Egbert Tholl ist in der SZ mit der "krachenden Theaterexplosion für den Frieden" glücklich: Hübner habe "das Ensemble im Raum verortet, Platz genug ist vorhanden, es steht nicht viel Ausstattung herum. Und dann schuf er offenbar Freiheit. Die Freiheit eines grandiosen Miteinanders. Das zehnköpfige Ensemble spielt 34 Rollen, spielt wie Paris Saint-Germain im Finale der Champions League, es gibt also nur Stars oder gar keine, die Empfindung tendiert eher zu nur Stars." Eine weitere Besprechung findet sich in der taz.
Weiteres: Der Preis der 50. Mülheimer Theatertage geht an Maria Milisavljević, die am Schauspielhaus Zürich das Stück "Staubfrau" inszeniert, melden FAZ und Nachtkritik.Backstage ClassicalinterviewtTobias Kratzer, den designierten Intendanten der Staatsoper Hamburg, zu seinen Plänen für seine erste Spielzeit.
In der FAS unterhält sich Wiebke Hüster mit dem amerikanischen Choreographen Trajal Harrell über seine Arbeit und den Schlüsselmoment Ende der neunziger Jahre, als er beim Besuch einer Modenschau die Möglichkeit einer Erneuerung des Tanzes sah: "Das hat mich einfach umgehauen. Weil das für mich wie postmoderner Tanz aussah. Ich sagte mir, da ist das Gehen, das Laufen auf dem Laufsteg, da ist die kulturelle Repräsentation, da ist Feminismus, man konnte all das darin entdecken, nur befanden wir uns nicht in einem Theater. Es war erstaunlich, aber das sah postmoderner aus als alles auf dem eigentlichen Gebiet des Theaters." In diesem Moment sah er "die Verbindung von Mode und Ballettgeschichte. Ich verstand, wie interessant die Operation war, mit der die Voguing-Szene Modenschauen in Tänze verwandelte. Wir betrachteten Voguing, als wäre es Ballett. Gleichzeitig studierte ich den frühen postmodernen Tanz. Für mich war das ein und dasselbe."
Weitere Artikel: In der SZ unterhält sich Christiane Lutz mit Roswitha Quadflieg, Tochter des Schauspielers Will Quadflieg, über die Edition seiner Tagebücher, die gerade erschienen ist. nachtkritikerin Elena Philipp resümiert die "55. Woche des Slowenischen Dramas" in Kranj. Besprochen wird Charly Hübners Inszenierung von Tolstois "Krieg und Frieden" am Theater Magdeburg (nachtkritik).
Szene aus "Das letzte Jahr". Foto: Erich Goldmann Das Künstlerduo Signa steckt Jakob Hayner (Welt) bei den Wiener Festwochen in "Das Letzte Jahr" für sechs Stunden im Leibchen in die David Lynch-Version eines Pflegeheims, damit er sich auf sein "pflegebedürftiges Ich" und den Tod vorbereite; in Görlitz landet der Kritiker dank Daniel Morgenroths "Gatsby"-Inszenierung am Gerhart-Hauptmann-Theater in den 20ern. Danach muss er gestehen: Immersives Theater ist mehr als nur Unmittelbarkeits-Kult: So "werden in 'Das Letzte Jahr' echte Tränen vergossen, wohl mehr als bei den meisten anderen Theaterbesuchen. Für die Besucher gibt es zahlreiche Möglichkeiten zur seelischen Selbstentblößung, die dankbar angenommen werden. Was ermöglicht solche intimen Gefühlsausbrüche vor Fremden? Ist es gerade das strenge Korsett der zugewiesenen Rolle? Die geschlossene Künstlichkeit dieser todeslastigen Welt? Oder die Unmittelbarkeit des Erlebens, die die üblichen Kontrollinstanzen ausschaltet? Was im immersiven Theater erlebt wird, kann unter die Haut gehen - und zwar ohne Umwege über die Reflexion."
Szene aus "Richard III." Bild: Daniel Kaminsky Ebenfalls bei den Wiener Festwochen zeigte der israelische Regisseur Itay Tiran seine bereits vor dem 7. Oktober entstandene Inszenierung "Richard III.", die er von Anfang an als "eine Art Anklage gegen Netanjahu und dessen Verbündete" angelegte, wie Martin Lhotzky in der FAZ von Tiran erfährt: "Mittlerweile freilich sähe er den Premierminister im skrupellos intriganten Lord Buckingham, anfangs Verbündeter, dann aus besonders berechnenden Motiven Erzfeind von Richard, Duke of Gloucester, dem späteren König Richard, noch besser verkörpert."
Weitere Artikel: Die taz druckt die sehr persönlich Trauerrede, die Navid Kermani, enger Freund des im Alter von 76 Jahren gestorbenen Chefdramaturgen Carl Hegemann, zu dessen Beerdigung hielt. Peter Laudenbach gibt in der SZ ein Update zum Fall um den Intendanten des Hamburger Balletts, Demis Volpi, dem Mitglieder des Ensembles Machtmissbrauch vorwerfen (unsere Resümees): Die Hamburger Kulturverwaltung will jetzt eine "Gefährdungsbeurteilung" vornehmen, renommierte Ballett-Intendanten anderer Häuser sprechen gegenüber der SZ indes von einer "Hexenjagd", so Laudenbach.
Besprochen werden Giulia Giammonas Inszenierung von Leonora Carringtons Musiktheaterstück "Judith" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Nikolaus Habjans und Neville Tranters Puppentheaterstück "Schicklgruber" am Deutschen Theater in Berlin (nachtkritik,Welt) und die Internationalen Festspiele im norwegischen Bergen, die divers, aber ganz ohne "demonstrativen Aktivismus" auftreten, freut sich Jan Brachmann in der FAZ.
Peter Blaha verabschiedet sich in der FAZ von zwei Dirigenten, die die Wiener Häuser demnächst verlassen. Vor allem Philippe Jordan gibt in Lydia Steiers "Tannhäuser"-Inszenierung an der Staatsoper eine hervorragende Abschiedsvorstellung. Unterstützt wird er dabei von einer "sehr guten Besetzung, allen voran von Clay Hilley, der mit seinem imposanten Material und seiner ausdrucksstarken Stimme Tannhäusers Tragik hörbar machte. Und von wegen keuscher Elisabeth - Malin Byström machte als sinnliche Frau mit ihrem dunkel schattierten, glühenden Sopran der Liebesgöttin durchaus Konkurrenz. Szenisch wurde Venus stark aufgewertet: Sie erscheint Tannhäuser auch im zweiten Akt, und zwar immer dann, wenn sich seine Sängerkollegen mit ihren prüden Ansichten über die Liebe blamieren." Auch die Volksoper verliert einen Dirigenten, und zwar Omer Meir Wellber. Dessen Abschiedsvorstellung gerät weniger glücklich: Lotte de Beers Inszenierung des "Figaro" sorgt zwar "mit brachialer Komik (...) für einzelne Lacher, überspannt dabei zuletzt jedoch den Bogen."
Weitere Artikel: Leonard Haverkamp liest sich für nachtkritik durch diverse Regieanweisungen. An selber Stelle interviewt Elena Philipp die Schauspielerin Nele Stuhler und den Regisseur Fx Mayr, die gemeinsam das Sprechstück "Und oder" erarbeitet haben. In einem dritten nachtkritik-Text denkt Shirin Sojitrawalla über Theater im Fernsehen nach - eine gute Sache, findet sie. Alexander Menden besucht für die SZ das derzeit noch von Francis Hüser geleitete Theater Hagen, das demnächst eine Bühnenversion von Diane Foleys vielbeachtetem Selbstbericht "American Mother" auf die Bühne bringen wird: Geschrieben wird das Stück von niemand geringerem als Colum McCann, eine Wahl, mit der man auf der auch sonst die hochkulturellen Herausforderungen nicht scheuenden Bühne Mut und Ambition beweise.
Besprochen wird Benjamin Verdoncks Stück "All Before Death Is Life" bei den Wiener Festwochen (Standard, "Verdonck führt vor, wie er bei seiner Darstellung eines Scheiterns auf so gewinnende Art versagen kann, dass das Publikum in Rührung gerät und dabei weitgehend aufweicht").
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