Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2024 - Bühne

Nach einer "Romeo und Julia" und einer "Hamlet"-Inszenierung an nicht näher benannten deutschen Schauspielhäusern, ist Feridun Zaimoglu so wütend, dass er am liebsten in den Fundus einbrechen und die Kostüme zerschlitzen würde, wie er in einer schäumenden Suada in der Zeit bekennt: "…das alte Theater ist alt, das neue Theater ist tot, wie wird es weitergehen, mich ekelt vor dem Immergleichen, vor den immergleichen Geschichten der jungen Bourgeoisen ohne Eigenschaften, kein Geist, keine Seele, nur ein blödes Zeugs, kleines Glück, blöde Grimassen, keine Gefühlsregung wirklich echt gespielt, …", ruft er und fordert: "Es braucht der Strenge. Es braucht des Erbarmens. Wir wollen die Avantgardekunst der Heutigen verabschieden, weil sie zum Hinterteil der Kultur geworden ist: Die Kultur sitzt gern auf diesem warmen Arsch. Die Geläufigkeit der Spieler beim Spielen und der Zuschauer beim Schauen muss abnehmen. Wir müssen auf unseren Sitzen abnehmen. Es muss möglich sein, die deutschen Geschichten unserer Zeit zu spielen, die Geschichte von Frauen und Männern mit guten Gesichtern."

Sowohl das Berliner Arbeits- als auch das Landesarbeitsgericht hatten die Kündigungen der beiden geschassten Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin Ralf Stabel und Gregor Seyffert für unwirksam erklärt. Beiden war von Eltern der Schüler unter anderem Gefährdung des Kindeswohls und Diskriminierung vorgeworfen worden (Unsere Resümees). Nach dem Scheitern der Senatsverwaltung vor Gericht sind auch die von zwei Expertengremien angefertigten Gutachten von der Webseite der Senatsverwaltung verschwunden, bemerkt Dorion Weickmann in der SZ und fragt, "wer die Missstände zu verantworten hat, die Expertenkommission und Clearingstelle 2020 dokumentiert haben. Festgehalten wurden in den Berichten Fälle von Bodyshaming, Mobbing, Gesundheitsschädigung, Verletzung der Fürsorge- und Aufsichtspflicht. Was bedeutet es, dass die Berichte aus dem Verkehr gezogen wurden? Soll die Frage der Verantwortung stillschweigend begraben werden? (…) Dafür kursiert in Berlin das Gerücht, eine West-Verschwörung wolle die traditionsreiche Ost-Ausbildungsstätte niedermachen. Was vollkommen irrwitzig ist und einzig dazu dient, die Zerrissenheit der Schule zwischen methodischer Vorwärtsbewegung und Stillstand zu übertünchen."

Besprochen werden die Performance "Titanic II" des Kollektivs Markus & Markus in der Bremer Schwankhalle (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2024 - Bühne

ANTHROPOLIS I: Prolog/Dionysos © Monika Rittershaus, 2023

Das "bedeutendste Theaterereignis der Saison" will FAZ-Autor Simon Strauß am Hamburger Schauspielhaus erlebt haben. Zur Aufführung kam Karin Beiers Antiken-Penthalogie, ein Kraftakt des Erzähltheaters, gegen den, findet Strauß, die diskurs- und moralseelige Konkurrenz aus Zürich, München und Berlin alt ausschaut. Hier hingegen, wird wieder in die Hände gespuckt: "Die Aufführungen beginnen stets mit körperlicher Arbeit. Im Regen schaufeln die Bewohner Thebens Mulch auf einen Haufen. Verausgaben sich, um eine erste Ordnung zu schaffen. (...) Ein bisschen wirken diese schweißtreibenden Arbeitseinsätze zu Beginn jeder Aufführung aber auch wie autogene Trainingseinheiten, um die Gewichte der Gegenwart abzutragen. Sich durch die physische Anstrengung von allzu leichtfertigen Transformationsgedanken zu entledigen, es sich ein bisschen schwerer zu machen mit dem Verhältnis von Mythos und Moderne."

Warum hat es so lange gedauert, bis Leoš Janáceks Opern als die Meisterwerke anerkannt wurden, die sie sind? Judith von Sternburg kann sich das in der FR nicht erklären, schon gar nicht angesichts einer grandiosen, von Tatjana Gürbaca verantworteten Aufführung seiner "Jenufa" am Theater Duisburg. Ein Abend, an dem "die Emotionen so hochschwappen, dass Rosie Aldridge in einigen Momenten das Singen sein lässt und brüllt. Es ist ungeheuerlich. Aldridge kommt der übergroßen Partie der Küsterin mit ebensolcher Wucht bei wie die Titelheldin, Jacquelin Wagner, zwei Sängerinnen mit Kraftreserven und dem Mut, alles reinzuwerfen in eine solche Unternehmung. Die Küsterin muss und darf sich vielleicht immer noch etwas mehr die Seele aus dem Leib singen, und Aldridges Mezzo leistet das überbordend, ist Jenufas Stiefmutter doch das tragische Zentrum des Geschehens."

Besprochen werden das Solo-Stück "The Importance of Being Erna" am Staatstheater Darmstadt (FR), Raphael Bardutzkys "Das Licht der Welt" am Wiender Burgtheater (Standard), Pedro Calderón de la Barcas "Das Leben ein Traum" am Hamburger Thalia-Theater (taz Nord) und eine Doppelaufführung von Arnold Schönbergs "Erwartung" und Ethel Smyth' "Der Wald" an der Oper Wuppertal (van).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2024 - Bühne

Szene aus "Çirkin" © Salih Üstündağ

In "theatrale Parallel- und Gegenwelten" wurde Nachtkritikerin Esther Slevogt beim großen Theaterfestival in Istanbul hinein gezogen, das während der heißen Phase des Kommunalwahlkampfs stattfand. Hier zeigt eine junge, freie Theaterszene, was sie alles zu bieten hat. Entführt wird Slevogt bei Güray Dinçols Inszenierung von Firuze Engin Stück "Çirkin" ("Freak")  beispielsweise: "In die Welt von Şiva und dem Huhn, das seit Jahrtausenden an Şivas Seite in einer mythischen Zwischenwelt lebt: Wie die hexenhafte Şiva selbst ist das Huhn zur Unsterblichkeit verdammt - also auch zu ewigem quälenden Stillstand. Schon gleich nachdem dieses menschengroße und absonderliche Wesen sich aus seinem Felsennest erhoben hat, beklagt das Huhn diverse fehlgeschlagene Versuche, sich umzubringen, um endlich sterben zu können. Und wendet es sich in dieser Sache hilfesuchend auch gleich ans Publikum. 'Ach, Sie sehen wie ein netter Mensch aus. Könnten Sie mich vielleicht erwürgen!?'"

Weiteres: Die Theater des Londoner West Ends holen sich bekannte Fernsehstars auf die Bühne, berichtet Eva Lapido in der FAZ. Besprochen werden Dagmar Schlingmanns Inszenierung von Georg Friedrich Haas' Oper "Koma" am Staatstheater Braunschweig (taz), Joanna Pramls Bearbeitung von Shakespears "Romeo und Julia" am Staatstheater Nürnberg (nachtkritik), Rahel Thiels Inszenierung der Lortzing-Oper "Hans Sachs" an der Komischen Oper Leipzig (FAZ) und Eike Weinreichs Inszenierung von Viktor Jerofejews "Der große Gopnik" am Theater Freiburg (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2024 - Bühne

"Der große Gopnik" am Theater Freiburg. Foto: Laura Nickel.

Begeistert schildert Kerstin Holm in der FAZ Eike Weinreichs Inszenierung von Viktor Jerofejews "Der große Gopnik" am Theater Freiburg. Jerofejew selbst hat seinen russlandkritischen Roman in ein Bühnenstück umgewandelt, weiß Holm. Weinreich erzählt die Geschichte vom Aufstieg eines Hinterhof-Schlägers zum Chef der Republik hier als eine "Revue der Grenzüberschreitungen in den erogenen Zonen von Kultur und Macht", so die Kritikerin. Ein Glücksgriff ist Martin Hohner als großer Gopnik, schwärmt sie, der ihr denkwürdige Szenen beschert: "Während auf mit Theatertoten übersäten und durch blutrote Videos erleuchtete Treppenstufen eine Ärztin ihm von Schwangeren berichtet, die durch den Beschuss verstümmelt wurden oder ihr Kind verloren, wehrt sich Hohner, indem er ihr entgegnet, die ukrainischen Nazis hätten sich selber beschossen, und die Feindpropaganda würde Russland neuerdings mit toten Kindern bekriegen, wobei er in putinesker Kleinganovenmanier den Hals reckt und die Lippen vorschiebt. Das leblos daliegende Ensemble, das der Gopnik später aufschichtet und umformt, das durch Gesichtsstrümpfe zur anonymen Masse verschmilzt oder hinter ihm herkriecht, ist der Refrain des Krieges."

Björn Hayer ist in der taz ebenfalls rundum überzeugt: "Fulminant und bildstark erfüllt diese stringente Komposition, was Kunst seit jeher antreibt: falschen Autoritäten, in diesem Fall einer der schlimmsten, mit Widerstand zu begegnen." Nachtkritikerin Valeria Heintges kann die Begeisterung nicht teilen: dieser "komplizierte Umtopfungsversuch" ist leider zu statisch geraten, findet sie, und auf die Frage, warum der Diktator Gopnik immer noch vom Volk geliebt wird, erhält sie nicht die Spur einer Antwort.

Axel Brüggemann bringt das neue Magazin backstage classical heraus: Im Interview mit Brüggemann schildert Peter Gelb, Intendant der Metropolitan Opera, die Krise der Opern- und Konzerthäuser in den USA, die auch bald nach Europa kommen könnte und erklärt, wie man wieder mehr Verbindung zum Publikum schaffen kann: "Die Leute, die heute leben, müssen die Bedeutung der Oper für ihr Leben wieder entdecken.  Sie müssen merken, dass die Oper sich einmischt. Wir haben gesehen, dass ein Stück wie "Dead Man Walking" durchaus viele Leute angesprochen hat. Die Oper handelt von der Todesstrafe - das bewegt die Leute in den USA. Die Wirkung auf das Publikum war mit Händen zu greifen. Und wir haben bewusst den Bogen in die Wirklichkeit geschlagen, indem das gesamte Ensemble zwei Tage nach der Aufführung in ein Hochsicherheitsgefängnis bei New York gegangen ist."

Weiteres: Im Tagesspiegel fordert Nikolaus Bernau ein Theatermuseum für Berlin und erinnert an die Theaterhistorikerin Ruth Freydank.

Besprochen werden Lisbeth Colthofs Inszenierung von Akın Emanuel Şipals Stück "Das Pommes-Paradies" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Johanna Schalls Adaption von Ágota Kristofs Buch "Das große Heft" am Theater der Altmark Stendal (nachtkritik), Christoph Roos Inszenierung von "Eine Volksfeindin" nach Henrik Ibsen am Theater Mönchengladbach (nachtkritik), Hendrik Müllers Inszenierung der Puccini-Oper "Madama Butterfly" am Staatstheater Meiningen (nmz), Adel Abdessemeds Inszenierung und Gestaltung von Messiaens "Saint François d'Assise" im Grand-Théatre de Genève (nmz), die Choreografie "Bird Dances" von Kareth Schaffer in den Sophiensælen in Berlin (taz), Francesco Lanzillottas Inszenierung von Bellinis "La somnambula" an der Oper Rom (SZ) und Choreografien von Saburo Teshigawara am Theater Basel (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.04.2024 - Bühne

In der SZ fragt sich Egbert Tholl, wann Bayerns Kunstminister Markus Blume endlich entscheiden will, ob die Verträge von Staatsintendant Serge Dorny und Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski (beide an der Bayerischen Staatsoper) verlängert werden. Tholl wünschte sich, beide würden bleiben, damit die Zukunft der Staatsoper "nicht die eines Mausoleum" wird. Iris Laufenberg, Intendantin des Deutschen Theaters in Berlin, kann sich laut Ulrich Seidler (BlZ) das Defizit des DT von 2,5 Millionen Euro nur durch die allgemeinen Preissteigerungen und Verträge mit den Freien erklären.

Besprochen werden Claudia Bauers Inszenierung von Selina Fillingers feministischer Farce "Die Schattenpräsidentinnen" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik, SZ), Joana Tischkaus "Last Night a Dj Took My Life" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik), Olivier Messiaens Mysterienspiel "Saint François d'Assise" mit einem phänomenalen Bühnenbild des auch inszenierenden Künstlers Adel Abdessemed an der Oper Genf (nmz), Puccinis "La Rondine" an der Volksoper Wien (Standard), "Ex und Hopp(s)", ein Theaterstück von Hospizarbeitern in Berlin (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.04.2024 - Bühne

"Last Night a DJ Took My Life" im Schauspielhaus Zürich. Foto: Zoé Aubry.

Ueli Bernays war für die NZZ im Schauspielhaus Zürich und ist mit dem Musical "Last Night A DJ Took My Life" in die Tiefen des Eurodance abgetaucht - und in Leben und Karriere von Lori Glori, die hier nicht nur eigene Erfahrungen aufarbeitet, sondern auch gleich die Hauptrolle übernimmt: Das Musical wird "als Lehrstück dafür gezeigt, wie sich mittelmäßige europäische Musiker und Produzenten an afroamerikanischer Kunst vergreifen und dabei nicht nur Urheberrechte verletzten, sondern auch die Würde der Künstlerinnen und Künstler. In einer fiktiven, etwas langatmigen TV-Sendung wird über das Thema diskutiert. Irgendwann wird auch ein Dreigestirn des Bösen bemüht - Patriarchat, Rassismus, Sexismus -, um das Unrecht begrifflich zu fixieren. Eindrücklicher aber als die Moral von der Geschichte sind in 'Last Night a DJ Took My Life' gleichwohl die bunten Klamotten, die Persiflage von Ravern und Produzenten. Und last, but not least die beherzte Stimme von Lori Glori." Nachtkritiker Luca Koch weiß darüber hinaus: "Lori Glori erklimmt in verschiedenen Projekten die Charts, doch die hinterlistige Musikindustrie wird ihr zum Verhängnis. Für den Schweizer Produzenten DJ Bobo singt sie die Melodien zu seinen größten Hits im Studio ein (...). Trotz des Millionenerfolgs der Songs wird Lori Glori nie daran beteiligt, selbst ihre namentliche Nennung muss sie sich erkämpfen." Er resümiert: "Eine Produktion, die lachend und nachdenklich stimmt und eine bemerkenswerte Musikerin porträtiert."

Weiteres: Die Berliner Zeitung berichtet über ein gigantisches Haushaltsloch am Deutschen Theater, für das sich keiner verantwortlich fühlen möchte. Die FR spürt der Uraufführung von Goethes "Götz von Berlichingen" vor nun 250 Jahren nach.

Besprochen wird: Puccinis "La Rondine" an der Volksoper Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.04.2024 - Bühne

Seit zehn Jahren leitet der in Berlin lebende Israeli Ohad Ben-Ari das deutsch-israelische ID-Festival im Radialsystem, nach dieser siebten Ausgabe soll Schluss sein, weil die Förderung des Bundes ausläuft, berichtet Patrick Wildermann im Tagesspiegel kopfschüttelnd: "Braucht es nicht gegenwärtig mehr denn je solche Begegnungsmöglichkeiten?" Dazu kommt "Festivalarbeit unter erschwerten Bedingungen", weil "im Kulturbetrieb inzwischen oft die Schnappatmung einsetzt, wenn nur der Begriff Israel fällt". Es hat nach dem 7. Oktobe auch "Absagen von Künstlerinnen und Künstler für das Festival gegeben, 'nicht alle wollen unter dem Titel Israel performen, schade, aber ich habe Verständnis dafür', sagt Ben-Ari, der sein Festival ausdrücklich als Plattform auch für kritische Stimmen begreift, 'für jeden Diskurs, der nicht Hassrede ist'. Eine Offenheit, die sich auch im Programm des ID Festivals #7 spiegelt. Unter anderem ist das Jaffa Theater zu Gast, mit dem Stück 'Shampoo Queen' des Dramatikers Hanoch Levin, gespielt ausschließlich von arabischen Israelis. 'Shampoo Queen' war in den 70ern ein Skandal in Israel, weil das Stück die Selbstgefälligkeit einer Gesellschaft im Siegesrausch nach dem Sechstagekrieg aufs Korn nahm."

Triggerwarnungen, wie sie die New Yorker Metropolitan Oper auf ihrer Webseite Puccini-Opern voranstellt, musste Manuel Brug in der Welt bisher zum Glück selten sehen. Aber schon, dass Damiano Michielettos Londoner "Carmen" als "free spirit", also "komplett gypsy-frei", erscheint, reicht ihm. Und wenn er dann noch in den ersten Band der Online-Edition "Critical Classics" des Wuppertaler Ex-Opernintendanten Berthold Schneider schaut, schwant ihm für die Zukunft nichts Gutes: Der möchte nämlich Mozarts "Zauberflöte" einen "Radikalfacelift in Gestalt eines achtsam adaptierten Librettos verpassen. Das Männerbündische der Sarastro-Weisheitstempelwelt kann weg, ebenso der schwarze Bösewicht Monostatos ('Und ich soll die Liebe meiden, weil ein Schwarzer hässlich ist?') über den der einfache Vogelfänger Papageno freilich weiß: 'Es gibt ja schwarze Vögel in der Welt, warum denn nicht auch schwarze Menschen?' Toleranz anno 1791. Heutigen Gutmenschen langt das nicht. Die verlangen 'sensitive reading' gegen potenzielle Diskriminierung und illegitime kulturelle Aneignung. Schneider sieht in der als alte Frau verkleideten, dabei selbstbewussten Papagena Sexismus und Altersdiskriminierung. Ihm fehlt eine sie Tamino gleichstellende Liebesarie der Pamina. Und im Duett zwischen Pamina und Papageno, 'Bei Männern, welche Liebe fühlen', tauche das herabsetzende Wort 'Weib' auf, zudem würden hier nur heterosexuelle Gefühle besungen."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel wirft Frederik Hanssen einen Blicks ins Programm der kommenden Saison an der Deutschen Oper Berlin, das mit Neuinszenierungen von Verdi, Weill und Strauss und einer Uraufführung von Rebecca Saunders aufwartet. In der SZ berichtet Christine Lutz vom Wasserschaden am Berliner Ensemble: Eine Sprinkleranlage war plötzlich losgegangen, in kurzer Zeit stand der Bühnenraum unter Wasser. Nicht der erste Fall, wie Lutz mit Blick auf ähnliche Fälle in München, Heidelberg, Hof, Görlitz, Duisburg und Bochum weiß. Sind überzogene Brandschutzmaßnahmen schuld? "Alles, was auf der Bühne Feuer ist oder nach Feuer aussieht, muss … von der Feuerwehr abgenommen werden, die auch bei jeder Vorstellung dabei ist. Darf auf der Bühne geraucht werden? Wenn ja, wo und wie viele Zigaretten? Für das Entfachen eines Feuers ist dann ausschließlich ein Requisitenmitarbeiter mit Pyroschein zuständig."

Besprochen werden Hakan Savaș Micans Inszenierung von Dinçer Güçyeters Roman "Unser Deutschlandmärchen" am Berliner Gorki-Theater (taz, mehr hier und hier) und Clara Weydes Inszenierung von Kafkas "Die Verwandlung" am Schauspielhaus Hannover (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.04.2024 - Bühne

Sesede Terziyan in "Unser Deutschlandmärchen", Gorki Theater Berlin. © Ute Langkafel MAIFOTO

"Das 'postmigrantische Theater' hat endlich wieder einen Hit", freut sich Jakob Hayner in der Welt. Und zwar zeigt das Berliner Gorki Theater eine Bühnenfassung des autofiktionalen Romans "Unser Deutschlandmärchen", für den Dinçer Güçyeter letztes Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hatte. Der Regisseur Hakan Savaș Mican "und seinem Ensemble haben aus dem Buch einen witzigen und berührenden Abend gemacht, der vom Premierenpublikum minutenlang mit stehendem Applaus gefeiert wird. (...) 'Unser Deutschlandmärchen' verlässt sich darauf, das Publikum mit einer guten Erzählung zu begeistern, anstatt mit politisch halbgaren Botschaften abzuspeisen. Und in Zeiten, in denen wieder der persönliche Verzicht fürs große Ganze gepredigt wird, erinnert der Popschlachtruf 'I want more' daran, dass manche immer schon verzichten mussten."

Weitere Artikel: Clemens Haustein beleuchtet in der FAZ das Erbe des Komponisten und Dirigenten Alexander Zemlinsky, der in den 1910er und 1920er Jahren in Prag tätig war, sowohl am Neuen Deutschen Theater als auch an der Staatsoper. Lilli Uhrmacher spricht in der taz Nord mit Libuše Černá, Leiterin des Bremer Kulturfestivals "So macht man Frühling" über ein Gastspiel des tschechischen "Husa Na Provázku"-Theaters. Michael Kube sucht auf nmz nach "Verbindungslinien zwischen Bach, Mozart und der 'Zauberflöte'". Tilman Krause bespricht für die Welt eine neue Dürer-Biografie.

Besprochen werden die Kinderoper "Hamed und Sherifa" am Theater an der Wien (Standard) und Antonio Salieris "Kublai Khan" am Musiktheater an der Wien (NZZ; "das Publikum gähnt").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2024 - Bühne

"Erwartung/Der Wald" an der Oper Wuppertal. Foto: Börn Hickmann.

Um "toxische Weiblichkeit" geht es in einer für FAZ-Kritiker Jan Brachmann sehr reizvollen Stück-Kombination an der Oper Wuppertal. Manuel Schmitt hat "Erwartung" von Arnold Schönberg mit "Der Wald" von Ethel Smyth zusammengebracht. Und das funktioniert, freut sich Brachmann: "Edith Grossman bietet als Jolanthe die vibrierende Sinnlichkeit einer Wagner-Venus auf. So monströs diese Frau auch sein mag (immerhin hat Smyth hier, womöglich in emanzipatorischer Absicht, eine Figur toxischer Weiblichkeit ersonnen, die wie Don Giovanni hierarchischen Sex erzwingen will, also eine Vergewaltigerin), so verströmt sie doch vokal nichts als Zauber und Glück. Sehr angenehm fallen die warmen, biegsamen Stimmen von Samueol Park als Landgraf Rudolf, Zachary Wilson als Hausierer und Erik Rousi als Peter auf."

Außerdem: Die Berliner Zeitung gibt mit dpa Updates zum Wasserschaden am Berliner Ensemble.

Besprochen werden Hakan Savaş Micans Adaption von Dinçer Güçyeters Roman "Unser Deutschlandmärchen" am Maxim Gorki Theater Berlin (SZ), Alexandra Liedtkes Inszenierung von Tschechows Stück "Der Kirschgarten" am Salzburger Landestheater (nachtkritik), David Böschs Inszenierung von Grigori Frids "Das Tagebuch der Anne Frank" an der Staatsoper Hamburg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.04.2024 - Bühne

"Unser Deutschlandmärchen" am Gorki Theater Berlin. © Ute Langkafel MAIFOTO.

Regelrecht vom "Theatersitz" gehauen wird Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl von Hakan Savaş Micans Adaption von "Unser Deutschlandmärchen" am Maxim Gorki Theater Berlin. Mit viel Gefühl inszeniert Mican den biografisch geprägten Debütroman von Dinçer Güçyeter, freut sich Wahl. Der gleichnamige Protagonist verhandelt hier das Verhältnis zu seiner Mutter, die als Gastarbeiterin nach Deutschland kam und ihr Leben lang zwischen Fabrikarbeit und Familie hin-und her hetzte, in einem humorigen wie hochemotionalen Dialog, so die Kritikerin: "In bester Pathosvermeidungsmanier transportieren Mutter und Sohn - eine hervorragende Regieidee - das Wesentliche ihrer Gefühlshaushalte musikalisch über die Rampe: Fatma intoniert wunderbar elegische türkische Lieder, Dinçer performt sich durchs westliche Rock- und Pop-Repertoire seiner Generation. Dazu spielt live eine fünfköpfige Band, die den Mutter- und den Sohnes-Kosmos stilistisch wie instrumental erstklassig zu verbinden weiß." Auch Nachtkritikerin Elena Philipp ist angetan: "Der Regisseur holt den Witz von Güçyeters Mutter-Sohn-Geschichte unter dem Schleier der Melancholie hervor. Darüber hinaus behandelt Mican die Vorlage behutsam und montiert geschickt."

Besprochen werden Adewale Teodros Adebisis Inszenierung von Amanda Wilkins Historiendrama "Die Bridgetower-Sonate" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik), Luise Voigts Adaption von Sheridan Le Fanu Buch "Carmilla. Eine steirische Vampir-Satire" am Schauspielhaus Graz (nachtkritik), Jessica Glauses Inszenierung von "Café Schindler" nach Meriel Schindlers biografischer Recherche ihrer Familiengeschichte am Tiroler Landestheater in Innsbruck (nachtkritik), Krzysztof Minkowskis Inszenierung von Jean Paul Sartres Stück "Die schmutzigen Hände" am Volkstheater Rostock (nachtkritik), Frank Hoffmanns Inszenierung von Albert Ostermeiers Stück "Stahltier" am Renaissance-Theater in Berlin (FAZ), Chris Jägers Tanzstück "Daddy Shot My Rabbit" am Staatstheater Darmstadt (FR), Markus Trabuschs Inszenierung von Christoph Ehrenfellners Oper "Karl und Anna" am Frankentheater Würzburg (FR), Sebastian Baumgartens Inszenierung von Roman Haubenstock-Ramatis Oper "Amerika" an der Oper Zürich (nmz) und das Verdi-Pasticcio "Revoluzioni e Notalgia", inszeniert von Krystian Lada an der Brüsseler La-Monnai Oper (nmz), Helge Schmidts Inszenierung des Rechercheprojekts "Hafenstraße" zum Brand in einer Asylunterkunft am Theater Lübeck (taz), Nora Abdel-Maksouds Inszenierung von "Doping" an den Kammerspielen in München (SZ),  und Martin G. Bergers Inszenierung der Salieri-Oper "Cublai, gran kan de' Tartari" im Theater an der Wien (FAZ, tsp).