"Ich werde Dich immer lieben", schreibt Fabian Hinrichs, der zuletzt mit Rene Pollesch das Stück "ja nichts ist ok" für die Volksbühne erarbeitete, in einem sehr persönlichen Nachruf im Spiegel und in der nachtkritik an seinen engen Vertrauten. Vor allem aber rechnet er mit dessen Nachrufern ab: "Wenn ich manche dieser Echos, dieser Rufe lese, kann ich nicht anders, als an den Hass zu denken, den teilweise dieselben Leute, die jetzt pseudobetroffen in ihre Tastatur weinen, in den letzten zweieinhalb Jahren über ihn ausgegossen haben. Es lief nicht immer rund in der Zeit seiner Intendanz - der Bruch der Pandemie, das mediale Verlangen nach bleischweren Antworten statt politischer Poetologie -, aber selbst dann, selbst dann gab es doch immer wieder Stücke, die eine große Kraft besaßen. Wo sonst bitte, wo bitte sonst hat man auch nur eines solcher Stücke überhaupt gefunden in Deutschland, Österreich, Schweiz? Eine solche künstlerische Freiheit im Geiste und im Tun? Dieser Hass ging ihm zu Herzen. Das könnt ihr wörtlich nehmen."
Weitere Artikel: Für die FAZ hat sich Irene Bazinger mit Viktor Bodos Inszenierung von Felicia Zellers an Gogol angelehntes Stück "Die gläserne Stadt" am Hamburger Schauspielhaus und Nino Haratischwilis Inszenierung "Penthiselea - Ein Requiem" im Deutschen Theater in Dresden gleich zwei Stücke angesehen, die sich im weitesten Sinne mit Korruption in der Oberschicht beschäftigen. Aber es ist vor allem Zelles "grandios verrückte", im Hamburger "Reiche-Leute-Gaunermilieu" angesiedelte Geschichte, die Bazinger einfach umhaut.
Besprochen werden Oliver Reeses Inszenierung von Marius von Mayenburgs Stück "Ellen Babic" am Berliner Ensemble ("schlicht und einfach gut gemachtes Theater", meint Jakob Hayner in der Welt), Torstein Aagaard-Nilsens Inszenierung von Henrik Ibsens Operneinakter "Gespenster" am Staatstheater Meiningen (FAZ) und Simone Geiers Inszenierung "Meine Hölle / Моє пекло" von Oksana Savchenko im Theater Heidelberg (taz).
Rene Pollesch bei einem Abend im Literaturforum im Brechthaus. Bild: Filmausschnitt "Ja nichts ist okay" (titeln sowohl die FR als auch die SZ): Alles dreht sich auch heute (unser gestriges Resümee) in den heutigen Feuilletons um den unerwarteten Tod des am Montag verstorbenen René Pollesch. In der SZ erinnert ein ganzer Reigen von Freunden, Kollegen und Bewunderern an den Theatermacher. Zum Beispiel die Schauspielerin Birgit Minichmayr: "Ach. Du hast auf deine einmalige Weise dem Theater seine Fesseln gesprengt, den Spielern und Spielerinnen eine Freiheit, eine Mündigkeit zurückgegeben, hast mich immer in Mark und Bein erwischt und mich dabei so zärtlichst geküsst, wie nur du es konntest. Du warst immer so akut in allem, so Gegenwart, so da. Jetzt nicht mehr. Das ist kaum auszuhalten. Kaum zu ertragen. Ach."
Jürgen Kaube beschäftigt sich in der FAZ mit Polleschs Ästhetik einer abgründigen Komik: "Den komischen Eindruck, den diese von Pointen unterbrochenen Kommunikationsdesaster und Reflexionsabstürze machten, die er auf die Bühne brachte, begleitete mitunter der Vorbehalt, ob er selbst es überhaupt witzig meinte oder nicht vielmehr ganz ernst, ganz traurig. 'Wenn es wirklich um Gefühle ginge in diesen Körpern, dann würden wir uns mit den Gefühlsgeschichten nicht zufriedengeben.' Die endlose Suada, in der Phrasen über den Neoliberalismus nur zwei Sätze entfernt sind von solchen über Paarprobleme - 'Immer wenn es klingelt, ist es Lieferando und nicht du' -, die wiederum zur Bankenkrise hinführen oder zu angerissenen Gedanken über die Schauspielerei, entsprang einer Formentscheidung. Es gibt keine Handlung bei Pollesch, die Spieler verkörpern keine festen Rollen, sie haben keine Sprache, die Sprache hat sie."
Katrin Bettina Müller betont in der taz Polleschs Arbeit mit Schauspielern. Mit diesen "diskutierte er die Thesen, sie waren seine brothers and sisters in crime, seine Mitautoren, die mit dem eigenen Körper durchlebten, was allgemein schieflief. Sophie Rois, Kathrin Angerer, Caroline Peters, Martin Wuttke, Fabian Hinrichs entwickelten mit ihm die Texte auf den Proben. Und sie machten das in seiner Regie mit einer Virtuosität und einem Timing, das die Anstrengung des Publikums, den diskursiven Schlaufen zu folgen, immer mit Glamour, mit Bewunderung für die schauspielerische Leistung und Erheiterung verband. Erheiterung darüber, wie die Schauspieler die Klippen der Theorie in sprachlichen Slapstick verwandelten. So war René Pollesch zwar bekannt dafür, viele unausgesprochene Regeln des Theaters zu hinterfragen und damit überhaupt erst sichtbar zu machen. Aber er verzichtete eben nicht darauf, die Schauspieler leuchten zu lassen. Dafür wurde er geliebt." Auch Milo Rau erinnert sich in der taz an seinen Weggefährten.
Weitere Nachrufe in der FR von Ulrich Seidler ("Man möchte so 'Scheiße!' schreien können wie die Figuren in seinen frühen Stücken."), auf Zeit Onlinevon Peter Kümmel, auf cargovon Matthias Dell ("Ich kenne drei Menschen, die in Kill your Darlings waren und, bei allem Unterhaltenwordensein, danach auf je verschiedene Weise gedacht haben, dass sie ihr Leben oder zumindest etwas daran ändern müssen: 'Das reicht doch nicht, da fehlt etwas.'"), in der NZZvon Bernd Noack, im Tagesspiegel von Rüdiger Schaper, in der Welt von Jakob Hayner, auf monopolvon Tobi Müller, auf Spiegel Onlinevon Wolfgang Höbel und von der nachtkritik-Redaktion. Auf Zeit Onlinelassen mehrere Autoren Pollesch-Lieblingsabende Revue passieren.
Ein weiterer Nachruf: In der tazgedenkt Sabine Seifert ihres ehemaligen Kollegen und Opernkritikers Niklaus Hablützel. Robert Matthies unterhält sich für die taz mit der Regisseurin Marga Koop über ihre Inszenierung von Ben Yishais Stück "Liebe/ Eine argumentative Übung", das im Oldenburger Theater Wrede + zu sehen ist. Michael Wurmitzer berichtet im Standard über Machtmissbrauchsvorwürfe gegen die Theaterregisseure Paulus Manker und den Fernsehregisseur Julian Pölsler.
Besprochen werden Oliver Reeses Inszenerung von Marius Mayenburgs "Elen Babic" am Berliner Ensemble (FAZ), Armin Petras' Inszenierung von Serhij Zhadans Roman "Vorošilovhrad" am Theater Bremen (taz Nord), Valerie Voigts "So forsch, so furchtlos" im Wiener Theater Drachengasse (Standard), Sara Ostertags "Tom auf dem Lande" am Linzer Landestheater (Standard), die Tanzperformance "Seasons in Dance" im NTM Tanzhaus in Mannheim (FR) und "Beta" an der Deutschen Oper Berlin, ein Versuch in investigativem Musiktheater (SZ).
Die Feuilletons trauern um René Pollesch: Der Autor, Regisseur und Intendant ist gestern morgen völlig unerwartet verstorben: Ein "typischer Indentant war er nie", schreibt Simon Strauss in der FAZ: "Pollesch war als Theaterautor in erster Linie ein fulminanter Abbrecher von Dialogen und Sinnzusammenhängen. Kein Mann der Ausdeutungen und Schlusserklärungen. Viel eher liebte er das boulevardeske Ungefähr, das Überblenden von Gesellschaftsspiel und Gesellschaftstheorie." Ulrich Seidler betont in der Berliner Zeitung, die Schwierigkeiten, denen sich Pollesch immer wieder ausgesetzt sah: "Wenn man ihn traf, ob mitten im Flow oder im tiefsten Schlamassel, lächelte er einen an und wollte wissen, was man zu sagen hatte. Er schien wirklich interessiert an dem, was andere dachten und sahen und vielleicht zu wissen glaubten. Er ging davon aus, dass alle so klug und so wohlgesonnen waren wie er. Dabei hat er in seiner Laufbahn mit heftigsten Widerständen und mit Zweifeln kämpfen müssen. Schon als er 2001 an der Volksbühne anfing, traf er bei der Belegschaft und bei dem eher desinteressierten Intendanten des Hauses auf eine Wand der gepflegten Vorurteile. Wen hat denn die Dramaturgie da wieder angeschleppt? Einen aus dem Westen und aus Gießen zumal, der Kaderschmiede der selbstbezogenen und abgehobenen Postdramatik."
In der SZ erinnert Peter Laudenbach an Polleschs Fähigkeit, Unterhaltung und Gesellschaftskritik zu verbinden: "René Pollesch hat in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten mit verblüffender Leichtigkeit und innerer Unabhängigkeit vorgeführt, dass Theater gleichzeitig extrem unterhaltsam und auf der Höhe avancierter soziologischer Debatten sein kann. Das war schauspielerisch virtuos, umwerfend lässig, fast immer überraschend und nie langweilig, schon weil in Polleschs Stücken pro Minute mehr interessante Gedanken aufblitzten als woanders in der ganzen Spielzeit: Kapitalismuskritik mit Spaß und Entertainment-Raffinesse."
Mehr bei Nachtkritik, wo wir auch ein Video finden, in dem Pollesch über sein Theater spricht:
Das Märchen hat es schwer auf deutschen Bühnen, seufzt FAZ-Kritiker Jan Brachmann: "Aus Dvořáks Nixe Rusalka wird verlässlich eine Nutte gemacht, Hänsel und Gretel werden entweder im Kinderheim missbraucht oder durch den Kapitalismus zum hemmungslosen Konsum auf Kosten gesunder Wälder verführt." Um so schöner, dass Alexander Zemlinskys Oper "Der Traumgörge" in der Inszenierung von Tilmann Köhler an der Oper Frankfurt ein Märchen bleiben darf, wenn auch eines für Erwachsene, freut sich der Kritiker: "Köhlers Inszenierung kommt das sagenhaft schöne Licht von Jan Hartmann zur Hilfe. Die Bühne von Karoly Risz ... wird von Hartmann immer neu ausgeleuchtet: warm und weit in den Momenten des Friedens, grell und eng bei drohender Gewalt, mit flimmernd tanzenden Flecken an der Decke beim Lauschen auf das Rauschen des Baches, dessen spiegelndes Wasser die Flöten des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters unter der Leitung von Markus Poschner so verlockend und unheimlich zugleich malen wie in den späten Märchen von Antonín Dvořák. Gleich im ersten Akt, wenn Görge seiner Grete wider besseres Wissen doch noch einmal ein Märchen erzählt, wirft das Licht beider Schattenrisse groß an die Wand: eine Hommage an die Scherenschnitt-Märchenfilme von Lotte Reiniger. Die ganze Inszenierung ist ein Lichtgedicht."
AJ Glueckert (Görge) und Magdalena Hinterdobler (Grete). Foto: Barbara Aumüller Auch Judith von Sternburg ist in der FR gänzlich überzeugt von dieser "zarten, dezenten" Inszenierung. Christoph Becher hebt in der nmz vor allem die Musik hervor: "die nach-wagnerische Harmonik irrlichtert, süße Gesänge schlagen blitzschnell in gezackte Linien um, ein gutes Dutzend Leitmotive wird in zahllosen Varianten immer wieder neu beleuchtet, eine schöner als die andere."
Weiteres: Torben Ibs berichtet in der taz von der 16. Tanzplattform in Freiburg, die auf Diversität setzte.
Besprochen werden außerdem Felicia Zellers Stück "Die gläserne Stadt" am Hamburger Schauspielhaus (SZ), Oliver Reeses Inszenierung von Marius von Mayenburgs Stück "Ellen Babic" am Berliner Ensemble (SZ), Sandra Cerviks Inszenierung von Yasmina Rezas Stück "James Brown trug Lockenwickler" am St. Pauli Theater in Hamburg (taz) und Stefan Bachmanns Inszenierung von Akin Emanuel Şipals "Traum vom Osmanischen Reich" am Schauspiel Köln (FAZ).
Szene aus "Der große Wind der Zeit" am Schauspiel Stuttgart. Foto: Katrin Ribbe. Kann man seine Feinde lieben, fragt sich Nachtkritiker Steffen Becker während der Aufführung "Der große Wind der Zeit" am Schauspiel Stuttgart. Der Mehrgenerationenroman von Joshua Sobol über die Geschichte Israel und Palästinas, hier inszeniert von Stephan Kimmig, dreht sich um die Verhörspezialistin Libby, die nach ihrem Ausstieg aus der Armee das Tagebuch ihrer Großmutter findet und in deren Leben eintaucht. Dabei durchmisst der Roman einhundert Jahre Nahostkonflikt und Hoffnung auf eine mögliche Lösung: "Regisseur Stephan Kimmig konzentriert seine Fassung stark auf den inneren Dialog Libbys mit Eva, durch die Zeit und die von Sobol aufgefächerte Geschichte Israels hindurch. Die Bühne von Katja Haß bietet dafür den perfekten Rahmen, egal ob eine Szene 1933 in Berlin oder 2001 im Kibbuz spielt: Ein drehbarer Rohbau aus unverputztem Beton symbolisiert die rissige Vorläufigkeit der Existenzen als Kontinuum über alle Jahrzehnte hinweg." Leider verpasst die Inszenierung die Chance auf wirklich "zeitgenössisches Theater", bemerkt Becker, auf eine Aktualisierung der Handlung wird verzichtet, der 7. Oktober spielt hier keine Rolle - da wollte man den Konfliktwohl lieber vermeiden, meint Becker.
Auch FR-Kritikerin Judith von Sternburg ist vor allem betroffen, dass der Ruf nach Verständigung, der hier laut wird, in der gegenwärtigen Situation so ungehört verhallen muss: "Markerschütternd ist dieser Abend tatsächlich allein vor dem Hintergrund einer Realität, die den schlimmsten Befürchtungen im Text recht gibt. Und die jene dadurch nicht dümmer gewordene Utopie, dass man miteinander ebenso gut zurechtkommen könnte, auf eine sehr ferne Zukunft verschoben hat." In der tazbespricht Sabine Leucht das Stück.
Weiteres: Auf Welt Onlineporträtiert Jakob Hayner die Schauspielerin Lina Beckmann, die in Karin Beiers "Anthropolis"-Projekt am Deutschen Schauspielhaus Hamburg zu sehen ist.
Besprochen werden außerdem Julien Chavaz' Inszenierung von seinem und Bastian Lomschés Stück "Hojotoho! Hojotoho! Heiaha! (sehr, sehr) frei nach Richard Wagner!" am Theater Magdeburg (nachtkritik), AndreasMerz-Raykovs Inszenierung von Natalka Vorozhbyts Stück "Non-existent" am Theater Essen (nachtkritik), Robert Borgmanns musiktheatrale Inszenierung von "Athena" nach Aischylos' "Eumeniden" am Residenztheater in München (nachtkritik), Oliver Reeses Inszenierung von Marius von Mayenburgs Stück "Ellen Babic" am Berliner Ensemble (nachtkritik, tsp, BlZ), Armin Petras Adaption von Serhij Zhadans Roman "Die Erfindung des Jazz im Donbass" (nachtkritik), die Performance "Space Dudes" vom Tanzkollektiv Henrike Iglesias in den Sophiensälen in Berlin (taz), Nino Haratischwilis Inszenierung von "Penthesilea" am Deutschen Theater Berlin (taz, SZ, BlZ), Ulrich Rasches Inszenierung von Goethes "Iphigenie auf Tauris" am Akademietheater in Wien (FAZ, SZ), Ansgar Haags Inszenierung von Torstein Aagaard-Nilsen Oper "Gespenster" am Staatstheater Meiningen (nmz), Elisabeth Papes Inszenierung Franz Lehárs Operette "Lisas Land des Lächelns" an der Oper Neukölln in Berlin (nmz), Ligia Lewis Choreographie "A Plot / A Scandal" im Rahmen der Tanzplattform Deutschland 2024 (FAZ) und Constantin Hochkeppels Tanzstück "In decent times" am Stadttheater Gießen (FR).
Dem Krieg entkommt man auch im Theater nicht, erklärt im Interview mit dem Standard die ukrainische Dramatikerin Natalia Vorozhbyt: "Ich schreibe seit zehn Jahren über den Krieg, und da hat sich mein Zugang geändert. Am Anfang ging ich das dokumentarisch an. Bis 2022 war ich Erforscherin der Leben von anderen, die unter dem Krieg litten. Dann wurde ich selbst zum Teil des Stoffes, weil ich mich mit meinem Kind in einem Bunker wiederfand. Ich musste fliehen und wusste nicht, wie es weitergeht. Nach dem Beginn des Krieges 2014 habe ich viel über die Orte des militärischen Geschehens geschrieben. Weil ich jetzt viel im Ausland bin und reise, konzentriere ich mich mehr auf Beziehungen: Wie sind die Beziehungen zwischen Ukrainerinnen, die das Land verlassen mussten, und ihren Männern an der Front?"
Szene aus "Blutstück" am Schauspielhaus Zürich. Foto: Diana Pfammatter
Am Zürcher Schauspielhaus hat Leonie Böhm Kim de L'Horizons "Blutbuch" als "Blutstück" auf die Bühne gebracht - oder eher, einen "Meta-Abend" um das Stück gebastelt, wie Egbert Tholl in der SZ schreibt. "Beim Text handelt es sich nicht direkt um eine Bühnenfassung des Romans", erklärt auch Ueli Bernays in der NZZ. "Man habe sich von dessen Materialien einfach inspirieren lassen, erklärt Kim de l'Horizon dem Publikum. 'Blutstück' nimmt sich zwar tatsächlich wie ein lockerer, etwas fahriger Pastiche des 'Blutbuchs' aus. Aber es besteht einerseits aus vielen neuen Passagen. Andrerseits bleibt Raum für die Improvisation." So ganz funktioniert das weder für Tholl noch für nachtkritiker Tobias Gerosa oder für Bernays: "Die existenziellen Themen werden bloß angetippt und verschwinden dann zu oft unter Klamauk und Comedy", meint Bernays. Doch immerhin bleibt ihm L'Horizon "als faszinierende Persönlichkeit in Erinnerung. Mit Grazie und Sportlichkeit ebenso gesegnet wie mit Selbstbewusstsein und Intelligenz, verfügt sie durchaus über performative Präsenz."
Besprochen werden außerdem Lisa Wentz' Stück "Adern" am Stadttheater Klagenfurt (Standard), und Frank Castorfs Inszenierung von Bernhards "Heldenplatz" in Wien ("großes Theater, aber auch alberne Pimmelparaden oder geschmacklose Gaskammerszenen", erlebte Welt-Kritiker Jacob Hayner: "Kein Skandal, nirgends.")
Szene aus "Idomeneo." Bild: Theater Genf. Nicht recht überzeugt ist Helmut Mauró in der SZ von Sidi Larbi Cherkaouis Inszenierung der Mozart-Oper "Idomeneo" am Theater Genf, ihm zufolge geht die Stringenz und damit die Überzeugungskraft der Aufführung streckenweise verloren, zu viele Handlungsstränge konkurrieren miteinander: "Die Regie muss sich entscheiden, aber auch der Dirigent sollte den Ehrgeiz haben, sich auf eine Erzählung zu konzentrieren und diese musikalisch profiliert zu gestalten. Dabei muss man sich natürlich zwischen Regie und musikalischer Leitung einig sein. Aber so weit geht man in Genf nicht." Trotz guter Sängerinnen überzeugt das ganze Unternehmen nicht wirklich: "Eher selten blitzt ein intimer Mozart-Klang auf, der diese Oper eigentlich tragen sollte, und noch seltener wird man durch spannende Klangerzählung unmittelbar ins Geschehen gezogen. Die Musik scheint, bis auf die großen Arien, oftmals gar nur Beiwerk zu sein oder Hintergrund für Cherkaouis choreografische Ambitionen. Die sind quantitativ beeindruckend, die ganze Oper ist ein Bewegungsrausch, aber stellenweise kann einem die alles und jeden begleitende Gymnastik auch ein wenig auf die Nerven gehen."
Weiteres: Judith von Sternburg interviewt für die FR den Theater- und Opernregisseur Tilmann Köhler. Die Grande Dame des Tanztheaters Nele Hertling wird 90, FAZ, SZ und Berliner Zeitung gratulieren. Jan Philipp Gloger wird in der Saison 2025/26 neuer Direktor des Wiener Volkstheaters, meldet der Standard. Die FAZ macht auf das Festival "Starke Stücke" für ein junges Publikum aufmerksam.
Buenos Aires hat eine florierende Theaterlandschaft, aber seit Argentiniens Präsident Javier Milei drastische Kürzungen im Kultursektor durchsetzt und Politik gegen die Kunst macht, müssen nicht nur viele Theater ums Überleben kämpfen, berichtet die argentinische Theaterkritikerin Mercedes Mendez, die für die nachtkritik unter anderem mit dem Regisseur Emilio Garcia Wehbi gesprochen hat. Er "sieht in der Streichung von Mitteln für die Kultur und insbesondere für die Theater eine Reaktion auf einen neuen Kulturkampf: 'Für die Ultrarechte, die Milei vertritt, ist Kultur eine Ware, etwas Unbedeutendes, Dummes, Betäubendes. Die Auffassung steht für die Politik des Neoliberalismus der letzten Jahrzehnte generell, die mit ihrem falschen Freiheitsbegriff und der Hyperkommunikation, die echte Beziehungen durch Kontakte ersetzt, abgeschottete, hinter ihre Bildschirme zurückgezogene Subjekte hervorbringt. Theater und Live-Kunst hingegen werden immer die Begegnung der Körper brauchen. In Argentinien sind 98 Prozent des Kultursektors gegen die Wirtschafts- und Sozialpolitik der ultrarechten Ideologie dieser Regierung, weil sie den Bereich zerstören will, der gegen sie demonstriert und sich öffentlich in Konzerten und Live-Performances positioniert. Auf die öffentliche Positionierung der Künstler antwortet die Regierung über Twitter mit vulgären Aussagen wie: 'Arme Kinder hungern, weil Künstler finanziert werden'."
Weiteres: Im Design von Volksbühne und Berliner HAU haben Unbekannte in Berlin Plakate aufgehängt, auf denen antisemitische Parolen verbreitet werden, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung: Die Theater haben sich davon distanziert, Kultursenator Joe Chialo verurteilt die Aktion. So geht das Theater der Zukunft, meint Doris Akrap, die für die taz einen Blick aufs Programm des von Julian Warner kuratierten Augsburger Brecht-Festivals wirft: Es gibt Sportangebote, Clubnächte und vor allem viele Möglichkeiten, mitzumachen. Besprochen wird das Stück "Beta: Investigatives Musiktheater" von Christiane Mudra und Dariya Maminova in der Deutschen Oper Berlin (Blz)
Szene aus Anton Foersters Oper "Die Nachtigall von Gorenjska". Foto: Werner Kmetitsch
Warum hört man bei uns eigentlich nie Anton Foersters "Die Nachtigall von Gorenjska", fragt sich in der FAZ Reinhard Karger, nachdem er diese slowenische Nationaloper jetzt erstmals an der Oper Graz erlebte. Mit Janusz Kicas Inszenierung kann er zwar nicht viel anfangen, aber die von Marko Hribernik "mit viel Verve interpretierte Musik" imponiert ihm: "Drei geschickt kombinierte Komponenten bestimmen Foersters Musik: der unüberhörbare Einfluss Smetanas, aber auch der burlesken Operetten Jacques Offenbachs, die damals sehr beliebt waren in Slowenien, und vor allem der Bezug zur slowenischen Volksmusik. Dass einige der Arien und Duette der Oper selbst zu slowenischem Volksliedgut wurden, spricht für das Geschick des Komponisten. Vor allem die komplexen Chorszenen mit dem fabelhaften, von Johannes Köhler einstudierten Chor der Oper Graz und etliche Ensembleszenen, wie ein polyphon gesetztes Oktett im dritten Akt, besitzen eine überraschend hohe Qualität."
Besprochen wird außerdem Frank Castorfs Inszenierung von Thomas Bernhards "Heldenplatz" am Wiener Burgtheater (Zeit online).
Arno Widmann feiert in der FR das dreihundertjährige Jubiläum der Oper "Julius Cäsar in Ägypten" von Georg Friedrich Händel. Besprochen werden Kathrin Mayers Adaption von Annie Ernaux' "Die Jahre (Etwas von der Zeit retten)" am Emma-Theater in Osnabrück (taz), Katja Lehmanns Inszenierung "Fräulein Müller bitte zum Matriarchat" in der Frankfurter Stalburg (FR), Laura Linnenbaums Inszenierung von Daniela Dröschers Roman "Lügen über meine Mutter" (taz), Ulrich Peters Inszenierung von Georg Friedrich Händels Oper "Siroe" am Staatstheater Karlsruhe (FAZ) und Christian Spucks William-Forsythe-Abend am Staatsballett Berlin (FAZ).
Szene aus "Heldenplatz" am Burgtheater Wien Foto: Matthias Horn. Mit Frank Castorfs Inszenierung von Thomas Bernhards Stück "Heldenplatz" am Burgtheater Wien tauchtNachtkritikerin Gabi Hift hinab in ein "wildes, erratisches Universum, eine Kathedrale der Sehnsüchte, Ängste und Mythen, in der das bittere Lachen über die Bernhard-Texte unheimlich widerhallt". Die ersten drei Stunden des Stücks sind eigentlich perfekt, jubelt die Kritikerin, schon allein das Bühnenbild bleibt im Gedächtnis: "Wir befinden uns in einem merkwürdigen Zwischenreich zwischen Orten und Zeiten. Auf der Bühne dreht sich eine kleine Welt, wie sie für Aleksandar Denić typisch ist. Im Hintergrund das berüchtigte Foto von '38: eine riesige Menschenmasse mit zum Hitlergruß erhobenen Armen. Im Inneren eines kleinen Kubus steckt das Wohnzimmer der Familie Schuster, aber gleich daneben führt eine Stiege hinunter zur 'Borough Hall Station' in Brooklyn. Plakate sehen aus wie in den 30er Jahren. Im Zentrum der Drehbühne ragt der meterhohe Pappmachée-Unterkörper einer offenbar kopfüber abgestürzten Marilyn Monroe aus dem Boden. Im Untergrund, im Video übertragen, ein New Yorker U-Bahnabteil, vor dessen Fenstern Landschaften vorbeifahren oder Traumbilder." Schade, dass Castorf am Ende der Inszenierung wohl versucht hat, selbst einen kleinen Theaterskandal zu provozieren, in Reminiszens an die Tumulte, die die Uraufführung des Stückes 1988 auslöste. Das führt zu eineinhalb Stunden Rumgeblödel am Ende, die die Kritikerin mehr nerven als provozieren.
FAZ-Kritiker Martin Lhotzky lässt das Ganze eher kalt. Dass Castorf das Stück mit Texten des amerikanischen Autors Thomas Woolfe angereichert hat, kann er nicht so ganz nachvollziehen und auch sonst versteht er oft nicht, was ihm der Regisseur eigentlich sagen will. Uwe Mattheis hingegen lobt in der taz die "brillanten Schauspieler", unter anderem Birgit Minichmayr.
Weitere Artikel: In der tazverweist Hajo Schiff auf eine Doppelausstellung über performative Kunst in der Türkei im Kunstverein in Hamburg: "The 90s Onstage" und "Silke Otto-Knapp: Bühnenbilder".
Besprochen werden Evgeny Titovs Inszenierung von Tschechows "Der Kirschgarten" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik, FR), Nicolas Charaux' Adaption des "Ulysses" am Schauspiel Wuppertal (nachtkritik), Nicole Schneiderbauers Inszenierung von Tine Rahel Völckers Stück "Die gefährlichste Frau Amerikas" (nachtkritik), Floris Vissers Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" im Kölner Staatenhaus (nmz) und Catharina von Bülows Inszenierung von Engelbert Humperdinks Oper "Dornröschen" am Theater für Niedersachsen in Hildesheim (nmz), Ulrich Peters Inszenierung von Händels "Siroe, Re di Persia" im Rahmen der Händel-Festspiele in Karlsruhe (FR).
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