Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2024 - Bühne

Besprochen werden Sandra Cerviks Inszenierung von Yasmina Rezas Stück "James Brown trug Lockenwickler" am Wiener Theater in der Josefstadt (nachtkritik), Ruth Brauer Kvams Inszenierung "Luziwuzi - Ich bin die Kaiserin" am Wiener Rabenhoftheater (nachtkritik) und ein musikalischer Abend unter dem Titel "Liedschatten" und dem Untertitel "Who Let the Dogs Out" im Schauspiel Frankfurt (FR) und Karin Henkels Inszenierung von Kafkas "Das Schloss" am Münchner Residenztheater (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2024 - Bühne

Birgit Minichmaier spielt am Wiener Burgtheater im Bernhard'schen "Heldenplatz", inszeniert von Frank Castorf, Christiane Lutz interviewt für die SZ. Anders als bei der Uraufführung des Stückes 1988 spielen sich Skandale aber immer weniger im Theater ab: "Es empören sich alle immer und überall. Aber künstlerisch kann man heute nicht mehr so skandalisieren wie damals. Das Theater an sich ist in einer Wandlung. Nach Corona hatte die Theaterlandschaft extrem zu tun, sich wieder eine Berechtigung zu verschaffen. Aber klar, her damit - mit dem Skandal im Sperrbezirk." Zu ihrem eigenen Empörungspotential sagt Minichmaier: "Der Robert Schuster krakeelt ab dem zweiten Akt 100 Seiten lang in einer Art Monolog. Es wird immer behauptet, dass er resigniert, aber er regt sich die ganze Zeit über alles auf. Ich bin eine Mischung aus beiden. Ich kann mich aufregen und mich resigniert fragen, wohin alles geht. Die Situation in der Ukraine und im Nahen Osten. Die Zahl der Autokratien weltweit nimmt zu. Warum etwa soll es in diesem Jahrhundert nicht auch einen Weltkrieg geben? In nicht stabilen Momenten kriegt man schon Horrorfantasien."

Ganz begeistert ist SZ-Kritikerin Dorion Weickmann von einer Ballettprobe mit dem legendären Choreografen William Forsythe: "Er hat die traditionellen Achsen, Positionen und Posen der klassischen Tanzkunst aufgebrochen und aus den Fragmenten etwas Neues zusammengesetzt: das Ballett der Postmoderne. Diese Pionierleistung begründet die Ausnahmestellung, die er in der Szene hat - und seinen weltweiten Ruf. Wer ein Ticket für die Premiere des Dreiteilers "Approximate Sonata 2016 / One Flat Thing, reproduced / Blake Works I" an diesem Freitag in der Deutschen Oper ergattert hat, wird Forsythes Erfindergeist zwei Stunden lang begegnen: in Gestalt seiner lässigen Kombinationen, die Rasanz mit gut getarnter Komplexität verbinden und Körpersilhouetten wie barocke Artefakte verschrauben. Ganz nebenbei zaubert der Choreograf den Tänzern ein strahlendes Lächeln ins Gesicht: keine Grimassen, reine Verzückung." Den Titel "King of Ballet" findet Weickmann da äußerst passend.

Weiteres: In der Saison 2025/26 wird Mathieu Bertholet neuer Intendant des Zürcher Theaters, meldet die NZZ.

Besprochen werden: Sarah Snook in "The Picture of Dorian Gray" am Londoner Theatre Royal Haymarket (SZ) und "Die Wasserträgerin" vom Verein Black German Arts and Culture in Düsseldorf (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2024 - Bühne

Szene aus Pique Dame. Foto: W. Hoesl

Tschaikowskys Oper "Pique Dame" an der Bayerischen Staatsoper ist eine "erbarmungslose Abrechnung mit dem russischen Militärmachotum" in dessen Mittelpunkt der Deutsche Hermann steht, erinnert Manuel Brug in der Welt - was hätte der australische Regisseur Benedict Andrews darüber auch mit Blick auf die russische Gegenwart erzählen können, was "Machtmissbrauch und Gruppenzwang, Konformismus und blinder Gehorsam aus Menschen macht", seufzt Brug. Aber: "Andrews interessiert nur der Wahnsinn Hermanns, der sich diesmal widerspiegelt in den überflüssigen Videogroßaufnahmen, die Lisa zur eisigen Hitchcock-Blondine und Film-Noire-Sirene überhöhen. Das ist nett stilisiert, aber optisch öde, weil schon viel zu oft gesehen, genauso wie die müden, hüpfschwingenden Nutten und Mafiosi-Glatzen als allzu billige Genrebildchen. Über eine konkrete russische Gesellschaft von vorgestern, gestern oder heute erzählen sie gar nichts."

Szene aus "Die Jüdin von Toledo". Foto: Ludwig Olah, Semperoper Dresden

Robert Carsens Inszenierung von Detlev Glanerts Oper "Die Jüdin von Toledo" nach einem Libretto von Hans-Ulrich Treichel an der Semperoper in Dresden bekam bisher sehr gute Kritiken. (Unsere Resümees) In der NZZ ärgert sich der Historiker Michael Wolffsohn allerdings, dass Carsen sich vom Libretto löst, um im Stück Kritik am Krieg in Gaza unterzubringen. Kein Hinweis auf das Massaker der Hamas, dafür Schreckensbilder von zerstörten Häusern und Städten und die subtile Botschaft: "Die Juden sind schuld", meint Wolffsohn, der diese "Täter-Opfer-Umkehr" so "verstörend" wie "skandalös" findet: "Es bewahrheitet sich in der Semperoper einmal mehr: Antisemitismus hat viele Erscheinungsformen. Ja, die Gefahr von rechts wächst in Deutschland. Aber auch - und noch mehr - die muslimische Judenfeindschaft. Und die Judenfeindschaft von Linken und Linksliberalen ist, vornehmlich in der Kulturwelt, methodisch subtiler, wie sich nun im 'Kulturtempel' Semperoper zeigt. Man legitimiert hier Judenfeindschaft scheinintellektuell und kontrafaktisch."

Weitere Artikel: Vertragsbedingt sollen sich Künstler an Theatern permanent zur Verfügung halten, dagegen gehen die Bühnengewerkschaften nun gemeinsam in einer Kampagne zur Regelung der Arbeitszeiten vor, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung: "Angedacht ist ein Arbeitszeitrahmenmodell, das in Vierstundenblöcken disponiert, innerhalb derer die Künstler für Proben herangezogen werden, aber auch für die unsichtbaren Arbeiten wie Kritik, Maskenzeit, Textlernen. Damit soll eine Erfassung der Arbeitszeit und ein baldiger Ausgleich erleichtert werden."

Besprochen werden Fabienne Dürrs Inszenierung von Duncan McMillans Stück "All das Schöne" an Berliner Vagantenbühne (Tagesspiegel), Christoph Fricks und Lothar Kittsteins Uraufführung "Land" an den Münchner Kammerspielen (SZ), Anna Marboes Inszenierung von Thomas Köcks und Mateja Mededs Stück "Keeping Up with the Penthesileas - from white feminism to neoliberal feminism" im Wiener Kosmostheater (Standard) und Falk Richters "Bad Kingdom" an der Berliner Schaubühne sowie Fabian Hinrichs und René Polleschs Inszenierung "Ja, nichts ist ok" an der Berliner Volksbühne (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2024 - Bühne

Bad Kingdom, Credit: © Gianmarco Bresadola, 2024 

Wahlweise trotz oder wegen eines immensen "Farce-Faktors" sehenswert ist Falk Richters "Bad Kingdom" an der Berliner Schaubühne, meint Dorion Weickmann in der SZ. Der Regisseur entwirft ein Therapie-Szenario, in dem verunsicherte Großstadtmenschen über ihre Einsamkeit sprechen - und die Therapeutin regelmäßig zur Verzweiflung bringen. Er wagt dabei eine Gegenwartsdiagnose, bei der kaum jemand gut wegkommt: "Die Einsamkeit ist das Seelenleid generierende Virus, das sämtliche sieben Einwohner von Richters 'Bad Kingdom' befallen hat. Das Setting in der Berliner Schaubühne passt perfekt: hinten wuchtige Burgzinnen, vorne zwei Show-Podeste, die sich bei Bedarf in Bewegung setzen. Chamäleonhaft wirkt das Grün, mit dem die Bühnenbildnerin Katrin Hoffmann die Optik überzieht: Es changiert zwischen sanfter Minze und dem Signalton eines OP-Kittels, je nachdem, ob gerade Sexgeflüster oder Keiferei die Szene beherrscht."

Weitere Artikel: Atif Mohammed Nour Hussein plädiert auf nachtkritik dafür, den Black History Month auch und gerade in Zeiten diskurspolitischer Verengung als ein utopisches soziales Projekt zu begreifen; wie es etwa das Berliner Ballhaus Naunystraße oftmals in beispielhafter Manier tut. Auf Zeit Online unterhält sich Corinna Milborn mit der Schauspielerin und Sängerin Erika Pluhar anlässlich Pluhars 85. Geburtstags.

Besprochen werden Ted Hearnes Stück "over and over vorbei nicht vorbei", das auf dem Festival "Schall & Rauch" an der Komischen Oper Berlin aufgeführt wurde (FAZ), das "Schall & Rauch" Festival insgesamt (Tagesspiegel), Matthias Anderssons "Schande" am Thalia Theater Hamburg (taz Nord), Büchners "Leonce und Lena" am Theater am Domshof, Osnabrück (taz Nord), Lehárs "Die Lustige Witwe" am Opernhaus Zürich (nmz) und das Musical "Die Königinnen" am Linzer Landestheater (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2024 - Bühne

"Ja, nichts ist ok." an der Berliner Volksbühne.

Nachtkritiker Christian Rakow horcht bei Fabian Hinrichs und René Polleschs neuer Inszenierung "Ja, nichts ist ok" an der Berliner Volksbühne konzentriert "am Herz der kranken Zivilation". Auf der Bühne sieht er eine Wohngemeinschaft, die erhitzt über Nahost diskutiert, sich gleichzeitig über alltägliche Probleme aufregt - bis die Dinge eskalieren. Das Stück kommt leicht daher, meint Rakow, aber unter der Oberfläche brodelt es: "Es ist ungemein reizvoll, den ungelösten Widerstreit der intellektuellen Suchbewegungen wie auch der Atmosphären und künstlerischen Mittel an diesem Abend zu erleben. Den Kampf zwischen Klamotte und Erkenntnisbegehren. Da wird man mal in kindische Witze aus Grabbelkisten-Büchern gestoßen, dann wieder versuchen die Figuren, eine tastende theoretische Sprache für ihr instabiles Weltverhältnis zu finden. 'Ist es ein Verbrechen, fröhlich zu sein?', fragt Hinrichs, als sich der lange unschöne WG-Tag zur Nacht bettet und er in der Rolle des Stefan unter dem Leuchten des Vollmonds über sich und die Verhältnisse nachdenkt. Man weiß nie, ob man lachen oder weinen soll."

Einen unterhaltsamen Abend hat auch Simon Strauß für die FAZ verbracht, Fabian Hinrichs Solo-Performance findet er beeindruckend: "Wobei die Komik vor allem dadurch entsteht, dass Hinrichs nicht von einer Rolle zur anderen hastet, sondern sich für seine Persönlichkeitswechsel jeweils alle Zeit der Welt nimmt, ruhig, fast melancholisch von einem Typen zum anderen schlendert. Und dabei stets so ernst aussieht, als spiele er vor allem gegen eines an: das große Egal."

Besprochen werden Barrie Koskys Inszenierung von Franz Léhars Oper "Die lustige Witwe" am Opernhaus Zürich (SZ, FAZ, NZZ), Robert Carsens Inszenierung von Detlev Glanerts Oper "Die Jüdin von Toledo" an der Semperoper in Dresden (BlZ, Welt), Falk Richters Inszenierung von "Bad Kingdom" an der Schaubühne in Berlin (nachtkritik, tsp), Schorsch Kameruns Inszenierung von "Cap Arcona" am Theater Lübeck (taz), Lars-Ole Walburgs Adaption von Saša Stanišićs Roman "Vor dem Fest" am Schauspiel Hannover (nachtkritik), und Trajal Harrells Choreografie "Tambourines" am Schauspielhaus Zürich (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.02.2024 - Bühne


"Die Jüdin von Toledo" © Semperoper Dresden/Ludwig Olah 

Eigentlich ist Robert Carsens Inszenierung von Detlev Glanerts Oper "Die Jüdin von Toledo" an der Semperoper in Dresden rundum gelungen, findet Jan Brachmann in der FAZ. Vor allem das Orchester versetzt den Kritiker in andere Welten: "Die Liebesmusiken für Alfonso und Rahel sind von der ersten Begegnung an betörend-zart und hüllen die Stimmen ins flauschige Flanell gedämpfter Streicher. Immer wieder klagt ein Englischhorn mit Arabesken wie aus dem Soundtrack zum "Dieb von Bagdad", und um die nahen Mauren vor Toledos Mauern noch präsenter zu machen, spielt Nassib Ahmadieh auf dem Ud, der persischen Laute, Präludien lauterster Friedfertigkeit. Nur die Christen kennen blechgepanzerte Empörung: Turba-Chöre mit Tuba-Booster. Und wenn der Kanzler Manrique (der markig-seriöse Markus Marquardt) der Königin den Staatsrat vorstellt, schreibt Glanert dazu eine würdige Passacaglia, deren Bass man nach zweimaligem Hören gut mitsingen kann." Nicht gebraucht hätte es für Brachmann die Verweise auf den Gaza-Krieg und die israelkritischen Elemente - eine eigentlich unnötige Aktualisierung des historischen Stoffes, meint der Kritiker. "Schlichtweg atemberaubend" ist auch für einen begeisterten Joachim Lange in der taz "was der Dirigent Jonathan Darlington hier an opulentem Klangzauber mit ganz eigner, geradezu betörender Färbung aus dem Graben aufsteigen lässt".

Warum zeigt das öffentlich-rechtliche Fernsehen eigentlich kaum mehr Theaterinszenierungen, fragt Harald Hordych Anne Reidt, Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Kultur, und Meike Klingenberg von der Programmgruppe "Theater bei ZDF/3sat" im SZ-Interview. Ein Grund liege darin, so Reidt, dass die Übertragung von unterhaltenden Stücken, wie aus dem Ohnsorg-Theater, die damals das Publikum begeisterten, heute nicht mehr funktionierten: "Das Volkstheater spielt heute im Dschungelcamp. Heidi Kabels Epigonen performen auf Instagram. Und das Theater geht durch ähnliche Transformationsprozesse wie wir Medien oder unsere ganze Gesellschaft: Welcher Kanon verbindet uns noch, wer spricht für wen? Mit welchen Mitteln hilft Theater, unser Zusammenleben auszuhandeln, und was machen wir mit den neuen digitalen Möglichkeiten bis hin zur künstlichen Intelligenz?"

Weiteres: Die Kooperation John Neumeiers mit dem Moskauer Bolschoi-Ballett geht weiter, meldet die FAZ. In einer Presseerklärung begründete Neumeier die Zusammenarbeit mit der Vermittlung der "'humanen Werte, die das jetzige russische Regime so sträflich missachtet.'" Was genau das bedeuten soll ist allerdings unklar. Lotte Buschenhagen unterhält sich für den Tagesspiegel mit dem Leiter der Komödie am Kurfürstendamm Martin Woelffer.

Besprochen werden Schorsch Kameruns Inszenierung seines Stücks "Cap Arcona" am Theater Lübeck (nachtkritik), Katharina Schmidts und Roman Koniecznys Inszenierung von Büchners "Leonce und Lena" am Theater Osnabrück (nachtkritik), Swaantje Lena Kleffs Inszenierung von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" am Nationaltheater Weimar (nachtkritik), Christina Tscharyiskis Inszenierung von Franz und Paul von Schönthans Schwank "Der Raub der Sabinerinnen" am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik, FR), Nurkan Erpulats Adaption von Behzad Karim Khanis Roman "Hund, Wolf, Schakal" am Gorki Theater (nachtkritik, taz, tsp), Karsten Wiegands Inszenierung der Strauss-Oper "Elektra" am Staatstheater Darmstadt (FR), Michael Quasts Inszenierung von Philipp Mosetters Stück "Der Fleck", uraufgeführt in der Volksbühne Frankfurt (FR), die Premiere von Tuğsal Moğuls Inszenierung von "And Now Hanau" im Willy-Brandt-Saal des Rathauses Schöneberg (taz, Welt),

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2024 - Bühne

Der Theatermacher Falk Richter unterhält sich in der taz mit Anna Fastabend darüber, wie er zum Theater kam und was seine Eltern davon hielten ("Mein Coming-Out als Künstler war interessanterweise gleich schlimm für meine Eltern wie mein Coming-Out als homosexueller Mann"), über den Kampf gegen die Neue Rechte und autofiktionales Schreiben: "Interessant wird es dann, wenn man die eigene Geschichte mit einem gesellschaftlich relevanten Thema verbinden kann. Bei 'The Silence' (Richters neues Stück über die Kriegstaumata seiner Eltern, Anm. d. Red.) war es die Traumatisierung von Gesellschaften, über die nicht gesprochen wird, und die Frage von Täter und Opfer. Bei meinem Vater, der mit 18 in den Krieg eingezogen wurde, könnte man sagen, er war Opfer, weil er dazu gezwungen wurde, aber er war natürlich auch Täter, weil er Menschen umgebracht hat. Und jetzt erleben wir in Russland und der Ukraine und auch in Israel und Gaza wieder, wie ganz viele junge Leute zu Tätern werden und gleichzeitig ganz sicher selbst Schäden davontragen werden."

Der Generalintendant des Theaters Erfurt, Guy Montavon,wurde nach Vorwürfen des Machtmissbrauchs beurlaubt. Endlich, ruft Peter Laudenbach in der SZ. Hinweise auf sein problematisches Verhalten gab es schon vor Jahren, meint Laudenbach, die Stadtverwaltung hätte Konsequenzen ziehen müssen. Aber ob Montavon wirklich gekündigt wird, ist immer noch nicht klar, so Laudenbach: "Da die Vorgänge im Theater zwar gegen alle Anstands- und Compliance-Regeln verstoßen, aber offenbar weder strafrechtlich noch arbeitsrechtlich relevant sind und vor einem Arbeitsgericht keine fristlose Kündigung rechtfertigen dürften, wollte sich die Stadtverwaltung mit Montavon auf einen Auflösungsvertrag und eine Abfindung verständigen. Der gleiche Stadtrat, der Montavons Vertrag vor zwei Jahren bis 2027 verlängert hat, war nicht bereit, ihm diese Abfindung zu bewilligen. Montavon ist also beurlaubt, aber nicht gekündigt. Wie es weitergeht: völlig offen. Finden sich nicht doch noch Beweise, die eine fristlose Kündigung rechtfertigen, wird die Stadt ihn wohl weiterbezahlen müssen."

Weitere Artikel: Jakob Hayner trifft für die WAMS die slowenische Theaterregisseurin Mateja Koležnik. Besprochen werden Heinz Kreidls Inszenierung von James Shermans "Der muss es sein" in der Frankfurter Komödie (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.02.2024 - Bühne

Trajal Harrell: Tambourines. Foto: Orpheas Emirzas.
Dass die neue Leitung des Zürcher Schauspielhauses den Choreografen Trajal Harrell mit seinem Ensemble nicht übernehmen will, ist für Lilo Weber in der NZZ unbegreiflich. Sein letztes Stück "Tambourines" überzeugt, wie Harrell selbst deutlich macht, als Reaktion auf Nathaniel Hawthornes Roman "The Scarlet Letter", die aktueller nicht sein könnte: "Tatsächlich muss man Genderdiskussionen und postkoloniale Theorie nicht mögen, um diesen Tanz zu lieben. Trajal Harrell ist weit davon entfernt, sein Publikum in irgendeiner Art erziehen zu wollen. Seine bunte Truppe predigt nicht Diversität, sie lebt sie. Den Nerv unserer Zeit trifft sein Tanz auf einer anderen Ebene. In einer Gesellschaft lauter vereinzelter Menschen, die alle nach Einzigartigkeit streben, in einer Gesellschaft, in der jeder und jede für sich reklamieren kann, von irgendwoher und irgendwem diskriminiert zu werden, lebt dieser Tanz Gemeinsinn vor. Das ist das wirklich Subversive am Tanz des Trajal Harrell. Er setzt Gemeinsinn da, wo Worte und Rede Gemeinsinn zersetzen. Und das an einem Schauspielhaus."

Im Theater Basel sieht Nachtkritiker Jürgen Reuß die "Sommergäste": "Aus Maxim Gorkis bürgerlicher Intelligenzija ist in Dietmar Daths Überschreibung die gehobene Ebene von Digitalisierungswurschtlern samt Entourage geworden. Schlau genug, an der KI-getriebenen Ausbeutungsblase zu verdienen. Und stark genug von Verschwörungstheorien angefixt, um sich im Abglanz des Weltwirtschaftsforums zu sonnen, das der Stakeholderschamane Klaus Schwab jährlich in Davos veranstaltet." Die Inszenierung weiß mit digitalen Elementen zu spielen, kann den Kritiker zwischen "Wohlstandsaufhellern und Elendsbetäubern" aber nicht zu hundert Prozent überzeugen: "Man ist versucht, dasselbe Fazit zu ziehen, das Gorki 1904 nach seiner Uraufführung zog: 'Das Stück ist nicht besonders, aber ich habe getroffen, wohin ich gezielt habe.'"

Weiteres: Der Standard widmet sich österreichischen Theaterskandalen.

Besprochen wird: Antonín Dvořáks "Rusalka" an der Berliner Staatsoper (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.02.2024 - Bühne

Am Wochenende ist der Schauspieler Fabian Hinrichs in Rene Polleschs Stück "ja nichts ist ok" zu sehen. Im Zeit-Gespräch mit Peter Kümmel geht er hart mit dem deutschen Theater ins Gericht: "Ich spüre oft nur die Absichten, die moralischen Botschaften hinter einem Bühnenkunstwerk, aber nicht viel, was mich woanders hinführt - ins Offene, zu mir selbst, in künstlerische Atmosphären auch, die riskant sind. Das ist eher ein wackeres Ablatschen von Programmpunkten. Aber hat es alltagserschütternde Kraft, und sei es auch nur für zehn Minuten? Zu oft begegnet mir eine Funktionärskultur, gemacht von Funktionären für Funktionäre. Auch ein Teil der Theaterkritik könnte sich ja mal fragen, welches Geschäft sie betreibt, wenn sie all jene Stimmungen und Atmosphären kaum aufnimmt, für welche der Verstand keinen Begriff und die Sprache keinen Namen hat. Vielleicht ist aber auch kein Auge, Ohr und kein Herz dafür vorhanden?"

In der nachtkritik begrüßt der Autor Hannes Becker die zunehmende Mehrsprachigkeit in der zeitgenössischen Dramatik als Ausdruck sozialer Diversität, denn: "Mehrsprachigkeit im Theater zuzulassen bedeutet: Nicht-Verstehen zuzulassen, mehrere Publika statt eines Publikums anzusprechen und die real Anwesenden bei einer Theateraufführung heterogen zu adressieren. Außerdem: sich Probleme einzuhandeln, die ohnehin da sind. Wer Sprachen wie Türkisch und Kurdisch, Hebräisch und Arabisch, Russisch und Ukrainisch, vor allem aber: Deutsch und jede andere Sprache zusammen auf die Bühne bringt, ruft beinahe zwangsläufig vorhandene politische Konflikte in den Theaterraum hinein. Andererseits wird so eben auch klar: Momente des Nicht-Verstehens sind häufig das, wovon mehrsprachige Inszenierungen leben - Nicht-Verstehen, Missverstehen, Verstummen und Zum-Schweigen-Bringen, Machtverhältnisse und Gewaltakte, die direkt die Sprechfähigkeit der Spieler*innen betreffen."

Weitere Artikel: Viele Musicals fallen im Ruhrgebiet durch, nicht aber Carsten Kirchmeiers Inszenierung des Broadway-Klassikers "Hello, Dolly!" am Musiktheater in Gelsenkirchen. Das Stück über die Sehnsüchte von Arbeitern aus Yonkers, einer an New York City angrenzenden Provinzstadt, passt hier vermutlich perfekt hin, glaubt Max Florian Kühlem in der SZ: "Zwar hat sich hier mittlerweile eine hohe Dichte an guten Hochschulen und großartigen Kultureinrichtungen etabliert. Hippe Viertel entstehen. … Doch Gelsenkirchen ist auch weiterhin die Stadt mit der höchsten Armutsquote in Deutschland." In der NZZ denkt Bernd Noack darüber nach, was das Zürcher Schauspielhaus erwartet, wenn Rafael Sanchez und Pinar Karabulut ab 2025 gemeinsam die Intendanz des Hauses übernehmen: "Die eine pocht auf den gesellschaftspolitischen Anspruch, der andere nimmt das Theater gerne auf die leichte Schulter." Ebenfalls in der NZZ hat sich Marianne Zelger-Vogt mit der deutschen Sopranistin Marlis Petersen getroffen, die nun am Opernhaus Zürich in Barrie Koskys Inszenierung von Franz Lehars Operette "Die Lustige Witwe" sehen ist.

Besprochen werden Bernhard Mikeskas Inszenierung von Thomas Braschs "Mädchenmörder:: Brunke" am Staatstheater Braunschweig (taz) und Kornel Mundruczos Inszenierung von Dvoraks Oper "Rusalka" an der Berliner Staatsoper (VAN). In der FAZ gratuliert Reiner Burger dem Kölner Hänneschen-Theater zu 222 Jahren Puppenbühne.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2024 - Bühne

#Motherfuckinhood - Claude De Demo ©Matthias Horn

Dem Thema Mutterschaft widmen sich Theaterabende in Berlin und Potsdam, wie Katja Kollmann in der taz berichtet. Im Potsdamer Hans Otto Theater hat Anna-Elisabeth Frick für ihr Stück "Mütter!" unter einer drei Meter großen Stoffvagina einen weichen Fantasieraum errichtet. Bei Jorinde Dröses "Motherfuckinhood" am Berliner Ensemble wird es lauter: "Hier kommt zur Erschöpfung, die auch in Potsdam den Grundton vieler Aussagen bildet, die Wut dazu. Und zwar von Anfang an. Claude De Demo betritt in einem total verdreckten Pulli die Bühne und wird laut: 'Ich hätte gerne gewusst, dass die Strukturen meines Gehirns vermutlich für den Rest meines Lebens andere sein werden und dass dieser Umstand mein Denken beeinflusst. Und ich frage mich jetzt, woran es liegt, dass diese Information, die immerhin das komplexeste Organ des menschlichsten Körpers betrifft, gesellschaftlich und medial nicht genauso präsent ist wie Dehnungsstreifen oder Stillbrüste. Sind Gehirne von Menschen, die über einen Uterus verfügen, nicht so wichtig wie beispielsweise Brüste?'"

Orlando - Linn Reusse, Sachiko Hara ©Matthias Horn

In der FAZ ist Irene Bazinger sehr angetan davon, wie am Schauspielhaus Hamburg Virginia Woolfs "Orlando" für die Bühne adaptiert wird. Fünf Schauspielerinnen verkörpern die Titelfigur und die Prosa selbst bleibt weitgehend intakt. Keineswegs resultiert das in ungelenken Textblöcken: "In Jossi Wielers höchst musikalisch verdichteter Inszenierung wird mit der Eleganz des beseelten Minimalismus eine Welt so leicht und unbekümmert wie ein Kinderspiel entworfen. Nur dass es statt der Märchenformel 'Es war einmal' mit Virginia Woolf heißt: 'Orlando liebt von Natur aus einsame Orte, weite Ausblicke und das Gefühl, für alle Zeiten und alle Ewigkeit allein zu sein.' Munter fabulierend und ausschweifend amüsiert werfen sich die Schauspielerinnen die Assoziationen wie Bälle zu. Sie unterbrechen einander und ergänzen die Sätze."

Weitere Artikel: Georg Kasch überlegt sich auf nachtkritik, was das Theater zum Thema AfD und erstarkendem Rechtsextremismus noch zu sagen hätte. In der Welt setzt sich Jakob Hayner mit der in einem offenen Brief laut gewordenen Forderung auseinander, Richard III. solle in Shakespeare-Aufführungen nur noch von Menschen mit Behinderung gespielt werden (siehe auch hier).

Besprochen werden Kornél Mundruczós Inszenierung der Oper "Rusalka" Antonin Dvořáks an der Berliner Staatsoper (SZ), Molières "Tartuffe" im Berliner Renaissance-Theater (Tagesspiegel) und Péter Eötvös' Oper "Valuschka" am Theater Regensburg (Welt).