Szene aus "Die Passagierin". Bild: Wilfried Hösl An der Bayerischen Staatsoper feierte Mieczyslaw Weinbergs Auschwitz-Oper "Die Passagierin" in der Inszenierung von Tobias Kratzer Premiere, Kratzer und Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski haben das Stück nach dem Tod der Holocaust-Überlebenden und Widerstandskämpferin Zofia Posmysz um die im KZ spielenden Szenen gekürzt. Erzählt wird aus der Täterperspektive von SS-Frau Lisa, die Ende der Sechziger bei einer Schiffsfahrt auf die totgeglaubte KZ-Überlebende Marta trifft und mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Aber kann man Auschwitz überhaupt auf die Bühne bringen - ohne KZ, SS und Häftlinge, fragt Egbert Tholl in der SZ. Man kann, so Tholl: "Jurowski und das Staatsorchester schaffen ein Meisterwerk musikalisch-dramatischer Erzählung, mitreißend, beklemmend. Weinberg schreibt Brüche, keine Übergänge, eine grandiose Herausforderung, ein akustischer Überfall folgt auf den anderen. Dem Eliminieren der 35 Minuten, die im Lager spielen, stellt Kratzer nun ein fantastisch gearbeitetes Kammerspiel entgegen."
Zu einem ähnlichen Schluss kommt FAZ-Kritiker Stephan Mösch: "Wie Fenster des Bewusstseins öffnen sich einzelne Kabinen des Luxusliners. Auschwitz spielt sich bis zur Pause allein im Kopf dieser doppelten Lisa ab. Ein Hörspiel oft und insofern ganz nah an der Vorlage, als Posmysz ihre Erinnerungen zunächst mit einem Hörspiel verarbeitet hat. Auch danach geht es stilisiert zu. Der Ballsaal des Schiffes, lange gespenstisch leer, gibt Raum für die Toten, die als Doubles von Marta wiederkehren. Es geht weniger um einen Plot als um Bilder, die das Geschehen weiten. Erst kurz vor Schluss kommt eine Doku zu Konzentrationslagern ins Spiel. Lisa sieht sie im Fernsehen. Eine vielschichtige Szene, die ein Stück deutsche Mentalitätsgeschichte einfängt, und eine klare Antwort auf die zentrale, gesungene Frage: 'Muss ich denn für alles und für alle die Verantwortung übernehmen?'" "Kratzers Inszenierung ist zwar nicht die letzte Antwort auf die Frage, ob man den Holocaust in naturalistischen Bildern auf die Bühne bringen kann und soll, er zeigt aber, dass man es nicht muss, um an das Grauen zu erinnern", meint Joachim Lange in der taz, während Judith von Sternburg (FR) die Oper mitunter zu "verkopft" ist: "Nur wenn man diese Oper bereits gut kennt, kann man mit Kratzers Lesart etwas anfangen, ohne es sich selbst zu leicht zu machen."
Weiteres: Für die tazspricht Petra Schellen mit Katrin Ullmann, Theaterkritikerin und Jurorin des Berliner Theatertreffens, über die Frauenquote am Theater. Besprochen wird Nils Brauns Inszenierung der Oper "The Crash"am Staatstheater Oldenburg (taz).
Lotte Thaler (FAZ) hörte am Staatstheater KasselWolfgang Rihms spartenübergreifende "Hamletmaschine" nach dem Stück von Heiner Müller. Mit der Inszenierung von Florentine Klepper kann sie nicht viel anfangen ("Konventioneller geht's kaum") und Choreograf Valentin Alfery tut ihrer Meinung nach "des Guten zu viel". Aber die Musik! Und die Darsteller! "Auf der Opernbühne heißt dies, Hamlet singt nicht mehr. Deshalb überträgt Rihm einem Schauspieler die apokalyptische Abrechnung Müllers mit der Staatsgewalt. Jakob Benkhofer führt sie in einem grauenerregenden Monolog vor Augen, klanglich krass komprimiert in zwei Pistolenschüssen. Dem Sänger des Hamlet bleibt der Ekel, vor der Welt und vor sich selbst. Er ist ein röchelndes und falsettierendes Wrack. Hohe Geigen haben es blutig gestochen, Klavier und Kontrafagott in den Abgrund gezogen - eine Wahnsinnsszene... Peter Felix Bauer, der seine Hamletrolle ungewöhnlich spät übernahm, meistert die Monsterpartie mit wahrem Perfektionsdrang. Allerdings hat er wie auch alle anderen Protagonisten im Dirigenten Francesco Angelico einen Mentor, der ihn auf Händenträgt."
Auch FR-Kritikerin Judith Sternburg ist beeindruckt: "Fabelhaft sofort, wie gut Tänzerinnen einen 'Engel mit dem Gesicht im Nacken' (Walter Benjamins 'Engel der Geschichte') darstellen können. Vor dem finsteren Grund der diesjährigen Kasseler Bühnenrauminstallation 'Antipolis', als 'Hamletmaschinen'-Bühne eingerichtet von Sarah-Katharina Karl, wirken die zitronengelben, Elisabethanisches zitierenden Kleider erst recht. Wie überhaupt die Kostüme von Miriam Grimm ein Trumpf des Abends sind, zum Knallgelben kommt das Nachtschwarze und Alltagsbunte." In der nachtkritiksekundiert Simon Gottwald: "Manchmal ist die Bühne sogar etwas zu voll. ... Aber Kleinigkeiten wie diese können vernachlässigt werden, wenn man sich eine Inszenierung anschauen möchte, die zwischenlustvoller Groteske und Weltschmerz pendelt wie der Sandbottich über der Bühne."
Besprochen werden außerdem Jasper Brandis Inszenierung des "Oedipus" von Sophokles am Theater Regensburg (Großes Theater, lobt nachtkritiker Thomas Rothschild: "Der Ödipus des Jonas Julian Niemann ist ein heutiger Mensch, angefüllt mit antikem Furor. Der Mythos bedarf keiner Oberflächenaktualisierung. In Regensburg wird erfahrbar, wie sehr er nach wie vor ergreift, wenn man ihn ernst nimmt"), Alessandro Schiattarellas "Breaking Point" am Schauspiel Hannover (nachtkritik), Felix Metzners Adaption von Bernhards "Auslöschung" am Staatstheater Darmstadt (den Bernhard-Schmäh mildert Metzner "so ab, dass er im inneren Monolog der Hauptfigur, teils auf Figuren verteilt, nie lästig wird. ... Schöner Theaterabend", lobt Marcus Hladek in der FR), Ibsens "Volksfeind" in der Inszenierung von Julienne De Muirier am Theater Dortmund (nachtkritik), Walter Sutcliffes Inszenierung von Puccinis "La bohème" in Halle (nmz), Johann Christian Bachs Oper "Zanaida" im Münchner Prinzregententheater (nmz), Christoph Marthalers "Aucune idée" im Schiffbau Zürich (NZZ), Anna-Sophie Mahlers radikale Umarbeitung von Johnsons "Jahrestagen" am Schauspiel Leipzig (FAZ), Heiki Riipinens Inszenierung von Ibsens "Hedda Gabler" am Berliner Ensemble (SZ) und "Goethes Faust, allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie" von Clemens Sienknecht und Barbara Bürk am Schauspiel Hannover (SZ).
Szene aus "Leben und Sterben in Wien". Foto: Moritz Schell
Im Wiener Theater in der Josefstadt hatte Thomas Arzts "Leben und Sterben in Wien" Premiere, das Direktor Herbert Föttinger als letzte Amtshandlung inszenierte. Es spielt in der Zeit zwischen 1927 und 1934, als sich gegen den heftigen Widerstand des "roten" Schutzbundes die Faschisten etablierten. nachtkritiker Martin Thomas Pesl fand die Aufführung trotz einiger Schwächen sehenswert: "Das Herzstück von Herbert Föttingers Inszenierung ist ein so genannter Bewegungschor: zahlreiche Damen und Herren, die mal ländliche Tänze tanzen, mal als Trauergesellschaft oder die 'Arbeiter von Wien' gekleidet aufmarschieren, singen, beten, sich prügeln und schnell eine kesse Revue aufführen (Hitler und Mussolini in Glitzer). ... Gut vorstellbar, dass Föttinger mit der präzisen Orchestrierung dieser Massenszenen so beschäftigt war, dass das Stellprobenhafte auch auf einige Sprechrollen übersprang. Besonders den ersten Teil dominiert eine gewisse Steife beim Vorbringen der Dialoge, deren Rhythmus dafür einwandfrei sitzt." Im Standardist Margarete Affenzeller die Inszenierung zu lehrstückhaft.
Jeremy Nedds "How a fallig star lit up the purple sky". Foto: Philip Frowein
Lilo Weber setzt in der NZZ die Tanzplattform Freiburg und die Swiss Dance Days in Zürich gegeneinander und stellt - besonders mit Blick auf Freiburg - fest: "Queerness allein ist eben kein ästhetisches Programm, Hautfarbe eigentlich auch nicht. ... Dass die Diskussionen um Postkolonialismus, Identität, Body-Positivity im Tanz aufscheinen, liegt nahe. Das Normative im Tanz, Körpernormen und ihre Abbilder beschäftigen die Tanzschaffenden der freien Szene seit je. Die stärksten Arbeiten aber, die an den Swiss Dance Days zu erleben sind, spielen mit dem Anderen, stellen es jedoch nicht dar und schon gar nicht aus. Sie spielen mit Stereotypen und Klischees, ohne sie zu benennen. So etwa der in Basel lebende Amerikaner Jeremy Nedd, der mit seiner Gruppe von südafrikanischen Pantsula-Tanzenden in 'How a fallig star lit up the purple sky' den Western aufs Korn nimmt."
In der nachtkritikdenkt Christine Wahl über zeitgenössische Klassiker-Überschreibungen nach, die noch jeden Helden zum Deppen macht: "Häufig geht es nicht mehr darum, den Kanon im engeren Sinne zu aktualisieren, sondern darum, ihn zu kritisieren und zu korrigieren, alte Narrative durch neue Gegen-Narrative zu ersetzen. Die dramatische Überschreibung ist, mit anderen Worten, ins Stadium der politischen Überschreibung eingetreten: ein Schritt, der sich besonders gut an den feministisch gelabelten Kanon-Revisionen beobachten lässt."
Besprochen werden Choreografien von Pina Bausch und Boris Charmatz mit dem Tanztheater Wuppertal im Haus der Berliner Festspiele (Tsp) sowie die Uraufführung von David Gieselmanns Stück "En woke" am Theater Bielefeld (nachtkritik).
Isabelle Huppert als "Bérénice." Foto: Alex Majoli. Trotz der großen schauspielerischen Leistung, die Isabelle Huppert auf die Bühne bringt, kann Jean Racines "Bérénice" in der Inszenierung von Romeo Castellucci am Théâtre de la VilleFAZ-Kritiker Marc Zitzmann nicht überzeugen. Zu gewollt ist diese reduzierte Ausgabe, in der Castelluci gleich mal sechs von sieben Rollen gestrichen hat. Eigentlich geht es um ein Liebespaar, das sich aus Standesgründen trennen muss, aber ohne Bérénices Gegenpart Titus verliert das Ganze seinen Sinn: "Streicht man die eine Hälfte des mythischen Paars, kippt die Tragödie zwangsläufig ins Abstrakte. Isabelle Huppert rezitiert Bérénices Text vollständig - einschließlich halber Alexandriner und zweisilbiger Ausrufe -, aber niemand antwortet ihr. Das Drama wird so zum Monolog, seine Struktur fällt zusammen, der Sinnzusammenhang löst sich auf. Mit wem spricht die Darstellerin, auf wessen Einwürfe antwortet sie? Wo endet eine Szene, wo beginnt die nächste? Alles hier verschwimmt in (Kunst-)Nebel . . ."
George Orwells "Farm der Tiere" ist schon reichlich ausgeschlachtet worden, seit letztem Jahr gibt es eine von dem Russen Alexander Raskatov komponierte Oper, die jetzt an der Wiener Staatsoper aufgeführt wurde. Der erste Akt überzeugt Alexander Keuk in der Neuen Musikzeitung mit einem stimmlich breit aufgestellten Sängerorchester und dem Dirigenten Alexander Soddy, der "die Klangcharaktere wie mit einem Schweißbrenner modelliert." Der zweite Akt aber schwächelt merklich: "Dass man nicht wirklich völlig begeistert applaudiert, liegt an einem seltsam durchhängenden zweiten Akt, der vor allem visuell außer Neonschriftzeichen und der fast unauffällig vollzogenen Menschwerdung der Tiere nicht viel zu bieten hat. Auch Raskatov hat dort sein musikalisches Füllhorn schon so sehr entleert, dass die doch sehr kurzatmigen Szenen nun nicht mehr die Fulminanz des 1. Aktes besitzen. Da ist angesichts der Tatsache, dass wir uns auch 2024 wieder und erneut in einem Orwell-Jahr befinden und immer noch auf der Welt die Köpfe einhauen, mehr aktuelle Kommentierung, kunstartige Übertreibung und vor allem ein radikaler Epilog vonnöten, der besser 'gesessen' hätte als das hier fade inszenierte Zuklappen des Märchenbuches."
Weitere Artikel: Donald Runnicles, derzeit Generalmusikdirektor an der Deutschen Oper Berlin, wechselt zur Saison 2025/26 als Chefdirigent an die Dresdner Philharmonie, meldet die FAZ. Die SZ unterhält sich mit Stefan Herheim und Tobias Kratzer, Opernregisseure, die jetzt zusätzlich noch Intendanten werden.
In der FAZ wirft Marc Zitzmann einen Blick auf die Krise der französischen Theater: Der Sektor soll laut Nicolas Dubourg, Präsident des Syndicat national des entreprises artistiques et culturelles, eine Unterfinanzierung von 100 Millionen Euro aufweisen. Produktionen und Tourneen wurden abgesagt, Aufführungen auf wenige Termine zusammengestrichen. "Mit Abstand am schwersten zu Buche schlägt ..., dass die Gehälter je nach Statut des betreffenden Hauses punktuell oder jährlich erhöht werden (müssen). Und ihre Steigerung gemeinhin der Inflationskurve folgt. Ein Problem, vor dem übrigens auch deutsche Theaterhäuser stehen. Bei großen Strukturen wie Opernhäusern machen die Saläre im Schnitt rund 70 Prozent des Gesamtbudgets aus. Schon ein kleiner Anstieg des Gehaltsaufkommens drückt da gewaltig auf die einzige Variable: den künstlerischen Etat. Zumal die Subventionen seit Jahren stagnieren."
Der Tagesspiegel bringt eine gekürzte Version der Rede, die die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann bei der Veranstaltung "Kultur und Demokratie" im Kanzleramt hielt. Salzmann denkt über die Kunst als Ort nach, in dem jede Stimme Gehör findet - und kein Ausschluss stattfindet: "Auch wenn die Künstler*innen als Menschen den humanistischen Ansprüchen nicht immer gerecht werden mögen - die Kunst selbst nimmt alle Protagonist*innen gleich wichtig und gleich ernst. Wenn sie es nicht tut, ist sie Propaganda. Aber wenn sie ein Ort der Verhandlung der Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen der conditio humana ist, dann ist sie auf der Seite der Menschlichkeit."
Weitere Artikel: In der Welt berichtet Jakob Hayner von der Tagung "Macht Kritik Theater?" in der Akademie der Schönen Künste in München, bei der nur in einem Punkt Einigkeit herrschte: Es braucht "eine Kritik, die nicht bloß nachvollzieht oder empfindsame Künstlerseelen streichelt, sondern ein eigenes Urteil riskiert." In der FRschreibt Judith von Sternburg einen Nachruf zum Tod des im Alter von 89 Jahren verstorbenen britischen Dramatikers Edward Bond, in der NZZ erinnert Marion Löhndorf. Herbert Föttinger gibt 2026 die künstlerische Leitung, Alexander Götz die kaufmännische Direktion am Wiener Theater in der Josefstadt auf, ab März beginnt die Suche nach Nachfolgern, meldet der Standard.
Besprochen werden Stefano Giannettis Inszenierung von Karol Szymanowskis Oper "König Roger" in Dessau (FAZ)
Holger Noltze mag in der FAZ trotz grundsätzlich vorhandener Sympathie nicht ganz in den Jubel einstimmen. Er sieht ein Werk von "Schweizer Präzision. Vermutlich klingt es hier zum ersten Mal wie gedacht, eine echte Immersionserfahrung. In der instrumentalen Szene 'Vermutungen über ein dunkles Haus', und in dem als groteskes Märchenwald-Krippenspiel inszenierten finalen 'Oklahoma'-Theater funktioniert das am besten. (...) Die Regie wählt die Flucht nach vorn und lässt das Ensemble seinen Text wie Plakate vor sich hertragen. Das schafft im Brechtschen Sinne Distanz, doch bleibt man, bei allem Respekt vor der Qualität der durchgehend erstklassigen Besetzung ins totaltheatrale Kafka-Labyrinth, das, was Haubenstock-Ramati wohl im Sinn hatte: unhineingezogen. Dabei jedenfalls nicht schlecht unterhalten."
Sandra Luzina trifft für den Tagesspiegel die chinesische Choreografin Wen Hui, die seit zwei Jahren in Deutschland lebt. Neben ihrem diese Woche im Berliner HAU2 zu sehenden neuen Stück "New Report on Giving Birth" wird auch der Werdegang der Künstlerin thematisiert. So gründete sie etwa gemeinsam mit einem Filmemacher die erste unabhängige Tanztheatergruppe Chinas: "Die Performances des Living Dance Studio kombinierten Tanz und Dokumentarfilm. Hier standen Individuen auf der Bühne, die für sich selbst sprachen: Freunde, Familienangehörige, Bauern und Migranten. Die Anfänge waren hart, staatliche Förderung gab es nicht. Im ersten Stück '100 Verbs' nahm Wen Hui eine Dusche und wusch Wäsche. Sie war die einzige Profi-Tänzerin auf der Bühne. Die Freunde, die bei der Performance mitmachten, konnte sie nicht bezahlen. 'Aber nach den Proben haben wir immer zusammen gegessen und waren glücklich.'"
Außerdem: Marion Löhndorf porträtiert in der NZZ die britische Regisseurin Katie Mitchell, die vor allem auf deutschen Bühnen sehr präsent ist. Andreas Rossmann erinnert in der FAZ an den verstorbenen Dramatiker Edward Bond. Hannes Hintermeier berichtet in der FAZ über MeToo-Vorwürfe gegen die österreichischen Theater- und Fernsehregisseure Paulus Manker und Julian Pölsler. Auch der Standardweiß Neues in der Sache. Cornelia Geißler unterhält sich in der Berliner Zeitung mit Franziska Hauser und Maren Wurster, die ein Ost-West-Frauen-Festival an der Volksbühne organisieren. Helmut Ploebst macht sich anlässlich zweier Wiener Tanzfestivals im Standard Gedanken über "das Dilemma des permanenten Verschwindens von Werken der freien Szene". Esther Slevogt wiederum schreibt auf nachtkritik anlässlich des amerikanischen Super Tuesdays über - Volkstheater.
Besprochen werden Sláva Daubnerovás Inszenierung von Euripides'/Sartres "Die Troerinnen" im Landestheater Niederösterreich (Standard), Gerhild Steinbuchs "Stromberger oder Bilder von allem" am Landestheater Vorarlberg (Standard), die dritte Folge des Infotainment-Formats "I am from Austria" am Schauspielhaus Graz (taz) und "Alice im Wunderland" am Theater Bremen (taz Nord).
Szene aus "Dora" Foto: Maren Siegmund. "Who the hell ist Dora?", ruft Joachim Lange begeistert in der nmz, nachdem er Elisabeth Stöpplers Inszenierung von Bernhard Langs Oper "Dora" an der Staatsoper Stuttgart gesehen hat. Aufführung und Antwort auf dieses Motto des Abends können den Kritiker vollkommen überzeugen: "Der zentrale Clou dieser Musiktheater-Neuheit ist eine Teilantwort auf die Eingangsfrage. Dora ist nämlich auch so eine Art Faust-Figur. Keine willkürlich zur Fausta mutierte Zentralfigur des deutschen Literaturerbes. Sondern eine junge Frau Mitte zwanzig (so die Rollenbezeichnung), die es nicht mal zu den Studien gebracht hat, an denen ihr prototypisches Vorbild so verzweifelt, dass er den - höheren Ortes - ausgeheckten Teufelspakt auf Erden eingeht. Doras Version des Habe-nun-ach-Monologes beginnt mit der modernen Nullbock-Variante 'Wie ich diese Landschaft hasse' und benennt Langeweile als Grundfarbe ihres Lebens im Bannkreis ihrer Familie. Er endet mit: 'Gelangweilt endet nun mein Gang, und gelangweilt trete ich in dieses Siedlungshäuschen ein'.
Auch Reinhard Karger hält diese Inszenierung einer "bohrenden Suche nach Sinn" in der FAZ für sehr gelungen, daran hat auch das Orchester unter der Leitung von Elena Schwarz seinen Anteil: "Langs rasante Sextolen-Loops waren bei ihr in ebenso sicheren Händen wie die zarten Stellen des Stücks, A-cappella-Chöre oder sparsam begleitete Soli der Protagonisten. Überhaupt war es überraschend, welchen Sog das eher klein besetzte Orchester zu erzeugen verstand." Besprechungen gibt es außerdem in FRund SZ.
Weitere Artikel: Über die "Schlacht in der Cable Street", bei der sich 1936 Kommunisten, Arbeiterinnen und Juden der British Union of Fascists in den Weg stellten, gibt es nun ein Musical im Southwark Playhouse, berichtet Daniel Zylbersztajn-Lewandowski in der taz. Die SZ begutachtet die jüngsten Theaterpremieren in Berlin und ist gar nicht begeistert.
Besprochen werden Barry Koskys Inszenierung der Händel-Oper "Hercules" im Schillertheater, dem Ausweichquartier der Komischen Oper (taz), Christina Gegenbauers Inszenierung von Deirdre Kinahans Stück "Der Vorfall" Stadttheater Bremerhaven (taz), Pınar Karabuluts Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Ulrike Maria Stuart" (Welt), Jan Bosses Inszenierung von Eugène Labiche "Die Affäre Rue de Lourcine" (tsp, FAZ, nachtkritik), "Der große Wind der Zeit" nach einem Roman von Joshua Sobol in der Inszenierung von Stefan Kimmig am Schauspiel Stuttgart (SZ), Sebastian Baumgartens Inszenierung von Roman Haubenstock-Ramatis Kafka-Oper "Amerika" am Opernhaus Zürich (NZZ).
Das "Mädchen mit dem Perlenohrring" in "50 ways to leave your Ehemann am Theater Paderborn. Foto: Meinschäfer Fotografie. "Wenn es eine Divorce Barbie gäbe, hätte sie kaputte Schuhe, Alditüten und Mahnungen als Ausstattung", hört Nachtkritikerin Karin Yeşilada bei Fanny Brunners Adaption von Jacinta Nandis Buch "50 Ways to Leave Your Ehemann" am Theater Paderborn: Der Regisseurin ist es gelungen, Brunners wütende Abrechnung mit dem Patriarchat witzig zu inszenieren, ohne dabei die Botschaft zu untergraben, freut sich die Kritikerin. Es geht um die prekäre Situation alleinerziehender Frauen, um unbezalte Care-Arbeit, gesellschaftliche Vorurteile und all die Dinge, von denen manch einer glaubt, wir hätten sie längst überwunden: "Gleich zu Beginn setzt sie starke Bilder, und zwar wortwörtlich, denn drei Schauspieler stellen drei ikonische Frauenbilder im Goldrahmen nach: Zunächst erscheint Jan Gerrit Brüggemann als Jan Vermeers leicht zickiges 'Mädchen mit dem Perlenohrring', dann gibt Kai Benno Vos die hintersinnig lächelnde 'Mona Lisa' von Leonardo da Vinci, und schließlich erscheint Johannes Karl als arg zerzauste, üppig ausgepolsterte 'Venus' von Sandro Botticelli - großartig! Wie Mädchen und Mona Lisa dann der 'Geburt der Venus' (auf dem Küchentisch in der Schaumstoff-Muschel balancierend) im riesigen Bilderrahmen beiwohnen ist urkomisch, und ihre zwischenzeitlichen Eröffnungsargumente gehen dabei fast schon unter. Danach und für den Rest des Stückes machen sich die drei dann in schwarzen Jogginghosen und Unterhemden als Hausmänner in der Wohnung zu schaffen."
Besprochen werden Bérénice Hebenstreits Inszenierung von Gerhild Steinbuchs Stück "Stromberger oder Bilder von allem" am Voralberger Landestheater (nachtkritik), der zweite Teil von Anna-Sophie Mahlers Adaption von Uwe Johnsons "Jahrestage" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik), Oliver Frljićs Adaption von Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" am Gorki in Berlin (nachtkritik), Yana Ross' Adaption von "Sterben Lieben Kämpfen" von Karl Ove Knausgård am Berliner Ensemble (taz), Stefano Gianettis Inszenierung von Karol Szymanowskis Oper "Król Roger" im Rahmen des Kurt Weill Fests in Dessau (nmz), Nora Schlockers Inszenierung von Suzie Millers Monolog "Prima Facie" am Münchner Residenztheater (SZ), Andreas Merz-Raykov' Natalka Vorozhbyt Stück "Non-Existent" am Schauspiel Essen (SZ), Ingo Kerhofs Inszenierung von György Kurtágs "Fin de partie" an der Oper Dortmund (FR), Nadav Zelners Tanzstück "Glue Light Blue" am Hessischen Staatsballett in Wiesbaden (FR).
Nach dem unerwarteten Tod von René Pollesch (unser Resümee) gibt es weitere Nachrufe: In der SZ gedenkt der Autor und Theatermacher Carl Hegemann seinem Freund auf persönliche Weise und macht auch dessen besondere Bedeutung für das Theater nochmal deutlich: "Für uns (Menschen, Anm.d.R.) ist die Sterblichkeit das Problem. Darüber habe ich mit René häufig gesprochen, wir waren uns selten einig, aber in diesem Fall war uns beiden klar, dass Gott mit seiner Unsterblichkeit das größere Problem hat. Dass die großen dramatischen und tragischen Konflikte auf der Bühne nicht erst hergestellt werden müssen, etwa durch die Entwicklung einer besonderen Personenkonstellation wie zwischen Antigone und Kreon oder Puntila und Matti, hat Pollesch immer wieder demonstriert in seinen Inszenierungen. Er hat nachgewiesen, dass diese Konflikte sich allesamt und wie verrückt in uns selbst abspielen. Dass also jeder sterbliche Mensch und sogar der unsterbliche Gott sich in einem tragischen Selbstwiderspruch befinden, der gleichzeitig die Bedingung dafür ist, dass man überhaupt Erfahrungen machen und ein bewusstes Leben führen kann." Weitere Nachrufe schreiben der Schauspieler Fabian Hinrichs in der FAS und Matthias Heine in der Welt.
Marion Löhndorf berichtet in der NZZ vom Vorhaben des Noël Coward Theatres in London: man plante einige Vorführungen ausschließlich für People of Colour zugänglich zu machen, um einen sicheren Raum zu schaffen: "Die Ankündigung provozierte Widerspruch bis in die obersten Ränge der Politik. Premierminister Rishi Sunak verurteilte die Aktion als besorgniserregend. 'Der Premierminister ist ein großer Fan der Künste, und er glaubt, dass sie jedem offenstehen sollten', so hieß es aus Downing Street."
Weiteres: Unter dem Motto "Vorwärts zu den Anfängen - Zurück in die Zukunft", will Milo Rau bei den Wiener Festwochen "Volksprozesse" abhalten, bei denen österreichische Politiker, aber auch er selbst "angeklagt" und zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen angehört werden sollen, berichtet Sonja Zessnik in der taz. Mit diesen fiktiven Gerichtsverhandlungen bringt Rau "sein Konzept der inszenierten Schauprozesse in 'die Hauptstadt der Moderne', wie er Wien nennt." Rüdiger Schaper überlegt im Tagesspiegel, wie es nach dem Tod von René Pollesch an der Volksbühne weiter gehen könnte.
Besprochen werden Olivier Kellers Inszenierung von Kim de L'Horizons Stück "DANN MACH DOCH LIMONADE, BITCH. Wo ist die goldene Leiter?" im Schlachthaus Bern (nachtkritik), Jessica Sonja Cremers Inszenierung von Goethes "Iphigenie auf Tauris" am Theater Ulm (nachtkritik), Barbora Horáková Jolys Inszenierung von Hans Thomallas Oper "Dark Fall" am Nationaltheater Mannheim (FR), Jefta van Dinthers Choreografie "Remachine" im HAU in Berlin (tsp), Yana Ross' Adaption von "Sterben Lieben Kämpfen" von Karl Ove Knausgård am Berliner Ensemble (tsp).
Akıns Traum vom Osmanischen Reich. Foto: Tommy Hetzel.Ein gelungener Abschied für den Intendanten Stefan Bachmann vom Schauspiel Köln, befindet Christine Dössel in der SZ angesichts des von Akin Emanuel Sipal extra für diesen Anlass verfassten Stückes "Akins Traum vom Osmanischen Reich." Ein ungewöhnliches, herausforderndes, aber lohnenswertes Theaterereignis, das "in einem fantastischen Galopp durch fast 600 Jahre Geschichte spurtet," so Dössel. "Den Durchblick behält man beim Who's who dieses rasanten historischen Abrisses tatsächlich nicht, wer kennt sich schon aus mit osmanischer Geschichte - aber genau darin liegt auch der Reiz dieses erfrischend anderen, erfreulich befremdlichen, wunderbar spielfreudigen, mit Völkern, Ländern und Sitten jonglierenden Abends. Als Abschiedsgeste ist dieses Stück (mit türkischen Übertiteln) eine Umarmung. Eine Umarmung nicht nur des migrantischen 'Veedels', in dem das Kölner Schauspiel seine Heimat gefunden hat - gleich um die Ecke ist die Keupstraße mit ihren türkischen Konditoreien, Gold- und Brautmodengeschäften -, sondern auch der ganzen Situation dieses Theaters in den vergangenen elf Jahren. Ausdruck auch seiner gelungenen Integration."
Die Bewegung #StoppNVFlatrate setzt sich für faire Arbeitsbedingungen am Theater ein, erklärt Peter Laudenbach in der SZ: "NV steht für Normalvertrag Bühne, das ist der Standardvertrag der künstlerisch Beschäftigten an den Theatern. Flatrate steht für das, was die drei Bühnengewerkschaften, die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger (GDBA), der Bundesverband Schauspiel (BFFS) und die Vereinigung deutscher Opern- und Tanzensembles (VdO), nicht mehr akzeptieren wollen: einen Tarifvertrag, in dem die Arbeitszeit allein durch die gesetzlichen Arbeitsschutzbestimmungen limitiert ist - diese erlauben Wochenarbeitszeiten von 48 bis zu phasenweise 60 Stunden." Anna Schors ergänzt im VAN Magazin, was das für die Beschäftigten bedeutet: "'Theoretisch könnten die Darsteller dem Theater 24 Stunden zur Verfügung stehen', erklärt Hans-Werner Meyer vom Bundesverband Schauspiel gegenüber VAN. Die Proben, die in der Regel zwischen 10 und 14 sowie 18 und 22 Uhr stattfinden, richten sich nach einem Tagesplan, der oft erst am Vortag veröffentlicht wird, nach geltendem Recht ist es außerdem möglich, dass Beschäftigte elf aufeinanderfolgende Tage ohne freien Tag arbeiten."
Radikal auf etwas über eine Stunde heruntergebrochen findetNachtkritiker Georg Kasch Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart" in der Inszenierung von Pinar Karabulut am Deutschen Theater Berlin vor. Die Geschichte verwebt die Biografien von Ulrike Meinhof und Gudrun Ennslin mit denen von Maria Stuart und Elisabeth I., die einen ringen um die Krone Englands, die anderen um die Vormachtstellung in der RAF. Mit der Verhaftung von Daniela Klette bekommt das RAF-Stück eine merkwürdige Aktualität, beteuert er: "In Zeiten, in denen die Linke einmal mehr zu zersplittern droht, kommt diese Botschaft mit Pınar Karabuluts Inszenierung gerade recht: Nehmt euch selbst nicht so wichtig und auch nicht eure Orthodoxie (die ja immer schnell im Dogmatismus endet), sondern steht ein für die Sache! Ob's hilft? Zumindest kann man sich an schönen Bildern freuen. Etwa wenn sich Maria Ulrike und Gudrun Elisabeth in Zeitlupe aufeinander zubewegen: die eine zerknirscht, sterbenspathosschwanger, aber dann doch vor allem am Nachruhm interessiert. Die andere bissig, ironisch, triumphierend - und in ihrer Konsumlust dem Kapitalismus längst auf den Leim gegangen."
Besprochen werden: "Der große Wind der Zeit" nach einem Roman von Joshua Sobol in der Inszenierung von Stefan Kimmig am Schauspiel Stuttgart (FAZ) und Mozarts "Idomeneo" in der Inszenierung von Sidi Larbi Cherkaoui am Theater Genf (Welt).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Christina Morina: Das amerikanische Beben Die Historikerin Christina Morina lebte mit ihrer Familie 2024/25 für ein Jahr in New York - als Gastprofessorin an der weltbekannten New School For Social Research. Aus…
Sigrid Damm: Künstler meines Lebens 16 Porträts von Sigrid Damm versammelt dieser Band. Es sind Reflexionen und Erinnerungen an Künstler und Wegbegleiter, die für Sigrid Damm wichtig waren. Mit einigen war…
Jan-Werner Müller: Straße, Platz, Palast Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Mit zahlreichen Abbildungen. Menschen gehen auf die Straße. Die Öffentlichkeit wird als Marktplatz der Ideen beschrieben. Parlamente…
Philipp Gassert: Die bipolare Nation Von der Gründung zu Trump, vom Imperialismus zum Isolationismus, vom Glücksversprechen des Massenkonsums zum Klimawandel, von der Vormacht zum chaotischen Faktor, von der…
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