Heute Abend soll Anna Netrebko in der Berliner Staatsoper auftreten. Sergey Lagodinsky, Mitglied des Europäischen Parlaments, und Oleksii Makeiev, Botschafter der Ukraine in Deutschland, begründen in der Berliner Morgenpost, warum Protest gegen diesen Auftritt richtig sei. Die Russen müssten endlich lernen, sich mit der Geschichte des Imperialismus ihres eigenen Landes auseinanderzusetzen. Lippenbekenntnisse gegen den Krieg reichten nicht aus: "Kritische russische Stimmen ihrer Kulturrepräsentanten zu diesem Aggressionskrieg sind rar. Die meisten, die protestieren, tun das mit den Füßen, nicht mit der Stimme. Die Minderheit, die ihre Stimme erhebt, erhebt sie gegen den Krieg, nicht gegen die imperiale Kultur. Die Wenigen, die gegen die imperiale Kultur protestieren, meinen damit die käuflichen Propagandakollegen, nicht den Imperialismus, den die gesamte russische Kultur mit ihrer Haltung und ihren Narrativen seit Jahrhunderten atmet. Lermontow, Puschkin, Tjutschew, die Liste kann und muss fortgesetzt werden." Makeiev wirft der Intendanz "culture as usual" vor, schreibt der Tagesspiegel: "Es tut mir leid, dass die Oper statt unserer Argumente lieber die Sopranstimme von Frau Netrebko hört."
Kerstin Holm spricht sich in der FAZ allerdings gegen einen Boykott aus: "Dass Ukrainer auf Auftritte russischer Stars allergisch reagieren, ist verständlich. Doch Auftritte der Sängerin mit der Begründung zu verbieten, dass ihre Antikriegsposition nicht scharf genug formuliert ist, wäre ungerecht und für die Ukraine ohne Nutzen. Es wirkt vielmehr wie eine Ersatzhandlung für die Tatsache, dass von ukrainischen Frontkämpfern dringend benötigtes Militärgerät von den Verbündeten stets spät und in zu geringem Umfang geliefert wird."
Michael Maier führt für die Berliner Zeitung ein nicht gerade hart nachfragendes Interview mit dem Intendanten der Staatsoper, Matthias Schulz, der erklärt: "Netrebko hat eindeutig Stellung bezogen und auch entsprechend gehandelt: Sie tritt nicht mehr in Russland auf. Sie wird Teil einer künstlerisch herausragenden Aufführung von Verdis 'Macbeth' sein. Wir sollten in dieser Diskussion einander gut zuhören, um den Standpunkt des anderen nachvollziehen zu können. Die Künstlerin hat jedenfalls eine faire Behandlung verdient."
"Was bringt westliche Choreografen dazu, sich vor den Karren des russischen Aggressors spannen zu lassen?", fragt sich Wiebke Hüster in der FAZ. Zwei Ballette von Marco Goecke und Nacho Duato sollen im Juli 2024 im Moskauer Stanislawski-Ballett aufgeführt werden, alles deutet darauf hin, dass die Verträge dafür nach Kriegsbeginn geschlossen wurden. Im Gespräch mit dem früheren Ballettdirektor Laurent Hilaire erkundigt sich Hüster nach den Gründen: "Das Hauptargument sind die Tänzer in Russland. Sie leiden darunter, das ist richtig. Es ist hart und schwierig, sich von ihnen abzuwenden. Aber das schlimmste Leid ist auf der Seite derjenigen, die überfallen wurden." Sie insistiert: "Und darum noch einmal: Mit einem solchen Aggressor schließt man keine Verträge, und man nimmt kein Geld von ihm, und man gibt den eigenen Namen nicht für seine Zwecke her."
Marianna Simnett: Gorgon. Foto: Katja Illner Berliner-Zeitung-Kritiker Stefan Hochgesand kommt merklich angeregt aus Marianna SimnettsKI-Oper "Gorgon" im Berliner HAU. "Auf einer Leinwand sehen wir Gorgon: ein Mischwesen, in dem sich visuell das Gesicht der Künstlerin Marianna Simnett mit Elementen einer Spinne verwebt, die ihrerseits - beliebtes Spinnen-Täuschungsmanöver! - eine Ameise zu sein vorgibt: durch eine geschickt die Wahrnehmung manipulierende Haltung ihres Spinnenkörpers. Auch diese Bewegtbilder sind KI-kreiert. Wir befinden uns damit sehr tief im uncanny valley, dem unheimlichen Tal des Gerade-nicht-mehr-Menschlichen." Im Tagesspiegelstellt sich Sarah Johanna Theurer hingegen eher Fragen zum Mehrwert der KI: "Marianna Simnett ist eine großartige Videokünstlerin, aber für Gorgon hat sie den theatralen Raum der Theatertradition gewählt. Vielleicht sollten wir uns angesichts der rasanten Entwicklung der KI-Technologie doch hin und wieder fragen, ob das jetzt wirklich alles so neu und anders ist."
Besprochen wird außerdem Barrie Koskys Inszenierung des "Rheingolds" in London (Welt)
Die Wagner-Festspiele in Bayreuth sind zu Ende. Es beginnt das Festival Bayreuth Baroque, im Markgräflichen Opernhaus. Eröffnet wurde mit Händels "Flavio", eine "anti-heroische Komödie mit tragischen Untertönen", wie Welt-Kritiker Manuel Brug beim Händel-Forscher Winton Dean gelesen hat. Egal, Brug ist hin und weg, denn Intendant und Regisseur Max Emanuel Cencic "dreht das verhältnismäßig kurze Werk vollends in Richtung Sittenkomödie. Die jakobitische Comedy of Manners bekommt hier sogar frivole Züge à la Feydeau verpasst. Wohlwissend um die klatschfreudige Londoner Gesellschaft der Händel-Ära, sucht und findet die Regie Bezüge zu den zügellosen Monarchen Charles II. und James II., dem Politstreit zwischen konservativ katholischen Torys und liberal protestantischen Whigs sowie dem auch in Scribes 'Das Glas Wasser' porträtierten Viscount Bolingbroke. Und setzt auf saftige Farce und freche Satire, auf Mord, Peitschen auf Damenhintern, Kunstbrüste und stolze Erektionen." Im Graben spornt Benjamin Bayl das Orchester zu Höchstleistungen an, dass "der ganze alte Holzkasten swingt, singt und kräftig lacht".
Besprochen werden außerdem Eslon Hindundus' namibische Oper "Chief Hijangua" in Berlin (taz), Barrie Koskys Inszenierung von Wagners "Rheingold" an der Londoner Covent-Garden-Oper (FAZ) sowie der Saisonauftakt am Theater Magdeburg mit Martin Sperrs "Jagdszenen" und der Uraufführung von Saša Stanišić "Wolf" ("Wer sich fragt, was ein Stadttheater heute zu sagen hat: In Magdeburg findet er Antworten", versichert in der FAZ Christoph Weissermel).
Cassandra, Théâtre de la Monnaie, Brüssel. Foto: Karl Forster
"Taugt 'Cassandra'", nämlich Bernard Foccroulles im Brüsseler Théâtre de la Monnaie uraufgeführte Klimaoper "als Beispiel für eine neue Zeitgenossenschaft" der Kunstform? Fragt Holger Noltze in der FAZ, und die Antwort lautet klar: ja. Es geht unter anderem um die Polkappenforscherin Sandra, die außerdem Komikerin ist sowie um einen Eisberg namens "Bach". Nicht zu leugnen, dass das auf den ersten Blick etwas überspannt anmutet. Dennoch: "Die Regisseurin Marie-Ève Signeyrole erzählt Sandras Geschichte stimmig, um einen multifunktionalen Riesenblock herum, der ein Berg aus Eis oder auch Büchern sein kann, oder eine Struktur von Bienenwaben, oder eine Unterwasserwelt. Gleich das erste Bild zeigt eindrucksvoll, wie Cassandra vergeblich warnt und Troja krachend stürzt." Am Ende geht es auch noch den Insekten an den Kragen: "Den Bienen, die weniger werden, gilt die besondere Liebe des Komponisten: gleich drei Intermezzi sind ihnen gewidmet, zuerst als lustiges Schwarmballett, am Ende nur noch als trauriges Summen; wir begreifen: Eine Welt ohne Bienen ist so wenig denkbar wie eine ohne Bach."
Weiteres: Das Theaterhaus Jena nimmt sich des Hundekotskandals um Marco Goecke in einem Bühnenstück an, weiß Jakob Hayner in der Welt. Davon wird noch zu berichten sein - Premiere ist Ende Oktober. Rainer Stamm freut sich in der FAZ über den Fund eines tanzhistorisch wichtigen Briefs der Bauhausbelegschaft, die Schlemmers "Triadisches Ballett" zu sich einluden. Pitt von Bebenburg trifft sich für die FR mit Christoph Dittrich, dem Generalintentdant des Städtischen Theaters Chemnitz und spricht mit ihm über das Jahr 2025, das Chemnitz als Europäische Kulturhauptstadt begehen wird. Passt jedes Theater überall hin? Nein, meint Wolfgang Behrens in der nachtkritik. Besprochen wird die Ring-Inszenierung am Theater Basel (SZ).
FAZ-Kritiker Wolfgang Sandner taucht bei Claude Débussys Oper "Pélleas et Mélisande" am Müpa in Budapest in die "tief verborgenen Schichten des menschlichen Wesens, vielleicht auch seines Unwesens" ein. Denn das Seelische teilt sich hier laut Sandner durch die Musik mit. Der Dirigent Iván Fischer übernahm nicht nur die musikalische Leitung, sondern auch die Inszenierung und findet eine überraschende Lösung für die Umsetzung, staunt er: "Es gibt keine Trennung zwischen einem (hier ohnehin nicht vorhandenen) Orchestergraben und der Bühne. Die Musiker sind Teil der Szene, fügen sich komplett ins Einheitsbühnenbild von Andrea Tocchio, einen spärlich erleuchteten Zauberwald... All die lauernden, einstweilen an die Kette gelegten, sich zu bösem Gift der Eifersucht entwickelnden und dann wieder die Kapriolen von schüchterner Annäherung, Liebe, emotionalem Verstehen ausleuchtenden Orchesterklänge tönen aus dem wild wuchernden Unterholz, als sei der Wald tatsächlich zu so etwas wie der natürlichen Erscheinung des menschlichen Seelenlebens mutiert."
In einigen Tagen soll Anna Netrebko an der Berliner Staatsoper auftreten. Dagegen zirkulieren Petitionen, und es wird wohl Demos vor der Oper geben. Die Osteuropaexpertin Franziska Davies hat bemerkt, dass die Staatsoper die Bio Netrebkos nach Kritik geändert hat und postet es auf Twitter.
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelteilt Ute Büsing Eindrücke vom "Draama Festival" und dem "Estonian Contemporary Performing Arts Showcase" in Estland.
Besprochen werden Lilja Rupprechts Adaption von Rainer Werner Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" am Akademietheater in Wien und David Böschs Inszenierung von Henryk Ibsens "Die Stützen der Gesellschaft" am Theater in der Josefstadt (FAZ), Iván Fischers Inszenierung von Claude Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" am Müpa in Budapest (FAZ), Boris Charmatz Choreografie "Liberté cathédrale" am Tanztheater Wuppertal (FAZ), Johannes Maria Stauds Inszenierung von "missing in cantu" und Amir Reza Koohestanis Inszenierung von "Dantons Tod reloaded" beides im Rahmen des Kunstfest Weimar (SZ), Christopher Rüpings Adaption von Benjamin von Stuckrad-Barres Roman "Noch wach?" am Thalia Theater in Hamburg (Welt) und Marie Gottschalks Inszenierung von Uta Bierbaums Jugendstück "Hasen-Blues. Stopp" am Staatstheater Darmstadt (FR) und Adrian Figueroas Inszenierung von Wolfgang Herrndorfs "Arbeit und Struktur" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ).
Szene aus "Noch wach?" am Thalia Theater. Foto: Krafft Angerer.
Von einem Hotelpool in Hollywood geht es in Christopher Rüpings Adaption von Benjamin von Stuckrad-Barres Schlüsselroman "Noch wach?" in ein Schloss nach Transsilvanien, verrät FAZ-Kritikerin Julia Encke. Dass der Regisseur in seiner Inszenierung am Thalia-Theater den Chef eines Medienkonzerns, der in einen MeToo-Skandal verwickelt wird, als Dracula, und seine Mitarbeiter ebenfalls als Blutsauger darstellt, findet die Kritikerin passend. Besonders gefällt ihr eine Szene, die die Männerfreundschaft des Medienmoguls mit dem Erzähler als entrückten Tanz inszeniert: "Der Schauspieler Hans Löw, großartig in der Rolle des Senderchefs, zieht seinen Dracula-Umhang aus, entschlüpft dem Konzernchefhabitus und beginnt, zögerlich erst, zu tanzen. Macht sich locker. Geht aus sich heraus, exaltiert. Hier, zusammen mit dem Erzähler, der in den Rückblende-Szenen noch sein Freund ist, kann er das. Und dieser Freund, den Nils Kahnwald als Stuckrad-Alter-Ego spielt, der viel kleiner ist als Löw, sehr dünn und zappelig, wirft sich ihm tanzend in die Arme wie ein Kind. Hier sind beide Kinder, selbstvergessen, libidinös verbunden. Es ist ein Akt der Weltflucht, Regression und Ekstase, in der das Schloss im Hintergrund kein Medienhaus mehr darstellt, sondern eher eine Mischung aus Großgrundbesitzervilla und Technoclub. Bis irgendwann Schluss ist." Taz-Kritikerin Katrin Ullman sieht es ein wenig anders: Dafür, dass hier der sehr reale Skandal um den ehemaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt verhandelt wird, dem Mitarbeiterinnen sexuelle Belästigung vorwarfen, kommen die Frauen in diesem Stück erstaunlich wenig zu Wort, meint sie. Ähnlich sieht es Christiane Lutz in der SZ, nur "am Ende kurz bevor im Finale die Frauen den Sender stürmen (Spoiler: ganz anders als im Roman), Pflanzen, Bürobedarf, Kuscheltiere und ein Feldbett aus den Fenstern schmeißen, entsteht etwas, das dem ganzen Roman fehlt: Wut. Und Bitterkeit."
Szene aus "Doktormutter Faust". Foto: Birgit Hupfeld Einen "aberwitzigen Remix der Faust-Bausteine" bekommtNachtkritikerin Dorothea Marcus mit Selen Karas "kon-genialer" Inszenierung "Doktormutter Faust" am Schauspiel Essen zu sehen. Im Stück, geschrieben von Fatma Aydemir, ist Margarete Faust Professorin für Gender-Studies und geht eine verhängnisvolle Affäre mit einem ihrer Studenten ein. Da werden die goetheschen Machtverhältnisse schön über den Haufen geworfen und gleichzeitig, so lässig wie komplex, "Identitäts- und Machtdiskurse der Gegenwart" thematisiert, lobt Marcus: "Und ist nicht letztlich doch manches erlaubt im Namen der Liebe? Eine sinnliche Walpurgisnacht lang, mit wollüstigem Trance-Techno grundiert, scheint alles gut zu sein. Mit seligem Lächeln und nackter Brust schaukelt die Professorin in der Ursuppe, abwechselnd mit Karim, es haucht und atmet, nackt, seufzend und singend treiben die Schauspieler durch den Kunsteisnebel der Lüste. Schön ist das gemacht und könnte besser jene Grauzonen nicht ausdrücken, die hier verhandelt werden."
Besprochen werden außerdem Juan Mayorgas Stück "Der Junge aus der letzten Reihe" inszeniert von Christiane Jatahy am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik), ebenfalls dort: Nicolas Stemanns Inszenierung von Brechts "Das Leben des Galilei" (nachtkritik, NZZ), Daniela Löfflers Inszenierung von Frank Wedekinds Stück "Lulu" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Julian Chavaz Inszenierung von Paul Abrahams Operette "Blume von Hawaii" an der Oper Magdeburg (nmz), Carsten Kirchmeiers Inszenierung von Jonathan Larsons musikalischem Theaterstück "tick, tick...Boom!" am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen (nmz), Julien Gosselins Inszenierung von "Extinction" an der Berliner Volksbühne (taz), David Böschs Inszenierung von Henrik Ibsens "Die Stützen der Gesellschaft" am Theater in der Josefstadt in Wien (Standard), Claudia Bauers Adaption von Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" am Volkstheater in Wien (Standard) und Max Emanuel Cencics Inszenierung von Georg Friedrich Händels Oper "Flavio, Re de' Longobardi" Bayreuth Baroque Festival (FAZ).
Szene aus "Der Garten der Lüste" bei der Ruhrtriennale. Foto: Katrin Ribbe Ruhrtriennale 2023 Eine außergewöhnliche Wirkung hinterlässt Philippe Quesnes Inszenierung von "Der Garten der Lüste" bei Nachtkritiker Gerhard Preußer. Eine Gruppe Bustouristen strandet in der Wüste - so alltäglich beginnt das Stück, meint Preußer, aber "schon am Anfang schimmert durch, hier geht es um mehr, um alles, um die Menschheit, nein, um das Universum". Es formt sich dann eine hippiemäßige, künstlerische Gemeinschaft, so der Kritiker, man zitiert Georges Perec und singt gemeinsam. Es geht aber immer auch um Spiritualität, nicht umsonst ist das Stück an Hieronymus Boschs gleichnamiges Tryptichon angelehnt- und um ein großes Ei: "Und folglich ist die Menschheit erlösungsbedürftig. Das Ei wird gekippt, alle sehen in die Höhlung hinein, genau wie eine kleine Menschengruppe auf Hieronymus Boschs Bild. Ein Wummern und Dröhnen hebt an, am Himmel des Prospekts erscheint ein Dreieck, wird immer größer, füllt die ganze Fläche. Alle starren es begeistert an, als wäre es die göttliche Trinität - und es verschwindet. Ob das Erlösung war oder Untergang? Quesne erreicht eine emotionale Öffnung. Man wird nicht fokussiert, sondern durchlässig für Stimmungen. Die Gelassenheit und Sorgfalt so verschiedener Bühnenaktionen und Texte führt zu einer ratlosen, kühlen Heiterkeit, die zu den seltenen Theaterwirkungen gehört." SZ-Kritiker Till Briegleb freut sich darüber, wie hier ein "anderes Modell von Zivilisation" vorgeführt wird, "eine freundliche Alternative zu allen bequemen Gewissheiten über Wohlstand, Waren- und Anspruchsdenken".
In der Welt am Sonntag verteidigt Elmar Krekeler das viel kritisierte Engagement (unser Resümee) Anna Netrebkos an der Berliner Staatsoper. Die russische Sängerin habe in puncto Russlandkritik getan was sie konnte, meint Krekeler. Indem sie sich gegen den Ukraine-Krieg ausgesprochen habe, sei sie schließlich auch in Russland zur "Persona non grata" geworden: "Mehr an Abbitte kann Anna Netrebko, mehr kann ein russischer Musiker Sportler, Intellektueller gegenwärtig kaum tun. Die Zeit fordert den Spagat. Anna Netrebko hat ihn - man mag ihre Divenhaftigkeit nicht mögen und verdächtig finden - prinzipiell erstaunlich aufrecht bewältigt."
Weiteres: In der NZZporträtiert Bernd Noack den Regisseur Max Reinhardt. SZ-Kritiker Egbert Tholl besucht eine Ausstellung in Salzburg zu dessen 150. Geburtstag und ist besonders beeindruckt von der virtuellen Rekreation von Reinhardts "Faust-Stadt". Die Komödie "Extrawurst", geschrieben von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, war dieses Jahr das beliebteste Theaterstück der Deutschen, verrät Vasco Boenisch in der FAS, auf Platz zwei folgt "Maria Stuart". In der FAZ schildert Lothar Sickel die historischen Umstände der Uraufführung von Alfred Neumeyers Stück "Die Herde sucht" im Jahre 1931, die einen Skandal auslöste.
Besprochen werden Steffen Wilhelms Inszenierung von Derek Benfields Komödie "Love Jogging" an der Komödie Frankfurt (FR), Julien Gosselins Inszenierung "Extinction" an der Berliner Volksbühne mit Texten von Thomas Bernhard, Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal (FAZ) und Antú Romero Nunes' Inszenierung von "Antigone" am Theater Basel (nachtkritik),
Besprochen werden Marc Sinans "Kriegsweihe" und "Kill Krieg" (nmz) sowie Amir Reza Koohestanis Inszenierung von Dantons Tod Reloaded, beide beim Kunstfest Weimar (nachtkritik).
Bild: Matthias Horn Rainer Werner Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra Kant" so beschwingt, fast humorvoll auf die Bühne zu bringen, das muss man erstmal schaffen, stauntNachtkritikerin Andrea Heinz über Lilja RupprechtsInszenierung am Wiener Akademietheater: Hauptdarstellerin Dörte Lyssewski ist das "Kraftzentrum. Ihre Petra von Kant oszilliert geschmeidig von souverän zu abgebrüht, von einer herrisch ihre Dienerin Marlene (Annamária Láng) herumkommandierenden Chefin zu einer unsicheren und abhängigen Künstlerin, die gefallen möchte. Nina Siewert ist als Karin Thimm der perfekte Gegenpol: Jung und aus zerrütteten Familienverhältnissen (der trinkende Vater hat die Mutter erstochen und sich dann erhängt), ist sie sprunghaft und leichtsinnig, lässt sich von der rasch und heftig verliebten Petra aushalten und kehrt bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zu ihrem Ehemann zurück."
"Die Figuren werden plastisch genug, doch ist mit ihnen nichts anzufangen", meint hingegen Margarete Affenzeller im Standard: "Die Inszenierung findet keinen Weg, für den Stoff einzustehen. Das Aussperren jeder Gegenwart hat eben seinen Preis. Alles wirkt wie ein Gruß aus den 1970ern, fehlt nur noch der Flokati."
Weitere Artikel: Die Zeit eröffnet ihr Feuilleton heute mit einem von Moritz von Uslar protokollierten Text, in dem Florentina Holzinger etwas widerwillig von einem "Eklat" erzählt, der sich vor einigen Wochen im ICE von Hamburg nach Berlin abgespielt hat: Holzinger und ihre Gruppe hatten einen Sitzplatz für eine Harfe reserviert, Mitreisenden protestierten im überfüllten Zug, es kam zur "Eskalation" mit einem Zugbegleiter, schließlich musste der Zug in Uelzen zwischenhalten und die Bundespolizei schritt ein. Ebenfalls in der Zeit liefert Christina Rietz Eindrücke vom Kunstfest Weimar. Und Peter Kümmel porträtiert den Regisseur Julien Gosselin, dessen Stück "Extinction", ein Mix aus Texten von Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Thomas Bernhard die neue Spielzeit an der Berliner Volksbühne eröffnet.
In Wien ist der Prozess gegen den ehemaligen Burgtheaterschauspieler Florian Teichtmeister zuende gegangen - mit einer Bewährungsstrafe wegen Besitz und Herstellung von Kinderpornografie (unser Resümee). In der FAZ meint Stephan Löwenstein, es sei während des Prozesses unmöglich gewesen "zu vergessen, dass der Mann, der da vor Gericht eine Art Lebensbeichte ablegt, einer der begabtesten Schauspieler des Wiener Burgtheaters war." Die Verhandlung wirkte auf Löwenstein wie eine Bühnenvorführung: "Spricht so ein reumütig Geständiger, der reinen Tisch macht und alles dafür tun will, dass es nie wieder mit ihm so weit kommt? Oder spielt ein Mime die Rolle seines Lebens? Oder beides? Teichtmeister spricht ohne Theatralik. Auch äußerlich tritt er unglamourös auf: Der Schnurrbart ist abrasiert, der gedeckte Dreiteiler passt bis hin zum schmal gefalteten weißen Einstecktuch, die Hände hat er aneinandergelegt vor sich auf dem Tisch. Seine Taten passen überwiegend zu den Aussagen. Bis auf den Umstand, dass er nach seiner Entdeckung noch ein Jahr lang öffentlich die Maske der Normalität zu wahren versucht hatte."
Auch Cathrin Kahlweit beschreibt in der SZ Teichtmeisters Verhalten vor Gericht im Stil einer Bühnenrezension: "Der Angeklagte betritt den Großen Schwurgerichtssaal in einem dunkelgrauen Anzug mit passender Weste und eisgrauer Krawatte und setzt sich an den Tisch in der Mitte des Raumes. Er verschränkt die Hände wie zum Gebet, schaut auf die Tischplatte, stellt die Beine breit auseinander und zieht zugleich die Hacken hoch - eine Haltung, die Demut und höchste Anspannung zugleich signalisiert. Während der drei Stunden, die der Prozess am Dienstagmorgen im Landesgericht für Strafsachen in Wien gegen den bekannten Theater- und Filmschauspieler dauern wird, verändert Teichtmeister seine Haltung höchstens minimal. Manchmal deutet er ein kleines Nicken an, wenn seine zwei Verteidiger anmerken, dass er bereue, etwa."
Für den Tagesspiegelberichtet Joachim Huber, für die NZZ Daniel Imwinkelried.
Im Standardinterviewt Ronald Pohl eine ehemalige Kollegin Löwensteins, den Burgtheater-Star Dörte Lyssewski. Um den Prozess geht es freilich nicht, sondern zum Beispiel ums Gendern (nicht ihr Ding), aber auch um die Frage, warum es das Theater eventuell schwerer hat als andere Künste, nach Corona sein Publikum wiederzugewinnen: "Wir müssen auf der Bühne bar bezahlen, wir haben nicht die Musik, sondern nur uns selbst, die Beteiligten, die Handlung. Der Zuschauer besitzt ein Anrecht auf das Ereignis. Wenn wir dieses über Bord werfen, weil wir meinen, anderen Künsten hinterherhecheln zu müssen, werden wir scheitern."
Weitere Artikel: In der FRunterhält sich Sylvia Staude mit Thorsten Teubl, Tanzdirektor am Staatstheater Kassel.
Iwona Uberman fasst in der Nachtkritik die schwierige Situation zusammen, in der sich polnische Theater seit dem Beginn der PiS-Regierung befinden: "Es nicht nur der ökonomische Druck und die Einmischungsversuche seitens der Regierenden, die dem polnischen Theater aktuell zusetzen. Ein großes Problem sind politische Ränke sowie lokale 'Machtwort'-Entscheidungen. Im heutigen angeheizten politischen Klima mit seiner enormen Polarisierung ist oft ein kurzfristiges politisches Partei-Interesse (oder sogar ein privates) wichtiger als gemeinwohlorientiertes Handeln. Das in seiner Struktur komplizierte politisch-administrative System, in dem die Kompetenzen zwischen Woiwodschaft-Behörden, Selbstverwaltungsbehörden (Marschallamt) und Stadt- (oder Gemeinde-)Behörden nicht immer klar abgegrenzt sind, erfordert Kooperationswillen. Wenn dieser fehlt, bleibt nur langwieriges Prozessieren vor Gericht. Dabei kann es Kollateralschäden geben."
Weiteres: In der FRschreibt Sylvia Staude einen Nachruf auf den Schauspieler und Regisseur Claus Helmer. Besprochen werden Johannes Maria Stauds und Thomas Köcks Inszenierung "missing in cantu" beim Kunstfest Weimar (taz, FAZ) und Mina Salehpours Inszenierung von Bahram Beyzaies Stück "Yazdgerds Tod" am Schauspiel Köln (SZ).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Nathan Devers: Gegen sich selbst denken Aus dem Französischen von André Hansen. Nathan war keine zehn Jahre alt, als er sich für das orthodoxe Judentum entschied. Aufgewachsen in einem liberalen Elternhaus in Paris,…
Simon Mason: Das kalte Herz von Oxford - Ein Fall für DI Wilkins Aus dem Englischen von Sabine Roth. Für Rachel Clarke beginnen an einem strahlenden Sommertag in Oxford die dunkelsten Stunden ihres Lebens: Ihre vierjährige Tochter Poppy…
Caro Claire Burke: Yesteryear Aus dem Amerikanischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn. Natalie Heller Mills hat alles: eine malerisch renovierte Farm, fünf Kinder, die um ihre Liebe buhlen, und einen…
Amos Oz, Fania Oz-Salzberger: Worte Herausgegeben von Fania Oz-Salzberger und Gafnit Lasri Kokia. Mit einem Vorwort bon Fania Oz-Salzberger. Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase. "Die Rechnung ist noch…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier