Szene aus "Orlando" in Frankfurt. Foto: Jessica Schäfer
Sandra Kegel läutet in der FAZ die Alarmglocken: Das Schauspiel Frankfurt ist in Nöten, und verantwortlich ist in ihren Augen ganz klar der Intendant, Anselm Weber. Der hat nun, führt sie aus, eine "Orlando"-Premiere in den Sand gesetzt, die eigentlich von der Regisseurin Jessica Glause hätte inszeniert werden sollen. Daraus wurde nichts, so Kegel, weil Weber sich einmischte, wie dieser "schmunzelnd" der Presse erzählte: "Nach seiner Operation blieb nichts übrig von dem Abend: Erst habe er das Bühnenbild entsorgt, dann die Schauspielerinnen und Schauspieler umbesetzt, dann die Kostüme in den Fundus getragen, dann die Textfassung weggeworfen - um dann der Regisseurin aufzutragen, im Angesicht des Scherbenhaufens noch einmal bei null anzufangen. Dem sei Jessica Glause nicht nachgekommen, das gesamte Regieteam vielmehr geschlossen zurückgetreten." Weber übernahm selbst und musste in kürzester Zeit ein komplett neues Konzept erarbeiten. Das Ergebnis: Geschlechterfluidität, Zeitreisen, und so weiter - alles abwesend. "Eine schiere Zumutung: für das Publikum und für das Ensemble gleichermaßen. Denn der selbst ernannte Feuerwehrmann, der einer Produktion im Entstehen beschied, sie brenne so lichterloh, dass er nur mit vollständigem Abbruch reagieren könne, hatte selbst nichts Hilfreiches im Angebot." Lediglich für das Schauspielensemble findet die Kritikerin lobende Worte.
Ganz anders liest sich das derweil bei Christiane Lutz in der SZ. Die stellt in ihrem Artikel gleich das Gesamtkonzept Webers vor, der am Schauspiel Frankfurt diese Saison ausschließlich Frauen inszenieren lässt, wie sie ausführlich beschreibt. Dass es dazu bei "Orlando" ja nun nicht gekommen ist, wischt sie kurzerhand zur Seite: "Jessica Glause sei aus persönlichen Gründen von der Regie zurückgetreten, sagt Weber, so übernahmen kurzfristig er und die Dramaturgin Katrin Spira. Das merkt man der Inszenierung nicht an, diese Romanadaption ist herrlich verspielt und schafft es, aus der über 400 Jahre umfassenden 'Biografie' Orlandos, die bei Woolf nicht unbedingt dramaturgische Bögen spannt, einen Abend zu machen, dem man gebannt folgt."
Weiteres: Die Spannung steigt - heute wird bekanntgegeben, wer bei der Berliner Staatsoper Daniel Barenboims Nachfolge antritt. Christiane Peitz berichtet im Tagesspiegel. Atif Mohammed Nour Hussein wünscht sich auf nachtkritik mehr Krimis auf Theaterbühnen. Besprochen wird die Richard-Strauss-Inszenierung "Die Frau ohne Schatten" an der Oper Köln (FAZ).
Szene aus "Orlando-eine Biografie" am Schauspiel Frankfurt. Foto:Jessica Schäfer. Vergnügt verfolgtFR-Kritikerin Judith von Sternburg Anselm Webers Inszenierung von Virginia Woolfs Roman "Orlando-Eine Biografie" am Schauspiel Frankfurt. Wie die Romanhandlung durch die Geschichte, so saust auch die Inszenierung an Sternburg vorbei: Orlando, ein junger Adliger, wacht eines Tages als Frau auf - damit beginnt eine Reise vom 16. Jahrhundert bis ins Jahr 1928, in der Orlando sich mit den gesellschaftlichen Konsequenzen des Frauseins auseinandersetzen muss. Die sehr aktuellen Themen Feminismus und Gender-Fluidität verhandeln Roman und Inszenierung mit großer Leichtigkeit, freut sich Sternburg. Orlando, der "sich auch zuvor nie viel daraus gemacht hat, ob er männlich oder weiblich ist", proklamiert "die individuelle Freiheit als einzig erstrebenswertes Ziel, proklamiert sie eigentlich auch gar nicht, sondern lebt sie." Die Lässigkeit der Inszenierung überzeugt Sternburg auf allen Ebenen: "Nowak und Sonja Beißwenger, immer auf der Bühne und in wendiger, schlenkeriger Aktion, teilen sich Orlando und die Rolle der Erzählerin. Cosima Wanda Winters Kostüme orientieren sich lose an den 20er Jahren, Garconne-Look für Nowak, ein Charlestonkleid für Beißwenger. Eher lässig teilen sie Lord und Lady Orlando entsprechend auf, auch hier darf alles fließen. Um sie herum ein bisschen Satire, ein bisschen Mummenschanz, ein bisschen Karneval, wenn andere Figuren auf die Bühne springen: Angelika Bartsch zum Beispiel als Elisabeth I. in voller Montur. Rokhi Müller zum Beispiel als mysteriöse russische Gräfin, Orlandos erste, unglückliche Liebe."
SZ-Kritiker Michael Stallknecht hat an der Oper in Rouen Romain Gilberts Inszenierung von "Carmen" gesehen. Schon außergewöhnlich, meint er, denn George Bizets Oper wurde in der "optischen Urgestalt" der Erstaufführung von 1875 gezeigt (die das Publikum unter anderem aufgrund der "realistischen Milieuschilderungen" damals ziemlich schockierte). So ganz überzeugt ist der Kritiker von dieser Retro-Fassung allerdings nicht: die Sehgewohnheiten sind eben ganz anders als damals, auf den heutigen Zuschauer wirkt alles "knallbunt - und reichlich bieder."
Weitere Artikel: Im Nachtkritik-Interview zieht Barbara Frey die Bilanz ihrer dreijährigen Intendanz bei der Ruhrtriennale. Patrick Wildermann trifft für den Tagesspiegel die Theatermacherin Marina Davydova, die wegen ihrer Kritik an Putin Moskau verlassen musste und deren Stück "Museum of Uncounted Voices" gerade am Berliner HAU zu sehen ist.
Besprochen werden Kirill Serebrennikovs Inszenierung von Wagners Oper "Lohengrin" an der Bastille Oper in Paris (Welt), Romain Gilberts Inszenierung von George Bizets Oper "Carmen" an der Oper in Rouen (Welt, SZ), Burkhard C. Kosminskis Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" am Schauspiel Stuttgart (SZ), Bettina Kaminskis Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" am Titania Theater Frankfurt (FR), Ersan Mondtags Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" und Max Lindemanns Inszenierung von Sibylle Bergs Stück "Es kann doch nur noch besser werden" beides am Berliner Ensemble (FAZ), Manuel Schmitts Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Salome" am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen (nmz).
Szene aus "Baracke" am Deutschen Theater Berlin. Foto: Thomas Aurin. SZ-Kritikerin Christine Dössel ist wie elektrisiert bei der Uraufführung von Rainald Goetz Stück "Baracke" am Deutschen Theater Berlin. Das Stück beginnt bei der Liebe, so Dössel, und endet beim Terror der NSU: "Sein verkapptes Hohelied der Liebe, das zum Abgesang auf Ehe und Familie wird, birgt - ja, gebiert geradezu - den rechtsextremen NSU-Terror, den das Stück in ziemlich eindeutigen Anspielungen auf der Zielscheibe hat, letztlich aber nur als Pars pro Toto für die von Hass geprägte Stimmungslage im Land." Vor allem Claudia Bossards Inszenierung macht das Stück in einer "Mischung aus Frechheit und nicht übertriebener Ehrfurcht" zu einem Ereignis, so die Kritikerin: Sie "stellt Goetz' Text kurzerhand ins Museum - in ein 'Museum des 21. Jahrhunderts', wie es einmal im Stück vorkommt - und lässt ihn von dort aus so geist- wie geisterreich spuken. Aber sie blödelt auch damit, macht ihn nicht bedeutungsvoller. Wenn Goetz unter der Überschrift 'Roman deines Lebens' einen Kassenbon von Rewe auflistet, lässt Bossard ihre Schauspieler dazu als lebende Schokoriegel auftanzen: als Snickers, Kitkat und Twix. Die sehr eigenständige Fantasie, mit der Bossard das umsetzt, ist erfrischend und immer wieder überraschend."
Auch taz-kritiker Michael Wolf hat eine gelungene Inszenierung gesehen: "Das Private ist bei Goetz also nicht einfach nur politisch, es ist ein Grund für fortwährende Panik. Man muss diesem Befund nicht folgen, um an diesem Abend sehr produktiv ins Denken zu kommen." Weitere Besprechungen auf Zeit online und im Tagesspiegel.
Weiteres: Tagesspiegel-Kritikerin Tessa Szyszkowitz war bei Marina Abramovićs Solo-Show an der Royal Academy of Arts in London: "In der Retrospektive in den weiten Hallen...sind auch die Skulpturen und Gemälde der ursprünglich als Malerin ausgebildeten Künstlerin ausgestellt. Was aber am stärksten, ist sie selbst, Marina Abramović. Wie sie auf einem Berg blutiger Rindsknochen sitzt und diese reinigt, während sie Lieder aus ihrer Kindheit singt."
Besprochen werden Ersan Mondtags Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" am Berliner Ensemble (SZ, nachtkritik, tagesspiegel), Max Lindemanns Inszenierung von Sibylle Bergs Stück "Es kann doch nur noch besser werden" ebenfalls am BE (tagesspiegel), Constanza Macras Tanzstück "The Visitors" an der Volksbühne Berlin (tagesspiegel), Caterina Panti Liberovicis Inszenierung von Gaetano Donizettis Oper "Don Pasquale" an der Oper Frankfurt (FR), Christina Tscharyiskis Inszenierung von Anja Hillings Stück "Mascha K. (Tourist Status)" mit Texten von Mascha Kaléko am Schauspiel Frankfurt (FR), Willy Pramls Inszenierung des von und mit Geflüchteten konzipierten Stücks "zurückGEHEN oder hierBLEIBEN. HEIMAT?" am Theater Willy Praml (FR), Dagmar Schlingmanns Inszenierung von Nino Haratischwilis Stück "Das mangelnde Licht" am Staatstheater Braunschweig (nachtkritik), Niklas Ritters Inszenierung von "Atlas streikt" nach dem Roman "Atlas Shrugged" von Ayn Rand am Voralberger Landestheater (nachtkritik), Moritz Nikolaus Kochs Inszenierung von Dirk Kurbjuweits Stück "Die Ministerin" am Landestheater Schleswig-Holstein (nachtkritik) und Kirill Serebrennikovs Inszenierung von Wagners Oper "Lohengrin" an der Bastille Oper in Paris (nmz).
Erfand Bertolt Brecht wirklich zwischen 1925 und 1928 in der Spichernstraße 16 in Berlin-Wilmersdorf das episch-dokumentarische Drama? Der Literaturwissenschaftler Detlev Schöttker hat in der FAZ ("Bilder und Zeiten") seine Zweifel. Immerhin gab es da auch noch Alfons Paquet: "Paquet veröffentlichte nach literarischen Texten und Reisereportagen zwei Stücke, die 1924 und 1926 in Inszenierungen von Erwin Piscator mit großem Erfolg an der Volksbühne am Bülowplatz, dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz, gezeigt wurden. In 'Fahnen' behandelte er einen mehrtägigen Streik der Fabrikarbeiter in Chicago im Jahr 1886 für die Absenkung der täglichen Arbeitszeit. 1904 hatte er die Weltausstellung im vierhundert Kilometer von Chicago entfernten St. Louis besucht, kannte also den modernen Kapitalismus aus eigener Anschauung. In 'Sturmflut' wiederum, das in St. Petersburg spielt, verarbeitete er Ereignisse der russischen Oktoberrevolution, die er kannte, weil er 1918 als Presseberichterstatter in Moskau gewesen war. ... Beide genannten Stücke lagen 1926 auch in Buchform vor und nahmen in Vorspanntexten die Theorie des epischen Dramas vorweg, was von Brecht und seinen Anhängern indes mit keinem Wort erwähnt wird."
Szene aus Molières "Der Geizige" in Frankfurt. Foto: Thomas Aurin
Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik hat am Schauspiel FrankfurtMolières "Der Geizige" inszeniert. Irgend einen höheren Sinn konnte sie dem Stück nicht abgewinnen, da sind sich Martin Thomas Pesl (nachtkritik), Simon Strauß (FAZ) und Judith von Sternburg (FR) einig. Aber während sich erstere einfach nur gründlich gelangweilt haben, versucht Sternburg der Sache doch noch etwas abzugewinnen - die zwei jungen Paare beispielsweise, die dem geizigen Harpagon eine Heirat abtrotzen wollen: Ihnen "gelingt es, vom Thema Geiz loszukommen und als eigentlichen Gruselkern des Stücks den Alptraum der Unfreiheit in einer patriarchalen, absolutistischen, wirtschaftlich abhängigen Struktur freizulegen".
Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Dominique Zieglers "Choc! Die Süssigkeit der Götter" am Theater Biel-Solothurn (nachtkritik) und Sibylle Bergs "Es kann doch nur noch besser werden" am Berliner Ensemble (nachtkritik, SZ).
Wie geht es nach seiner Höllenfahrt eigentlich weiter für Don Giovanni? Das fragte sich der dänische Komponist Simon Steen-Andersen. Das Ergebnis, die Oper "Don Giovanni aux enfers", kann man an der Opéra national du Rhin in Straßburg betrachten. Für nmz-Kritiker Joachim Lange ein Riesenspaß: Steen-Andersen "geht gleich zu einem adaptierten Readymade-Verfahren über und zitiert und collagiert, was das Zeug hält ... Da finden sich Passagen von Monteverdi, Gluck, Rameau, Berlioz, Boito aber auch aus Verdis, Wagner, Gounod, Puccini und für Polystophélès aus Rubinsteins 'Dämon'. Und dann bricht natürlich auch Offenbachs Unterwelt Cancan aus. Es ist allemal ein Augenzwinkern dabei, wenn Don Giovanni diversen 'Kollegen' begegnet, ob sie nun Faust, Macbeth oder Jago heißen. Eine musikalisch interpretatorische Meisterleistung ist die Umkehrung von Don Giovannis Avancen, in denen er diesmal zum Objekt der übergriffigen Begierde der Frauen wird und schließlich zur Strafe splitterfasernackt vor den Zuschauern auf dem Prospekt im Hintergrund singen muss."
Nina Hoss als Dostojewski in Barbara Freys "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" in der Zeche Zollverein / Ruhrtriennale. Foto: Matthias Horn
Wow, Barbara Freys Abschiedsfeier von der Ruhrtriennale mit Dostojewskis "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" in der Zeche Zollverein ist rundum gelungen, freut sich in der SZ Alexander Menden. Schon der Ort passte: "Eine ölige Flüssigkeit tropft durch einen der viereckigen Betontrichter auf den senkrecht punktuell beleuchteten Boden. Ein Raum im Stockwerk darüber ist mit Mulch ausgelegt, der einen dumpfen Geruch verbreitet. Im nächsten Raum steht eine Räucherkerze, der darauffolgende ist mit Trockeneisnebel gefüllt und sanft von orangefarbenem Licht durchströmt. Was esoterisch und preziös sein könnte, schafft im Kontext der überdimensionierten Beton- und Backstein-Raumfluchten eine eigene, allenfalls etwas jenseitige Atmosphäre."
Auch Simon Strauß (FAZ) ist fasziniert, vor allem vom Spiel der Nina Hoss: "Vom ersten Satz an unterläuft Hoss den existenzialistischen Parlando-Ton der 1864 erstmals erschienenen Vorlage mit einer fast aufgekratzten Heiterkeit. ... Nur wenn sie schweigt und über einen klappernden Laufsteg ins Publikum hineinläuft, meint man, einen Hauch von Angst in ihren Augen zu sehen. Ansonsten aber argumentiert sie mit diebischer Freude gegen die allgemeinen Glücksvorstellungen. Wider die Herrschaft der Vernunft stellt sie den Erkenntnisgewinn durch Verzweiflung, macht selbst im Zahnschmerz einen Triumph des Wollens aus - 'denn man stöhnt ja dabei'. Der freie Wille gilt diesem Wesen mehr als alles andere, den evolutionären Vorteil des Menschen sieht es in seinem unbändigen Begehren."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelschreibt Christiane Peitz zum Tod des Wagnertenors Stephen Gould, in der FAZ schreibt Jan Brachmann.
Besprochen werden John Adams' Oppenheimer-Oper "Doctor Atomic" am Theater Bremen (taz), Elisabeth Gehrs' "Fasia - Das letzte Jahr", ein Stück über das Leben der afrodeutschen Aktivistin Fasia Jansen, an der Volksbühne Berlin (nachtkritik) und Christiane Rösingers "Die große Klassenrevue" im Berliner HAU1 (Tsp, taz),
So kann man Identitätsfragen auch auf die Bühne bringen: mit Leichtigkeit, staunt FAZ-Kritiker Marc Zitzmann im Pariser Colline Theater, wo Yasmina Reza ihr neues Stück "James Brown benutzte Lockenwickler" inszeniert hat. Es geht um einen jungen Mann, Jacob, der sich so mit Celine Dion identifiziert, dass er glaubt sie zu sein. Seine Eltern bringen ihn in eine psychiatrische Klinik, wo er einen anderen jungen Mann trifft, Philippe, der - obwohl weiß - glaubt schwarz zu sein. "Das kleine Wunder: Die beiden haben einander gefunden. 'Céline' (ohne jede Schmiere, vielmehr mit leuchtender Ausgeglichenheit die Normalität des Anormalen vorlebend: Micha Lescot) weiß zu schätzen, dass der Student sie trotz ihres Ruhms wie einen gewöhnlichen Menschen behandelt. Philippe wiederum (zwischen kindischem Trotz und dünnhäutiger Haarspalterei: Alexandre Steiger) wird besänftigt durch den frankokanadischen Frohmut der 'Sängerin' und die Dämpfer, die diese immer wieder seinem Verfolgungswahn aufsetzt. Ein exotisches Bäumchen, das beide verbotenerweise in den Park pflanzen, versinnbildlicht - eine Spur zu vordergründig - die Identitäts- und auch Immigrationsproblematik, die dem Stück zugrunde liegt. Wird das krumme Gewächs in Frankreichs Erde gerade wachsen? Und was, wenn es sich um eine invasive Spezies handelt?"
Nina Hoss als Dostojewski in Barbara Freys "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" in der Zeche Zollverein / Ruhrtriennale. Foto: Matthias Horn
In der Zeche Zollvereinsehnt sich nachtkritiker Martin Krumbholz nach einem Wodka, während er zuhört, wie Nina Hoss als Dostojewski zu beweisen sucht, "dass das Leben sinnlos ist (auch Beckett hat Dostojewski gelesen), und das auf höchstem intellektuellen Niveau. Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass es ihm gelingt."
Weitere Artikel: Wiebke Hüster berichtet in der FAZ von einer BBC-Dokumentation über Missstände an Englands großen Ballettschulen: "In der Hauptsache geht es bei den Gemeinheiten und Herabsetzungen um das Körpergewicht und Aussehen der jungen Tänzer. Körperliche Veränderungen, die oft mit Beginn der Pubertät einsetzen, werden nicht willkommen geheißen oder wenigstens toleriert, sondern geächtet." Manuel Brug schreibt in der Welt den Nachruf auf den Heldentenor Stephen Gould.
Besprochen werden Lydia Steiers Inszenierung von Verdis "Don Carlos" am Grand Théâtre in Genf (NZZ), Hans Werner Henzes "Das Floß der Medusa" im Flughafen Tempelhof in Berlin (taz) und Benedikt von Peters Inszenierung der "Walküre" in Basel (SZ).
Viel vorgenommen hat sich das Schauspielhaus Hamburg: Karin Beier inszeniert Roland Schimmelpfennigs "Anthropolis", eine Adaption der "Bakchen" von Euripides, in fünf epischen Teilen. Zum Zeitgeist steht das Stück zumindest in mancher Hinsicht quer, meint Till Briegleb in der SZ: "In Karin Beiers auffällig un-woker Inszenierung von Schimmelpfennigs gemischtem Wein aus Antike und Gegenwart werden Männer tatsächlich von Männern gespielt, und die weibliche Hauptperson Agaue von Lina Beckmann. (...) Das Resümee des blutigen Endes, wo die mit Wahn geschlagene gläubige Mutter den ungläubigen eigenen Sohn zerreißt, ist eher klar fundamentalistisch wie in einem Taliban-Staat. Wer Gott spottet, hat sein Leben verwirkt. Obwohl wie in jeder guten 'Bakchen'-Inszenierung die Sympathien zwischen den beiden Vertretern des göttlichen und des rechtlichen Prinzips auch hier hin und her schwanken, rührt diese Adaption im Finale nicht wirklich an der Moral, dass Blasphemie eine Todsünde sei." Wie passt das nun zusammen? Nun ja, es geht laut Briegleb eben gerade darum, sich an die "Zivilisation maximaler Gleichzeitigkeit" zu gewöhnen.
Für die Welt unterhält sich Jakob Hayner mit dem Dramatiker Oliver Bukowski. Sein neues Stück, das am 21.10. am Jungen Theater Göttingen uraufgeführt wird, trägt einen eher überraschenden Namen: "Gewaltdarstellungen, Alkohol- und Drogenkonsum, Schimpfwörter, sexuelle Inhalte". Im Gespräch geht es um Erwartbares - Triggerwarnungen, West vs. Ost -, aber auch um die Frage, warum im Gegenwartstheater derzeit so wenig Gegenwart steckt. Bukowski: "Warum gerade so wenig zu Lockdown oder Krieg auf der Bühne? Aufgabe der Bühne ist es nicht, Tagespolitik zu illustrieren, aber diesmal ist es wirklich seltsam. Dabei hätten wir hier nicht einmal abstrakt groß- oder parteienpolitisch langweilen müssen. Corona und Ukraine schlagen durch bis in die elementarsten Beziehungen. Freundschaften enden, Familien streiten bis in den Hass, Paare trennen sich. Keine Ahnung, warum eine solch historische Ausnahmesituation mit so vielen, ganz privat erfahrbaren Konsequenzen so wenig auf den Bühnen und in den Texten vorkommt."
Weitere Artikel: Wie Ulrich Seidler in der Berliner Zeitungberichtet, sind die Kudammbühnen im Berliner Westen akut gefährdet. Die Komödie am Kurfürstendamm ist bedroht, weiß die nachtkritik.
Besprochen werden Nicolas Stemanns Brecht-Inszenerierung "Das Leben des Galilei" (FAZ, SZ), Die Castorf-Inszenierung "Boris Godunow" an der Staatsoper Hamburg (FAZ, Welt), die Performance "Selfie & Ich" am Ballhaus Ost (Tagesspiegel), Gaetano Donizettis Grand Opéra "Les martyrs" im Theater an der Wien (Standard), das Boulevardstück "Was war und was ist" an den Hamburger Kammerspielen (Welt), Alexander Eisenachs Inszenierung "Weltall, Erde, Mensch" am Deutschen Theater (Welt) und die Richard-Strauss-Inszenierung "Die Frau ohne Schatten" an der Oper Köln (nmz).
Szene aus "Doctor Atomic". Foto: Theater Bremen. nmz-Kritikerin Ute Schalz-Laurenze bleibt glatt die Luft weg bei Frank Hilbrichs Inszenierung von John Adams Oper "Doctor Atomic" am Theater Bremen. Die 2005 enstandene Oper behandelt den Kernspaltungsversuch der Amerikaner im Jahr 1945 in Los Alamos. Die Zuschauer verfolgen die Konferenzen der Wissenschaftler und Politiker, mit dabei der "kettenrauchende Robert Oppenheimer" und der "brutal durchgreifende General Leslie Groove" hinter einem Glaskasten in Zeitlupe. Klingt langweilig? Ist es aber überhaupt nicht, jubelt die Kritikerin: "Die Protagonisten wirken, ausgestattet mit Fantasieklamotten und Haarskulpturen, wie Wachsfiguren, wie Marionetten, von fremder Hand geführte Geister, die Gewaltiges tun, aber eigentlich nicht mehr wissen, was sie tun. Und auch nicht wissen, dass sie gerade zu Ungeheuern werden Es ist atemberaubend, wie sich ihre unbewältigbaren Spannungen und Nöte auf die ZuschauerInnen zu übertragen scheinen." Auch über die Musik kann Schalz-Laurenze nur staunen: "Trotz ihrer stilistischen Verortung in der harmlosen Minimal Music, der eher spätromantischen sinfonischen Wucht und virtuosen, ganz in der Operntradition verwurzelten Gesangslinien ist sie handwerklich natürlich enorm gekonnt."
Weitere Artikel: Nora Hertlein-Hull ist die neue Leiterin des Berliner Theatertreffens, melden die Feuilletons. Nachtkritiker Georg Kasch plädiert dafür, die Schuld für das Scheitern des Dreiergespanns nicht ausschließlich bei den dreien zu suchen, deren Verträge jetzt nicht verlängert wurden: "Warum schickt man ohne Not ein solches Team ins Rennen, ohne das Konzept auf Praxistauglichkeit (und offenbar auch: Finanzierbarkeit) abgeklopft zu haben? Hätte es nicht Möglichkeiten gegeben, die (verbliebenen) Leiterinnen zu schützen?"
Besprochen werden Alexander Eisenachs Inszenierung von "Weltall Erde Mensch" am Deutschen Theater Berlin (SZ, FAZ, taz, FR), Christiane Mudras mobiles Theaterstück "Selfie und Ich", das vom investigativen Theater in Berliner Privatwohnungen gespielt wird (taz), Frank Castorfs Inszenierung von Modest Mussorgskys Oper "Boris Godunow" an der Hamburgischen Staatsoper (Welt), Henriette Hörnigk Inszenierung von Richard Wagners Oper "Lohengrin" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Holger Potockis Inszenierung von Giacommo Puccinis Oper "Turandot" am Landestheater Detmold (nmz). András Dömötörs Inszenierung von Suzie Millers Monolog "Prima Facie" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik,SZ, FAZ, BlZ).
Szene aus "Museum of Uncounted Voices". Foto: Viktoria Nazarova. FAZ-Kritikerin Kerstin Holm verfolgt gebannt, wie in Marina Davydovas theatraler Installation "Museum of Uncounted Voices" im Theater Freiburg, die "Geister von Staaten, aber auch von Verfolgten temperamentvoll auf der Bühne streiten". Die Exilrussin Davydova setzt sich mit der Geschichte der Sowjetunion auseinander, so Holm, dafür erweckt sie auf der Bühne einen Museumsraum zum Leben, in dem sich die Stimmen unterschiedlicher Länder über die "richtige Version" der Historie streiten und dabei versuchen, die Schauspielerin Marina Weiß zu belehren. Davydova, die als Kind aus Aserbaidschan nach Moskau, dann nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wegen Drohungen auch von dort fliehen musste, verhandelt hier auch ihre eigene Geschichte, weiß Holm: "'Davydovas 'Museum' zerlegt die Gewissheiten, Gruppenansprüche aufgrund von einstiger Größe, aber auch der Opferstatus infolge Gruppenzugehörigkeit werden desavouiert. Authentisch erscheint allein das Einzelschicksal, wie die monologische Schlussszene unter dem Titel 'Person' anhand der Biographie der Autorin vorführt. Weis rekapituliert Davydovas späten Besuch in Baku, wo sie ihre Geburtsurkunde erneuern will, wo der Friedhof, auf dem ihre Eltern lagen, zerstört ist und wo die Behörden die Halbarmenierin nicht kennen wollen."
Anna Netrebko hatte am Freitag abend ihren ersten Auftritt als Lady Macbeth an der Berliner Staatsoper: SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber fand sie stellenweise "seltsam blass" und kann sich auch nicht von der Frage lösen, ob die Staatsoper wirklich auf dieser Besetzung bestehen musste. Auf Zeit online hat Dirk Peitz Verständnis für die Demonstranten vor der Tür: "Doch ändert auch das nichts daran, dass an diesem Abend in Berlin eine Frau eine Gesangsdarbietung vollführt hat, wie man sie selten zu Gehör bekommt. Die Kunst, so kann man es ebenfalls sehen, steht in einer derartigen Perfektion auch immer für sich." Mehr dazu in der Berliner Zeitung und der NZZ.
Besprochen werden Kay Voges Inszenierung von "Gameshow für Österreich" am Volkstheater Wien (SZ), Olivia Hirsts und David Byrnes Stück "The Vanishing Room" am English Theatre Frankfurt (FR), Kristo Šagors Adaption von George Orwells Roman "1984" inszeniert von Jörg Wesemüller am Staatstheater Darmstadt (FR), Clemens Bechtels und David Gieselmanns Stück "Das Ministerium" am Staatstheater Wiesbden (FR), Alexander Eisenachs Inszenierung von "Weltall Erde Mensch" am Deutschen Theater Berlin (tsp, BlZ, nachtkritik), Frank Castorfs Inszenierung von Modest Mussorgskys Oper "Boris Godunow" an der Hamburgischen Staatsoper (taz, nachtkritik), Stefan Ottenis Inszenierung von "Give Peace a chance" nach Friedrich Schillers Stück "Wallenstein" am Theater Münster (nachtkritik), Robert Pienz Inszenierung von Michael Köhlmeiers Neufassung von "Antigone" am Schauspielhaus Salzburg (nachtkritik).
Jakob Hayner empfiehlt in der Weltneues deutsches Theater in Essen, angeregt durch die neue Doppelspitze des Schauspiels, Selen Kara und Christina Zintl: "Das Erstaunliche ist, dass sich in Essen eine neue Intendanz nicht mit großem Diversitätsgeschrei in der Kultur- und Positionierungskämpfe dieser Zeit wirft, sondern eine neue Idee des Gemeinsamen in der Unterschiedlichkeit beschwört. 'Wir möchten ein neues gesellschaftliches 'Wir' befördern, indem wir Vielheit als Selbstverständlichkeit behandeln und ein Theater für alle bieten', fassen Kara und Zintl ihre Idee für das 'Neue Deutsche Theater' zusammen. Das ist zwar keine ganz neue Botschaft, aber ein neuer Ton. Ist das 'Neue Deutsche Theater' ein Zeichen, dass sich die Zeit der identitätspolitischen Zuspitzungen und Polarisierungen gen Ende neigt? Und dass betonte Wokeness zwar im Feuilleton noch goutiert wird, aber mehr Publikum abschreckt als anzieht?"
Weitere Artikel: Rund 150 Demonstranten protestierten gestern vor der Staatsoper in Berlin gegen den AuftrittAnna Netrebkos, meldet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Laut Michael Meier (Berliner Zeitung) waren es mehrere hundert Demonstranten, die nichts daran änderten, dass Netrebko im Saal "eine künstlerische Weltklasseleistung hinlegte. Minutenlange, einhellige Standing Ovations für die Sängerin". Torben Ibs war für die tazdabei, als die Münsteraner Tanztheater-Company Bodytalk das Tanzfestival in Seoul mit "Koreality - (K)eine Geisterbeschwörung" eröffnete.
Besprochen werden die Uraufführung von Lutz Hübners und Sarah Nemitz' Stück "Was war und was wird" an den Hamburger Kammerspielen (nachtkritik) und Stina Werenfels' Bühnenadaption von Annie Ernaux' Erinnerungen an den Berner Bühnen (nachtkritik).
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