Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2023 - Bühne

Szene aus "Die gefesselte Phantasie" am Burgtheater in Wien. Foto: Matthias Horn.

Köstlich amüsiert hat sich Standard-Kritiker Stephan Hilpold mit Herbert Fritschs Inszenierung von Ferdinand Raimunds Stück "Die gefesselte Phantasie" am Wiener Burgtheater. Fritsch hat das Stück in gewohnter Manier mit "grellem Slapstick" angereichert, aber so anarchisch hat Hilpold das noch nie erlebt. Betört ist er vor auch von der Hauptdarstellerin: "In Gestalt von Maria Happel ist diese Hermione zum Anbeißen gut. Die Krone rutscht ihr von den Lockenwicklern, die Pausen in ihren Versen setzt sie gekonnt falsch. Mit Bless Amada als geheimem Liebhaber hat sie zudem einen Mitspieler, der mindestens genauso verstrahlt ist wie sie selbst. Mit einem multilingualen Gedichtungetüm erobert der unerkannte Königssohn ihre Hand, bevor die zwei schlussendlich der grenzenlosen Liebe huldigen." Ein bisschen wie im Drogenrausch hat taz-Kritiker Uwe Mattheis den Abend erlebt und ist noch ganz erhitzt: "Fritschs Hochtemperaturtheater gelingt es, den Zuckerguss einzuschmelzen und darin einstige plebejische Lebenslust und die natürliche Missachtung weltlicher und geistlicher Autorität freizusetzen."

Der Intendant der Staatsoper Unter den Linden, Matthias Schulz, erklärt im Interview mit der Berliner Zeitung, warum Anna Netrebko wieder an der Staatsoper singen darf: "Sie hat sich in der Zwischenzeit, soweit es ihr möglich ist, mit einem Statement von dem Angriffskrieg auf die Ukraine distanziert und vor allem ihr Handeln in den letzten Monaten war kongruent. Das war immer eine Grundvoraussetzung für eine Zusammenarbeit. Ich finde man muss dieser Künstlerin dann auch eine Chance geben. ... Ich hatte ein Gespräch mit ihr und mein Eindruck war, dass ihre Distanzierung authentisch ist und wir mit ihr als Künstlerin wieder zusammenarbeiten können."

Weiteres: Im Tagesspiegel stellt Frederik Hanssen das neue Programm der Deutschen Oper Berlin vor. Besprochen werden Elmar Goerdens Inszenierung von Maxim Gorkis Stück "Sommergäste" am Josefstadt-Theater Wien (Standard), Maud Haddons und Céline Vajens Inszenierung von Katrin Schyns' Solostück "Valeska und ihre Schritte" im Theaterhaus Frankfurt (FR) und Wang Ping-Hsiang Inszenierung von Travis Jeppesens Stück "Ghosts of the Landwehrkanal" am Berliner Ringtheater (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2023 - Bühne

Szene aus Christian Josts Oper "Voyage vers l'Espoir" in Genf. Foto  © Gregory Batardon


FAZ-Kritiker Werner M. Grimmel ist ergriffen von Christian Josts Oper "Voyage vers l'Espoir" im Genfer Grand Théâtre. Der Regisseur hat den gleichnamigen Film von Xavier Koller, der 2016 einen Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann, für die Bühne adaptiert. Der Stoff ist so aktuell wie erschütternd, schreibt Grimmel, erzählt wird die Flucht einer alevitisch-kurdischen Familie in die Schweiz. Die Inszenierung von Kornél Mundruczó und die musikalische Verarbeitung des Stoffes findet Jost ganz fabelhaft: "Unaufdringlicher Einsatz der Drehbühne und die magischen Beleuchtungskünste von Felice Ross ermöglichen rasch wechselnde Blicke auf die Handlung. In einem veritablen Lastwagen fährt der sympathische Matteo bis vor an die Rampe und nimmt die im strömenden Regen marschierende Familie mit. An der Schweizer Grenze ist ohne Pässe freilich kein Durchkommen. In einer verrauchten Spelunke wartet der Landsmann Haci Baba, ein Mafioso-Mephisto übelster Sorte, der für Haydars letztes Geld das Paradies verspricht. Die konzise Reduktion von Kollers Filmhandlung in Josts Oper lässt Raum für wirkmächtiges Erzählen in Tönen. Die sinfonisch konzipierte Partitur fordert ein großes Orchester mit viel Schlagwerk. Atmosphärische Farben und bewegte, häufig rhythmisch durchpulste Klangflächen schaffen einen reichen, manchmal dissonant eingetrübten Soundtrack."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel stellt Frederik Hanssen das Programm der letzten Saison des Intendanten der Berliner Staatsoper, Matthias Schulz, vor. Unterdessen macht sich Michael Maier in der Berliner Zeitung Gedanken über die Nachfolge Barenboims an der Staatsoper. Andreas Hartmann unterhält sich für die FR mit Alexander Bernstein über dessen Vater Leonard Bernstein, dessen "West Side Story" Ostern an der Frankfurter Oper gespielt wird.

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Moritz Eggerts Operette "Die letzte Verschwörung" unter der Regie von Lotte de Beer an der Wiener Volksoper (nmz), ein Gastspiel von Till Lindemanns Zirkusschau "The Greatest Comedian Freakshow" in Berlin (Tsp), Markus Öhrns Stück "Szenen einer Ehe" am Volkstheater Wien (Standard), Natalie Baudys Inszenierung von "Absence" im Wiener Kosmos-Theater (Standard), die Erinnerungen des Schauspielers Samuel Finzi (nachtkritik), Oliver Frljics Inszenierung von Heiner Müllers "Schlachten" am Gorki-Theater Berlin (SZ) und Marlon Tarnows Inszenierung von Martin McDonaghs "Der einsame Westen" am Anhaltischen Theater Dessau (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.03.2023 - Bühne

Kampf und Rausch in Heiner Müllers "Schlachten" Foto: Ute Langkafel/Gorki-Theater

Bewegt kommt taz-Kritiker Tom Mustroph aus Oliver Frljićs Inszenierung von Heiner Müllers Textcollage "Schlachten" am Berliner Gorki-Theater. Die Sprache sei poetisch, aber der Blick auf den Krieg finster: "Ein Kommandeur (Tim Freudensprung) nutzt die Selbstverstümmelung eines Untergebenen (Mehmet Yilmaz), um ein Exempel zu statuieren und die willenlose Horde Menschen unter ihm zu einem Bataillon zu schmieden. Schmiedehammer ist das Erschießungskommando, besetzt aus Kameraden des zum Tode Verurteilten. Der Rest der Truppe schaut zu. Es ist ein Initiationserlebnis. Ein Weg zurück, zu Recht und Moral des zivilen Lebens, bleibt denen, die mittun, und auch denen, die tatenlos zuschauen, nicht mehr. Der Rausch des Kampfes ist der einzige Ausweg. Frljic, aufgewachsen im Balkankrieg, dürften derartige Mobilisierungs- und Brutalisierungspraktiken vertraut sein."

Besprochen werden die Volksbühnen-Produktionen "Die Chor" und "Stechen und Sterben" zur Eröffnung des Prater-Studios ("irgendwie schrill und schaurig", notiert Irene Bazinger in der FAZ), Thomas Birkmeirs Inszeneirung von Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" am Freitag im Wiener Renaissance-Theater (Standard) und die Neuauflage des Grips-Klassikers "Linie 1" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2023 - Bühne

Katharine Mehrling in "... und mit morgen könnt ihr mich!" an der Komischen Oper Berlin. Bild: Barbara Braun.

Welt
-Kritiker Manuel Brug hat noch selten so eine kraftvolle Performance von Kurt-Weill-Songs gesehen wie bei Barrie Koskys Liederabend "... und mit morgen könnt ihr mich!" an der Komischen Oper Berlin. Das liegt vor allem an einer sehr wandelbaren Katharine Mehrling, die "mit neun Kostümen und viel mehr Stimmen ihre eigene Power-Show ist. Die nie außer Atem kommt, die die Stille des 'blinden' wie des 'ertrunkenen Mädchens' traumverloren melancholieverbrämt auskostet, sich aber auch fast schreiend durch lauter neue 'Mackie Messer' Facetten rockt und der 'Seeräuber Jenny' rasante Schifffahrt schenkt." Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz musste sich vor lauter musikalischer Rasanz an ihrem Sitz festhalten: "Kai Tietje, der die Songs arrangiert hat, sorgt am Pult für schmissige Tanzrhythmen, mit Saxofon, E-Gitarre und opulentem Bigband-Sound. Ob orientalische Oboe mit Trommel, Slowmotion-Tango mit Flamenco-Einsprengseln bei der 'Zuhälterballade', Rumba oder Swing: Die Damen in der Reihe vor uns katapultiert es fast aus den Sitzen." Über minutenlange stehende Ovation berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. In der FAZ bespricht Stephan Speicher Barrie Koskys gerade erschienene Autobiographie "Und Vorhang auf, hallo!": "In allem zeigt sich eine selbstverständliche, kindlich-jünglingshafte und niemals verlorene Freude an der Kunst und der Bühne. Der Vorhang geht auf, gleich geschieht etwas Wunderbares, und alle sind dabei."

Besprochen werden Rieke Süßkows Adaption von Ferdinand Schmalz' Roman "Mein Lieblingstier heißt Winter" am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik, FAZ), Mateja Koležniks Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Burgtheater Wien (SZ) und Sabrina Sadowskas Inszenierung von Sergej Prokofjews "Cinderella" am Theater Chemnitz (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2023 - Bühne

Szene aus "James Brown trug Lockenwickler" am Residenztheater München. Bild: Sandra Then

Die identitätspolitischen Themen in Yasmina Rezas Stück "James Brown trug Lockenwickler" greift Regisseur Philipp Stölzl in seiner Inszenierung am Residenztheater München mit bewundernswerter Leichtigkeit auf, freut sich Christine Dössel in der SZ. Das Stück handelt von einem Mann in der Psychiatrie, der glaubt, er sei Céline Dion, und von einem Weißen, der sich für schwarz hält. Auf Provokation kommt es Reza dabei nicht an: "Es ist ein menschenfreundlicher Theaterabend, der jedem das Seine und alles offen lässt. Er hat etwas unergründlich Bezauberndes. Man geht ein wenig verstört heraus. Nicht belehrt, sondern befragt, beschwingt, mit einem Nachklang. 'Moderne Harmonie. Mischung aus Großzügigkeit und Verwirrung', notierte Reza zu ihrem Stück. Das trifft es gut." FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier ist vor allem der Hauptdarsteller aufgefallen: "Philippe schaukelt in schwarzem Anzug mit kurzen Hosenbeinen, weißem Hemd und schwarz-weißen Lederschuhen im Park, Céline tritt als Diva im knallroten Trainingsanzug auf, mit meterlangem blauem Schal und Sonnenbrille. Leises Vogelgezwitscher. Vincent zur Linden spielt Céline bezwingend weiblich, nur gelegentlich ironisiert er die Figur."

Im Kongo geboren: Dieudonné Niangounas "Portrait Désir". Foto: Compagnie Les Bruits de la rue

Als Abend voller Theatermagie erlebt eine überwältigte taz-Kritikerin Esther Boldt das Tanzstück "Portrait Désir" von Regisseur Dieudonné Niangouna und seiner Compagnie Les Bruits de la Rue im Frankfurter Mousonturm: "Es verwebt Biografien historischer Frauenfiguren Westafrikas und den Widerstand gegen Kolonisierung und Sklavenhandel mit europäischer Mythologie und fragt nach der Rolle der Frau in der Geschichte. Die Kindsmörderin Medea und die Seherin Kassandra treffen auf die westafrikanischen Königinnen Pokou und Nzinga und eben auch auf die Prophetin Kimpa Vita, die in einer fulminanten Szene den Kapuziner (Mathieu Montanier) umtanzt, als wolle sie einen Exorzismus an ihm vornehmen, während sie (Dariétou Keita) ihm klarzumachen sucht, wie anmaßend es sei, dem Kongo einen weißen, fremden Gott vorsetzen zu wollen: Gott sei vielmehr im Kongo geboren, und sie sei eine Frau!"

Besprochen werden Oliver Frljić Adaption von Heiner Müllers "Die Schlacht" am Gorki-Theater Berlin (nachtkritik, Tagesspiegel, Berliner ZeitungMateja Koležniks Inszenierung von Ödon von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Burgtheater Wien (FAZ), Moritz Eggerts "Die letzte Verschwörung" auch in Wien, an der Volksoper (Standard, FAZ), Stef Lernous Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker" am Staatstheater Kassel (FR), Tilmann Köhlers Inszenierung von Pedro Calderón de la Barcas "Das Leben ist Traum" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Richard Siegals "Ballet of (Dis)obedience" in Köln (das SZ-Kritikerin Dorion Weickmann sehr innvoativ und herrlich ausgelassen findet), Bérénice Hebestreits Adaption von Lucy Kirkwoods Roman "Moskitos" am Staatstheater Nürnberg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2023 - Bühne

Szene aus "Tristan und Isolde" in Gent. Foto: Annemie Augustijns


Zwei fantastische Sänger - Samuel Sakker und Carla Filipcic Holm - in den Titelpartien hat nmz-Kritiker Joachim Lange in Wagners "Tristan und Isolde" in Gent gehört, aber angesichts der Inszenierung von Philippe Grandrieux ging ihm der Hut hoch: "Bevor Alejo Pérez den Taktstock für die ersten Töne des Vorspiels hebt, taucht im Dunkel der Bühne andeutungsweise eine Person auf und verschwindet wieder. Mit dem Einsetzen der Musik aber wird dann eine filmische Studie über den weiblichen Körper und seine Obsessionen im bühnenfüllenden Großformat auf einer Gazewand entfesselt. Ambitioniert verwackelt und unscharf wird das als ein Overkill des Begehrens mit oft offensiv gespreizten Schenkeln und Blick auf das Geschlecht, der Verkrümmung des Körpers, obendrein mit einem Dauerzittern zelebriert. So wie man manchmal den Doppeltitel Wagners auf 'Tristan' verkürzt, macht Grandrieux daraus 'Isolde'. Eigentlich einen 'Fall Isolde'. Könnte gut sein, dass es aber nur ein 'Fall Grandrieux' ist."

In der NZZ ist Lilo Weber froh, dass viele Bühnen, allen voran in Berlin, die Choreografien Marco Goeckes weiter zeigen. Goecke hatte seine Stelle als Ballettdirektor der Staatsoper in Hannover verloren, nachdem er einer Tanzkritikerin Hundekot ins Gesicht geschmiert hatte. Das ist kein Grund, ihn zu canceln, findet Weber, schließlich sei der Mann ja so begabt: "Goeckes Stück 'Petruschka' weiß nichts von der abstoßenden Tat des Hundekot-Werfers Goecke, und das nicht nur deshalb, weil es zu einer Zeit entstand, da sein Erschaffer für die Öffentlichkeit noch frei von Schuld war. Sondern vielmehr, weil sich Kunstwerke von ihrem Urheber loslösen und im besten Fall ein Eigenleben führen. Dann sprechen sie zu uns, vielstimmig, wenn sie gut sind, und vermögen in jedem andere Saiten zu berühren. Sofern wir uns - auch in einem moralisch schwierigen Fall wie diesem - darauf einlassen wollen. Genau das wollen offenbar die Tanzinteressierten. Ballettabende mit Goecke-Stücken sind derzeit auffällig gefragt, etliche Vorstellungen ausverkauft." Fragt sich nur, ob das wirklich mit Goeckes Choreografenkünsten zu tun hat.

Weitere Artikel: In der nachtkritik berichtet Andreas Thamm über Streit am Theater Bamberg vor dem Hintergrund der neuerlichen Vertragsverlängerung von Intendantin Sibylle Broll-Pape. In der FAZ fragt Jan Brachmann entgeistert, warum sich Bernd Loebe mit Lebenslauf und allem pipapo neu für die Leitung der Tiroler Festspiele in Erl bewerben soll, obwohl er sie seit 2018 erfolgreich leitet.

Besprochen werden Reiner Holzemers Dokumentarfilm über Lars Eidinger (nachtkritik) und die Uraufführung von Marc Schubrings Musical "Mata Hari" im Münchner Gärtnerplatztheater (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2023 - Bühne

Nach den Antisemitismus-Vorwürfen jüdischer Studentenverbände (Unsere Resümees) hatte Regisseur Jochen Schölch seine Inszenierung von Wajdi Mouawads Stück "Die Vögel" am Münchner Metropoltheater stark überarbeitet, das wiederum untersagte nun die Agentur, die den libanesisch-kanadischen Autor weltweit vertritt. Jetzt wurde die Inszenierung endgültig aus dem Programm genommen, für Bernd Noack in der NZZ "ein weiteres Beispiel für das bedenkliche Ausmaß der Cancel-Culture". Dabei hatten zahlreiche prominente, auch jüdische Stimmen in Deutschland für die Wiederaufnahme plädiert: "Stefanie Schüler-Springorum, Historikerin und Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung ... fragte sich, was passieren würde, wenn man dem Protest nachgäbe. Theaterstücke, die sich mit dem Nahostkonflikt oder auch mit dem Holocaust befassen, dürften dann wohl nicht mehr in Deutschland aufgeführt werden. Tatsächlich finden die Kritiker, die mit ihrem Protest die offene Auseinandersetzung verhindern, dass die deutschen Zuschauer nicht in der Lage sind, mit der Komplexität der jüdischen und israelischen Geschichte angemessen umzugehen."

Vielleicht wird unter dem designierten Intendanten Christian Spuck, seit elf Jahren Intendant des Balletts Zürich, in der kommenden Spielzeit am krisengebeutelten Berliner Staatsballett ja doch noch alles gut, hofft Michaela Schlagenwerth, die Spuck für die Berliner Zeitung porträtiert hat. Im April wird er seine erste eigene Arbeit am Haus, die Verdi-Hommage "Messa da Requiem", vorstellen - ein gut abgehangenes Erfolgsstück, mit dem man wenig falsch machen kann, meint Schlagenwerth. Nur dass Marco Goeckes "Petruschka" trotz des Hundekot-Eklats im Spielplan geblieben ist, sei doch recht mutig: "Er ist vorsichtig, aber nicht feige. 'Ich verurteile die Tat. So etwas darf man nicht tun', sagt er. Aber er macht auch sehr entschieden klar, dass Goecke ein Freund sei, ein großer Künstler, und dass es nach einer angemessenen Zeit auch eine Goecke-Uraufführung in Berlin geben werde. Den Teamplayer nimmt man Spuck ab. Dass er über die Goecke-Premiere nicht über den Kopf der Compagnie entschieden hat, war auf alle Fälle strategisch klug."

Weiteres: Kinsun Chan wird neuer Ballettdirektor der Dresdner Semperoper, meldet die FAZ. Die SZ geht der Faszination für die Stücke von Yasmina Reza nach.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2023 - Bühne

Szene aus "Cabaret" am Schauspiel Stuttgart. Bild: Toni Suter.

Eine so "zeitlose" "Cabaret"-Inszenierung wie die von Calixto Bieito am Schauspiel Stuttgart hat Egbert Tholl (SZ) selten gesehen. Bieito braucht "kein einziges Hakenkreuz, keine Naziuniform, um das Grauen erfahrbar zu machen", schreibt er: Das Lied "Willkommen, bienvenue, welcome" spielt der Schauspieler Boris Burgstaller … krächzend auf der Geige, dann wandelt sich ein Foxtrott des Ensembles in einen sturen Marsch, aus dem sich der Song herausschält. Mehr Nazi braucht es nicht, um der Utopie der Freiheit beim Untergehen zuzusehen. Am Ende versinkt das fabelhafte Orchester, im ersten Stock über dem eigentlichen Club platziert, in der Unterbühne, die Figuren verschwinden im gleißenden Gegenlicht des Bühnenhintergrunds. Der schöne Traum ist aus."

Ob in Wien, Köln, München oder Berlin - auf deutschsprachigen Bühnen kommt man kaum an Yasmina Reza vorbei. Und die Kritik überschlägt sich nach jeder Inszenierung vor Begeisterung. In der SZ versucht Christine Lutz dem Phänomen auf die Schliche zu kommen: "Yasmina Reza ist zu einer Art Erlösungsversprechen geworden, einer Erlösung vom Schweren. Das Drama von Rezas Figuren: Alle behaupten stets, nach Höherem zu streben und kommen doch nicht über den eigenen Ego-Vorgarten hinaus. Das berührt und amüsiert, weil man sich im Kleinsein nicht allein wähnt."

Besprochen werden Helena Jacksons Inszenierung von Chris Thorpes "Victory Condition" am Schauspiel-Frankfurt (FR), David Littles Opern-Adaption von Judiths Budnitz' Kurzgeschichte "Dog Days" am Staatstheater Braunschweig (taz) und Antje Schupps Inszenierung von Lydia Haiders Buch "Du Herbert" am Schauspielhaus Wien (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.03.2023 - Bühne

Besprochen werden Tobias Kratzers Inszenierung von Richard Strauss' "Araballa" an der Deutsche Oper Berlin (die Donald Runnicles zur Freude von FAZ-Kritiker Gerald Felber gern mal überkochen ließ, im Gegensatz zu Simons Rattles computergrafik-kühlem "Idomeneo" an der Staatsoper) sowie das Rosenstolz-Musical "Romeo und Julia" im Berliner Theater des Westens (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2023 - Bühne

Aile Asszonyi in "Elektra" an der Oper Frankfurt. Bild: Monika Rittershaus

Begeistert ist FAZ-Kritiker Jan Brachmann von Claus Guths Inszenierung von Richard Strauss' "Elektra" an der Oper Frankfurt, der den antiken Mythos als inneres Geschehen in der gepeinigten Seele der Hauptfigur inszeniert: "Alle Elektra-Klischees des Tierhaften fallen in diesem Moment ab. Nicht das Monster zeigt sich, sondern ein Mensch in seiner unausgelebten Liebesfähigkeit. Anfangs, in der Phrase 'die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben', setzt Asszonyi das hohe As auf 'Stunde' im Pianissimo an, lässt es anschwellen und stürzt eine Dezime abwärts aus dem reinsten, schönsten Gesang fast ins Sprechen." In einen regelrechten "Musikrausch" wurde FR-Kritikerin Judith von Sternburg während des Stückes versetzt: "Strauss' Musik ist zwar übergroß, sie ist aber auch fürchterlich filigran - nun erst recht in Frankfurt, wo Sebastian Weigle und das Opern- und Museumsorchester ein Zauberwerk an disziplinierter Losgelassenheit veranstalten, die anspruchsvolle Kultur des Außer-sich-Seins bis in die Spitzen der Holzbläser feiern, und da ist sie wieder, die von Strauss angeforderte 'Elfenmusik' (Elfen sind Rowdies, aber wendig und von kaltem Feinsinn)."

In der Nachtkritik spricht der Regisseur Yiannis Panagopoulos über die Proteste der griechischen Kunstwelt gegen ein Dekret, das SchauspielerInnnen zu unqualifzierten Arbeitskräften herabstuft. Die Forderungen sind dabei bescheiden: "Das Dekret beschreibt vier Stufen von Arbeitnehmern. Diejenigen, die nur die Pflichtschule absolviert haben, die Abiturient:innen, die "technisch Gebildeten" und diejenigen mit einem Universitätsabschluss. Wir würden gerne als 'technisch gebildete Arbeitnehmer:innen' gelten, damit unsere Ausbildung zumindest symbolisch anerkannt wird. Das würde auch bedeuten, dass wir zumindest ein bisschen mehr Einfluss haben, wenn wir über unsere Gagen verhandeln."

Besprochen werden Mozarts "Idomeneo" unter der Leitung von Simon Rattle an der Staatsoper Berlin (SZ, BlZ), die Choreografie "Wakatt" von Serge Aimé Coulibaly und seinem belgisch-afrikanischen Faso Danse Théâtre beim Tanzmainz-Festival (FR) Anna-Sophia Mahlers Inszenierung von Uwe Johnsons Literaturkoloss "Jahrestage" in Leipzig (SZ), das Kriegsstück "Was man im Dunkeln hört" des ukrainischen Dramatikers Andriy Bondarenko an der Neuen Bühne Senftenberg (taz).