Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.12.2023 - Film

Für Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland reiht sich die Berlinale-Personalie Tricia Tuttle (unser Resümee) nahtlos ein in die jüngere Berliner Tradition, Leute aus London an die Spree zu holen, um angeschlagene Kultur-Kähne in ruhigere Gewässer zu bringen. Tuttle "wird jedenfalls deswegen gewollt, weil sie etwas fürs Publikum getan hat: Schwellen gesenkt, gestreamt, Filme kostenlos nachgespielt. Auf Deutsch: Sie hat die Qualität des Spielorts Kino beschädigt." Im Betrieb ist sie bislang kaum bekannt. "Vielleicht wollte man eine 'schwache' Person, eine, die gegen das BKM nicht gegenhalten kann, eine, die 'formbar' ist, die Anweisungen folgt, für die dieser Job die Chance ihres Lebens ist. Andere mögliche Kandidaten wären keineswegs schwach gewesen. Die Frage ist, ob es ein Pluspunkt ist, dass sie von außen kommt, denn sie spielt nicht auf Augenhöhe mit den Barberas und den Frémaux und den ganzen anderen. Das gefällt zwar manchen, aber auf die kommt es nicht an, und selbst sie werden sofort anders denken, wenn sie selbst unter dem weiteren Sinkflug der Berlinale leiden."

In der NZZ hat Leonie C. Wagner große Freude an der viral gegangen und ziemlich bösen Satire der israelischen Sendung "Eretz Nehederet", die die Verlogenheit der Hamas-Führer aufs Korn nimmt: "In nur zweieinhalb Minuten gelingt es den israelischen Satirikern, den Zynismus der Hamas darzustellen. Deren Anführer werden tatsächlich in Doha vermutet und sind nach Schätzungen des israelischen Außenministeriums Milliardäre."



Besprochen werden Takeshi Kitanos japanisches Historiendrama "Kubi" (taz), Meron Mendels ZDF-Reportage "Rückkehr nach Israel" (FAZ), William Oldroyds gleichnamige Verfilmung von Ottessa Moshfeghs Roman "Eileen" (Tsp), Jeanne Herrys "All eure Gesichter" (Welt, SZ, unsere Kritik hier), John Woos "Silent Night" (Artechock, critic.de, mehr dazu hier), die Stephen-King-Verfilmung "Kinder des Zorns" (Welt), Molly Manning Walkers "How To Have Sex" (Intellectures) und die letzten Folgen der Netflix-Serie "The Crown" (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2023 - Film

Hat sich gut im Griff: "All Eure Gesichter"

Jeanne Herrys Justizdrama "All Eure Gesichter" reiht sich gut ein in die Tradition des französischen Stuhlkreisfilms, schreibt Stefanie Diekmann im Perlentaucher. Der Film handelt vom Sprechen und vom Sprachhandeln. "Die Kombination von bester Absicht und prominentem Cast ist in den meisten Fällen keine gute Nachricht. Der Cast in 'All eure Gesichter' ist exzeptionell. (Allein drei Mitglieder der Comédie Française; die Allzweck-Stars Jean-Pierre Darroussin und Gilles Lellouche; Élodie Bouchez und Miou-Miou als zwei Aktricen mit komplizierten Filmografien; die unübersehbare Nebendarstellerin Anne Benoît …) Und er hat sich erstaunlich gut im Griff in einer Partitur der Halbnahen, Nahen und Detailaufnahmen, in der langsam geschnitten und lange gesprochen wird, manchmal auch längere Zeit geschwiegen und fast nie zu viel veranstaltet. Wer das puristische Kino liebt, wird immer noch manches auszusetzen finden (die Filmmusik, ein etwas redundantes Ende, ein paar überflüssige Rückblenden). Aber das ändert nichts daran, dass es sich um einen klugen, sehr schönen Film handelt, der zudem nach 'Passages' (R: Ira Sachs, 2022) und 'Les cinq diables' (R: Léa Mysius, 2023) Adèle Exarchopoulos endgültig als eine der interessantesten Schauspielerinnen ihrer Generation etabliert."

Wie aus den Achtzigern: "Silent Night"

Hongkong-Actionmeister John Woo meldet sich erstmals seit den frühen Nullern wieder mit einer US-Produktion im Kino zurück - und das mit einem Gimmick: Sein Selbstjustizthriller "Silent Night" bietet bis auf ein paar Textnachrichten keine Dialoge. Tazler Michael Meyns winkt jedoch ab: "Ja, es gibt zwei, drei schöne Actionmomente, auch eine minutenlange Kamerafahrt, mit der Woo seinen vielen Epigonen noch einmal zeigt, wer der Meister ist, aber was soll man über einen Film sagen, der sich anfühlt, als wäre er von 1988? Der jeden Latino als schwerst tätowierten Gangster zeigt, die Polizei als komplett unfähig, einen Jedermann, der in Kürze zum beinharten Superkiller wird. Im Teenageralter konnte man so etwas goutieren, um 1990, als die Welt noch in klare Gut-Böse-Muster eingeteilt war, zumindest scheinbar." Stimmt schon, meint auch FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, doch "bei alternden Rockstars werden späte Beweise von Virtuosentum meist frenetisch gefeiert."

Auch Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek wirkt matt nach dem Film: "Man erkennt die Handschrift, man spürt die Energie, aber alles wirkt formelhaft und bemüht, die Choreografie der Schießereien raubt einem nicht mehr den Atem. Der Michelangelo der Action packt ein letztes Mal seine alten Tricks aus, doch die sind inzwischen nichts Besonderes mehr. Sie sind Allgemeingut geworden." Perlentaucher Nicolai Bühnemann hat immerhin Freude an der "Souveränität des alten Action-Meisters. ... Auch wenn es ihm nicht gelingt, an den Irrwitz der Heroic-Bloodshed-Meisterwerke seiner Hongkongfilme der späten 1980er und frühen 1990er anzuknöpfen, ist John Woo hier merklich in seinem Element."

Außerdem: In der FR begrüßt Daniel Kothenschulte die neue Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle im "ewigen Berlinale-Dilemma" zwischen Filmkunst, Filmstars und Popularität (mehr zu dieser Personalie bereits hier). Maria Wiesner verbeugt sich in der FAZ vor Sandra Hüller, die gerade mit einem Preisregen und einem großen Porträt im New Yorker einen sagenhaften Lauf auf dem internationalen Parkett hat. Bernhard Heckler berichtet in der SZ (online gestellt vom Tages-Anzeiger) von der Comic-Con in Tokio, wo sich die Hollywoodstars die Klinke in die Hand geben. Patrick Heidmann porträtiert für den Tagesspiegel die nach Eigenauskunft "queer-feministische Filmemacher*in" Julia Fuhr Mann. Für die SZ plaudert David Steinitz mit Matthias Schweighöfer. Denise Bucher besucht für die NZZ die Dreharbeiten der Schweizer Prestigeserie "Davos 1917".

Besprochen werden William Oldroyds gleichnamige Verfilmung des Romans "Eileen" von Ottessa Moshfegh (taz, FAZ), Dominik Grafs auf Arte gezeigter Film "Mein Falke" (FAZ, mehr dazu bereits hier), Henrik Martin Dahlsbakkens "Munch" (FR), Bradley Coopers "Maestro" (NZZ, unsere Kritik) und die zweite Staffel der Actionserie "Reacher" nach einem Roman von Lee Child (ZeitOnline). Und hier der Überblick beim Filmdienst über alle Filmstarts.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2023 - Film


Diese Überraschung sitzt: Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle wird ab April 2024 die Berlinale leiten. "Eine gute Wahl", findet die versammelte Filmredaktion der SZ. Kulturstaatsministerin Claudia Roth sei "ein Coup gelungen", staunen Christiane Peitz und Andreas Busche im Tagesspiegel, "zumal einer von internationaler Ausstrahlung", denn "Tuttle ist die erste Generalintendantin an der Spitze eines der großen A-Festivals". In London war Tuttle zuletzt für das London Film Festival verantwortlich, auf dem Zettel für die Berlinale hatte sie niemand. Ihre beim BFI eingereichte Liste mit ihren Lieblingsfilmen weist sie als eine am Kanon orientierte Cinephile mit sanftem Hang zum Eklektizismus aus. London wurde unter ihrer Leitung zu einem der "international wichtigsten Publikumsfestivals", erklären Peitz und Busche weiter. "Das dürfte nicht zuletzt zur Entscheidung für Tricia Tuttle beigetragen haben", allerdings "übernimmt Tuttle ein gerupftes Festival" - die bisherige Leitung musste zuletzt erhebtlich einsparen.

Schon wieder jemand, der kein Deutsch spricht, seufzt Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek, dem sich in dieser Personalie auch ein "spezielles Problem der deutschen Filmszene" zeigt: "Dass es dort weit und breit keinen Kandidaten gibt, der den Anforderungen eines Chefpostens in Berlin gewachsen wäre." Bezüglich ihrer Pläne blieb Tuttle bei der Pressekonferenz vage: "Interessant in Tuttles Londoner Amtszeit ist die Ausweitung des digitalen Angebots, was zunächst ein erzwungener Effekt während der Pandemie war, sich aber danach bei 80 Prozent Präsenz- und 20 Prozent digitalen Vorstellungen einpendelte; bei der Berlinale ist bisher gar nichts digital zu sehen. Tuttle betonte allerdings, ihre absolute Priorität sei, die Menschen ins Kino zurückzubekommen." Katja Nicodemus blickt auf Zeit Online nochmal kritisch auf die Chatrian-Jahre des Festivals zurück, die unter turbulenten Rahmenbedingungen stattfinden mussten. Finanziell könnte es für Tuttle nun entspannter zugehen: Bund und Land haben eine Aufstockung der Mittel in Aussicht gestellt."

Bei Andreas Kilb von der FAZ verfängt die bei der Pressekonferenz verbreitete gute Stimmung nicht. Dass die zugesagte Finanzspritze aus Bundesmitteln "gerade ausreicht, den Anstieg der laufenden Festivalkosten auszugleichen, erwähnte Roth nicht. ... Das Intendanzmodell, mit dem die Politik zur Leitungsstruktur der Jahre vor 2019 zurückkehrt, soll jetzt die Wende auf dem Weg in die zweite Liga der Filmfestivals bringen. Aber selbst wenn Tricia Tuttle eine glückliche Hand bei der Filmauswahl hat, kann sie die strukturellen Malaisen der Berlinale nicht allein kurieren. Der Festivaltermin im Februar erweist sich immer deutlicher als Hemmschuh. Der Mietvertrag im Musical-Palast läuft übernächstes Jahr aus. Und die Zahl der Kinos in Berlin-Mitte nimmt weiter ab. Die Berlinale braucht neue Spielstätten, eine neue Residenz und einen neuen Termin."

Themenwechsel: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut, muss Marlen Hobrack auf Zeit Online beim Blick darauf feststellen, wie etwa Disney sich in den letzten Jahren an der "strong female lead"-Figur abarbeitet - also dem Typus einer Heldinnenfigur, die in einem Nu all das ausgleicht, was patriachalere Vorstellungen von Kino Frauenfiguren bis dahin selten zugetraut haben. Die Kehrseite: Die neuen Heldinnenfiguren können einfach alles, während männlichen Figuren auch im Typus des Antihelden ein viel breiteres Spektrum zugestanden wird. "Warum gelingt es Hollywood, neue männliche Helden zu schreiben, die auch außerhalb des Superhelden- und Actiongenres als interessante Charaktere funktionieren, während es so krachend an der Heldin scheitert, die nur eine präpotente Pappkameradin ist? Weil die Regisseure und Regisseurinnen unter einer vulgär feministischen Fehlinterpretation von Weiblichkeit leiden. ... Die Heldin soll dem männlichen Counterpart zwar jederzeit den Mangel an vermeintlich weiblichen Tugenden vorwerfen können, sie selbst jedoch nicht besitzen - denn dann wäre sie ja angeblich schwach." Da war Hollywood übrigens schon mal viel weiter, fügt Hobrack hinzu - und nennt Heldinnenfiguren wie Katniss Everdeen ("Hunger Games") und Sarah Connor ("Terminator").

Außerdem: "Ziemlich absurd" findet es Presse-Kritiker Andrey Arnold, dass die Golden Globes künftig auch die besten Kassenerfolge auszeichnen wollen. Karsten Munt verneigt sich im Filmdienst vor dem japanischen Schauspieler Tatsuya Nakadai, den man vor allem aus den Filmen von Akira Kurosawa kennt.

Besprochen werden Behrang Samsamis Buch "Die langen Ferien des Sohrab Shahid Saless" (FD), Dominik Grafs auf Arte gezeigtes Drama "Mein Falke" (SZ, mehr dazu bereits hier), Jeanne Herrys Justizdrama "All Eure Gesichter" (Zeit Online),  Sam Esmails Netflix-Thriller "Leave the World Behind" (NZZ) und Henrik Martin Dahlsbakkens Künstlerbiografie "Munch" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.12.2023 - Film

Im Zeit-Online-Gespräch mit Nils Markwardt gibt die Kulturwissenschaftlerin Andrea Geier Einblick in ihre Forschungsarbeiten zum Weihnachtsfilm. Der nicht nur in Deutschland zu dieser Jahreszeit äußerst beliebte Klassiker "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" (Mediathek) darf da nicht fehlen. Der Interpretation, dass der in der DDR und in der Tschechoslowakei entstandene Film mit seiner "widerständigen Komponente" auch kritische Spitzen gegen das damals herrschende sozialistische System austeilt, kann sie sich nicht anschließen: "Ich würde in dem Film eher einen allgemeinen Umgang mit einem Genre erkennen. Das Wiedererzählen von Märchen und bekannten Geschichten lebt immer vom Ausbalancieren von Wiederholung und Variation. Und gerade die Variation von Geschlechterrollen gibt es sehr regelmäßig. Zumal das Interessante hier auch gar nicht so sehr darin besteht, dass die Frauenfigur emanzipativ erscheint, sondern vielmehr, dass die Prinzenrolle neu ausgestaltet worden ist. ... Die ist sehr viel tiefer ausgeprägt, als es in der Tradition der Cinderella- und Aschenputtel-Motive meistens der Fall ist. Denn dieser Prinz muss sich bewähren. Er muss zeigen, dass er tatsächlich prinzenfähig ist, um Aschenbrödel gewinnen zu können, und er lernt sogar: Es versteht sich nicht von selbst, dass sie ja sagt. Und dabei kommt dann etwas ins Spiel, worin man vielleicht tatsächlich einen sozialistischen Kontext erkennen könnte: Aschenbrödel wird nach dem Tod des Vaters wie eine Bedienstete behandelt, und es ist gewissermaßen das Volk, das die sich anbahnende Heirat absegnet."

Außerdem: Heute um 12 Uhr stellt Claudia Roth die neue Berlinale-Leitung vor, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Die SZ bringt die Nominierten für die Golden Globes - auch Sandra Hüller, eben mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet, kann sich Hoffnungen machen.

Besprochen werden Bradley Coopers Leonard-Bernstein-Biopic "Maesto" (online nachgereicht von der SZ, unsere Kritik), Rodrigo Sorogoyens "Wie wilde Tiere" (Jungle World, unsere Kritik hier), Sam Esmails Netflix-Thriller "Leave the World Behind" (Standard, Presse, Tsp) und Til Schweigers "Das Beste kommt noch!" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2023 - Film

Am Samstag wurden die Europäischen Filmpreise verliehen. Mit insgesamt fünf Preisen in fast ausschließlich den wichtigsten Kategorien war Justine Triets bereits in Cannes ausgezeichneter Film "Anatomie eines Falls" der Abräumer des Abends - unter anderem wurde Sandra Hüller als beste Schauspielerin ausgezeichnet, die in dieser Kategorie auch gegen sich selbst antrat, da sie auch für Jonathan Glazers' "The Zone of Interest" nominiert war. Dieser Nominierungssegen wundert tazlerin Jenni Zylka nicht, denn "Hüller kann alles, und das mit Grandezza und Selbsttreue. Dennoch hätte man Jonathan Glazers überragendem, mehrfach nominiertem Film, der das Leben des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss an der Mauer zum KZ beschreibt, mehr als den verdienten Preis für den besten Sound gewünscht. Denn in der fiktional-filmischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust gab es bislang kein Werk, das so konsequent die Opfer schützt und dabei so sehr berührt. Glazers Entscheidung, die Pein der Leidtragenden allein über die Tonebene zu erzählen, ist fast eindringlicher als Bilder von (fiktionalisierten) Opfern - Ton wirkt unmittelbarer als Bild."

Hüller nahm ihre Auszeichnung zum Anlass für eine Schweigeminute für den Frieden (hier ab 10:09). Für Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche war es einer der "herausragendsten Momente" der Verleihung, der "einiges verrät über die Preisträgerin, die ihren großen Moment auf der Bühne nutzt, um noch einmal herauszustellen, dass dieser Preis viel größer ist als sie selbst." Die Auszeichnung selbst ist nur folgerichtig, denn Hüllers "Name überstrahlt in diesem Jahr das europäische Kino, er fiel in allen Dankesreden für Triets Film. Sandra Hüller ist, so besagt es auch der Titel ihres Preises, wahrlich die 'Europäische Schauspielerin' des Jahres. ...  Sieht man die Schauspielerin und ihre Regisseurin auf der Bühne, hört ihre gegenseitigen Dankesbekundungen, kann man davon ausgehen, dass es nicht ihre letzte gemeinsame Arbeit ist. Da haben sich zwei gesucht und gefunden." Marius Nobach vom Filmdienst quälte sich eher durch den zähen Abend statt Glitz, Glamour und Vielfalt des europäischen Kinos genießen zu können.

Eine Kinotour samt DVD-Box ruft das leider überschaubar gebliebene filmische Werk von Pia Frankenberg in Erinnerung, freut sich Andreas Busche im Tagesspiegel: Heute ist Frankenberg als Schriftstellerin tätig, aber ihre in den Achtzigern in der Bundesrepublik entstandenen Komödien standen "so einsam in dieser traurigen Dekade herum, dass sie nach der Wende fast vergessen waren." Für ihren Berlinfilm "Nie wieder schlafen" von 1992 fand sie "in Lisa Kreuzer, Gabi Herz und Christiane Carstens drei wunderbar unverstellte Darstellerinnen, die die rastlose Energie der Regisseurin mit ihren sehr unterschiedlichen Temperamenten tragen. Dreißig Jahre später ist das Quasi-Roadmovie vor allem als filmisches Dokument des Wende-Berlins in Erinnerung geblieben, deren Brachen und offene Wunden die drei Freundinnen zu Fuß erkunden. ... Einen so unkitschigen, neugierigen und dabei leichthändigen Film über eine Frauenfreundschaft wie 'Nie wieder schlafen' hat es im deutschen Kino seitdem nicht mehr gegeben." Der Trailer vermittelt einen kleinen Eindruck:



Außerdem: Die junge Generation zaudert mit Sexszenen im Film, verrät die Psychiaterin Dagmar Pauli Alexandra Kedves im Tagesanzeiger-Gespräch. In der Welt erinnert Hannes Stein an den an die Blaxploitation-Reißer der Siebziger angelehnten Film "Hebrew Hammer" von 2003. Daniel Kothenschulte (FR) und Willi Winkler (SZ) schreiben Nachrufe auf den Schauspieler Ryan O'Neal. Besprochen wird eine edel aufgemachte BluRay-Box mit fünf Filmen des koreanischen Auteurs Hong Sang-soo (Intellectures).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2023 - Film

Chris Schinke hat für eine Filmdienst-Reportage die israelische Filmcommunity besucht, die vom 7. Oktober sichtlich gezeichnet ist. "Unter den momentanen Bedingungen ist es schwer vorstellbar, wie die israelische Filmcommunity jemals wieder zu einem 'Normalzustand' zurückkehren soll. Viele junge Filmschaffende befinden sich aktuell im Kriegseinsatz oder sind Reservisten, die auf ihren Einsatzbefehl warten. Darunter auch Ben Peled, der Kameramann des Films 'The Boy', sowie der Hauptdarsteller Nimrod Peleg. Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, zu welcher Art von Bildern das Kino nach dem 7. Oktober finden kann und wie mit den Aufnahmen der Gräueltaten umgegangen werden kann. Wegsperren lassen sie sich ja kaum. Leichtfertig zu fordern, jeder müsse sie sich ansehen, um das Geschehene zu bezeugen, ist auch kein Weg. Die grauenhaften Terrorbilder besitzen durchaus das Potenzial, ihre Betrachter seelisch und körperlich krank zu machen. Am grauenhaftesten ist dabei das Lachen der Mörder während ihrer Taten. Allein schon deshalb, um sie nicht triumphieren zu lassen, sind andere Wege des Erinnerns nötig."

Außerdem: Im NZZ-Gespräch anlässlich seines neuen (auf Zeit Online besprochenen) Films "Das Beste kommt noch" weist Til Schweiger Vorwürfe zurück, er habe sich bei Dreharbeiten am Set grob daneben benommen: "Ich habe noch nie meine Macht missbraucht." Die Agenturen melden, dass der Schauspieler Ryan O'Neal gestorben ist. Claudius Seidl gratuliert in der FAZ John Malkovich zum 70. Geburtstag. Und John Waters kürt und kommentiert in Vulture seine besten Filme des Jahres.

Besprochen werden Ryūsuke Hamaguchis beim Berliner Filmfestival "Around the World in 14 Films" gezeigtes Drama "Evil Does not Exist" (Perlentaucher), Bradley Coopers "Maestro" (Jungle World, unsere Kritik), Rodrigo Sorogoyens "Wie wilde Tiere" (SZ, unsere Kritik), Paul Kings "Wonka" mit Timothée Chalamet (Welt) und die auf Amazon gezeigte Dokuserie "Jan Ullrich: Der Gejagte" (FD).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.12.2023 - Film

Szene aus "The First Slam Dunk" von Takehiko Inoue


Takehiko Inoues "The First Slam Dunk" ist einer der erfolgreichsten japanischen Animationsfilme und handelt von - Basketball, genau wie die ebenfalls von Inoue stammende Manga-Vorlage, die in den Neunzigern ihrerseits alle Rekorde brach. Und der Film haut auch wirklich um, wie Valerie Dirk im Standard nur bekräftigen kann: "Herausragend ist das Zusammenspiel aus innovativer Animationsarbeit, zackiger Montage und dem zwischen packenden Rock- und japanischen Popsongs changierenden Musikscore. Dafür gab es denn auch ein Millionenpublikum und zahlreiche Preise, unter anderen den japanischen Oscar für den besten Animationsfilm. Und das in dem Jahr, in dem Anime-Giganten wie Makoto Shinkai ('Suzume') und Hayao Miyazaki ('Der Junge und der Reiher') ihre neuen Filme vorstellten. Ein Volltreffer!" Einen "aufregenden Anime" sah auch Axel Timo Purr von Artechock: "Es ist die Seele des Sports, die spürbar, die sichtbar wird und das, was Sport am Ende auch immer sein kann - eine Kulturtechnik, die kranke Seelen zu gesunden Menschen formt, die sich damit nicht nicht mehr nur individuell, sondern auch als Mannschaft artikulieren können."

Weitere Artikel: Carolin Ströbele wünscht sich auf Zeit Online, dass der Hype um Hollywood am verträumtesten dreinblickendenden Wuschelkopf Timothée Chalamet endlich mal aufhört. Anna Bitter schreibt auf Artechock über die Filme von Pia Frankenberg, die derzeit mit einer Kinotour und einer DVD-Box wiederentdeckt werden. Dunja Bialas berichtet auf Artechock vom Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Für Artechock resümiert Jakob Gerstmayer das 42. Filmschoolfest München. Elke Eckert legt den Münchner Artechock-Lesern eine Gina-Lollobrigida-Hommage im Circolo Cento Fiori ans Herz. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath Kim Basinger zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Molly Manning Walkers "How to Have Sex" (Tsp, Artechock, mehr dazu hier), Rodrigo Sorogoyens "Wie wilde Tiere" (Welt, Artechock, unsere Kritik), Bradley Coopers "Maestro" über Leonard Bernstein (Artechock, unsere Kritik), Hans Jürgen Syberbergs "Demminer Gesänge" (Artechock), Matt Johnsons "BlackBerry" (Artechock), die Serie "Boom Boom Bruno" (taz, FAZ, Zeit Online) und Til Schweigers "Das Beste kommt noch" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2023 - Film

Jenseits der Psychedelik: "How to Have Sex"

"Besser hat man im Kino länger nicht gesehen, was es heißt, in einer vorgeblich freizügigen Gesellschaft jung zu sein", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ über Molly Manning Walkers "How to Have Sex" über drei junge Frauen, die es bei einem Urlaub auf Kreta insbesondere auch sexuell krachen lassen wollen - wobei es Walker nicht um eine weibliche "Eis am Stiel"-Variante geht, sondern um eine Erkundung des Unschärfebereichs von Einvernehmen und sexueller Selbstbestimmung. "Walker stürzt sich mit ihren großartigen Darstellerinnen mitten hinein, bleibt dabei aber zugleich souveräne Beobachterin. Sie ist hier, um in einen Bereich zu gehen, der jenseits der Psychedelik liegt, im Innersten eines Erlebens, von dem sich manchmal erst im Nachhinein begreifen lässt, was da eigentlich gerade passiert ist. Sie macht in einem wichtigen Moment einen Schnitt, der eindeutig wirkt, den sie danach aber sukzessive in Ambivalenz auflöst. 'How to Have Sex' gehört eher in eine Linie mit neuerem Nachdenken, in dem das anscheinend Einvernehmliche an Sexualakten genauer in Augenschein genommen wird."

"Besonders" findet Susan Vahabzadeh in der SZ den Film, weil dieser mal "nicht unter reflektierten jungen Frauen mit feministischer Vorbildung spielt, sondern unter Mädchen, die noch nie über geschlechtsspezifisches Rollenverhalten nachgedacht zu haben scheinen." Wobei die Hilflosigkeit, mit der eine der Drei durch den Film taumelt, in Vahabzadeh dann doch ein "Unbehagen" auslöst, "das über 'How to Have Sex' als einzelnen Film hinausweist": Denn in letzter Zeit häufen sich junge Frauen, die in sexuellen Dingen fast naiv überrumpelt werden. "Das Kino könnte doch auch mal erzählen, warum Mädchen meinen, sie wären prüde und verklemmt, wenn sie nicht permanent sexy und cool sein wollen. .... Vielleicht ist das so, weil es von Haus aus auf Figuren fixiert ist, die eben sexy und cool sind. Und weil es ihm nur selten in den Sinn kommt, Geschichten von Frauen und Mädchen zu erzählen, die sich den Anforderungen an ihren Körpern verweigern. Eine Häufung von sprachlosen Frauenfiguren wäre allerdings ein neues Stereotyp. Gelegentlich dürfte mal eine von ihnen 'Nein' sagen. Vielleicht sogar mit Erfolg." Für den Freitag hat Thomas Abeltshauser mit der Regisseurin gesprochen. Weitere Besprechungen auf critic.de und in der FR.

Außerdem: Für die Zeit spricht Christine Lemke-Matwey mit der Dirigentin Joanna Mallwitz über Bradley Coopers (in der Welt besprochenes) Bernstein-Biopic "Maestro" (mehr dazu bereits hier). Michael Hanfeld (FAZ) und Hanns-Georg Rodek (Welt) plaudern mit Til Schweiger über dessen neuen Film "Das Beste kommt noch".

Besprochen werden Rodrigo Sorogoyens "Wie wilde Tiere" (Perlentaucher, online nachgereicht von der FAS), Takehiko Inoues japanischer Animationsfilm "The First Slam Dunk" nach seinem in Japan immens erfolgreichen Basketball-Manga (FD), Matt Johnsons "Blackberry" (taz), Aylin Tezels "Falling Into Place" (online nachgereicht von der FAS), der Fantasyfilm "Wonka" mit Timothée Chalamet (FR), und die DVD-Ausgabe von Michal Viniks "Valeria is Getting Married" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2023 - Film

Wenig trinken, keine kurzen Röcke: "How to Have Sex"

"How To Have Sex", ihren Film über Geschlechterrollen bei Jugendlichen, gingen manchmal erschütternde Recherchen voraus, erzählt die Regisseurin Molly Manning Walker im taz-Interview mit Patrick Heidmann. Zwar basiert der Film zum Teil auf eigenen Jugenderfahrungen doch" es war mir wichtig, auch die Perspektive heutiger Teenager in die Geschichte einfließen zu lassen, schließlich bin ich selbst inzwischen 30 Jahre alt. Wir haben diverse Workshops mit 16- bis 19-jährigen veranstaltet und mit ihnen über Sex und Einverständnis gesprochen. Ich war ein wenig erstaunt, wie wenig sich verändert hat. Es waren immer noch vor allem die jungen Mädchen, die gesagt haben, es sei vor allem wichtig, nicht zu kurze Röcke zu tragen und zu viel zu trinken. Und unter Jungs werden nach wie vor die, die am meisten Sex haben, als echte Kerle und Legenden gefeiert."

Außerdem: Michael Ranze unterhält sich für den Filmdienst mit der Schauspielerin Aylin Tezel, die mit dem auf der schottischen Isle of Skye spielenden Drama "Falling Into Place" ihr Langfilmdebüt als Regisseurin in die Kinos bringt. Stefan Brändle wirft in der FR einen Blick auf die Turbulenzen, die Ridley Scotts "Napoleon" in Frankreich ausgelöst hat. Andreas Hartmann stellt in der taz Highlights aus dem Berliner Festival "Around the World in 14 Films" vor. Der Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik des Jahres geht an Julia Lorenz für ihre auf Zeit Online veröffentlichte Besprechung von "Black Panther 2", meldet der Filmdienst. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ dem Schauspieler Tom Hulce zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Bradley Coopers Biopic "Maestro" über Leonard Bernstein (taz, Standard, mehr dazu bereits hier), Rodrigo Sorogoyens "Wie wilde Tiere" (Tsp), Maximilian Erlenweins Unterwasserthriller "The Dive" (online nachgereicht von der FAS) und Takashi Yamazakis "Godzilla Minus One" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.12.2023 - Film

In den Schwarzweiß-Passagen lebendiger Screwball: "Maestro"


Solange Bradley Coopers Biopic "Maestro" über Leonard Bernstein (mit Cooper selbst in der Hauptrolle) eine anarchische Screwball-Comedy in Schwarzweiß ist, hat Perlentaucher Karsten Munt noch viel Freude an diesem Film. Doch irgendwann kommt eine streberhafte Anstrengung in den Film, die ihm den Spaß verleidet: "So richtig gelebt fühlt sich das nicht an. Am Piano leuchten die Augen, später fließen Tränen und in der Kathedrale von Ely, der großen Klimax der Dirigierkunst, kanalisiert Cooper die Jahre der Method-Rollenvorbereitung in eine überexpressive Zappelei, die das Innere des Maestros nach außen stülpt. Alles ist Performance. Vom rauchigen Aroma in der Stimme, dem die Zeit allmählich etwas Nasales unterhebt, bis zur immer im Mundwinkel hängenden Zigarette: Cooper hat Bernstein drauf, hat keine Angst davor, immer noch lauter zu drehen, bis alles derart exaltiert wirkt, dass es eigentlich Spaß machen müsste, aber dann doch immer so angestrengt ist, sich so krampfhaft auf Technik stützt, dass es mir schwer fällt, etwas anderes zu sehen als die Anstrengung, die Bradley Cooper empfindet, wenn er die Last die Genialität schultert oder vom Narzissmus des alten Bernstein durch den Film gejagt wird."

Grandios hingegen findet FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, wie Cooper hier Bernstein gibt: "Er wird sofort lebendig, und nichts ist ansteckender als die Ansteckung". Doch vor allem ist dies "ein sinnlicher Musikfilm. In einer radikalen Entscheidung sind Bernsteins eigene Kompositionen zu hören, die eine eigens komponierte Filmmusik ersetzen. Sie sind so in ihrer immensen stilistischen Bandbreite und vor allem ihrer hemmungslosen Emotionalität zu erleben. Wer etwas gegen das Filetieren klassischer Musikaufnahmen in Spielfilm-Soundtracks hat, wird diesem Film eher skeptisch begegnen. Die kunstvolle Tonmontage allerdings ist oscar-würdig."