Der deutsche Fictionboom ist auch schon wieder vorbei, schreibt Lisa Priller-Gebhardt auf der Medienseite der SZ: Reihenweise Projekte werden eingestellt, manche Streamer stellen ihre deutsche Produktion gar völlig ein. "Aktuell werden die Budgets der Produktionen seitens der Auftraggeber massivgesenkt", sagt ihr gegenüber BjörnBöhning, Geschätsführer der "Allianz Deutscher Produzenten" und führt weiter aus: "Das zeigt sich besonders im Kinofilm, wo die Produktionsbudgets im Vergleich zum Vorpandemieniveau um ein Viertel zurückgingen. Gleichzeitig sind für die Produzenten die Kosten deutlich angestiegen, und zwar um fünfzehn Prozent über die letzten drei Jahre. Unterdessen ziehen sich die Sender auch noch sehr stark aus den Kino-Koproduktionen zurück. ... Es gibt damit deutlich weniger Filme, in denen deutsche Geschichten erzählt werden. Das Erzählformat Kinofilm, das frei und unformatiert immer wieder Neues und Überraschendes wagt, ist akutgefährdet."
Besprochen werden ChrisKrikellis' "Souls of a River" über Europas südostliche Grenze am Fluss Evros (Standard) sowie die Serien "Die verlorenen Blumen der Alice Hart" mit Sigourney Weaver (Jungle World) und "The Curse" (Zeit).
Die Kultur vereinnahmt die Kunst, lautet Patrick Holzapfels Befund in seinem Filmdienst-Essay: Während Film gerade in der hohen Kunst der Perspektiv-Auffaltung zu sich kommt, verlangt die Kultur die eindeutige Aussage, das eindeutige Bekenntnis. "Gerade wenn Bildproduktion mit Beweisführung verwechselt wird und der mediale Diskurs sich erhitzt, könnten Filmbilder auf die Komplexität der Dinge verweisen. Ihre ständige Botschaft müsste lauten: So einfach ist es nicht, schaut hin. ... In ihren stärksten Ausprägungen vermögen Kinobilder auch heute noch der widersprüchlichen Vielsprachigkeit jeder Gesellschaft zu entrinnen. Sie produzieren eine andere Vielsprachigkeit, eine, die eigenen Gesetzen folgen könnte. Vielleicht würde es helfen, den Fokus zu ändern. Man müsste sich für diejenigen interessieren, die Filme sehen, und nicht für diejenigen, die sie machen. Zumindest ein bisschen. Damit ist aber nicht gemeint, dass wir uns darüber kaputtreden sollen, wie wer warum ins Kino geht. Nein, es soll hier um diesen Zwischenraum gehen, der Film und Zusehende verbindet. Dieser Raum öffnet etwas, in ihm wird Ambivalenz zum Verstoß gegen das Bestehende und Sichergeglaubte." Aber "einzufordern, dass ein Film, dass irgendeine Kunst eine eindeutige Haltung zu politischen, gesellschaftlichen oder ideologischen Themen einnimmt, zeugt von einer Gesellschaft, die der Kunst keinen Eigenwert mehr beimisst."
Außerdem: Im Lichte heutiger Debatten wirkt der RomCom-Klassiker "Tatsächlich Liebe" ziemlich müffelig, muss Heide Rampetzreiter in der Presse feststellen. Besprochen werden die fünfte Staffel von "Fargo" (FAZ) und der ARD-Sechsteiler "Die Saat" (FAZ). Und ein Mediathek-Tipp: Der SWRbietet derzeit Egon Kochs schönes O-Ton-Feature "Die Bilderwerfer" über kleineKinos und die Menschen, die sie betreiben, an.
Warme und verträumte Bilder: "Mein Falke" von Dominik Graf Von den Feuilletons nach unserem Überblick bislang eher unbemerkt, hat ein neuer Film von DominikGrafüber die Arte-Mediathek seinen Weg in die Öffentlichkeit gefunden. "Mein Falke" erzählt von der Biologin Inga (Anne Ratte-Polle), die in einem komplexen Verhältnis zu Ehemann und Vater steht und darüber hinaus mit diversen Herausforderungen konfrontiert ist. "Ähnlich wie schon in 'Hanne' (2018) erzählt Graf von einer Frau, die sich selbst als Zumutung empfindet", schreibt Luca Schepers auf critic.de. "'Mein Falke' hätte eine metaphorisch überfrachtete Geschichte werden können, verwandelt sich bei Graf aber vor allem in warme und verträumte Bilder." Zugleich "ist 'Mein Falke' mit Wolfsburg an einem sehr spezifisch deutschen Ort angesiedelt", der 1938 von den Nazis gegründet wurde. "Ein Ort unscheinbarer Langeweile, unter dessen Boden sich die Geschichte eines nie endenden Grauens finden lässt, wenn Inga die Gebeine von 13 Zwangsarbeiter*innen ausbuddelt und anschließend die Überreste einer Person an dessen niederländischen Verwandte übergibt. Inga erkennt in diesem Moment, wie sehr sie sich vor dem Vergessenwerden fürchtet, während der Film parallel von einer im Boden versunkenen, aber nie verschwundenen deutschenBrutalität erzählt."
Außerdem: Thomas Ribi wirft für die NZZ einen Blick auf die Turbulenzen, die RidleyScotts "Napoleon" (unsere Kritik) in Frankreich aufgewirbelt hat: Der Kritiker Romain Marsily etwa schrieb von einer "Schändung", während die Historiker die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts dessen, wie freimütig Scott mit der Historie umgeht, und das normale Publikum sich darüber ärgert, als was für ein "weinerliches, verklemmtesMuttersöhnchen" der große Feldherr dargestellt wird. Dunja Bialas verzweifelt auf Artechock über die Spaltungen, Vorwürfe und Zerwürfnisse, die sich im Zuge des Hamas-AngriffsaufIsrael auch in der Filmszene beobachten lassen. Jenny Hoch spricht für die Welt mit BrigitteHobmeier über die ARD-Mysteryserie "Schnee", in der die Schauspielerin die Hauptrolle spielt. Die Weltplaudert mit den Belton-Zwillingen, denen mit Anfang Zwanzig mit der Impro-Serie "Die Discounter" auf Anhieb ein Hit geglückt ist. Im Tagesspiegelempfiehlt Andreas Busche das Berliner Festival "Around the World in 14 Films", das einen Querschnitt aus den Programmen der großen Festivals dieses Jahres bietet. Fabian Tietke sitzt derweil für den Tagesspiegel in den Vorführungen der Filmreihe "Wir sind unsere Erinnerung" mit armenischemKino, zu sehen im Berliner Sinema Transtopia.
Besprochen werden Denis Imberts "Auf dem Weg" (FAZ), RubénAbruñas Dokumentarfilm "Holy Shit", der sich an einer Ehrenrettung der Scheiße versucht (ZeitOnline), ConstantinHatz' Dokumentarfilm "Störung" (taz) und eine Austellung im Musée Lumière in Lyon über die Anfänge des Kinos (FAZ). Und ein Mediatheken-Tipp: Arte hat derzeit Thomas von Steinaeckers Porträtfilm "Werner Herzog - Radikaler Träumer" im Online-Angebot.
Verbände der deutschen Drehbuchautoren und Regisseure fordern in einem Manifest bessere Rahmenbedingungen für ihre Arbeit bei den Öffentlich-Rechtlichen. Von Frust sprechen die Drehbuchautorin Dorothee Schön und der Regisseur Jobst Oetzmann im SZ-Gespräch. Die Sender "stehen vor der größten Transformation in ihrer Geschichte, aber alle reden über Technik, niemand redet über Inhalte. Das ist die Wand, vor der wir stehen", sagt Letzterer. Schön ärgert sich über übertriebene Einsparungen: "Nach Angaben der KEF, der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs, haben ARD und ZDF in den Jahren 2017 bis 2020 fast eine Dreiviertelmilliarde Euro, die ihnen eigentlich fürs Programm gegeben worden ist, gar nicht dafür ausgegeben. Und wenn man Programm billiger haben will, was macht man dann? Dann fangen die Sender an zu normieren. Dann ist da zum Beispiel eine zentrale Institution wie die privatwirtschaftliche ARD-Filmtochter Degeto, die den größten Programmetat im Ersten verwaltet, dafür zuständig, dass am Donnerstagabend immer Auslandskrimis nach Schema F laufen. Das teurere 'Fernsehspiel', wo verschiedene Themen und verschiedene Looks von verschiedenen Machern beauftragt waren, wird langsam abgeschafft, zugunsten von einem, ich sag jetzt mal: glatt gebügelten, am Fließband fabrizierten Programm."
Mit der neuen KI-Software Pika soll es möglich sein, auf Zuruf ganze Animationsclips zu generieren und zwar "in brillanter Qualität und 3-D-Ästhetik", schreibt Andrian Kreye in der SZ. Für Disney, Pixar und Co. könnte das eine Erleichterung sein, doch "für die Filmbranche werden die Erschütterungen an anderer Stelle gewaltig sein. Gerade, weil die Werbung mit KI-Anwendungen viel Geld und Personal einspart. ... Nun ist der Weg zum filmischen Meisterwerk ohne oder mit nur wenig menschlicher Hilfe noch sehr weit. Was die Filmbranche bedrängen wird, ist der rein marktwirtschaftliche Mechanismus, dass etwa ein Autohaus in, sagen wir, München-Trudering für wenig Geld einen Werbespot in Pixar-Qualität herstellen und sich damit die paar Tausend Euro sparen kann, die das bei einer örtlichen Werbeagentur gekostet hätte, bei der sich angehende Filmkunstschaffende ihr Geld mit Handwerksarbeiten verdienen."
Weitere Artikel: Frankreich ärgert sich über RidleyScotts "Napoleon" (unsere Kritik), berichtet Wolf Lepenies in der Welt. Valerie Dirk empfiehlt im Standard das Wiener Filmfestival "This Human World". In der SZ blickt David Steinitz auf 100 Jahre Disney zurück. Für Dlf Kulturtun dies Markus Metz und Georg Seeßlen mit einer "Langen Nacht". Andreas Kilb (FAZ) und Tobias Kniebe (SZ) gratulieren TerrenceMalick zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden die vom ZDFonline gestellte Reportage "Hamas-Angriff aufs Festival" (ZeitOnline), KevinGreuterts Horrorfilm "Saw X" (Perlentaucher), SepidehFarsis Trickfilm "Die Sirene" über eine Jugend im Iran (FD, SZ, mehr dazu hier), der neue Disney-Trickfilm "Wish" (FR, Presse, FD), Rubén Abruñas Dokumentarfilm "Holy Shit" über die Vorzüge der dunklen Masse aus dem Süden des Körpers (Tsp, FD), EvaSpreitzhofers Komödie "Wie kommen wir da wieder raus" (Standard), DavidFinchersNetflix-Thriller "Der Killer" (FR), die im Ersten gezeigte Mysterieserie "Schnee" (FAZ) und die Serie "Eine Billion Dollar" nach dem gleichnamigen Roman von AndreasEschbach (TA). Außerdem hier alle Filmstarts auf einen Blick beim Filmdienst.
Sepideh Farsis "Die Sirene" (Bac Films) SepidehFarsis Animationsfilm "Die Sirene" erzählt von der Zeit unmittelbar nach dem Iran-Irak-Krieg. Tazlerin Barbara Schweizerhof verortet den Film in einer jüngeren Tradition von Zeichentrickfilmen, die sich an ein erwachsenes Arthouse-Publikum richten: "Animation als Medium des Erinnerns, des Nacherlebens und Bezeugens: All das spielt auch bei Sepideh Farsi in 'Die Sirene' eine Rolle. Hinzu kommt eine weitere Facette, die es auch in 'Persepolis' und 'Waltz with Bashir' schon gab: ein Moment der Nostalgie nach den Orten der Kindheit und Jugend, die durch Krieg oder Revolution unwiederbringlich verloren gingen. ... In impressionistisch-kleinen, aber gleichzeitig einprägsam-emotionalen Details schildert der Film, wie es ist, wenn der Krieg in die Stadt kommt: Auf dem Fahrrad kurvt Omid durch einen zum Stillstand gekommenen Autoverkehr, überall stehen Menschen und weisen zum Himmel oder zur brennenden Raffinerie, als könnten sie es noch nicht fassen, während anderswo noch Geschäfte geöffnet und aufgeräumt werden. Vor der Moschee aber fährt bereits der erste Lkw mit bewaffneten jungen Männern los." Dlf Kultur hat mir der Regisseurin gesprochen.
Joachim Huber ärgert sich im Tagesspiegel über die Nehmerqualitäten der hiesigen Filmproduzenten, die sich sehr auf Subventionen aus Steuermitteln verlassen, um Serien zu produzieren, die im Anschluss nicht immer auf Anhieb ihr Publikum finden. "Deutschland ist ein Gemeinwesen, das von allen nimmt, um allen geben zu können. Die Gewohnheit ist akzeptiert, jede Diskussion, ob die Serie als Wirtschafts- oder als Kulturgut zu fördern ist, hat sich damit erledigt. Gefördert wird, was gefordert wird: Serielles made in Germany, egal ob Bockwurst oder Fiktion. ... Sender wollen Quote und Werbegeld, Streamer wollen Abos. Von beidem verstehen sie eine Menge, vom Quotenfang und vom Geldverdienen. Warum nur fällt es ihnen so schwer, diese Kompetenz zu nutzen? Mal nicht nach tausendundeinerSubvention zu schreien, sondern derart zu produzieren, dass Staatsgeld nur noch ein feines Surplus ist. Fällt natürlich schwer, wenn man sich an die süßeDroge gewöhnt hat."
Im Welt-Gespräch mit Christian Meier hält ChristophSchneider, Chef der deutschen Sparte von Amazon Prime Video, Clauda Roths Plan, Streamingdienste künftig mit einer am Vorjahresnettoumsatz gemessenen Beteiligung zur Investition in Deutschland zu verpflichten, für einen "politischenIrrweg", der dem deutschemFilmstandort nicht nützen werde. "Eine Investitionsverpflichtung wird im Gegensatz zu einer Anreizregulierung über Steuervorteile keinen einzigen weiteren Euro nach Deutschland bringen. Ich kann als Produzent auch mit einer Investitionsverpflichtung überall in Europa arbeiten und einen deutschsprachigen Titel produzieren. Zum Beispiel in Ländern, die attraktiveProduktionsanreizsysteme bieten, wie etwa Österreich das vorbildhaft macht. Schon nach einem knappen Jahr zeigt sich dort der massive Erfolg mit einer Verdreifachung des Produktionsvolumens."
Außerdem: Reinhard Kleber wirft für den Filmdienst einen Blick auf die Lage der FilmfestivalsnachderCoronapandemie. Lukas Foerster und Tilman Schumacher resümieren für critic.de das Nürnberger Actionfilmfestival "Karacho". Besprochen werden Noam Pinchas', Yossi Blochs und Duki Drors heute Abend auf Arte gezeigte Reportage "Hamas-Angriff aufs Festival - Die Überlebenden des Wüsten-Raves" (TA, FAZ), KenLoachs "The Old Oak" (Jungle World, mehr dazu hier), TakashiYamazakis japanischer Monsterfilm "Godzilla Minus One" (Filmdienst, FAZ), der neue Disney-Animationsfilm "Wish" (Standard) und die Wiederaufführung von ErichLangjahrs Dokumentarfilm "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend" (NZZ).
In der FAZ resümiert Bert Rebhandl das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg. Besprochen werden AnnaHints' Dokumentarfilm "Smoke Sauna Sisterhood" (taz, unsere Kritik hier) und EmmaSeligmans auf Amazon gezeigte, queere Highschool-Komödie "Bottoms" ("der lustigste Film dieses unlustigen Jahres", schwärmt Marlene Knobloch im Tages-Anzeiger).
"Die Bologna-Entführung" von Marco Belloccio Marc Hairapetian wirft im FR-Gespräch mit MarcoBellocchio einen gemeinsamen Blick auf Leben und Werk des italienischen Regisseurs sowie die politische Lage in dessen Heimatland. Auch um seinen aktuellen Film "Die Bologna-Entführung" geht es, in dem Bellocchio die wahre Geschichte erzählt, wie der Papst einmal ein jüdisches Kind entführen ließ (unsere Kritik). "Mir ging es hier nicht um diese an sich mehr als skandalöse Geschichte, nicht um eine dogmatische Ideologie und auch nicht um eine forciertePapstkritik. Es war auch nicht meine Absicht, all das Unrecht filmisch aufzuarbeiten, was den Jüdinnen und Juden durch die katholische Kirche leider wirklich widerfahren ist. Die Entführung im Auftrag des Papstes folgte ja nach einer zwingenden Logik der damaligen Zeit. Denn Edgardo Mortara wurde als Baby von seinem christlichen Kindermädchen getauft. Und wer getauft war, musste nun einmal nach damaligen Kirchenstaatsrecht als Christ aufwachsen. Mehr als die Motivation des Papstes, ihn entführen zu lassen, interessiert mich die Frage, warum Mortara als Heranwachsender und auch als Erwachsener nie gegen seine christliche Umerziehung rebelliert hat. Er ist auch nicht zu seiner Familie zurückgekehrt. Dem nicht genug, nahm er später, als er zum Priester geweiht wurde, sogar den Namen Pius an. So hieß der Papst, der ihn hatte entführen lassen!"
Weitere Artikel: Der Tages-Anzeiger hat David Steinitz' SZ-Gespräch mit RidleyScott über dessen neuen Film "Napoleon" (unsere Kritik) online nachgereicht. Besprochen werden KenLoachs "The Old Oak" (Welt, hier dazu mehr), die Netflix-Dokuserie "High on the Hog" über die Geschichte der afro-amerikanischen Küche (taz) und die fünfte Staffel der Serie "Fargo" (FAZ).
Fritz Göttler porträtiert in der SZ die Schauspielerin Vanessa Kirby. Besprochen werden MilenaAboyans "Elaha" (Tsp), Emerald Fennells "Saltburn" (FAZ), ChrisBucks und FawnVeerasunthorns Disney-Animationsfilm "Wish" (taz), die fünfte Staffel von "Fargo" (Zeit) sowie die letzte Staffel von "The Crown" (NZZ).
Zeigt Solidarität: Ken Loachs "The Old Oak" Mit "The Old Oak" verabschiedet sich der 87-jährige KenLoach vom Filmemachen: Es geht um syrischeFlüchtlinge, die 2016 in einem Pub in einem abgehängten, englischen Bergarbeiterstädtchen unterkommen - und dabei Solidarität, aber auch Anfeindungen erfahren. "Loach gelingt es dabei, die verzwickte, komplexe Beschaffenheit des Durcheinanders von Motiven, das hier Feuer fängt, differenzierter darzustellen, als man von einem Künstler erwartet hätte, der mobilisieren will", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Er malt nicht einfach ein Bild von den selbstlosen Helfern, die sich gegen die fremdenfeindlichen Nachbarn durchsetzen müssen. Er zeigt vielmehr die Ursachen der Vorbehalte und Kurzschlüsse, lässt etwa kurz die Immobilienkrise aufblitzen, wenn ein Mann erfährt, dass die Häuser in seiner Straße zu Spottpreisen von zyprischen Investoren gekauft wurden. Vor allem aber nimmt der Film Arbeiterfamilien ernst, die ihren Kindern kaum Essen auf den Tisch bringen können." Der Film passt gut "in Zeiten der Polarisierung", hält Klaudia Lagozinski in der taz fest: "Loach erzählt im Kleinen, macht aus Nummern und Statistiken Gesichter und bleibt beim Erzählen unaufdringlich. Er rückt nur die Worte und Gesichter in den Fokus - auch visuell. Denn die Misere steht den Personen ins Gesicht geschrieben."
Valerie Dirk vom Standard hat sich mit Loach und seinem Drehbuchautoren PaulLavertygetroffen. Beim Film selbst bleibt sie skeptisch: "Ganz geht die Geschichte nicht auf. Sie krankt an der Tatsache, dass das sozialrealistische Kino immer ein wenig betulich wirkt, sobald es von Hoffnung erzählt. Das utopische Schlussbild der geeinten Gemeinde von 'The Old Oak' wirkt denn auch wie dasjenige des Neorealisten Vittorio de Sica in 'Miracolo a Milano', in dem die Ärmsten der Armen in den Himmel aufsteigen: wie eine falscheErlösung."
Martin Moskowicz räumt nach zehn Jahren seinen Posten als Vorstandsvorsitzender der ConstantinFilm, sein bisheriger Stellvertreter OliverBerben rückt auf, meldet Michael Hanfeld in der FAZ. Außerdem führt Hanfeld ein Bilanzgespräch mit Moskowicz, in dem dieser lange die eigene Firma, deren Produktionen und Bernd Eichinger lobt, aber für die Zukunft des Filmemachens auch viel von KI erwartet. Und es geht um die verhaltenenReaktionen der Filmbranche auf den 7. Oktober: "Es hat wenig Empathie gegeben. Es hat Wochen gedauert, dass es einen offenen Brief gab, mit jetzt rund 1000 Unterschriften drauf, viele davon stammen von der Constantin Film. Das ist ein Armutszeugnisfür die deutsche Kultur. Die Filmakademie hat circa 2200 Mitglieder. Wo sind die? Mich persönlich hat das umgehauen. Ich weiß, wie schwierig es sein kann, in politischen Konflikten öffentlich Position zu beziehen. Aber hier geht es um etwas anderes - um Antisemitismus in Deutschland. Ich bekomme schon lange Beschimpfungen und Hass-Post. Ich kann damit umgehen und ich habe keine Angst. Aber womit ich schwer umgehen kann, ist, dass Kollegen und Kolleginnen, von denen ich der Überzeugung war, dass sie einen funktionierendenmoralischenKompass haben, sich nicht positionieren und relativieren. Ich fand die gesamte Reaktion unterirdisch."
Besprochen werden RidleyScotts "Napoleon" (Zeit, unsere Kritik hier), OtaTatsunaris "There is a Stone" (Tsp), TakashiMiikes für Netflix produzierte Anime-Serie "Onimusha" (FAZ), die Serie "Eine Billion Dollar" nach dem gleichnamigen Roman von AndreasEschbach (FAZ, FR, Welt) und HayaoMiyazakis "The Boy and the Heron" (NZZ).
Gleißende Lichtfunken: Anna Hints "Smoke Sauna Sisterhood" Perlentaucherin Katrin Doerksen setzt sich gerne zu den Frauen, die in AnnaHints Dokumentarfilm "Smoke Sauna Sisterhood" in Estland die Rauchsauna aufsuchen. Die Rauchsauna, erfahren wir, zählt zum immateriellen Kulturerbe der Esten und Finnen, und der Film nimmt sich die Freiheit, die Frauen und deren Gespräche im Laufe eines Jahres einfach zu beobachten. So wird die Sauna zu einem "Ort, der wunderschöne sinnlicheFilmbilder hervorbringt. Durch die lange Belichtungszeit in dem dunklen Raum muten die Wassertropfen, mit denen die Frauen sich Kühlung verschaffen, wie in die Länge gezogene, gleißendeLichtfunken an. Durch ein einziges Fenster nur punktuell von Tageslicht betupfte Körper schälen sich aus der Dunkelheit heraus, Tropfen auf der Haut, eingehüllt von waberndem Rauch, der irgendwann den Raum ausfüllt, bis man meint, Gesichter zu erkennen." Doch was die Frauen "einander mit entwaffnender Offenheit erzählen, lässt hingegen die harscheRealität hinein. Sie sprechen über Krebserkrankungen und lachen im nächsten Moment gemeinsam über die Dickpics, die sie auf Tinder bekommen. Sie reflektieren den Mangel an offen gezeigter Zuneigung in ihren Familien und erinnern sich an ihr Coming-Out, sprechen über gesellschaftliche Erwartungen, über Perioden, Schwangerschaften, Vergewaltigungen." Es ergibt sich "ein Spektrum weiblicher Erfahrungswelten".
Wurstige Grandezza: Joaquin Phoenix in "Napoleon" Ridley Scotts "Napoleon"-Blockbuster hat zwar "schon auch ein bisschen Leerlauf", muss auch Perlentaucher Lukas Foerster einräumen. So vergrätzt wie seine Kollegen aus dem Print-Feuilleton (unser Resümee) hat er das Kino aber nicht verlassen: Der Film ist "mit Haut und Haaren Spektakelkino. Die geopolitischen Verwerfungen, denen Napoleon seinen Aufstieg verdankt und die er selbst bald entscheidend mitprägt, interessieren den Regisseur nicht die Bohne." Stattdessen geht es um den Exzess des Körpers: "Da wäre zum Beispiel die Szene, in der die von Joaquim Phoenix mit wurstigerGrandezza verkörperte Hauptfigur, vorläufig noch lediglich ein Leutnant der französischen Armee, nach einer Schlacht in der blutigen Wunde herumpult, die eine Kanonenkugel im Torso seines Pferdes geschlagen hat. Oder die Szene, in der Napoleon während der Ägyptischen Expedition einen Sarkophag öffnet und sich an den darin konservierten antiken Gebeinen zu schaffen macht." Scott zeichnet den Feldherrn als "ewigenAdoleszenten, der sich einer nicht gerade allzu verfeinerten Liebestechnik befleißigt. Phoenix' GrunzenwährendderBeischlafsankündigung ist zweifellos ein Höhepunkt des Films; weckt aber auch Sehnsucht nach jener völlig enthemmten Napoleon-Sauerei, die Scotts die Grenzen des guten Geschmacks nie allzu weit hinter sich lassender Historienblockbuster dann doch nicht sein darf." Weitere Kritiken im Tages-Anzeiger, in der FR, im Filmdienst, im Standard und auf Artechock, dessen Team gleich drei Kritiken auf einen Satz veröffentlicht.
Außerdem: Petra Ahne berichtet in der FAZ von der Verleihung des Michael-Althen-Preises an SamiraElQuassil für ihren auf Übermedienveröffentlichen Essay über GretaGerwigs "Barbie". Fabian Tietke empfiehlt in der taz das Berliner ExperimentalfilmfestivalFracto, das sich in diesem Jahr besonders der Filmemacherin MilenaGierke widmet.
Besprochen werden KenLoachs "The Old Oak" (FR, Artechock, critic.de), Milena Aboyans "Elaha" (taz, Freitag), Tatsunari Ôtas "There is a Stone" (Artechock, critic.de), Livia Theuers Dokumentarfilm "Wir sind das Kino" (taz, mehr dazu hier), RémiDurins und ArnaudDemuyncks Animationsfilm "Yuku und die Blume des Himalaya" (Standard), XavierGens' "Farang" (Artechock) und OliverParkers "In voller Blüte", mit dem sich MichaelCaine von der Leinwand verabschiedet (Tsp, Artechock). Hier außerdem der Überblick beim Filmdienst über die Kinostarts der Woche.
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