Kindlicher Blick auf die Welt: "Der Junge und der Reiher" Nächste Woche startet HayaoMiyazakis "Der Junge und der Reiher", mit dem der 82-jährige Animationsfilmmeister sein Comeback aus dem Ruhestand hinlegt - sehr zur Begeisterung von Filmdienst-Kritiker Michael Kienzl: Der Film handelt von einem Jungen, der aus dem ausgebombten Tokio in die Provinz kommt, und ist damit "an der Schwelle zwischen einem hartnäckigenTrauma und einer ungewissen Zukunft angesiedelt, die zugleich Herausforderung und Chance ist". Miyazaki "erforscht die Umgebung mit einem sinnlichenRealismus, der gekonnt zwischen Lebensnähe und Stilisierung balanciert. Die Animationen sind handgezeichnet und wurden für einen besseren räumlichen Eindruck mit 3D-Computergrafiken erweitert. Besonders werden sie durch ihre Unvollkommenheit. Die Gräser und Büsche, die in saftigem Grün sprießen, sind nicht bis ins kleinste Detail durchgezeichnet, sondern bleiben impressionistischverwischt. ... Die Ästhetik des Films ist häufig von einem kindlich staunenden Blick geprägt, der das, was er sieht, nie ganz greifen kann. Das traditionelle japanische Holzhaus wirkt mit seinen langen Gängen und knarzenden Dielen geradezu gespenstisch. Die Neugier und Behutsamkeit, mit der Mahito den Schauplatz erforscht, findet ihre Entsprechung im schönen Soundtrack von JoeHisaishi. Zart, fließend und melancholisch tastet der sich mit einfachen Klaviermelodien vor."
Dazu passend erzählt Tim Kanning in der FAZ von seinem Besuch bei Miyazakis Studio Ghibli in Tokio. Dort ist man zwar stolz auf den riesigen Erfolg von "Der Junge und der Reiher" in Japan und in den USA. In eine ungewisseZukunft blickt man dennoch, wie Produzent Toshio Suzuki einräumt: "'Das Studio, wie es war, hat sich komplett um Hayao Miyazakis kreativen Geist gedreht - ob das nun gut ist oder schlecht. Um es davon zu befreien, bräuchten wir hier eine neue talentierte junge Person, die eine ähnliche kreative Kraft entfalten kann', sagt Suzuki. ... Derzeit sehe er ein solches Talent nicht, sagt Suzuki, weder im Studio Ghibli noch irgendwo sonst in Japan. Ein Grund dafür sei natürlich, dass die Zeichner, die zu Ghibli kamen, in Miyazaki immer das große Genie gesehen hätten. 'Wenn sie eigene Ideen in die Arbeit einbringen wollten, mussten sie immer sehr dafür kämpfen.' Härter drückt diese Übermacht Miyazakis dessen Sohn Goro aus, der ebenfalls an diesem Tag für ein Gespräch in das Studio gekommen ist. 'Junge Talente hat er immer als Rivalen gesehen und schnell vergrault'."
Außerdem: Es ist kompliziert, sagt Maria Wollburg auf ZeitOnline zum Vorwurf, die Gen-Z (zu der auch Wollburg gehört) sei prüde, was Sexszenen betrifft. Bert Rebhandl empfiehlt im Standard die Retrospektive CarlosSauraim Filmarchiv Wien. Dunja Bialas resümiert für Artechock die Tops und Flops des Kinojahres2023. Marius Nobach blickt für den Filmdienst auf die Todesfälle aus dem Filmbetrieb im Jahr 2023 zurück.
Besprochen werden Andrew Legges Low-Budget-SF-Film "L.O.L.A." (FD, Artechock, critic.de, Tsp, Welt, mehr dazu hier), Sofia Coppolas nächste Woche startendes Biopic "Priscilla" über Priscilla Presley (FD, NZZ), Karen O'Connors, Miri Navaskys und Maeve O'Boyles Doku "JoanBaez - I Am Noise" (FD, Artechock, critic.de, SZvia TA, unsere Kritik), OlivierNakaches und ÉricToledanos "Black Friday for Future" (Artechock, FD), Sébastien Tulards "Sterne zum Dessert" (FD, Artechock), FrantGwos "Die wandernde Erde 2" (Artechock), ZackSnydersNetflix-SF-Epos "Rebel Moon, Teil 1" (FR, Standard, unsere Kritik), die ARD-Dokuserie "Being MichaelSchumacher" (TA) sowie ein Spielfilm und eine Doku über den Milli-Vanilli-Skandal (NZZ).
Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war: "L.O.L.A." AndrewLegges britischer, "durchweg faszinierender" Low-Budget-Science-Fiction-Film "L.O.L.A." ist eine echte Entdeckung, schwärmtFR-Kritiker Daniel Kothenschulte: Mit seiner Geschichte über zwei junge Frauen, die sich im Jahr 1941 mittels eines Zeit-Teleskops Filme und Musik aus den Sechzigern und Siebzigern reinziehen, gelingt dem Regisseur "ein ebenso mitreißendes wie zusehends düsteresPastiche. Dabei bewegt sich der Film auf kürzestem Weg von Wells zu Orwell in einer denkbar grimmigen Vision einer alternativen Vergangenheit. ... Jedenfalls dauert es nicht lange, bis man das Trampeln deutscher Knobelbecher zu englischsprachigen Nazi-Liedern durch ihr Zutun auf Londons Straßen hört. David Bowie ist plötzlich aus der Zukunft ausradiert, während hartkantiger Technobeats faschistische Propaganda transportieren. ... Beatles-Fans werden sich auch des ominösen Found-Footage-Films 'All this and World War Two' von Susan Winslow erinnern, in dem 1976 Lennon/McCartney-Songs einen Zusammenschnitt von Weltkriegs-Wochenschauen untermalten. Genau diese anachronistische Faszination kehrt hier zurück, makabreUntertöne inklusive." SZ-Kritikerin Sofia Glasl findet den Film ganz im Gegensatz etwa zu Christopher Nolans Kino-Gedankenexperimente zu Zeit und Raum "angenehmverspielt" und hat viel Freude an der "Haptik all der Apparate und Medien", die dieser selbst im Found-Footage-Stil auf 16mm anmutender Film präsentiert.
Was es bedeuten könnte, zu sterben: "Die unendliche Erinnerung" In "Die unendliche Erinnerung" beobachtet die chilenische Filmemacherin MaiteAlberdi die letzten gemeinsamen Jahre des Ehepaars Paulina Urrutia und Augusto Góngora. Letzterer war Teil der chilenischen Opposition gegen Pinochet und litt vor seinem Tod an Alzheimer. Perlentaucher Patrick Holzapfel erfährt dabei eine Ahnung, "was es bedeuten könnte, zu sterben". Der Film "ist - mit Ausnahme der zuckerigen Musik - ein angenehm zurückhaltendes Dokument des tragischen aber doch erfolgreichen Kampfes einer Liebe gegen das Vergessen." Die Kamera "hält die richtige Distanz, zeigt was nötig ist, aber nichts darüber hinaus. ... Die Erinnerung, heißt es im Film einmal, wäre die Identität. Paradoxerweise beweist der Film, dass ebendiese Identität auch und vielleicht vordergründig im Vergessen zu finden ist. So tauchen die verdrängten, unverdauten Bilder als Wahnvorstellungen wieder auf, wenn Augusto mit unsichtbaren Menschen streitet. Das Sich-Wieder-VerliebenimplötzlichenErkennen hängt mehr am vorherigen Vergessen als an der Gewohnheit des Zusammenlebens. Die Liebe richtet sich bedingungslos auch auf den Menschen, der nicht mehr das ist, was er war." Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz bezeugt "stille Bilder von behutsamer Schönheit. ... Welche Bedeutung der Film für Chile hat, zeigt sich schon daran, dass 'La memoria infinita' in der Startwoche "Barbie" von der Spitze der Charts verdrängte. 50 Jahre ist es jetzt her, dass Pinochet sich an die Macht putschte. Das Drama von Augusto und Paulina ist auch das Drama ihres Landes."
Außerdem: Frankreich diskutiert über die Haltung zu den jüngsten Vergewaltigungsvorwürfen gegen GérardDepardieu, berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel. Und das Filmkritik-Team der SZ kürt seine "MagicMoments" 2023. Besprochen werden Susanna Fanzuns Dokumentarfilm "Die Giacomettis" (Perlentaucher), die beiden Horrorfilme "The Queen Mary" von GaryShore und "Baghead" von AlbertoCorredor (FAZ), eine Berliner Ausstellung über Filmplakate (taz), ChristosNikous auf Apple gezeigte Liebeskomödie "Fingernails" (FAZ) und SofiaCoppolas Biopic "Priscilla" ("ein merkwürdig laues, zahnloses Drama", findet Gunda Bartels im Tsp). Außerdem informiert uns die SZhier, welche Filme sich in dieser Woche wirklich lohnen und welche nicht, und dort verschafft der Filmdienst einen Überblick über alle Filmstarts.
Habemus neues Franchise: "Barbie" knackt alle Rekorde 2023 könnte als das Jahr in die Filmgeschichte eingehen, das das EndederSuperhelden-Hegemonie im Mainstreamkino einläutete, schreibt David Steinitz in der SZ: Jedenfalls erwiesen sich einschlägige Produktionen an den Kinokassen zuletzt meist als Senkblei - anders als "Barbie" (unsere Kritik): "Kulturpessimistisch betrachtet löst auf den ersten Blick also einfach ein Großkonzern den anderen ab: von Marvel zu Mattel. Andererseits hat 'Barbie' durchaus das Potenzial, der Filmbranche nicht nur eine neue Franchise-Welle zu bescheren, sondern tatsächlich andere Filme. Denn trotz aller Beteuerungen war Hollywood auch in den letzten Jahren vor allem ein Ort, an dem Männer Filme für Männer gemacht haben." Doch "dass ein Film, in den mehr Frauen gehen als Männer, es an die Spitze der Jahrescharts schafft, und zwar weltweit, könnte in Hollywood vielleicht doch mal das Bewusstsein verstärken, dass es eine relativ große Zuschauerschaft jenseits von 15-jährigen Superhelden-Nerds gibt."
Degeto was not here: "Deutsches Haus" Georg Seeßlen kann sich in der Jungle World Matthias Dells Kritik an der Disney-Serie "Deutsches Haus" über den erstenAuschwitzprozess nicht anschließen, greift aber dessen Fazit (unser Resümee) als Angebot zu Diskussion auf. Eine Diskurswirkung wie einst bei "Holocaust" oder "Schindler Liste" mag sich hier zwar nicht einstellen, "vielleicht sogar paradoxerweise deswegen, weil die Serie nach den Möglichkeiten des Formats zu gut ist. ... Degeto was not here, glücklicherweise - nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn eine oder mehrere Redaktionen der ARD ins Konzept hineingeredet hätten. So konnte 'Deutsches Haus' als Glücksfall entstehen, eine Art Autorenserie, die das Format der dekonstruktiven Serie für eine Erinnerungsarbeit nutzt, die genau zur rechten Zeit erscheint - wenn sie denn ein Publikum erreichen würde, das noch empfänglich für ein Um- und Neudenken wäre. Dann erst würde es sich wohl lohnen, die Debatte über die Darstellung des Nichtdarstellbaren wieder aufzunehmen."
Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit Regisseur J. A. Bayona über dessen "Die Schneegesellschaft", über den bereits zuvor verfilmten Flugzeugabsturz 1972 in den Anden, dessen Überlebende sich nur mit Kannibalismus retten konnten. Außerdem küren die SZ-Kritiker ihre Lieblingsserien 2023.
Besprochen werden Emerald Fennells "Saltburn" (Tsp, mehr dazu bereits hier), die von ARDonline gestellte Serie "Davos 1917" (Welt), Andrew Legges "Lola" (SZ) und NicolasPhiliberts Berlinalegewinner "Auf der Adamant", der in Deutschland bereits im September startete (Standard, unsere Kritik).
Puppenartig: Emma Stone in "Poor Things" Valerie Dirk resümiert im Standard das Kinojahr 2023 mit Blick auf die kommende Oscarverleihung. "Es war das Jahr der Puppen", schreibt sie unter dem Eindruck von Publikumserfolgen wie "Barbie", "Super Mario Bros" und den Horrorfilm "M3gan". Aber auch im Oscarfavoriten "Poor Things" (der in Deutschland im Januar startet) von Yorgos Lanthimos "geht es um ein puppenartigesFrankenstein-Wesen. Emma Stone spielt Bella, ein Kind im Frauenkörper, das sehr langsam sprechen und laufen lernt und sehr schnell seine Sexualität entdeckt. Bellas Libido ist der Antrieb für ihre emanzipatorischen Ausflüge in Lanthimos' steampunkig-bunte Filmwelt."
Außerdem: Gregor Dotzauer (Tsp), Andreas Kilb (FAZ) und Willi Winkler (SZ) gratulieren der Schauspielerin HannaSchygulla zum 80. Geburtstag. Die Agenturen melden, dass IngridSteeger im Alter von 76 Jahren gestorben ist. Besprochen werden SofiaCoppolas Biopic "Priscilla" (taz), Zack Snyders "Rebel Moon" (Welt, mehr dazu hier) und JamesWans "Aquaman and the Lost Kingdom" (FR).
Ziemlich wildes Ding: Emerald Fennells "Saltburn" Emerald Fennells zweiter Film (nach dem oscarprämierten MeToo-Film "Promising Young Woman") "Saltburn" ist den Kritiken nach zu urteilen ein ziemlich wildes Ding. Ein junger Student nistet sich hier in höheren Kreisen ein, die ihm der Reihe nach verfallen - doch das Salz steuert eher die originell ins Bild gesetzte Kreatürlichkeit der Suppe bei, schreibt Marie Luise Goldmann in der Welt: Gemeinsam nach dem Sex Menstruationsblut schlürfen, ist da fast noch herkömmlich, "doch wenn er nackt auf dem Grab eines Verstorbenen liegt, erst herzerschütternd weint und dann die aufgeschüttete Erde penetriert, oder wenn er gierig die letzten Tropfen in der Badewanne ausschlürft, in die sein Schwarm zuvor ejakuliert hat, dann muss man diesen Einfällen schon eine gewisse Originalität zugestehen. ... Charles Dickens und Patricia Highsmith zitierend, wird die opulente Klassensatire, die zwar mit überraschenden Twists und einem pompösen Finale aufwartet, ihren Vorbildern kaum gerecht. ... Am Ende bleibt der Eindruck, einen ungelenken Erstlingsversuch eines Filmstudenten gesehen zu haben, der zufällig die begabtesten Schauspieler seiner Zeit kennt und es trotzdem nicht geschafft hat, etwas anderes aus ihnen herauszuholen als gelangweiltes Seufzen und erotisches Stöhnen." SZ-Kritiker Tobias Kniebe spürt in diesem Film "ein abgründiges,zynischesWissen das man so wohl nur auf Englands teuerster Privatschule sammeln kann, wenn man wirklich öfter mal bei Old Money zu Gast war".
Nach zuletzt immer mehr Vergewaltigungsvorwürfen wirkt GérardDepardieu mittlerweile auch in seiner französischen Heimat, wo man ihm über die Jahre noch jeden kleinen und großen Skandal geduldig nachgesehen hat, angeschlagen: "Frankreich hat zu lange weggesehen, die Filmkritik in Chronistenpflicht die Vorwürfe brav notiert", kommentiert Andreas Busche im Tagesspiegel, und dieses alles "ohne daraus Konsequenzen zu ziehen. Und damit ein 'Monster' gezüchtet, das am Ende außer Kontrolle geriet." Jan Küveler findet es in der Welt hingegen gut, dass sich Macron in der Kontroverse um Depardieu auf die Seite des Schauspielers gestellt hat. "Das Machtwort war fällig. Es gibt wenig hinzuzufügen. Selbstverständlich muss, wie es einem Rechtsstaat gebührt, das Ergebnis der Ermittlungen abgewartet werden. Dann kommt es eventuell zu einem Prozess. Vorverurteilungen sind schmählich und weder der Grande Nation noch eines anderen westlichen Landes würdig."
Weiteres: Valerie Dirk spricht für den Standard mit Alice Rohrwacher über deren neuen Film "La Chimera". Josef Schnelle berichtet auf Artechock vom "Black Night Filmfestival" in Tallinn. Im Tagesanzeiger-Gespräch befürchtet die Schauspielerin Ella Rump ein Ende des Serienbooms in absehbarer Zeit. Rüdiger Suchsland verteidigt sich auf Artechock gegen seine Kritiker, denen wieder seine Kritik an der neuen Berlinale-Leiterin (unser Resümee) nicht passt. Das critic-Team blickt auf die schönsten Kinomomente des Jahres zurück: "Das Kino, das ist der Wind in Til Schweigers Haar", schwärmt etwa Lukas Foerster.
Besprochen werden WimWenders' "Perfect Days" (Artechock, online nachgereicht von der FAS, mehr dazu bereits hier), die Wiederaufführung von MorrisEngels, RuthOrkins und RayAshleys "Little Fugitive" aus dem Jahr 1953 (Artechock), Sean Durkins "The Iron Claw" (Artechock), J.A. Bayonas "Die Schneegesellschaft" (Artechock), die Weihnachtskomödie "Monsieur Blake zu Diensten" mit JohnMalkovich (Standard) und James Wans "Aquaman and the Lost Kingdom" (Standard).
Kinematografische Comic-Art: "Rebel Moon" Zack Snyders Science-Fiction-Blockbuster "Rebel Moon" war seitens des Regisseurs mal als Teil des Star-Wars-Erzähluniversums angelegt, ging dann aber doch eigene Wege - zum Glück, findet Lukas Foerster im Perlentaucher, denn der Regisseur "kostet in seinem neuen Werk die Freiheit, ohne Rücksicht auf vorgängige intellectual properties eine neue Welt kreieren zu können, aus vollen Zügen aus." Pubertär bleibt die Schau zwar dennoch. "Einerseits. Andererseits: wenn schon pubertäre Kinderzimmerfantasien, dann bitte so. Denn dass Snyders Kino eines ist, das nicht erwachsen werden will, heißt vor allem, dass es sich nicht mit dem 'vernünftigen' Normalmaß abspeisen lassen möchte, auf das das 'erwachsene' Kino seine Bilder zurechtschneidet. Die Bilder sollen immer größer werden, immerverführerischer glänzen. ... Wie schon in der je nach Perspektive poly- oder kakophonen Zombie-Schlachtplatte 'Army of the Dead' arbeitet Snyder in 'Rebel Moon' viel mit hohen Brennweiten und entsprechenden Unschärfeexzessen - eine Technik, die er inzwischen geschmeidiger zu handhaben versteht und immer wieder mit irrlichternd-psychedelischer Farbgebung kombiniert. Der Effekt ist, for better or worse, kinematografische Comic-Art, direkt ins Lustzentrum geknalltePanel-Ikonografie statt sauber durchkonstruierter Illusionsräume."
Weitere Artikel: Valerie Dirk spricht für den Standard mit Wim Wenders über dessen neuen, in Welt undFR besprochenen Film "Perfect Days" (mehr dazu bereits hier). Die Filmkritiker vom Filmdienstküren ihre Lieblingsfilme 2023.
Besprochen werden die Wiederaufführung von Morris Engels, Ruth Orkins und Ray Ashleys "Little Fugitive" aus dem Jahr 1953, der als maßgeblicher Einfluss der französischen Nouvelle Vague gilt (FR), die auf DVD veröffentlichten Komödien von PiaFrankenberg aus den Achtzigern (taz), Sean Durkins Wrestlerdrama "The Iron Claw" (Tsp), GiovanniPellegrinis Dokumentarfilm "Lagunaria" über Venedig (taz), die zweite Staffel von "Reacher" nach dem Roman "Bad Luck and Trouble" von Lee Child (TA), die Netflix-Serie "Code des Verbrechens" (Presse), Elisa ScheidtsMDR-Doku "Tripperburgen" (FAZ) und die SRF-Serie "Davos 1917" (FAZ). Außerdem hier alle Filmstarts der Woche beim Filmdienst.
Einfach viel zu schöne öffentliche Toiletten: "Perfect Days" von Wim Wenders Mit seinem in Japan gedrehten Drama "Perfect Days" um den duldsam-stoischen Kloreiniger Hirayama ist WimWenders bereits in Cannes gefeiert worden, zum regulären Kinostart legen die Filmkritiker noch einmal nach - und dann schickt Japan den Film auch noch ins Rennen für den Auslandsoscar. Zu Recht, denn es ist wohl sein "schönster Spielfilm seit Langem", freut sich Thomas Abeltshauser im Freitag. Dieser "Hirayama ist in seinem Leben gut aufgehoben, und auch in Wenders' Bildern, die, in der klassischen 'Academy Ratio' im Verhältnis 1.33:1 weniger Platz an den Rändern lassen, als man das heute gewohnt ist, und deshalb auch weniger Raum für Störsignale", beobachtet Lukas Foerster im Filmdienst. Um Sozialrealismus geht es dem deutschen Auteur dabei gerade nicht, der Film ist "eine reine Kinofantasie, die Fantasie eines Lebens, das sich in der Form, die es sich selbst gibt, genug ist. Man mag an Wenders' Begeisterung für die an der Oberfläche ähnlich seelenruhigen Filme von YasujiroOzu denken, oder auch an das ähnlich stilbewusste und popkulturgetränkte Werk von Jim Jarmusch. Aber letztlich singt Wenders seine eigene Melodie."
"Mit den schlichten Gesten und der reduzierten Handlung, in der sich die Dinge meistens am Rand ereignen, erzählt Wenders nebenbei ziemlich viel", hält Tim Caspar Boehme in der taz fest. "Sein Hauptdarsteller Kōji Yakusho trägt dieses Geschehen mit einer zurückgenommenen Selbstverständlichkeit, als habe er sein Leben lang nichts anderes getan." Man frage sich gar, ob Wenders wohl "ein Plädoyer für die Würde der Arbeit vorschwebte. Für derlei Interpretationen ist 'Perfect Days' jedoch denkbar ungeeignet. Dafür sind die Orte, an denen Hirayama im Einsatz ist, einfach zu schön. Und zu gepflegt. Umgekehrt könnte man in dieser Hinwendung zu etwas, das man sonst als gegeben voraussetzt, ein Plädoyer für die Würde des Klos erkennen." Hirayamas "Aufgehen in der Gegenwart und in ordnungsschaffenden Gewohnheiten ist Zen-Buddhismus nach Art von Wim Wenders", meint Robert Wagner im Perlentaucher. "Seinen Ort hat er vor allem anderen in den Freuden an kleinen Dingen. Im Sonnenlicht, das durch die Baumkronen flackert. Vor allem aber in der Erfüllung, die es bereitet, Klos zu putzen. Warum er so gründlich sei, es wird eh wieder dreckig, fragt ihn ein Kollege einmal. Aber gerade an diesem Punkt, wenn er der endlosen Entropie am unglamourösesten Ort der Welt unaufhörlich Einhalt gebietet, unterstreicht 'Perfect Days' ohne Nachdruck, dass wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen sollten - und ist dabei durchaus überzeugend." In der Zeit schreibt Katja Nicodemus über den Film.
Außerdem: In der Weltgratuliert Dennis Sand dem Berliner Underground-Regisseur JörgButtgereit zum 60. Geburtstag (eine Auswahl seiner tollen Hörspiele gibt es in der Audiothek der ARD). In der Zeit würdigt Peter Kümmel den Regisseur und Schauspieler Jan Georg Schütte anlässlich von dessen neuer ARD-Serie "Das Fest der Liebe".
Besprochen werden SeanDurkins Wrestlerdrama "The Iron Claw" (FD), Frant Gwos chinesischer SF-Blockbuster "Die wandernde Erde 2" (FAZ), SimonVerhoevens "Girl You Know It's True" über den Milli-Vanilli-Skandal (taz, Zeit Online, Standard), die Stephen-King-Adaption "Kinder des Zorns" (FR), Takashi Yamazakis "Godzilla Minus One" (SZ) und die SRF-Serie "Davos 1917" (NZZ, SZ).
Otar Iosseliani, 2013. Foto: Valerios Theofanidis unter CC-LizenzDer georgische Autorenfilmer OtarIosseliani ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Wegen politischer Repressalien war er in den Achtzigern nach Frankreich ausgewandert. Sein Debütfilm "'April' war Anfang der 1960er-Jahre wegen 'Formalismus' verboten worden", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Er arbeitete daraufhin eine Zeitlang als Matrose und als Metallarbeiter. Auch nach seiner Emigration machte er keinen Hehl aus seiner Überzeugung als bekennenderMonarchist. Seine Kinobilder hingegen kannten kein Klassenbewusstsein, sie hatten oft etwas Anarchisches. So feierten Iosselianis Werke mit einer fliegenden, schwebenden Kamera von William Lubtchansky nicht nur eine im Verschwinden begriffene Welt, sondern zugleich das einfache Leben. ... Immer wieder verteidigten seine poetischen, mit Wehmut grundierten Tragikomödien die Magie der kleinen Dinge gegen den Turbokapitalismus." Und sie zeichneten sich durch eine "epische Ironie" aus, ergänzt Andreas Kilb in der FAZ: Hier "ist das Leben keine Story. Es ist ein Panorama, ein Uhrwerk des Zufalls, ein historisch-mechanisches Figurenballett, in dem dieselben Charaktermasken immer wiederkehren. ... Dabei war dem Geschichtspessimisten Iosseliani nichts fremder als Larmoyanz. Statt vom Überdruss am Leben erzählt jeder seiner Filme von der Lust daran, in Afrika ('Und es ward Licht') wie in der französischen Provinz ('Jagd auf Schmetterlinge'). Sein Kino brauchte kaum Dialoge, es ließ die Dinge sprechen, dieBlicke, dieGesten."
Außerdem: Rochus Wolff beleuchtet im Filmdienst die Schwierigkeiten beim Auffinden von Kinderfilmen in Streamingportalen. Besprochen werden die zweite, auf LeeChilds Thriller "Bad Luck and Trouble" (unsere Kritik) basierende Staffel der Amazon-Serie "Reacher" (NZZ), ZackSnyders für Netflix gedrehtes Science-Fiction-Epos "Rebel Moon, Teil 1" (critic.de), die letzten Folgen der Netflix-Serie "The Crown" (FAZ) und Simon Verhoevens "Girl You Know It's True" über FrankFariansMilli-Vanilli-Skandal (FD, Tsp).
Heike Buchter wirft für die Zeit einen Blick auf die aktuelle Weihnachtsfilm-Produktion. Lara Ritter nutzt in der taz den Anlass von BradPitts (heute) und TilSchweigers (morgen) 60. Geburtstag, um auf den Wandel von männlichenSchönheitsidealen zu blicken.
Besprochen werden WilliamOldroyds gleichnamige Verfilmung von OttessaMoshfeghsRoman "Eileen" (Jungle World), Tobi Baumanns Komödie "791 KM" mit Iris Berben (Welt), die Schweizer Serie "Davos 1917" (TA) und die Netflix-Serie "Sanctuary" (SZ).
Der frühe Slapstickstar Mabel Normand Die Filmreihe "Leading Ladies" im Wiener Metrokino wirft ein Schlaglicht auf die oft übergangenen Komödiantinnen des Stummfilmkinos. "Von Beginn an waren viele Frauen im Kino Herrinnen ihrer selbst und ihrer eigenen Gags", schreibt dazu Valerie Dirk im Standard. Zu den Wiederentdeckungen der Reihe zählt MabelNormand: "Die US-Amerikanerin wurde 1911 als 'Vitagraph Betty' der komische Star des gleichnamigen Filmstudios. Ihre größten Erfolge fuhr sie in dem 1912 von ihr mitbegründeten Studio Keystone ein, wo sie mit Charlie Chaplin und Fatty Arbuckle zur Slapstick-Queen wurde und bis 1914 bei etwa zehn Filmen selbst Regie führte. Damit hat sich Normand allerdings nicht ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben. Vielmehr ist sie eine jener tragischen Figuren, die dem frühen Hollywood den Ruf des Sündenpfuhls eingebracht hat: Drogen, Exzesse und Mordprozesse inklusive. 'The Extra Girl' läutete 1923 schon das Ende ihrer Karriere ein. ... Teenager, Nachtgestalten, Verwechslungsrollen: Die Figuren, die die lustigen Filmdivas oft mit exaltierterKomik mimten, entziehen sich gesellschaftlichen Vorstellungen vom Frausein. Sie sind grenzüberschreitend und damit, obwohl an die hundert Jahre alt, ungebrochen modern und inspirierend." DieserYoutube-Kanal bringt zahlreiche Filme von und mit Normand, wenn auch zum großen Teil in wenig erfreulicher Qualität.
Außerdem: Jean-Martin Büttner wirft für den Tages-Anzeiger einen Blick auf die Streitereien um die Besetzung von DenzelWashington in einer geplanten Netflix-Serie über Hannibal: Dieser sei schwarz gewesen, behauptet der Streamingdienst, während die Tunesier darauf beharren, dass der Feldherr als Phönizier weiß gewesen sei. Die Welt (hier) und der Filmdienst (dort) küren die besten Serien des Jahres.
Besprochen werden TobiBaumanns "791 KM" mit IrisBerben (Standard), HenrikMartinDahlsbakkens Künstlerbiopic "Munch" (Standard), JanGeorgSchüttes und SebastianSchultz' im Ersten gezeigte Improserie "Das Fest der Liebe" (FAZ) und das Finale von "The Crown" (Presse).
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