Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2024 - Kunst

Weiteres: Silke Hohmann interviewt für monopol mit der Kuratorin Yasmil Raymond eines der Mitglieder der neuen Documenta-Findungskommission, zuvor war sie Leiterin der Frankfurter Städel-Schule. Jakob Thaller interviewt die Künstlerin Sophia Süßmilch, deren Ausstellung "Then I'll huff and I'll puff and I'll blow your house in" in der Kunsthalle Osnabrück die ortsansässige CDU-Gruppe verbieten wollte, weil sie sich unter anderem mit Kannibalismus beschäftigt (Standard).

Besprochen werden: Die Ausstellungen "Sense of Human" von Sarah Lucas in der Kunsthalle Mannheim (Monopol), "Ohne Offenlegung" von Sung Tieu im Museum für Gegenwartskunst Siegen (taz), "Out of Focus" im Kunstverein Friedberg (FAZ) und "Mapping the 60s" im Wiener Mumok (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2024 - Kunst

Bild: Ausstellungsansicht Ana Lupas - On This Side of the River Elbe. Foto: Peter Tijhuis

Alexandra Wach (FAZ) ist glücklich, dass das Stedelijk Museum in Amsterdam der rumänischen Installationskünstlerin Ana Lupas eine erste große Retrospektive widmet. Zu sehen sind vor allem Textilarbeiten wie Mäntel und Shirts aus mehr als fünf Jahrzehnten, mit denen Lupas sich den Repressionen des Überwachungsstaates zu widersetzen versuchte: "Das Thematisieren von Identität jenseits des Kollektivs oder von religiösen Vorstellungen war im kommunistischen Rumänien verboten. (...) Kurz vor dem Kollaps des Ceaușescu-Regimes im Dezember 1989 erklärte sie den textil sichtbaren Teil der Körperlichkeit wieder zum Spiegel der Befindlichkeiten im Land. Aus der Massenproduktion stammten diese Mäntel jedenfalls nicht. Die an orangenen Kleidergestellen hängenden Unikate aus gefärbten Stoffresten von Militäruniformen sind durch viele Hände gegangen. Sie wurden von Freund zu Freundin gereicht, versehen mit der Aufforderung, seinen Namen auf einem Etikett einzutragen und dieses im Inneren des Mantels anzubringen. So blieb das Kunstwerk als solches von außen nicht erkennbar."

Bild:  Jürgen Hohmuth. Aus der Serie Chic, Charmant, Dauerhaft, Berlin 1983-1985

In der Zeit gerät Alexander Cammann in den Kunstsammlungen Jena ins Schwärmen dank der Schau "Der große Schwof. Feste feiern im Osten", die 300 Bilder aus der DDR zeigt, aber alle Ostalgie unterläuft: "Sie feiert stattdessen das Subversive, das Eigenständige, das Individuelle, das Rebellische und Widerständige in der DDR, ob nun auf privaten Dorffesten, Künstlerfeten, Turn- und Sportfesten, Modenschauen oder beim Vorbeidefilieren vor der Parteiführung am 1. Mai. (…) So hängen Tina Baras zwischen 1985 und 1988 entstandene Bilder eines Punkkonzerts und eines Hochzeitsfests vor der Ausreise aus der DDR auf einem Berliner Hinterhof gegenüber von Gerhard Webers irrwitzigem 'Ballett der russischen Soldaten' im Volkshaus Grimma, wo 1984 zum 67. Jahrestag der Oktoberrevolution Sowjetsoldaten in Frauenröckchen tanzten."

Documenta-Findungskommission, zweiter Anlauf: Nachdem im Herbst vergangenen Jahres die gefundene Findungskommission zurückgetreten war (unsere Resümees), wurden gestern die Namen der neuen sechs Kunstexperten bekanntgegeben. In der SZ bangt Jörg Häntzschel, ob erneut offene Briefe gefunden werden, die die Mitglieder unterschrieben haben könnten. "Auf den ersten Blick aber scheint es sich um eine Gruppe respektabler Kuratorinnen und Kuratoren zu handeln, deren Zusammenstellung angesichts des öffentlichen Drucks, unter dem die Documenta steht, natürlich präzise kalibriert ist. Die Mitglieder sind: Yilmaz Dziewior, der Direktor des Museums Ludwig; Sergio Edelsztein, ein in Buenos Aires geborener, in Berlin und Tel Aviv lebender Kurator, der dort das Tel Aviver Center for Contemporary Art gegründet und auch geleitet hat; die Kuratorin und Kulturpolitikexpertin N'Goné Fall, die aus Dakar stammt und in unterschiedlichsten Funktionen in Frankreich, Ägypten, Südafrika und Niger gearbeitet hat; die in Thailand geborene, in Südostasien tätige Kuratorin Gridthiya Gaweewong; Mami Kataoka, die Direktorin des Mori Art Museum in Tokio; und Yasmil Raymond, die bis zu ihrem vorzeitigen Ausscheiden nach vier Jahren im März Direktorin der Ausstellungshalle Portikus und Rektorin der Städelschule in Frankfurt war."

In der FAZ begrüßt auch Stefan Trinks die Auswahl: "In der designierten Findungskommission finden sich somit große Expertise im Feld dessen, was im Kuratieren kultureller Großveranstaltungen in Deutschland möglich ist und was nicht, wie auch ein sehr weiter Blick auf unterschiedlichste Positionen der zeitgenössischen Kunst weltweit ohne politisch-postkoloniale Einengungen." Im Tagesspiegel schreibt Nicola Kuhn, in der Berliner Zeitung Ulrich Seidler, in der Welt Marcus Woeller.

Weiteres: Im Tagesspiegel stellt Adrian Lobe die Plattform Cara vor, die insbesondere Künstler davor schützt, dass Nutzerdaten, wie etwa bei Meta, für das Training der hauseigenen KI genutzt werden. In der FAZ berichtet Ulf von Rauchhaupt vom Fund einer über 51.200 Jahre alten Höhlenmalerei auf der indonesischen Insel Sulawesi: Sie ist damit die früheste bekannte figürliche Kunst. In der taz spricht Sophie Jung mit dem Künstler Massimo Furlan, der im Rahmen der Ausstellung "Radical Playgrounds" im Gropius Bau nochmal das legendäre 1:0 der DDR gegen die BRD während der Fußballweltmeisterschaft 1974 aufleben lässt. Im Linzer Mariendom wurde Anfang der Woche einer Skulptur der Künstlerin Esther Strauß, die eine gebärende Maria zeigt, der Kopf abgesägt. Im Standard-Gespräch erkennt die Künstlerin darin den "Ausdruck einer hohen patriarchalen Gewaltbereitschaft, von der wir ja wissen, dass es sie gibt. Dafür spricht auch die hohe Femizidrate in Österreich."

Besprochen wird die Ausstellung "Now You See Us. Women Artists in Britain 1520-1920" in der Londoner Tate Britain (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2024 - Kunst

William Blake: Amerika, eine Prophezeiung © The Fitzwilliam Museum, University of Cambridge

Wolfgang Krischke besucht für die FAZ die William-Blake-Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen (siehe auch hier). Er begegnet dort einem Künstler, dessen Werk zu Lebzeiten kaum angemessen gewürdigt wurde und nach wie vor zu selten ausgestellt wird. Blakes Bilder "sind bevölkert von Kriegern und Engeln, Ungeheuern, Fabeltieren und heldenhaften Recken, denen Blake Namen wie Orc, Los oder Bromion gab. In der Lichtgestalt Enitharmon hat er seiner Frau Catherine ein Denkmal gesetzt, die ihn beim Drucken und Kolorieren seiner Bilder intensiv unterstützte. (…) Die Bilderfolgen wirken streckenweise wie überaus anspruchsvoll gestaltete Storyboards zu Fantasyfilmen; tatsächlich liegen ihnen oft Visionen zugrunde, die Blake seit Kindertagen immer wieder überkamen. Doch was wie eine Flucht aus den Bedrückungen des Alltags in das Reich der Imagination wirken mag, war von Blake ganz anders gemeint. Er thematisierte mit seinen mystischen Allegorien die Gegenwart, in der er lebte und die bestimmt war von der ersten Phase der Industrialisierung, dem Aufstieg der exakten Wissenschaften und den Revolutionen in Nordamerika und Frankreich."

Am Linzer Dom wurde eine Marienstatue geköpft, möglicherweise aus religiösen Gründen, meldet der Standard. Ingeborg Ruthe erinnert in der Berliner Zeitung an den verstorbenen Maler Horst Zickelbein. Kerstin Holm stellt in der FAZ ein weiteres Fußballbild vor: Alexander Dejnekas "Torwart". Maxi Broecking schaut sich für die taz auf dem französischen Fotografiefestival "Les Rencontres d'Arles" um. Gerrit Terstiege bespricht für monopol den Fotoband "Stadt der Fotografinnen / Frankfurt 1844 - 2024".

Besprochen werden die Doppelausstellung "Passage" von Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl in der Hamburger Sammlung Falckenberg (monopol), Anna Steinerts Schau "Was am Tiefsten in der Welt liegt" in der Berliner Galerie Tanja Wagner (taz Berlin) und die Ausstellung "X. Premio Fondazione VAF - Aktuelle Positionen italienischer Kunst" in der Stadtgalerie Kiel (taz Nord).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2024 - Kunst

Ausstellungsansicht, Jenny Holzer: Light Line, May 17 - September 29, 2024, Solomon R. Guggenheim Museum, New York


Susanna Petrin berichtet für die NZZ aus New York von der Eröffnung der Retrospektive "Light Line" der Künstlerin Jenny Holzer im Guggenheim Museum. Bekannt wurde Holzer durch Ausstellungen mit Textstücken auf den unterschiedlichsten Trägern, und hier ist es nicht anders: Textliche Statements oder selbst ausgewählte Verse anderer Künstlerinnen sind auf Tafeln neben Diagrammen oder anderen grafischen Strukturen zu sehen: "Die Ausstellung ist politisch und unheimlich. Einst klassifizierte, inzwischen freigegebene US-Geheimdokumente zeugen von den dunklen Seiten der Großmacht. Jenny Holzer macht aus ihnen schreckliche Kunstgegenstände, bei denen die visuelle Darstellung und der Inhalt im Kontrast stehen. Da ist etwa die stark vergrößerte Transkription eines 1972 heimlich aufgenommen Telefongesprächs zwischen dem damaligen Präsidenten Richard Nixon und Staatssekretär Henry Kissinger über die Bombardierung Vietnams."


Berta Fischer, FULIMIDRON, Ausstellungsansicht St. Matthäus-Kirche, Foto: Roman März

Ingeborg Ruthe (FR) war zu Besuch in der Kunstkirche St. Matthäus in Berlin, wo derzeit das Werk "Fulimidron" der Künstlerin Berta Fischer ausgestellt ist, und erfreute sich am Lichtspiel dieser "Plexiglasskulpturen". Eine konkrete Bedeutung ist ihnen nicht gegeben, wie die Künstlerin selbst erklärt. Vielmehr komme es auf die Wirkung des physikalischen Zusammenspiels von Raum, Materie, Farbe und Licht an: "Nun schweben diese Teile im Tageslicht, das morgens von Osten und ab Nachmittag von Westen durch die klaren Kirchenfenster scheint - als, so sagt sie es, 'materialisierte Dynamik' im Raum. Zarte, bunte Gebilde, fast wie gefrorene Luft, auf die das Licht strömt. Licht wird ja, das wissen wir naturwissenschaftliche Laien vielleicht noch aus dem Physikunterricht, erst sichtbar, wenn es auf Widerstand trifft."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2024 - Kunst

Henri-Cartier-Bresson. Livorno, Italien, 1933. © Fondation Henri-Cartier Bresson. Magnum Photos 2024.

Henri Cartier-Bresson hätte diese Retrospektive gefallen, glaubt Ulla Fölsing im Tagesspiegel, wenn sie durch das Bucerius Kunst-Forum in Hamburg schlendert. Sie betont sowohl das Spontane und Lebensfrohe in seinen Fotos als auch den politischen Aspekt. Vor allem freut sich Fölsing über Bressons ikonische Porträts: "An den perfekt komponierten Fotos verblüfft, dass die Personen im Vergleich zum erzählenden Hintergrund oft nur einen kleinen Teil des Bildraums einnehmen. So zeigt sich der junge Truman Capote versteckt in einem Blätterwald. Der betagte Henri Matisse lagert im Schlafrock mit Skizzenblock in einem Lehnstuhl zwischen ausladenden Vogelkäfigen, eine Taube auf seiner linken Hand. Und Alberto Giacometti läuft auf seinem ins kollektive Gedächtnis eingegangenen Porträt nahezu unkenntlich über eine regennasse Straße, den Mantel über den Kopf gezogen."

Weitere Artikel: Die Ausstellung "New Ecologies" in Chemnitz sorgt für Streit, berichtet Paul Linke in der Berliner Zeitung. Eine Installation des Künstlerinnenduos Haubitz + Zoche, das auf den Klimawandel aufmerksam machen will und einen mit Wasser gefüllten BMW zeigt, wurde beschädigt: "Mit Autos macht man keine Scherze in Chemnitz, auch keine Kunst. ... Im Chemnitzer Stadtrat beschwerte sich die AfD über die Verschwendung von Steuergeldern."

Besprochen wird die Ausstellung "Aus der Krankheit eine Waffe machen" im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien in Berlin (taz), die Ausstellung "Prinzip Held*" im Flughafen Gatow Berlin (Welt), die Ausstellung "Fotografieren, was ist. Dirk Reinartz" im Landesmuseum (LVR) in Bonn (FAZ), die Ausstellung "Jean Daret - Peintre du roi en Provence" im Musée Granet in Aix-en-Provence (FAZ), die Ausstellung "Wish You Were Gay" von Anne Imhof im Kunsthaus Bregenz (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2024 - Kunst

Matthew Barney, SECONDARY, 2023. Video still. © Matthew Barney. Soren Nielsen courtesy of the artist, Gladstone Gallery, Sady Coles HQ, Regen Projects and Gallery Max Hetzler.

Boris Pofalla (Welt) kann die Werke Matthew Barneys in gleich fünf Ausstellungen bewundern, denn mehrere Orte, unter anderem die Fondation Cartier in Paris, teilen sich seinen neuen, wie immer "opulenten" Zyklus zum American Football: "Sein neues Werk 'Secondary'(2023) dauert eine Stunde und handelt von dem tragischen Football-Match zwischen den Oakland Raiders und den New England Patriots vom 12. August 1978, bei dem zwei Spieler aufeinanderprallten. Dabei wurde Darryl Stingley am Rückenmark verletzt und war infolgedessen gelähmt. Was auf den Bildschirmen läuft, ist nun allerdings kein historisches Football-Spiel, sondern die antitheatralische Abstraktion eines solchen, eine Abfolge aus Gesten und Verrichtungen im Atelier des Künstlers in Long Island City, das einem Hangar ähnelt. Hier werden Skulpturen aus Blei, Aluminium, Terrakotta geformt. Es sind Materialien, deren Elastizität, Brüchigkeit und Fähigkeit, Erinnerungen zu speichern, Barney mit Charaktereigenschaften vergleicht - ein bisschen Joseph Beuys steckt auch in ihm."

Mit Sorge sieht Sophie Jung in der taz "ein tiefes Misstrauen" in der öffentlichen Kulturförderung. Denn Museen werden immer mehr zum Ort des Kampfes: Die jüngsten Streits über eine Ausstellung in den Deichtorhallen (unser Resümee) oder im Albertinum Dresden. Schwierig wird es vor allem, so Jung, "wenn es um die Frage der Kunstfreiheit geht, um die gerade in der Debatte um Kulturförderungen so sehr gerungen wird. Der Kunstfreiheit sind die Ausstellungshäuser ihrem Selbstverständnis nach verpflichtet. Aber wann ist etwas Kunst, wann persönliche Meinung? Das ist nicht leicht auseinanderzuhalten, denn die Kunst ist aus gutem Grund nicht definiert. Das Grundgesetz sieht zwar in Artikel 5 die unbedingte Freiheit der Kunst vor, doch liefert der Gesetzgeber keine Definition darüber, was Kunst eigentlich ist. Wenn etwa Adorno in der Minima Moralia schrieb: 'Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen", und ganz gegenteilig der neue Direktor des ZKM in Karlsruhe, Alistair Hudson, eine 'usefulness', eine gesellschaftliche Nützlichkeit von Kunst, einfordert, so handelt es sich jeweils nur um einen Kunstbegriff. Und der kann selbst innerhalb eines Kunstwerks variieren."

FAZ, Zeit Online, Welt Online und SZ resümieren die Ergebnisse eines Berichts zur Sammlung Bührle, den ein Team um den Historiker Raphael Gross zusammengestellt hat. Diese sind niederschmetternd: Gross und sein Team machten eine große Anzahl "jüdischer Vorbesitzer" aus, die in der öffentlichen Darstellung überhaupt nicht vorkommen, resümiert Marcus Woeller in der Welt. Jörg Häntzschel evaluiert in der SZ die Folgen für das Kunsthaus Zürich: "Wenn die Stadt die Sammlung weiterhin zeigen wolle, so schreiben die Experten um Gross, sei eine völlig neue Erforschung aller Provenienzen unabdingbar. Doch selbst dann, so machen die Autoren zwischen den Zeilen klar, wäre es besser, auf die Sammlung zu verzichten. Sollten die Bilder weiterhin zu sehen sein, würde das Kunsthaus mithelfen, den 'Raubmord' (Gross), der hinter einem großen Teil der Sammlung stehe, zu 'verdecken'. 'Ohne den Holocaust gäbe es die Sammlung Bührle nicht', sagt Gross der SZ."

Das Kunsthaus Zürich hat in der Affäre wirklich keine gute Figur gemacht, stellt Hubertus Hubin in der FAZ fest. Gross' Bericht zeige nämlich auch, dass eine frühere Evaluierung der Provenienz durch den Kunsthistoriker Lukas Gloor (der gleichzeitig Direktor der Stiftung war) große Mängel aufwies. Außerdem machte das Team um Gross neben den bereits identifizierten Werken weitere fünf aus, die eine problematische Herkunftsgeschichte haben. Hier der vollständige Bericht.

Weiteres: In "Bilder und Zeiten" der FAZ widmet sich Bernd Eilert in einem ausführlichen Essay dem Genre der Historienmalerei. Im Tagesspiegel unterhält sich der Kurator Klaus Biesenbach mit Hella Kaiser über die von ihm kuratierte Warhol-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin und die Erotik in Warhols Kunst (Unser Resümee). Besprochen werden die Ausstellung "Tyler Mitchell. Wish This Was Real" im C/O Berlin (FAZ), die Ausstellung "Edmund de Waal:letters home" in der Galerie Max Hetzler (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.06.2024 - Kunst

Ausstellungsansicht "Flowers of Life". Foto: Norbert Miguletz.
"Die gefährlichste Frau der Welt" nennt sich die bosnische Künstlerin Selma Selman selbst, Lisa Berins kann sich für die FR nun in der Kunsthalle Schirn in der Schau "Flowers of Life" selbst ein Bild davon machen. Zentraler Bestandteil ihres Werkes sind Performances, in denen sie Autos und Computer nach Altmetallen auseinandernimmt: "Es geht bei diesen Aktionen nicht nur um die Wiederverwertung von Wegwerfprodukten der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch um einen transformativen Akt auf mehreren Ebenen, wie Matthias Ulrich, der Kurator der Ausstellung, erklärt: Vermeintlicher Müll wird zu etwas Wertvollem, zugleich lässt Selman Männer für sich arbeiten und bezahlt sie aus dem Kapital des Kunstsystems. Die Mitglieder der nichtprivilegierten Gruppe der Roma und Romnja, zu der die Künstlerin selbst gehört, treten so in den Kunstkontext. Klischees und patriarchale Strukturen werden auf den Kopf gestellt, Machtverhältnisse umgekehrt. In der Kunst von Selman geht es hintergründig stets um erlebte Unterdrückung, Ausgrenzung, Gewalt - und daraus generierte Kraft."

In der Pariser Cinématèque kann Kathleen Hillenbrand in "L'Art de James Cameron" für die SZ das bildkünstlerische Werk des Regisseurs entdecken: "Weil James Cameron nicht vom Schreiben, sondern vom Visuellen, vom Malen und Basteln zum Film kam, gibt es in dieser Ausstellung viel zu sehen. In mehreren, abgedunkelten Räumen zum Beispiel Modelle vom 'Alien'-Xenomorph, vom Terminator und den sechsbeinigen Pferdetieren aus 'Avatar'. Aus einem anderen Glaskasten glotzt eine Miniversion des durchsichtigen Glibberwesens aus 'Abyss - Abgrund des Todes von 1989' mit seinem ausfahrbaren Gesicht. Das Schönste ist aber, dass man durch Camerons Kinderzeichnungen, seine Skizzen und Konzeptpapiere auch zu nie gedrehten Filmen einen Einblick in die Ideenmaschine dieses Regisseurs bekommt."

Nach zwei Jahren kann Rolf Brockschmidt für den Tagesspiegel endlich wieder den Zypern-Saal des Neuen Museums Berlin besichtigen, und lässt sich von Kurator Anton Gass Besonderheiten der zypriotischen Kunst erklären: "'eine zypriotische Skulptur ist niemals nackt', sagt Gass. Einer der Männer trägt eine zypriotische Mütze, das Gewand ist griechisch beeinflusst, ebenso wie das Medusenhaupt auf der Kleidung. Die Schlangen, die davon herabhängen, sind wiederum phönizisch. Zudem sind beide Torsi aus Kalkstein und nicht aus Marmor, den gibt es auf Zypern nicht. Und so sind die Säulen im Zypernsaal ebenfalls aus gepickeltem Kalkstein, der dann mit Stuck verkleidet wurde, sodass er aussah wie Marmor."

Weiteres: Monopol interviewt Ai Weiwei sowie Bryan Adams anlässlich seiner Ausstellung "Exposed" im Leica-Museum in Wetzlar.

Besprochen werden: "Le Monde comme il va" in der Pariser Bourse de Commerce und "Carte Blanche à Kimsooja am selben Ort (Monopol) und das Kunstfestival "48 Stunden" in Neukölln (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2024 - Kunst

Spätestens seit der Gründung der Initiative Urheberrecht, mit der ausübende Künstler Schutz vor generativer KI fordern (unsere Resümees), sind die Auswirkungen von KI auf dem Kunstmarkt ein heiß diskutiertes Thema. Im Standard-Interview hat der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich allerdings keine Sorge vor der Autonomie von KI: "Alles, was mithilfe von KI generiert wird, verdankt sich riesigen Mengen an Daten, mit denen die Programme trainiert werden." Aber: "Je mehr Erfahrung wir im Umgang mit diesen Programmen sammeln, desto weniger dürfte sich noch eine Idee von Autonomie starkmachen lassen. Vielmehr wird uns durch die Art und Weise, wie die KI-Programme agieren, bewusst, dass auch wir für alles, was wir uns einfallen lassen, auf Vorbilder und Traditionen zurückgreifen. Zumindest implizit arbeiten wir immer schon mit Bedeutungen und Strukturen, an deren Zustandekommen Menschen vieler Generationen vor uns mitgewirkt haben. Autonomie ist also wirklich und überall eine Illusion. Wenn die KI-Programme uns das etwas deutlicher vergegenwärtigen, als wir es bisher wahrhaben wollten, dann wäre das gar nicht so schlecht."

Das Haus der Kunst in München feiert den 80. Geburtstag der Künstlerin Rebecca Horn mit einer Retrospektive. Zu sehen ist ein breites Spektrum an Arbeiten, darunter Filme, motorisierte Skulpturen und Installationen. Barbara Sachs berichtet für die FAZ enthusiastisch über die Ausstellung, in der "es fließt und schwingt, blitzt und klingt". Aber von Chaos und "Anarchie", wie es der Titel einer Arbeit suggeriert, kann bei Horn nicht die Rede sein, versichert Sachs, die viel Choreografie erkennt. Zum Beispiel angesichts "allein rastlos trippelnder Spitzentanzschühchen. Klar, die rosa Schuhe können auch an schmerzhaften Ballettdrill erinnern, und der schöne, aber tote und vielleicht einer vom Aussterben bedrohten Art angehörende Falter flattert nur noch mit maschineller Hilfe - Dualismus wird hier immer mitkalkuliert."

Dass auch die Schweiz langsam dazu übergeht, nicht mehr zwischen Raubkunst und Fluchtgut zu unterscheiden, also wie Deutschland auch bereit ist, jene Werke zu restituieren, die von ihren Besitzern verkauft wurden, um die Flucht vor den Nazis zu finanzieren, stößt bei Philipp Meier in der NZZ auf wenig Gegenliebe, sieht er hier doch zu viele verschiedene Interessen am Werk: "Museen wollen sich rechtlich und moralisch nicht angreifbar machen, sie wollen primär unbedenkliche und bereinigte Sammlungsbestände. Dabei werden die Museen nicht zuletzt von einer progressiven Kunst- und Intellektuellenszene angetrieben, die keine Werke mehr an Museumswänden dulden will, die an vergangenes Unrecht erinnern könnten. (…) Von den Preisexzessen auf dem Kunstmarkt werden auch Kunstfahnder angezogen. Sie suchen proaktiv nach potenziell zu restituierenden Kunstwerken. Anwälte wiederum sichern sich für Restitutionsverfahren vertraglich hohe Erfolgshonorare."

Weitere Artikel: In der FR erinnert Arno Widmann an den vor 450 Jahren gestorbenen Architekten und Maler Giorgio Vasari. Für den Standard wirft Michael Wurmitzer einen Blick auf das kommende Programm der Kunsthalle Wien unter der neuen Leitung von Michelle Cotton.

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Göttinnen und Gattinnen. Frauen im antiken Mythos" im Alten Museum Berlin (FAZ), das Buch "Global Protests Through Art. collaboration, co-creation, interconnectedness", in dem die türkische Künstlerin Işıl Eğrikavuk untersucht, wie die Gezi-Proteste 2013 in der Kunst fortleben können (taz), und die "Triënnale aan Zee" in Beaufort, die Badetouristen mit zeitgenössischer Kunst konfrontieren will (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2024 - Kunst

"Wieder einmal steht eine bedeutende Kulturinstitution vor den Trümmern eines Kommunikationsdesasters", seufzt Marcus Woeller, der es in der Welt ziemlich naiv findet, dass die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden den "inhaltlich motivierten Gesprächsbedarf" mit der Kuratorin Zoe Samduzi erst kurz vor der Ausstellungseröffnung erkannten, denn "Akademische Forschung und persönliche Überzeugungen sind bei Zoé Samudzi schwer zu trennen. ... In ihrem Buch 'As Black As Resistance' entwarf sie eine Theorie des schwarzen Anarchismus. Zuletzt war sie Assistenzprofessorin für Holocaust- und Genozid-Studien an der privaten Clark University in Worcester, Massachusetts. Samudzi versteht sich zudem seit vielen Jahren als meinungsstarke Fürsprecherin Palästinas. Sie hat Israel der 'Apartheid' bezichtigt, einen 'Staat des Siedler-Kolonialismus' genannt und der israelischen Regierung in einem nach dem 7. Oktober 2023 geführten Interview vorgeworfen, sie wolle 'Gaza und die Gazaer eliminieren'." Da hätte auch keine Antidiskriminierungsklausel geholfen, meint Woeller, denn: "die Verantwortung liegt bei den Museen, gerade wenn sie die offenen Orte sein wollen, an denen 'freier Meinungsaustausch möglich und ausdrücklich willkommen ist'."

Schade um die Ausstellung, die wäre spannend gewesen, meint Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Die Ausstellung sollte das zweite Kapitel in einer dreiteiligen Reihe unter dem Titel 'Sequenzen: Verflochtene Internationalismen' bilden, bei der es um die DDR und die deutsche koloniale Vergangenheit in Namibia ging. Ähnlich wie bei der vorherigen Ausstellung 'Revolutionary Romances' sollte offengelegt werden, wie 'sozialistische Solidarität und Freundschaft' Vergangenes bemäntelte, hier insbesondere die Verbrechen der deutschen Kolonialmacht."

Weitere Artikel: In der FAZ freut sich Niklas Maak, dass der Städelsche Museums-Verein die Skulptur "fressender Löwe" des italienischen Bildhauers Rembrandt Bugatti erworben hat. Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ wird der von Horst Bredekamp am 9. Juni in der öffentlichen Sitzung des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste im Berliner Konzerthaus vorgetragene Nekrolog auf Richard Serra publiziert. Für die Berliner Zeitung streift Margit J. Mayer mit Jenny Captain, Model und Vertraute von Helmut Newton durch die Jubiläumsschau "Berlin, Berlin" in der Berliner Helmut Newton Stiftung.

Besprochen werden die Ausstellung "1863 · Paris ·1874: Revolution in der Kunst" im Kölner Wallraf-Richartz-Museum (FAZ) und die Ausstellung "Le monde comme il va" mit Werken der Pinault Collection in der Pariser Bourse de Commerce (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2024 - Kunst

"Wish This Was Real", 2015 © Tyler Mitchell, Courtesy of the artist

Berühmt wurde der amerikanische Fotograf Tyler Mitchell für das Beyoncé-Porträt, das ein Vogue-Cover zierte, sein Werk changiert zwischen "Chanel und street credibility", weiß Christiane Meixner, die für den Tagesspiegel die Ausstellung "Wish This Was Real" im C/O Berlin besucht hat. Aber sein Werk geht über Hochglanz hinaus, so Meixner: "Es führt auf ein Rugbyfeld und an ein Flussufer, wo Mitchell seltsam unbewegte Picknick-Szenen arrangiert, die ursprünglich mit einer weißen Kulturgeschichte verknüpft sind. Der junge Fotograf besucht schwarze Menschen, um zu dokumentieren, mit welchen familiären Erbstücken sie sich in ihrem Zuhause umgeben, und er porträtiert Zwillinge - unaufgeregt und höchst sensibel, wenn er zwei Männer mit jeweils einem Arm in ein sandfarbenes Sacko schlüpfen lässt. Die beiden teilen sich ein Kleidungsstück und sind dadurch aufeinander angewiesen."

Zandile Tshabalala: Two Reclining Women, 2020. Courtesy of the Maduna Collection, © Zandile Tshabalala Studio


Ratlos steht Hans-Joachim Müller (Welt) in der großen Schau über afrikanische Malerei, "When We See Us", die das Kunstmuseum Basel mit Kuratoren aus Kapstadt ausgerichtet hat. "Alltagsszenen. Kleine-Leute-Gemütlichkeit, Glücksträume. Aktdarstellungen, Sex, Feststimmung. Figurenensembles in eurythmischer Aufstellung. Erinnerungen an mystische Praktiken. Und immer wieder Bildnisse, Porträts mit der Neigung zur Maske. Kaum einmal Landschaft, kaum einmal Stadt." Nach "Formen subtiler Kritik" sucht Müller vergeblich. "Und anders als im europäischen Realismus, der ziemlich getreulich die Katastrophen des Jahrhunderts spiegelt, könnte man vom Auftritt des vielköpfigen 'When-We-See-Us'-Teams schwerlich auf die Geschichte des Kontinents schließen. Kolonisation, Sklaverei, Apartheid, Stammeskriege, Kampf um Demokratie, korrupte Regime, verweigerte Menschenrechte, Abhängigkeit von internationalem Kapital, Migration - all die Schmerzensschreie scheinen wie erstickt in der Parole 'Wir sind die Größten der Welt, und die Mutigsten sind wir auch'."

Eine sehr seltsame Diskussion ist um eine Ausstellung der amerikanisch-simbabwischen Kuratorin Zoé Samudzi in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entbrannt, die am Abend vor der Eröffnung abgesagt wurde (unser Resümee). Es wäre die zweite in einer dreiteiligen Reihe über das Verhältnis der DDR zur deutschen Kolonialgeschichte gewesen. Worum der Streit inhaltlich ging? "Das bleibt weiterhin unklar, immerhin erklären die SKD so viel: Man habe die Inhalte der Ausstellung erst wenige Tage vor der Eröffnung sehen können, die fertige Ausstellung überhaupt erst am Abend vorher. Danach aber habe sich unverzüglich 'inhaltlich motivierter Gesprächsbedarf' ergeben", berichtet Sonja Zekri in der SZ.

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel stellt Birgit Rieger die von der Initiative Urheberrecht und der Stiftung Kunstfonds in Auftrag gegebene Studie KI und Bildende Kunst vor, die untersucht, "wie sich der Einsatz von KI in Deutschland auf den Kunstmarkt und das ganze Ökosystem Kunst auswirkt, also auch auf Kunstvermittler, Kritiker, Kuratoren und Händler." Ex-Uffizien-Chef Eike Schmidt wird nicht neuer Bürgermeister von Florenz, die sozialdemokratische Kandidatin Sara Funaro setzte sich mit 60,6 Prozent der Stimmen durch, Schmidt musste sich mit 39,4 Prozent der Stimmen begnügen, meldet der Standard mit APA. In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 87 Jahren verstorbenen Berliner Fotografen und Verleger Hansgert Lambers.

Besprochen werden die Ausstellung "Das Rauschen des Kosmos" der chilenischen Zeichnerin Sandra Vásquez de la Horra in der Berliner Akademie der Künste (Eine so "intellektuelle wie mythische Mischung aus Surrealem und Expressivem", lobt Ingeborg Ruthe in der FR), die Ausstellung "Welten in Bewegung", mit der das Kunstmuseum Wolfsburg sein 30-jähriges Jubiläum feiert (taz) und die Ausstellung "Mika Rottenberg. Antimatter Factory" im Museum Tinguely in Basel (Tsp).