Efeu - Die Kulturrundschau
Es ist beängstigend
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.07.2024. Die SZ ist genervt vom risikolosen Radical Chic an deutschen Bühnen, wie ihn zuletzt Oliver Frljić in der Berliner Zeitung zur Schau trug. Heute hofft in der Berliner Zeitung Thomas Ostermeier auf eine linke Volksfront in Deutschland, die mit dem kapitalistischen System auch dem Faschismus an den Kragen geht. In der Welt erklärt Nadja Tolokonnikowa von Pussy Riot, dass in Diktaturen Aktivismus selten sexy, aber immer gefährlich ist. Die FAZ feiert die Malerin Eva Beresin in der Wiener Albertina. Der Filmdienst bedauert, dass sich das Reflexionsniveau von Joachim A. Lang in seinem Film über Nazideutschland "Führer und Verführer" leider nicht zeigt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
11.07.2024
finden Sie hier
Bühne
Vor einigen Tagen hatte ein wutentbrannter Oliver Frljić, Regisseur am Gorki-Theater und Teammitglied der Künstlerischen Leitung dort, im Interview mit der Berliner Zeitung "die offene Unterdrückung Andersdenkender durch Kriminalisierung, Canceln und mediale Hetzkampagnen" an deutschen Theatern gegeißelt (unser Resümee). Konkret wurde er dabei nicht. Ist das jetzt linksradikal oder schon wieder rechts, fragt sich Peter Laudenbach nach Lektüre des Interviews in der SZ und zuckt dann die Achseln. Das mit staatlichen Beihilfen abgepolsterte Revoluzzertum an deutschen Bühnen - von Volker Lösch bis Milo Rau - findet er in erster Linie nervtötend: "Es ist symptomatisch für ein Milieu des Radical Chic, wie in Frljićs verbalem Amoklauf ein diffuser (um nicht zu sagen: konfuser) Linksradikalismus immer wieder wie eine rechte Wutbürgerrede klingt. Beschimpfen Rechtspopulisten unabhängige Medien als 'Systempresse', weitet Frljić diese Polemik auf die Theater aus, wenn er ihnen attestiert, 'eigentlich nur den herrschenden Staatsdiskurs' zu reproduzieren. Was dieser ominöse 'Staatsdiskurs' sein soll, erfährt man nicht. ... Frljics Polemik ignoriert die Kleinigkeit, dass Theater als Ort der symbolischen Handlung per se immer nur Simulation, also Spiel sein kann. Ihm das vorzuwerfen, bedeutet, der Kunst vorzuwerfen, dass sie Kunst - und nicht zum Beispiel ein Molotowcocktail - ist."
Heute hofft im Interview mit der Berliner Zeitung Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne, auf einen Systemwandel. Die Linke in Deutschland sollte sich ein Beispiel an Frankreich nehmen, schlägt er vor: "In Deutschland könnte eine vereinigte Linke aus SPD, den Grünen, den Linken und dem Bündnis Sahra Wagenknecht gegen die Gefahr von rechts auftreten und sich mit diesem antifaschistischen Auftreten auch eine starke Botschaft geben. Es gibt dafür historische Beispiele: In Frankreich hat der Front populaire in der dreißiger Jahren das Aufkommen der Faschisten verhindert. Aber in Deutschland wollten die Kommunisten nicht mit den Sozialdemokraten zusammengehen, um eine Volksfront gegen die NSDAP zu bilden. Damals hat die Linke in Deutschland versagt. ... Solange wir den Kapitalismus haben, gibt es immer die Gefahr, dass die Ungerechtigkeit, die er hervorbringt, mit völkischem Denken beantwortet wird. Das ist bei Trump so, das ist in Europa teilweise so, Bolsonaro hat es gemacht. Wie meinte Horkheimer: 'Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.'"
Weitere Artikel: Hanno Fleckenstein stellt in der taz die Neue Bühne Senftenberg vor, die sich unter ihrem Leverkusener Intendanten Daniel Ris "klar gegen Rechtsextremismus" stellen will. Joachim Lange (nmz) hört neue Musik beim Festival in Aix-en-Provence. Ebenfalls in der taz annonciert Katharina Granzin das kostenlose Event "Staatsoper für alle" auf dem Berliner Bebelplatz: mit einer Live-Übertragung von Marc-André Dalbavies Oper "Melancholie des Widerstands" am Freitag und am Samstag dirigiert Christian Thielemann die "Alpensinfonie" von Richard Strauss. Regenschirm mitbringen! Matthias Schulz, sieben Jahre Intendant der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, erklärt im Interview mit der FAZ, warum er nach Zürich wechselt: An Daniel Barenboim lag's nicht, versichert er, "wenn ich den Eindruck gewonnen hätte, dass man in Berlin auch kulturpolitisch bewusst die Zukunft dieses Hauses gestalten will, hätte sich die Frage nach einem Wechsel für mich vermutlich nicht gestellt". Dorion Weickmann porträtiert in der SZ die Trans-Tänzerin Leroy Mokgatle vom Staatsballett Berlin. In der Welt denkt Manuel Brug über die Zukunft der Oper nach, denn sowohl im im hoch subventionierten deutschen Kulturbetrieb wie in den privat finanzierten amerikanischen Musiktheatern bleibt das Publikum weg: "Wenn der internationale Vergleich also etwas zeigt, ist es vor allem eine gewisse Orientierungslosigkeit, unabhängig von der jeweiligen Finanzierung. Eine solche Standortbestimmung kann nur der Ausgangspunkt für eine Neuerfindung der Oper sein."
Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Puccinis "Madama Butterfly" in Aix (Ermonela Jaho als Butterfly ist ein Phänomen", schwärmt in der FAZ Anja-Rosa Thöming, die auch Breths Inszenierung ganz ausgezeichnet fand) und Jetske Mijnssens Inszenierung von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" bei den Münchner Opernfestspielen (nmz, SZ).
Heute hofft im Interview mit der Berliner Zeitung Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne, auf einen Systemwandel. Die Linke in Deutschland sollte sich ein Beispiel an Frankreich nehmen, schlägt er vor: "In Deutschland könnte eine vereinigte Linke aus SPD, den Grünen, den Linken und dem Bündnis Sahra Wagenknecht gegen die Gefahr von rechts auftreten und sich mit diesem antifaschistischen Auftreten auch eine starke Botschaft geben. Es gibt dafür historische Beispiele: In Frankreich hat der Front populaire in der dreißiger Jahren das Aufkommen der Faschisten verhindert. Aber in Deutschland wollten die Kommunisten nicht mit den Sozialdemokraten zusammengehen, um eine Volksfront gegen die NSDAP zu bilden. Damals hat die Linke in Deutschland versagt. ... Solange wir den Kapitalismus haben, gibt es immer die Gefahr, dass die Ungerechtigkeit, die er hervorbringt, mit völkischem Denken beantwortet wird. Das ist bei Trump so, das ist in Europa teilweise so, Bolsonaro hat es gemacht. Wie meinte Horkheimer: 'Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.'"
Weitere Artikel: Hanno Fleckenstein stellt in der taz die Neue Bühne Senftenberg vor, die sich unter ihrem Leverkusener Intendanten Daniel Ris "klar gegen Rechtsextremismus" stellen will. Joachim Lange (nmz) hört neue Musik beim Festival in Aix-en-Provence. Ebenfalls in der taz annonciert Katharina Granzin das kostenlose Event "Staatsoper für alle" auf dem Berliner Bebelplatz: mit einer Live-Übertragung von Marc-André Dalbavies Oper "Melancholie des Widerstands" am Freitag und am Samstag dirigiert Christian Thielemann die "Alpensinfonie" von Richard Strauss. Regenschirm mitbringen! Matthias Schulz, sieben Jahre Intendant der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, erklärt im Interview mit der FAZ, warum er nach Zürich wechselt: An Daniel Barenboim lag's nicht, versichert er, "wenn ich den Eindruck gewonnen hätte, dass man in Berlin auch kulturpolitisch bewusst die Zukunft dieses Hauses gestalten will, hätte sich die Frage nach einem Wechsel für mich vermutlich nicht gestellt". Dorion Weickmann porträtiert in der SZ die Trans-Tänzerin Leroy Mokgatle vom Staatsballett Berlin. In der Welt denkt Manuel Brug über die Zukunft der Oper nach, denn sowohl im im hoch subventionierten deutschen Kulturbetrieb wie in den privat finanzierten amerikanischen Musiktheatern bleibt das Publikum weg: "Wenn der internationale Vergleich also etwas zeigt, ist es vor allem eine gewisse Orientierungslosigkeit, unabhängig von der jeweiligen Finanzierung. Eine solche Standortbestimmung kann nur der Ausgangspunkt für eine Neuerfindung der Oper sein."
Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Puccinis "Madama Butterfly" in Aix (Ermonela Jaho als Butterfly ist ein Phänomen", schwärmt in der FAZ Anja-Rosa Thöming, die auch Breths Inszenierung ganz ausgezeichnet fand) und Jetske Mijnssens Inszenierung von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" bei den Münchner Opernfestspielen (nmz, SZ).
Musik
Für die Welt unterhält sich Gesine Borcherdt mit Nadja Tolokonnikowa von Pussy Riot, die für Russland wenig Hoffnung hat. Zur Anfangszeit ihrer Band "wurde Aktivismus gerade sexy. Die Menschen dachten 2011 tatsächlich, sie könnten noch etwas ändern. Das ist heute nicht mehr so. ... Neulich stieß ich auf einen Post, auf dem eine Frau aus Sibirien auf ihrem Balkon protestierte und dabei eine Pussy-Riot-Sturmhaube trug. Ich hoffe, dass sie in Sicherheit ist. Normalerweise sehe ich so etwas in anderen Teilen der Erde, wo Kids gegen ihre eigenen Probleme protestieren. Aber das ist jetzt zu gefährlich in Russland. Letztlich wünschte ich, dass alle, die denken wie ich, das Land verlassen - man wird dort einfach nirgendwo aufgefangen, wenn man weglaufen will. Es ist beängstigend."
Weitere Artikel: Dietmar Kerschbaum wird nach einer Complianceprüfung als Intendant des Brucknerhauses entlassen, meldet Ljubiša Tošić im Standard. Andreas Scheiner versucht in der NZZ, den Erfolg von Taylor Swift zu ergründen.
Besprochen werden das Konzert von Anohni in Berlin (Tsp), eine Paramount-Plus-Doku über Melissa Etheridge (FAZ), der Auftritt von Candy Dulfer beim Rheingau Musik Festival (FR), die Auftritte von The National und PJ Harvey beim Montreux Jazz Festival (TA) und Rolando Brunos "Cosas Raras" (Jungle World).
Weitere Artikel: Dietmar Kerschbaum wird nach einer Complianceprüfung als Intendant des Brucknerhauses entlassen, meldet Ljubiša Tošić im Standard. Andreas Scheiner versucht in der NZZ, den Erfolg von Taylor Swift zu ergründen.
Besprochen werden das Konzert von Anohni in Berlin (Tsp), eine Paramount-Plus-Doku über Melissa Etheridge (FAZ), der Auftritt von Candy Dulfer beim Rheingau Musik Festival (FR), die Auftritte von The National und PJ Harvey beim Montreux Jazz Festival (TA) und Rolando Brunos "Cosas Raras" (Jungle World).
Literatur
Paul Jandl (NZZ) und Alexandra Kedves (TA) schreiben über die Vorwürfe, die Andrea Robin Skinner ihrer Mutter, der vor kurzem verstorbenen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro, macht, die die sexuellen Übergriffe ihres Mannes auf ihre Tochter ignoriert haben soll (unser Resümee). Der Germanist Hans Rudolf Vaget schreibt in der FAZ darüber, warum Thomas Mann bei der US-Präsidentschaftswahl 1948 für Henry Wallace gestimmt hat.
Besprochen werden unter anderem Ilija Trojanows und Klaus Zeyringers "Fans" (online nachgereicht von der FAZ), Manu Larcenets Comicadaption von Cormac McCarthys Roman "Die Straße" (Intellectures), John Wrays Death-Metal-Roman "Unter Wölfen" (Standard), Elias Hirschls "Content" (FR) und Jonathan Lethems "Der Stillstand" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Besprochen werden unter anderem Ilija Trojanows und Klaus Zeyringers "Fans" (online nachgereicht von der FAZ), Manu Larcenets Comicadaption von Cormac McCarthys Roman "Die Straße" (Intellectures), John Wrays Death-Metal-Roman "Unter Wölfen" (Standard), Elias Hirschls "Content" (FR) und Jonathan Lethems "Der Stillstand" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Film

Maryam Moghadams und Behtash Sanaeehas "Ein kleines Stück vom Kuchen" erzählt von einer 70-jährigen Witwe in Teheran, die sich für eine Nacht einen alleinstehenden Taxifahrer mit nach Hause nimmt. Sie kochen, essen, trinken Wein, hören verbotene Musik und flirten miteinander, im steten Bewusstsein, dass eine solche Glücksanmaßung unter dem iranischen Regime gefährlich ist - und ringsum allzu neugierige Nachbarn wohnen. "Viele Szenen mussten schnell und heimlich gedreht werden", schreibt Alice Fischer im Perlentaucher. "Kein Wunder, dass sich das Team vor den Fanatikern in der Regierung in Acht nehmen musste, denn der Film kommt zwar ganz alltäglich daher, ist aber revolutionär. ... Lily Farhadpour als sensible, runde Mahin und Esmail Mehrabi als schüchterner Faramarz mit riesigem Schnauzer sind ein bezauberndes Paar, das Regie-Duo beschert dem Publikum viele Momente voller Wärme und subtiler Situationskomik. Die Themen, die Moghaddam und Sanaeeha mit so viel Fingerspitzengefühl aufgreifen, beschränken sich nicht auf die politische Situation im Iran. Es geht auch um das Alter, die Einsamkeit, die Frage: Wie kann ich mich schön fühlen, obwohl mir die Gesellschaft sagt, ich wäre es schon lange nicht mehr?"
Dieses "Kammerspiel ist dabei deutlich in die gegenwärtige politische Situation im Iran eingebettet", schreibt Bert Rebhandl, online nachgereicht, in der FAZ. "Der Kampf der Frauen um eine Selbstbestimmung, die ohne Demokratie nicht denkbar ist, ist mit deutlichen Hinweisen als Kontext ausgewiesen. Mahin ist sicher keine Frauenrechtlerin, sie setzt einfach einige, diskrete, aber auch mutige Schritte, die über die ihr zugewiesene Rolle hinausgehen."

Der Regisseur Joachim A. Lang will mit seinem doku-fiktionalen Film "Führer und Verführer" den Propaganda-Apparat der Nationalsozialisten entlarven. Der Schauspieler Robert Stadlober gibt dabei Goebbels. Durchkreuzt ist der Film von Statements von Shoah-Überlebenden wie Margot Friedländer, außerdem gibt es historische Tonaufnahmen von Hitler, der ausnahmsweise mal nicht krakeelt. Die Kritiker verlassen den Saal größtenteils mit einem Gefühl der Unwucht. FAZ-Kritikerin Kira Kramer findet es zwar nicht ohne Reiz, dass der Film gerade die menschlichen Schwächen der Nazi-Führungsriege ausstellt - ein Kontrast, in dem gerade kenntlich wird, wie heute kursierende Bilder und Vorstellungen immer noch durch die Nazi-Propaganda geprägt sind. Doch das mit dem "Verführen" hält Kramer für falsch: "Hitler wird durch Goebbels zum charismatischen Führer im Sinne Max Webers erhoben, während das Volk (dem wir im Film kaum begegnen) selbst in Passivität verfällt und allem folgt, was Goebbels plant. Lang stellt seinem Opfervolk damit geradezu einen Wir-wussten-von-nichts-Blankoscheck aus und übersieht, dass nicht nur der Führer sein Volk wählt, sondern im gleichen Maße das Volk seinen Führer - und dass Propaganda nicht nur Sender, sondern ebenso willige Empfänger braucht."
Klaus Hillenbrand ärgert sich in der taz, dass oft einfach unklar bleibe, ob ein Zitat durch historische Quellen verbürgt sei oder nicht. Der Film werde "zum Opfer der eigenen Inszenierung, die auf pure Authentizität setzt und durch die Verknüpfung von Spielfilmszenen mit alten Wochenschau-Bildern die eigene Glaubwürdigkeit auch noch veredelt." So trägt der Film "mehr zur Verwirrung als zum historischen Durchblick bei. Von daher schadet er auch mehr, als dass er im Streit mit rechten Rattenfängern hilfreich ist."
Im Filmdienst staunt Ulrich Kriest über das erhebliche Reflexionsniveau, das der Regisseur in Interviews und im sorgfältig zusammengestellten Presseheft an den Tag legt, ohne dass sich diesen im Film selbst niederschlage. Dass der Film "so spektakulär misslingt, hängt sehr wahrscheinlich damit zusammen, wie Lang sich der ganzen Thematik nähert: Bieder, zaghaft, seriös, immer mit der Angst im Nacken, dabei etwas zu riskieren." Das ist "Schulfernsehen mit Zeitzeugen. ... Was 'Führer und Verführer' tatsächlich reproduziert, ist die Hilflosigkeit der Wohlerzogenheit der demokratischen Kräfte, sich im Handgemenge mit den populistischen Bewegungen auf Augenhöhe zu begeben. Obwohl alles bis ins Letzte analysiert ist, auch die eigene Hilflosigkeit. Und die ganze Zeit denkt man beim Sehen ... an den Anarchismus von Christoph Schlingensief, von dem der Film so profitiert hätte." Weitere Besprechungen in Freitag und Welt. Für die SZ unterhält sich David Steinitz mit Rudolf Stadlober.
Weiteres: Michael Ranze resümiert im Filmdiest das 58. Filmfestival von Karlovy Vary. Christiane Heil berichtet in der FAZ vom Gerichtsprozess gegen Alec Baldwin. Besprochen werden die romantische Komödie "To the Moon" mit Scarlett Johansson (Perlentaucher, FR), Élise Girards Liebesfilm "Madame Sidonie in Japan" mit Isabelle Huppert (FR), Thomas Brandlmeiers Buch "Der französische Film" (FD) und die Apple-Serie "Sunny" (FAZ, Welt). Außerdem verschaffen die Teams von SZ und Filmdienst einen Überblick über die aktuelle Kinowoche.
Architektur

Kunst

Eva Beresin | Thick Air, 2021 | ALBERTINA, Wien © Eva Beresin | Foto: ALBERTINA, Wien
Ulf Erdmann Zieger (FAZ) kommt hochbegeistert aus der Ausstellung "Dicke Luft" der Künstlerin Eva Beresin in der Wiener Albertina. Orgien, Menschen, Tiere und Räume, deren Grenzen zerfließen - Ziegler weiß kaum, wo er zuerst hingucken soll: "Das Laute und Frivole dieses Werks wird begleitet von Zweifel und Hohn; das Karnevaleske konterkariert von tausend Fiesheiten im Detail. Es ist nicht der Wiener Schmäh, der dieses Werk nah an der Flamme hält, sondern ein gewisser Ekel vor dem Guten, Wahren und Schönen." Der Ausstellung vorausgegangen ist die umfangreiche Auswertung des Tagebuchs von Beresins Mutter, die in Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde. Zieger liest die Verarbeitung von Geschichte in der allegorischen Bildsprache Berensins als "geglückten Versuch einer kompletten Subjektivierung der Lebensform. Er zeigt den Triumph einer schrillen Gegenwart über eine niemals so ganz zu begreifende Geschichte. Der Triumph wird beschleunigt durch die Überwindung von Skrupeln. Beresins frühes Alterswerk ist nicht zynisch, sondern rücksichtslos, gegen alles und sich selbst."

Eine in sich widersprüchliche, spielerische Kunst. So liest Hanno Rauterberg für die Zeit die Gemälde von Frans Hals, die ab morgen in der "fulminanten Ausstellung" der Berliner Gemäldegalerie zu sehen sind. Hals malte Porträts, doch interessierte ihn mehr, was Gesichter zu verbergen haben, meint Rauterberg: "Das Steife und Präzise lässt er zurück, er will kein Maler sein, der sich mikroskopierend über die Gegenwart beugt, damit ihm nichts entgeht und alles ja seine ordnungsgemäße Form erhält. Nein, Hals ist kein Ab-, er ist ein Durchmaler. Seine Farbe deckt nichts zu, sie umschreibt, sie öffnet, wird sich selbst zum Spiel. Und wenn Hals einen Jungen malt, nur das Gesicht und eigentlich nur dessen ungebändigten Wuschelschopf, dann wirkt es fast, als habe das Kind keine Haare, dafür aber viele wild hingeschlenkerte Pinselspuren auf dem Kopf."
Weitere Artikel: FAZ, FR und Tagesspiegel freuen sich, dass die Klassik Stiftung Weimar, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz Caspar David Friedrichs "Karlsruher Skizzenbuch" haben erwerben können.
Besprochen werden die Ausstellungen "Frauen. Künstlerinnen zwischen Frankfurt und Paris um 1900" mit Werken von 26 "Städel-Frauen" im Frankfurter Städel Museum (FAZ), "Together We Stand" mit Werken von Marinella Senatore im Kunsthaus Stade (taz), "Territory Defense" von Marcel Dzama und Michael Sailstorfer im Münchner Kunstraum Temporary Contemporary (Tsp) und die diesjährige Auswahl des wichtigen Fotofestivals "Rencontres" im französischen Arles (Tsp).
1 Kommentar



