Ursula Krechel (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung / Heike Steinweg) "UrsulaKrechel ist eine wirklich würdigeBüchnerpreisträgerin", freut sich Helmut Böttiger, der sich in der taz nur wundern kann, dass ihr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman "Landgericht" von 2012 nicht längst schon Schullektüre ist. Die Schriftstellerin "liebt die schillernden, kurzen, multiperspektivischen Genres, sie schreibt Theaterstücke, Gedichte, Essays und Prosa. Auch ihre erfolgreiche späte Romantrilogie ist keine Fiktion im üblichen Sinne. Sie geht vom Dokumentarischen aus, verknüpft die genau recherchierten zeitgeschichtlichen Daten aber virtuos durch assoziative Sprachbilder und dicht herangezoomte Figurenkonstellationen." Krechel hat sich "seit ihrem 1977 erschienenen Lyrikdebüt 'Nach Mainz!' die Verantwortung auferlegt, nicht nur Ich-Stimme zu sein, sondern das Stimmengewirr der Zeiten abzubilden", hält Paul Jandl in der NZZ fest. "Literatur als Wahrnehmungsraum, das ist es, was diese Schriftstellerin wie kaum eine andere erzeugen kann."
"Was man Frauen zutraut, was in einer patriarchalen Welt in sie hineinfantasiert und ihnen abverlangt wird", zählt von Beginn bis Gegenwart ihres Werks zu Krechels zentralen Themen, schreibt Marie Schmidt in der SZ, während sich Richard Kämmerlings in der Welt vor allem für die "besonderepolitisch-poetischeEnergie" Krechels begeistert: "Sie verfügt über die wunderbare Fähigkeit zur offenen und ehrlichen Empörung, oder umgekehrt gesagt, über die Unfähigkeit, sich abzufinden mit unfreien, ungleichenVerhältnissen, auch wenn sie wie unveränderlich erscheinen mögen. Bei Krechel wird diese Empörung in Sprachkraft transformiert." Andreas Platthaus freut sich in der FAZ, dass mit Krechel "nach vielen Jahren wieder einmal eine ausgewiesene Theater- und Hörspielautorin mit dem Büchnerpreis bedacht worden ist", denn "solche Multimedialität ist selten geworden". Ja, freut sich auch Peter Neumann in der Zeit: "Was immer Ursula Krechel schreibt - Essays, Theaterstücke, Hörspiele - ist voller Welt." Ihre Bücher "verändern den Blick auf die Vergangenheit und damit unauslöschlich den auf die Gegenwart", lobt Judith von Sternburg in der FR. "Die Sprache ihrer Lyrik ist extrem verdichtet, die Sprache ihrer Romane ist kristallklar." Ja, diese Lyrik schlägt förmlich "rabulistische Purzelbäume", pflichtet ihr Gregor Dotzauer im Tagesspiegel bei. Für den Dlf hat Maike Albath mit Krechel gesprochen.
In unserem Online-Buchhandel Eichendorff21 haben wir für Sie eine Liste mit lieferbaren Werken von Ursula Krechel zusammengestellt.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Angela Schader stellt diesmal in ihrer "Vorwort"-Kolumne für den Perlentaucher die amerikanische Autorin KatieKimura vor, deren Roman "Die Probe", letzter Teil einer Trilogie, nächste Woche erscheint. "'Beim Projekt für diese drei Bücher', erklärt die 1979 als Kind japanischer Eltern in Kalifornien geborene Schriftstellerin im Interview Magazine, 'ging es um die Schaffung einer bestimmten Stimme; um ein Interesse an Passivität, am Sprechen in den Worten anderer Menschen. Alle Hauptfiguren sind buchstäblich Gefäße für anderer Leute Worte.' Das tönt etwas rätselhaft, erst recht angesichts der ausdrucksstarken Stimmen, die in den Romanen zu vernehmen sind. Gegenüber dem Bomb Magazine hat Kitamura diese Aussage präzisiert. Gemeint seien Berufe, wie sie die Hauptfiguren ihrer Trilogie ausüben: Übersetzerin, Dolmetscherin, Schauspielerin. Im Guardian wiederum hebt sie erneut den Aspekt der Passivität hervor, den sie mit diesen Figuren verbindet: 'Passivität interessiert mich - zum Teil, weil sie die Lebenssituation der meisten von uns bestimmt. Aber Passivität interessiert mich auch, weil sie in sich eine Art Handlungsform ist.' Und zwar eine, die unwillentlich, aber mitnichten immer unwissentlich, in Komplizenschaft umschlagen kann."
Weitere Artikel: Bert Rebhandl liest für den Standard die Romane von BoualemSansal. Für die FRporträtiert Cornelia Geißler den SchriftstellerChristopherKloeble.
Besprochen werden unter anderem MarleneStreeruwitz' "Auflösungen" (online nachgereicht aus der FAZ), DaciaMarainis "Ein halber Löffel Reis" (taz), Simon Schwartz' Comicadaption von AlfonsKaisersBiografie über KarlLagerfeld (Tsp) und Rin Usamis "Kankos Reise" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Update, 9:47: Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an UrsulaKrechel, melden die Agenturen. Die 1947 in Trier geborene Schriftstellerin setzt in ihren zahlreichen Arbeiten "den Verheerungen der deutschen Geschichte und Verhärtungen der Gegenwart die Kraft ihrer Literatur entgegen", heißt es in der Begründung der Jury. "In ihrer Lyrik, nachlesbar in dem Auswahlband 'Die da' (2013), nimmt sie Redewendungen beim Wort und seziert die Versehrungen und Hoffnungen des Alltags, die Innenansichten der Klassenverhältnisse. Ihre aus umfangreichen Recherchen hervorgegangene Romantrilogie 'Shanghai fern von wo' (2008), 'Landgericht' (2012) und 'Geisterbahn' (2018) erweist sich als eine große Erzählung der Vertreibung und Verfolgung von Juden und Sinti und der Rückkehr in ein Deutschland, in dem das Exil in die Erfahrungen von Fremdheit und Nicht-Zugehörigkeit mündet. Das Thema der Selbstbehauptung, Wiederentdeckung und Fortentwicklung weiblicher Autorschaft zieht sich als roter Faden durch ihr gesamtes Schaffen."
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Besprochen werden unter anderem SaschaEhlerts "Palo Santo" (taz), LaurenElkins "Fassaden" (FR), AnneSauers "Im Leben nebenan" (online nachgereicht von der WamS), Eli Benešs "Unmerklicher Verlust der Einsamkeit" (FAZ) und ChiaraValerios "Blinde Flecken" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die FAZ füllt das Sommerloch mit TikTok: Die ganze erste Seite des Feuilletons ist der Buchkritik auf der Social-Media-Plattform gewidmet - und was diese mit unseren Gehirnen angestellt. Philipp Schröder sieht es nicht ein, ins Horn des Kulturpessimismus zu blasen. Klar, auf BookTok und BookTube trenden vor allem "einfach gestrickte Fantasy- und Liebesgeschichten", und doch "ist das Lesen in den sozialen Medien zu dem Statussymbol geworden, das es andernorts immer schon war. ... Zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts warf man jungen Buchnarren 'Romanleserey' vor, weil sie sich für Goethes 'Werther' begeisterten. Heute darf man fragen, ob der Untergang des Leselandes wirklich näher rückt, weil junge Menschen ihr Bücherverlangen in denjenigen Medien ausdrücken, in denen sie ohnehin schon unterwegs sind. Ist es nicht schön, wenn die eine Sucht für einen Moment der Lesesucht weicht?"
Florian Heimhilcher hingegen winkt ab: "Bemerkenswert ist, dass das subjektive Geschmacksurteil als alleiniger Modus der Kritik gilt. Bücher werden daran gemessen, ob sie die Vorlieben der eigenen Booktoker-Stilgemeinschaft treffen, nicht, ob sie literarisch bedeutsam sind. ... Die Geste vieler Booktoker ist eine zutiefst regressive: Gepriesen wird, was das eigene Weltbild bestätigt, ein überpersönliches Urteil gar nicht erst angestrebt. Empathie im Sinne eines Perspektivwechsels wird durch eine solche Literaturkritik nicht geschult. Dabei ist doch gerade der Austausch über divergierende Kunstgeschmäcker das Trainingsfeld für eine demokratische Öffentlichkeit."
Weiteres zu diesem Thema: Julia Schymura staunt über den Online-Erfolg von JackEdwards, der es auch ganz ohne sich an TikTok-Trends ranzuhängen akkumulativ auf den großen Videoplattformen zu drei Millionen Followern gebracht hat und dabei durchaus auf Niveau Literatur diskutiert. Majd El-Safadi beklagt, dass man vor lauter Lust machenden Buchempfehlungen gar nicht mehr zum Lesen kommt, während der Buchstapel immer größer wird. Und die Kognitionswissenschaftlerin Maryanne Wolf rät zu täglich 20 Minuten vollkonzentrierte Lektüre, um im Zeitalter ständig lockender Ablenkungen den eigenen Konzentrationsmuskel zu trainieren.
Außerdem: Ronald Pohl blättert für den Standard nach, was in Literaturklassikern über die Sommerhitze steht. Besprochen werden unter anderem MirkoBonnés Gedichtband "Wege durch die Spiegel" (taz), JeffLemires Comic-Autobiografie (Tsp), Ruth Zylbermans "Rue Saint-Maur 209" (online nachgereicht von der FAZ) und NoraOsagiobares "Daily Soap" (SZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die auf der Krim aufgewachsene, seit 2017 in Deutschland lebende SchriftstellerinAnna Melikova legt in der FAS dar, warum sie bei der Verleihung des Internationalen Literaturpreises des Hauses der Kulturen der Welt aus ihrem zunächst in einer Mischung aus Russisch, Ukrainisch und Deutsch verfassten, dann aber auf Deutsch fertiggestellten Roman "Ich ertrinke in einem fliehenden See" nicht auf Russisch vorlesen will: Nach der großflächigen Invasion Russlands in die Ukraine "konnte ich nicht mehr auf Russisch weiterschreiben." Denn "die russische Sprache wurde zu einer Art chemischen Waffe gemacht, die in Körper injiziert wurde, um durch sie zu sprechen, zu handeln, Narrative zu verbreiten, die im Interesse ihrer Produzenten liegen. Diese Waffe hat viele Jahre geschlafen - und wurde dann mit einem Klick aktiviert. Sie erwachte und befahl den Besitzern dieser Körper, andere Menschen zu hassen und gar zu töten. So hat mein auf der Krym lebender Onkel eine reale Waffe in die Hand genommen, um - wie er glaubte - als Teil der russischen Armee die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine zu 'befreien'. Er ist letztes Jahr im Krieg gestorben."
Der im Pariser Exil lebende algerische Autor Kamel Daoud artikuliert in einem Tweet an den algerischen Präsidenten seinen ohnmächtigen und tragischen Zorn: "Es gibt Tage, die man nie vergisst. Heute ist meine Mutter gestorben. Ich kann sie nicht sehen, um sie trauern, mich von ihr verabschieden und sie beerdigen, weil ihr mich aus meinem Zuhause verbannt und mir verboten habt, in mein Land zurückzukehren."
À Tebboune, Kamel Sidi Said, Belkaïm, et aux autres : il y a des jours qu'on n'oublie pas. Aujourd'hui, ma mère est décédée. Je ne peux pas la voir, la pleurer, ni la saluer et l'enterrer, car vous m'avez banni de mon foyer et m'avez interdit de revenir dans mon pays. pic.twitter.com/2TmyUnvNuH
Weitere Artikel: Tilman Krause schlendert für die WamS mit der SchriftstellerinAntjeRávikStrubel durch den Park Babelsberg in Potsdam. Im "Literarischen Leben" der FAZ erzählt die SchriftstellerinUlrikeAlmutSandig von ihrem Besuch bei ihren Eltern in der Gohrischheide, wo ein verheerender Waldbrand auf alteMunition im Boden traf. In der FAZ spricht Rainer Schmidt mit dem Schauspieler Christian Berkel über dessen Roman "Sputnik". IrisBerbenpräsentiert in der Literarischen Welt (online nachgereicht) die Bücher, die sie geprägt haben.
Besprochen werden unter anderem JuanS. Guses "Tausendmal so viel Geld wie jetzt" (taz, mehr dazu auch in unserem Bücherpodcast), die Friederike-Mayröcker-Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof in Zürich (NZZ), TainaTervonens "Die Reparatur der Lebenden" über den Genozid in Srebrenica (Standard), OceanVuongs "Der Kaiser der Freude" (JungleWorld), AnnikaBüsings "Wir kommen zurecht" (FR), CharlotteRuncies "Standing Ovations" (taz), SueHincenbergs Krimi "Very Bad Widows" (online nachgereicht von der FAZ), MarieHermansons Krimi "Im Finsterwald" (online nachgereicht von der FAZ) und DavidSafiers "Die Liebe sucht ein Zimmer" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Rüdiger Görner über ReginaUllmanns Gedicht "Im Mohnfeld zur Gewitterszeit":
"Ich ging im Mohnfeld zur Gewitterszeit vor vielen Jahren ..."
Besprochen werden unter anderem VerenaStauffers Gedichtband "Kiki Beach" (Perlentaucher), JasminRamadans "Reality" (Freitag), ClariceLispectors "Die Passion nach G.H." (Standard), AyşeKlinges Kindercomic "Der Zahn" (FAZ.net) und der von DahrJamail und StanRushworth herausgegebene Band "Wir stehen in der Mitte der Unendlichkeit. Indigene Stimmen über die Welt im Wandel" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Weltübersetzt ein Gespräch aus Le Figaro, das Alexandre Devecchio mit dem Philosophen Jean-FrançoisColosimo über BoualemSansal geführt hat. Colosimo lobt Macron für seine Bemühungen, auf Algerien zuzugehen. "Die Verhaftung und völlig absurde Verurteilung Boualem Sansals haben jedoch klar gezeigt, dass Algier an dieser Versöhnung nicht interessiert ist. ... Die unfassbare Ungerechtigkeit gegenüber Boualem Sansal beweist, dass das obskure, unterdrückende oligarchische System (...) alles tun wird, um zu überleben. Und eben dieses System muss Frankreich als seinen ewigenFeind darstellen, wenn es selbst überleben will. Und es wird, wenn es nicht einen ständigen Tribut zahlen will, mit Repressalien reagieren müssen. Wobei wir jedoch immer eine Tür offenlassen sollten, denn genau darin besteht unsere wirkliche Pflicht gegenüber diesen Intellektuellen und Künstlern, die man aus Algier verjagt hat, für die Paris eine natürliche Zuflucht ist und die morgen eine Nation wieder aufbauen müssen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: In der FAZ spricht Lena Bopp mit dem französischen ComiczeichnerRiadSattouf, vom dem in Deutschland gerade der abschließende Band seiner Serie "Esthers Tagebücher" erschienen ist. Im zweiten Teil ihrer Frankfurter Poetikvorlesung hat sich die Autorin und BuchmacherinJudithSchalansky dem Quecksilber gewidmet, berichtet Judith von Sternburg in der FR. Fridtjof Küchemann berichtet in der FAZ von Branchenaufregungen (PDF-Link) um das vom Schweizer Telekommunikationsanbieter Swisscom als Teil einer Imagekampagne auf den Markt gebrachte Kinderbuch "Die Monsterprinzessin", das per KI erstellt wurde und Kinder dazu animieren soll, ebenfalls via KI Geschichten zu erstellen. Besprochen werden unter anderem Olivier Schrauwens für den renommierten Eisner Award nominierten Comic "Sonntag" (Intellectures), MladenSavics Gedichtband "Mein Tinnitus der Hochkultur" (FR), Bernd Caillouxs Novelle "Auf Abruf" (FAZ), SimonSchwartz' Comic-Adaption von AlfonsKaisersBiografie über KarlLagerfeld (Tsp), Otto A. Böhmers "Geht ein Philosoph übers Wasser" (FAZ) und SveaMausolfs "Image" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
David Steinitz verweist in der SZ auf Recherchen im Observer, nach denen RaynorWinns (eben mit GillianAnderson verfilmtes) Buch "Der Salzpfad" über ihre Erfahrungen als Obdachlose offenbar über weite Strecken erfunden ist. Björn Hayer schreibt in der FR einen Nachruf auf den SchriftstellerFranzHodjak.
Besprochen werden der Briefwechsel zwischen IngeborgBachmann und HeinrichBöll (online nachgereicht von der LiterarischenWelt), RobertSeethalers und Rattelschnecks gemeinsames Buch "Trotteln" (taz), RalfRothmanns Erzählungsband "Museum der Einsamkeit" (NZZ), NenadVeličkovićs "Nachtgäste" (NZZ), Juan S. Guses "Tausendmal so viel Geld wie jetzt" (FR), SusanBernofskys Biografie über den SchriftstellerRobertWalser (TA) und MischaMangels "Die Vergegenwärtigung" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune hat die westliche Öffentlichkeit verhöhnt. Er hat den Prozess gegen Boualem Sansal so gelegt, dass eine Amnestie unmittelbar zu bevorstehen schien. Da ließ er fast 7.000 Diebe und Gewalttäter frei, aber nicht den Autor, der eine Meinung geäußert hatte. Aber "Algerien hat durch die Sansal-Affäre kaum an internationalem Ansehen verloren", konstatiertClaus Leggewie in der FR: "Das Land steht an der Seite Moskaus, in der ersten Reihe gegen Israel und stets gegen den 'Westen', dem es gerne Erdgas verkauft, um mit den Einkünften eine tendenziell unzufriedene Bevölkerung ruhigzustellen. Deutschland ließ sich in Energienot ebenfalls Erdgas liefern und plant mit dieser fossilen Petrowirtschaft grüne Wasserstoff-Zukunft. Auch die einstige Kolonialmacht kann es sich mit dem Land am anderen Ufer des Mittelmeers nicht verderben, zu intensiv sind beide Gesellschaften noch in der x-ten Generation verflochten." Michael Hametner verweist im Freitag auf einen Leipziger Solidaritätsabend für Sansal.
Weiteres: Alexandru Bulucz schreibt in der FAZ zum Tod des rumäniendeutschen SchriftstellersFranzHodjak. Anna-Elisa Jakob verreist für die Zeit (online nachgereicht) mit Kinderbüchern im Gepäck.
Besprochen werden unter anderem Joan Didions "Zeilen für John" (Standard), RachelKushners "See der Schöpfung" (FR), HermannHesses "Die Briefe, 1958-1962" (online nachgereicht von der Welt) und MarionFayolles "Aus gleichem Holz" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
6.500 Häftlinge kamen am algerischen Nationalfeiertag am Samstag frei. Allein Boualem Sansal und auch der Journalist Christophe Gleizes wurden der Gnade des algerischen Präsidenten nicht als würdig erachtet. In den deutschen Medien hat diese Meldung nicht für das geringste Interesse gesorgt. In Frankreich wird diese Entscheidung als eine endgültige Wende Algeriens gegen die einstige Kolonialmacht Frankreichs gelesen. Die Anerkennung des marokkanischen Anspruchs auf die Westsahara sei dabei nur vorgeschoben, denn Ländern wie Britannien und sogar Spanien habe man sie längst verziehen, schreibt Benoît Delmas in Le Point: "Aber Frankreich ist Frankreich. ... In den Medien kann man in fast allen Tageszeitungen denselben Artikel über Frankreich lesen. Diese Woche lautete das Thema: 'Warum diese Fixierung auf Sansal?' Die Artikel erklärten, dass weltweit 1.700 Franzosen inhaftiert seien und es daher absurd sei, sich mit Boualem Sansal zu beschäftigen. ... Wie der Iran, der zwei französische Forscher inhaftiert hält, schließt sich Algerien dem Club der Geiselnehmerstaaten an. Aus purer Ideologie. Unterdessen lässt die europäische Solidarität zu wünschen übrig. Ein algerisch-italienischer Gipfel steht bevor, und an Interessenten für algerische Kohlenwasserstoffe mangelt es nicht. Die Sansal-Affäre hat gerade erst begonnen."
Für Entsetzen sorgte zugleich die Meldung, dass die Außenbeauftragte der EU Kaja Kallas sich trotz mehrfachen Drängens aus Frankreich nicht zum Fall Sansal äußerte. Ein französischer Politiker, der Republikaner François-Xavier Bellamy, erzählt gar, dass er Kallas auf den Fall ansprach und sie vorgab, noch nie von Sansal gehört zu haben. Diese Ignoranz empört das Unterstützerkomitee für Sansal. Kallas' Nicht-Intervention verstoße "eindeutig gegen Artikel 2 des Assoziierungsabkommens von 2002 zwischen der Europäischen Union und Algerien, wonach 'die Achtung der demokratischen Grundsätze und der Menschenrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergelegt sind, die Innen- und Außenpolitik der Vertragsparteien inspiriert und ein wesentliches Element dieses Abkommens darstellt', wobei der Begriff 'wesentlicher Bestandteil' bedeutet, dass im Falle einer Verletzung dieser Grundsätze und Rechte... das betreffende Abkommen nicht angewendet werden kann."
Im Standard-Gespräch mit Michael Wurmitzer gibt die diesjährige Bachmannpreis-GewinnerinNataschaGangl Auskunft über ihre Arbeitsweise: Sie hört ihre Texte bereits, bevor sie sie zu Papier bringt, erzählt sie. "Dieses Arbeiten hat etwas Archäologisches, es ist der Versuch, Schicht um Schicht zu begreifen, was zu hören ist. Ich arbeite mit Interviews, Field Recordings, versuche auch eine Sprache für Klänge zu finden, den Bach, den Wald, den Gatsch in Worte zu übertragen." Beim Abhören der so entstandenen Aufnahmen "bleibe ich bei einer Formulierung hängen, etwas bleibt mir im Ohr, das versuche ich dann zu befragen, zu variieren. Ich arbeite oft mit Anagrammen." Die "sind wie kleine Mikrofone, weil ein Anagramm hörbar macht, was in einem Wort an Bedeutungen mitschwingt, aufmerksam macht auf Ähnlichklänge. Eine Art,wie man Sprache aufknacken kann".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Für den Standardspricht Raffael Leitner mit dem SchriftstellerIlijaTrojanow über dessen neues Buch "Ein Glas voller Zeit", eine Hommage an den Wein. Arno Widmann empfiehlt in der FRBücher für den Sommer.
Besprochen werden unter anderem Kim Hyesoons Lyrikband "Autobiographie des Todes" (NZZ), GeorgDiez' "Kipppunkte. Von den Versprechen der Neunziger zu den Krisen der Gegenwart" (NZZ), neue Krimis, darunter Les Edgertons "Das grenzgeniale Pseudo-Kidnapping" (FAZ), sowie PacoRocas und RodrigoTerrasas Comic "Der Abgrund des Vergessens" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Boualem Sansal in der Académie française, 2015. Foto: ActualLitte (CC BY-SA 2.0)
Diese Meldung wirkt wie Hohn. Boualem Sansal steht nicht auf der Liste der vom algerischen Präsidenten zum heutigen Nationalfeiertag begnadigten Strafgefangenen, heißt es zum Beispiel in Le Monde. Die Meldung kam gestern Abend. Zuvor hatte es geheißen, Sansal müsse erst rechtskräftig verurteilt sein, bevor es zur Begnadigung kommen kann. Den dafür nötigen Prozess der zweiten Instanz hatte man eigens einige Tage vor dem algerischen Unabhängigkeitstag stattfinden lassen. Das Bulletin des Unterstützungskomitees, das noch gestern Abend herumgeschickt wurde, klingt entsprechend zornig: "Nach der Inhaftierung eines zweiten französischen Staatsbürgers, des Journalisten Christophe Gleizes, ist der Ausschuss überzeugt, dass die Zeit der beruhigenden Worte und Gesten vorbei ist. ... Zusammen mit unserem Ausschuss erwartet die große Mehrheit der Öffentlichkeit und der europäischen und französischen Parlamente sowie zahlreiche internationale Unterstützer nun entschlossene Maßnahmen sowohl der französischen Regierung als auch der europäischen Behörden, um die bedingungslose Freilassung unseres Landsmannes dringend sicherzustellen." Die Mitteilung des algerischen Präsidialamts klingt laut Le Monde so, als sei sie genau auf Sansal zugeschnitten. Man habe eine Begnadigung "für mehrere Tausend Personen angekündigt und präzisiert, dass Personen, die wegen einer Reihe von Straftaten, darunter die Verletzung der territorialen Einheit, endgültig verurteilt wurden, von dieser Maßnahme ausgeschlossen sind." Damit ist einer der Anklagepunkte gegen Sansal benannt - freie Meinungsäußerung steht damit auf der selben Stufe wie Vergewaltigung oder Mord.
Vernichtend die Kritik an der französischen Regierung durch den republikanischen Politiker David Lisnard im franko-algerischen Magazin rupture-mag.fr. "Jeder weitere Tag, den unser Landsmann Boualem Sansal im Gefängnis verbringen muss, ist eine Gefahr für sein Leben, eine Schande für Algerien und eine Demütigung für Frankreich. Boualem Sansal wurde wegen seiner Arbeit als Schriftsteller, Franzose, Universalist und Kritiker der Kompromisse Algeriens willkürlich und grotesk verurteilt. Seine Abwesenheit auf der Liste der vom algerischen Präsidenten begnadigten Personen ist ein Zeichen des Versagens und, schlimmer noch, möglicherweise der Untätigkeit der französischen Exekutive."
Schon einige Tage vor dieser Meldung erinnerteKamel Daoud in Le Point daran, dass Sansal nicht der erste große Gefangene von Algier ist: "Zwischen 1575 und 1580 wurde Cervantes von Piraten gefangen genommen, nach Algier verschleppt und als Sklave verkauft. Wie Boualem Sansal diente er als Geisel. Er erlebte die Hoffnung auf Befreiung, die Grausamkeit des Scheiterns und den Verrat im osmanischen Algier. Er dachte, schrieb, träumte, wurde mit zweitausend Peitschenhieben bedroht, versuchte zu fliehen, wurde wieder gefasst und verzweifelte. Heute erlebt Sansal dieses Schicksal in anderer Form wieder, als ob diese Tradition in Algier fortbestehen würde, nun gekleidet in bilaterale Krisen mit Frankreich, Diplomatie, Begnadigungsversprechen oder trügerische Gewissheiten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In "Ein halber Löffel Reis" erzählt DaciaMaraini von den Jahren ihrer Kindheit, die sie während des Zweiten Weltkriegs mit ihrer Familie in einem japanischenGefangenenlager verbracht hat. Das "Buch hätte eigentlich 'Hunger' heißen sollen, denn dieser Hunger war unerträglich", sagt die italienische Schriftstellerin im Gespräch mit Marc Reichwein für die Literarische Welt. "Manchmal träume ich noch heute nachts, dass ich diese quälenden Schmerzen habe und das Bedürfnis, irgendetwas zu essen." Aus Protest hatte sich ihr Vater einen Finger abgehackt und seinen Peinigen entgegen geworfen. "Mein Vater war ein Gelehrter der japanischen Kultur, er wusste um die Traditionen der Samurai. ... Derjenige, der diesen Finger empfängt, darf einen nicht mehr als Verräter oder Feigling bezeichnen. Die Aktion hinterließ tatsächlich Eindruck. Der Chef der Wachleute schaffte eine Woche später eine kleine Ziege herbei, die es uns ermöglichte, 100 oder 200 Gramm Milch pro Tag zu trinken. Dieses Eiweiß war eine Rettung für uns."
Weiteres: Der Berliner Galerist JohannKönig zieht nach den bislang erfolglosen juristischen Manövern, ChristophPeters' Roman "Innerstädtischer Tod" wegen seiner Ansicht nach verletzter Persönlichkeitsrechte aus dem Verkehr zu ziehen (unsere Resümees), vor das Bundesverfassungsgericht, berichtet Julia Encke in der FAS. Dlf Kulturdokumentiert ein Gespräch mit Antje Rávik Strubel im Literarischen Colloquium Berlin über ihren aktuellen Roman "Der Einfluss der Fasane". Thomas David porträtiert für das "Literarische Leben" der FAZ den britischen Schriftsteller Gabriel Josipovici, der ihm unter anderem "von seinem wachsenden Unbehagen angesichts einer dem kommerziellen Realismus des viktorianischen Romans anhängenden Gegenwartsliteratur erzählt". In "Bilder und Zeiten" der FAZ denkt Thomas Steinfeld in aller Ausführlichkeit über Goethes "ItalienischeReise" nach. Ebenfalls in "Bilder und Zeiten" erinnert sich der Filmkünstler Werner Fritsch an Begegnungen mit Ezra Pounds Tochter Mary de Rachewiltz, die kommenden Mittwoch hundert Jahre alt wird. In der FAZgratuliert Andreas Platthaus dem SchriftstellerJosefHaslinger zum 70. Geburtstag. Ebenfalls siebzig Jahre alt wird der SchriftstellerSebastianBarry, dem Tobias Döring in der FAZgratuliert. Die FRgibtBüchertipps für den Sommer.
Besprochen werden unter anderem SzczepanTwardochs "Die Nulllinie" (taz), neue Bücher von AyşeKlinge, Hermanvan de Wijdeven und Hannah Brückner (taz), LaurentBinets Krimi "Perspektiven" (taz), der Briefwechsel zwischen IngeborgBachmann und HeinrichBöll (LitWelt), OceanVuongs "Der Kaiser der Freude" (FAZ) und GiorgiaMelonis Autobiografie (FAS).
In der "Frankfurter Anthologie" schreibt Alexander Košenina über BartholdHeinrichBrockes' "Die Feder":
"Geschwätzige Zunge, wodurch sich die Seelen, In stummer Beredsamkeit, nah' und entfernt, Einander ihr Wirken und Leiden erzählen!"
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Alexander Schnickmann: Gestirne Kometen und Sonnenfinsternisse, schwebende Planeten und galaktische Stürme: Im endlosen Raum des Weltalls ist alles von Licht durchwebt und strahlt in finsterer, ewiger Nacht.In…
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