Magazinrundschau - Archiv

Al Ahram Weekly

202 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 21

Magazinrundschau vom 13.12.2005 - Al Ahram Weekly

In Frankreich wird gerade über die Vergangenheit des Kolonialismus und die Gegenwart der Jugendunruhen debattiert, und in Ägypten denkt der Publizist Gamal Nkrumah anlässlich des afrikanisch-französischen Gipfels in Mali und des bevorstehenden WTO-Gipfels in Hongkong über die heutigen französisch-afrikanischen Beziehungen nach. Frankreich, so Nkrumah, sieht dabei nicht sehr gut aus. Einerseits setzt es sich mit Worten für die afrikanische Wirtschaft ein, "andererseits bleibt es der größte Profiteur der europäischen Agrarsubventionen, die im Jahr 2004 mehr als 11 Milliarden Dollar wert waren... Nun hat Europa, das selbst kein Baumwollproduzent ist, angedeutet, dass es in Hongkong für eine Beschneidung der amerikanischen Baumwollsubventionen eintreten will, während Frankreich verzweifelt versucht, den negativen Einfluss der EU-Agrarsubventionen auf die afrikanische Wirtschaft verschleiern. Doch es wäre falsch, die Verantwortlichkeiten der französischen Politik auf andere abzuladen."

Hani Mustafa stellt zwei iranische Filme vor, die auf dem Filmfest in Kairo liefen und den iranisch-irakischen Krieg zum Hintergrund haben. Durch Reza Aazamiyans "A Border for Life" fühlt er sich an John Boormans "Hell in the Pacific" erinnert, wo ein Amerikaner und ein Japaner auf einer einsamen Insel aufeinander angewiesen sind. Bei Reza Aazamiyan muss ein blinder Iraner einen lahmen Iraker aus der Schusszone bringen. Diese Grundkonstellation, so Mustafa, "mag ein wenig offensichtlich wirken. Aber der Regisseur schafft es, Subtilität in das allzu einfache Drehbuch zu bringen, und die Art, in der er einen naiven Symbolismus vermeidet, erinnert wiederum an 'Hell in the Pacific'."

Magazinrundschau vom 29.11.2005 - Al Ahram Weekly

Am 29. November wird das Internationale Filmfestival von Kairo mit Zhang Yimous "House of Flying Daggers" eröffnet. Mohamed El-Assyouti stellt das Programm vor.

Rania Gaafar unterhält sich mit dem ägyptisch-deutschen Filmemacher Samir Nasr, dessen Film "Folgeschäden" auf dem Festival gezeigt wird. Es geht um die Geschichte von Tariq, einem algerischen Wissenschaftler, der in Deutschland lebt, mit der Deutschen Maya verheiratet ist, und in der Atmosphäre nach dem 11. September von Bekannten und Polizei verdächtigt wird, ein Terrorist zu sein. "Der Zuschauer sieht die ganze Geschichte mit Mayas Augen. Sie ist die Hauptperson, die eine schmerzhafte Entwicklung durchmacht - von der liebenden Ehefrau zum Polizeispitzel - und schließlich feststellen muss, dass sie einen Fehler gemacht hat. Der Zuschauer identifiziert sich normalerweise mit der Person, die eine Entwicklung durchmacht", wird Nasr zitiert.
Stichwörter: Maya, Mayas, Yimou, Zhang

Magazinrundschau vom 22.11.2005 - Al Ahram Weekly

Erfreut registriert Hala Halim, dass der erste Dozent der Edward W. Said Memorial Lecture der amerikanischen Universität in Kairo, David Damrosch, seinen ehemaligen Kollegen und laizistischen Streiter Said in seinem Vortrag durchaus ambivalent betrachtet hat. "'Es ist wichtig, einen Kompromiss zwischen rein säkularer und rein dogmatischer, konfessionsgebundener Literatur zu finden, weil sie oft mit religiösen Ideen schwanger geht, selbst wenn sie gerade die strenge Orthodoxie angreift', sagte Damrosch, der auch bemerkte, dass viele Literaturwissenschaftler 'dem Text nicht gerecht werden, wenn sie die religiösen Konnotationen außer Acht lassen'."

Magazinrundschau vom 08.11.2005 - Al Ahram Weekly

Ägyptens religiöse Autoritäten der Al-Azhar-Universität verhindern das Erscheinen der ägyptischen Ausgabe eines Buches, das ursprünglich 2004 bei der Oxford University Press erschienen ist: Natana J. DeLong-Bas' Studie "Wahhabi Islam: From Revival and Reform to Global Jihad". Der offizielle Grund: "Informationen, die den Prinzipien des Islam widersprechen", erklärt Al-Ahram. Der Wahhabismus, begründet von Muhammad ibn Abd al-Wahhab, ist eine sehr strenge Form des sunnitischen Islam, die vor allem in Saudi-Arabien und von den Islamisten gepflegt wird. Überraschenderweise hoffen Verleger und Universitätsprofessoren aus dem Westen, dass der Bann aufgehoben wird, wenn den Zensoren erst klar werde, dass al-Wahhab in dem Buch eigentlich recht positiv dargestellt wird. Nur Gaber Asfour, Professor für Arabische Literatur an der Cairo University und Generalsekretär des obersten Kulturrats in Ägypten, protestiert gegen jede Form von Zensur - egal aus welchem Grund. Ob nun politischer Einfluss auf die Entscheidung genommen wurde oder nicht, "man muss wieder die allgemeine Regel in Erinnerung rufen, dass keine Autorität das Recht hat, die Meinungsfreiheit einzuschränken, das wäre ein Verstoß gegen die Menschenrechte, der den Prinzipien der Toleranz widersprechen würde, die in der Charta der Vereinten Nationen niedergelegt sind. Und Ägypten ist Mitglied der Vereinten Nationen."

Weitere Artikel: Reem Leila schaut sich vor den Parlamentswahlen in der ägyptischen politischen Landschaft um und sieht zwar Kandidaten jeder Coleur - aber fast keine Frauen. Dena Rashed schaut sich in der Muslimbrüderschaft nach Geschlechtsgenossinnen um. Und Samir Sobhi porträtiert den Dichter Bahaa Jahin, der traditionelle ägyptische Dichtung in die Postmoderne holt.

Magazinrundschau vom 01.11.2005 - Al Ahram Weekly

Gamal Nkrumah porträtiert Souad Saleh, eine der bedeutendsten weiblichen Gelehrten des Islam. Es ist ein widersprüchliches Bild, das er zeichnet, zumindest nach hiesigen Maßstäben: Saleh war die erste Dekanin an der Al-Azhar University, setzt sich für die Rechte von Frauen ein und "spricht mit der Autorität der Priesterin, die sie ist". Dennoch ist sie "keine Feministin, und sie verabscheut die Ansicht westlicher Feministinnen, die vorgeben, Frauen hätten diesselben Rechte und Pflichten wie Männer. Die erste Aufgabe einer muslimischen Frau ist es, eine gewissenhafte Mutter und Hausfrau zu sein. Der muslimische Mann ist der Kopf der Familie und bringt das Brot nach Hause. Wenn eine Frau das Gefühl hat, sie kann eine Karriere mit ihrer ersten Pflicht als Mutter und Hausfrau vereinen, dann soll es so sein. 'Ich sage nicht, dass Frauen nicht arbeiten gehen sollen. Davon bin ich weit entfernt. Ich habe selbst mein ganzes Leben gearbeitet.'"

Harold Pinter und Ägypten - das ging, konstatiert Nehad Selaiha, nie so richtig zusammen, trotz einer blühenden Theaterszene in den Sechzigern. Warum? Damals, erinnert sich Selaiha, galten Pinters Stücke vielen engagierten Künstlern als "weiteres Beispiel für sozial verantwortungslose, reaktionäre" Literatur - Kunst hatte politisch engagiert zu sein. Als Pinters Stücke dann ab den späten Achtzigern vermehrt inszeniert wurden, stellte sich heraus, dass sie die Ägypter schlichtweg verwirrten - nicht nur aufgrund von "kulturellen Differenzen oder Unterschieden in Temperament und Humor", sondern vor allem wegen ihrer "kryptischen, ausweichenden Dialoge": "Spannung ist erlaubt, das wird jeder Ägypter bestätigen, egal, wie wie viel oder wie unheilschwanger - so lange das Rätsel am Ende logisch gelöst wird. Pinter dagegen lässt einen weiter rätseln, wenn der Vorhang bereits gefallen ist."

Magazinrundschau vom 25.10.2005 - Al Ahram Weekly

"Sehr wenig öffentliche Ereignisse sind derzeit dazu angetan, einem Intellektuellen Mut zu machen", schreibt Mona Anis und erklärt, warum sie sich gerade als Ägypterin über den Nobelpreis für Harold Pinter freut. Sie erinnert sich an ein Interview, in dem Pinter darüber sprach, wie obszön es sei, sich nicht politisch zu engagieren, wenn so viele Menschen leiden. "Gut zwanzig Jahre, nachdem ich erstmals mit Pinters Werk in Berührung kam, wurde ich wieder süchtig nach ihm, denn er gab mir die Gewissheit, dass große Künstler im Kampf gegen die Grausamkeit in der Welt eine Rolle spielen müssen und dass sie dabei bessere Künstler werden, auch wenn viele, die vom Status quo profitieren, das Gegenteil behaupten. Für die Auszeichnung Pinters geht mein tiefempfundener Dank an das Nobel-Kommittee, das mir gezeigt hat, dass andere diesen Standpunkt teilen. Vor allem weil viele Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler in Ägypten sich organisieren in einem Versuch, ein kulturelles Establishment zu verändern, das von Korruption und Schwindel durchsetzt ist, das Intellektuelle als Apologeten des Regimes engagiert und das nichts fördert außer verkrüppelte Propaganda."

Homer wird zu Omar, Bart zu Badr, Marge zu Mona - und die Simpsons werden als Familie Al-Shamshoon auf den ägyptischen Fernsehbildschirmen zu sehen sein, allerdings in einer arabisierten Version, wie Hicham Safieddine informiert: mit den Stimmen bekannter ägyptischer Schauspieler, und ohne Anspielungen auf Sex und Alkohol.

Die neue Ausgabe der Cairo Review of Books widmet sich vor allem politischen Büchern: David Tresilian bespricht Thomas Deltombes gründliche Studie über die Repräsentation des Islam in den französischen Medien (L'Islam imaginaire, la construction mediatique de l'islamophobie en France, 1975-2005). Rania Khallaf lobt und kritisiert Mervat Abdel-Nassers Liebeserklärung an die ägyptische Zivilisation und ihr Denken. Imam Hamam begrüßt Beth Barons Untersuchung der Rolle von Frauen in der jüngeren ägyptischen Geschichte (Egypt as a Woman: Nationalism, Gender, Politics).

Außerdem berichtet Fayza Hassan von einem Überraschungserfolg auf dem amerikanischen Buchmarkt: die englische Übersetzung einer Auswahl ägyptischer Folktales mit dem populären Antihelden und "weisen Narren" Goha. Eine davon steht hier.

Magazinrundschau vom 11.10.2005 - Al Ahram Weekly

Youssed Rakha wird in seinem Porträt nicht schlau aus Scheich Mohamed Sayed Tantawi, set 1996 Großer Imam der Al-Azhar Universität in Kairo und damit offiziell die die höchste Autorität des sunnitischen Islam. "Wer hat gesagt dass Al-Azhar keine politische Rolle mehr spielt? Wenn Politik bedeutet, sich um die Interessen der muslimischen Nation zu kümmern, dann ist das etwas, worüber Al-Azhar spricht. Aber wenn man Politik im Sinne von Beziehungen zwischen zwei Staaten begreift, Angelegenheiten des Außenministeriums etwa, dann überlässt Al-Azhar das den Experten." Tantawi gilt als moderater Denker, schreckt als Islamgelehrter aber offensichtlich nicht vor antisemitischen Theorien zurück (mehr).

Gamal al-Ghitanis Roman "Le Livre des illuminations" wurde der diesjährige Prix Laure Bataillon für das beste übersetzte belletristische Werk verliehen (das Netz weiß von nichts), was David Tresilian zum Anlass nimmt, sich mit dem Übersetzer Khaled Osman über die Vorreiterschaft französischer Verlage bei der Publikation arabischer Literatur in Europa zu unterhalten. (Al-Ghitani hat es immerhin mit einem Buch auch nach Deutschland geschafft.)
Stichwörter: Arabische Literatur, Imam

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - Al Ahram Weekly

Die neue Ausgabe der Cairo Review of Books ist ganz dem 35. Todestag von Gamal Abdel-Nasser gewidmet, der zwei Jahre nach dem relativ sanften Königssturz von 1952 die Geschicke des Landes übernahm. Mona Anis erinnert sich: "Unsere Generation war auf vielerlei Weise die ägyptische Antwort auf die Generation von Indern, die Salman Rushdie in 'Mitternachtskinder? porträtierte. Sie bestand aus Menschen wie mir, die zu Beginn der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zur Welt kamen und ihre Schulzeit umgeben von Nasser-Bildern verbrachten, deren Schulhefte mit Zitaten aus Nassers Reden geschmückt waren und die jeden Tag vor Unterrichtsbeginn 'Nasser, wir lieben dich alle? sangen." Neuerdings, hat Anis festgestellt, liegen die Bücher von damals als Neuauflagen wieder in den Buchläden.

Passend dazu werden drei Nasser-Biografien besprochen, die ihr Subjekt offenbar durchweg mit großem Respekt behandeln. Jean Lacoutures "Gamal Abdel Nasser", Said K. Aburishs "Nasser: the Last Arab" sowie Anne Alexanders "Nasser, His Life and Times".

Magazinrundschau vom 06.09.2005 - Al Ahram Weekly

Al-Azhar ist nicht nur eine der ältesten Universitäten der islamischen Welt,sondern auch die höchste (sunnitische) Autorität in Glaubensfragen. Eigentlich, meint Gihan Shahine. Denn während ihre Gelehrten gebetsmühlenartig wiederholen, dass der Islam eine friedliche Religion ist, stellen Terroristen die Gewalt gegen Unschuldige in religiöse Zusammenhänge. Die altehrwürdige Einrichtung hat in den Augen vieler Muslime ihre religiöse Deutungshoheit verloren, seit sie im vergangenen Jahrhundert ihre Unabhängigkeit einbüßte und dem Staat - der sie auch finanziert - untergeordnet wurde: "Die Institution, deren Edikte mehr als tausend Jahre lang von Millionen Muslimen in aller Welt repektiert wurden, wird heute als Sprachrohr der ägyptischen Regierung betrachtet." Dadurch entstanden alternative Organisationen der islamischen Rechtsprechung, die dann illegalisiert wurden und sich als Reaktion darauf radikalisierten. "Möglicherweise", schlussfolgert Shahine, "ist das schwindende Ansehen von Al-Azhar ein Grund für das Aufkommen des Terrors".

Der Romancier Edwar al-Kharrat würdigt seinen kürzlich verstorbenen Kollegen Badr El-Dib, der zwar vor allem als Journalist, Wissenschaftler, Übersetzer und Intellektueller bekannt war, dessen Romanen, Kurzgeschichten und Dramen aber al-Kharrat zufolge ein Platz im Kanon der Weltliteratur, an der Seite von "Coleridge, Kierkegaard, Hölderlin, Rilke und den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht" gebührt. Serene Assir porträtiert den irakischen Komponisten und Lautenspieler Naseer Shamma.

Magazinrundschau vom 30.08.2005 - Al Ahram Weekly

Al-Ahram hat während der Cairoer Buchmesse eine kleine Buchbeilage herausgebracht. Besprochen werden unter anderem die Reiseerinnerungen des Dichters Gerard de Nerval an Ägypten. Nerval war 1842 in den Orient gereist, weil tout Paris ihn für verrückt hielt. Seine Beschreibung der Ägypter (hier ein Auszug auf Englisch), besonders der Muslime und der Frauen aller Hautfarben, strotzen von rassistischen Klischees. Doch Fayza Hassan erliegt seiner Poesie: Wenn einer so schreiben kann! "Nerval verleiht seinen Beobachtungen mit seinem sehr speziellen poetischen Talent Farben. Die Kostüme sind eine Sache, die große verbale Akuratesse verlangt und die Frauen, von denen er einen Blick hinter dem Mashrabiya oder dem Schleier erhascht, ein Vorwand für kontrollierten Lyrizismus. Eine koptische Straßenhochzeit, die Ankunft des Mahmal, die wirbelnden Derwische, die Dozeh Zeremonie geben ihm Gelegenheit, seine außergewöhnliche Meisterschaft unter Beweis zu stellen. Die Szenen, hundert Mal von anderen beschrieben, werden in eine neue Brillanz gekleidet, als wären sie mit Juwelen besetzte Miniaturen, die zum ersten Mal angeboten werden." Und der Leser, "eingelullt von der Musik der Worte und dem Reichtum der Bilder, die sie heraufbeschwören, unterdrückt sein kritisches Urteil für einen flüchtigen Moment." (Auf Deutsch finden sich die Reisebeschreibungen aus Ägypten in dem Band "Reise in den Orient", Artemis und Winkler. Und hier ein Link zu Nervals schönstem Gedicht.)

Weitere Artikel: Amina Elbendary nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass die Autobiografie des ägyptischen Historikers Raouf Abbas, "Mashaynaha khuta", ein Bestseller wurde. Immerhin spricht Abbas über Korruption und religiöse Diskriminierung an den Universitäten und - er nennt Namen! Besprochen werden außerdem ein Buch über die Politik der NGOs in Ägypten und zwei Bücher über die Beziehung zwischen Japanern und Arabern im allgemeinen und Japanern und Ägyptern im besonderen.